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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXI 1935 Heft 4"

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Internationale Zeitschrift 
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XXI. Band 



1935 



Heft 4 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische 

Grundlage 1 

Von 

Franz Alexander 

Chicago 

i. Emotionale Syllogismen 

Unser Verstehen psychologischer Zusammenhänge beruht auf der still- 
schweigenden Voraussetzung gewisser Kausalbeziehungen, die uns aus den 
Erfahrungen des täglichen Lebens bekannt sind, und deren Gültigkeit wir als 
selbstverständlich annehmen. Zorn und aggressives Verhalten erscheinen uns 
als natürliche Reaktionen gegenüber einem Angriff, Furcht und Schuldgefühl 
als Folgen von Feindseligkeit; Neid betrachten wir als Ergebnis von 
Schwäche und Insuffizienzgefühlen. Derartige unmittelbar einleuchtende 
Schlußfolgerungen, wie: „Ich hasse ihn, weil er mich angreift", werde ich als 
emotionale Syllogismen bezeichnen. So wie das logische Denken sich auf 
intellektuellen Syllogismen aufbaut, so beruht auch die Logik der Gefühle 
auf einer Reihe von emotionalen Syllogismen. Was uns diese emotionalen 
Kausalbeziehungen als evident erscheinen läßt, sind die täglich wiederholten 
Erfahrungen der Selbstbetrachtung, das Erleben dieser emotionalen Ketten 
in uns selbst, die wahrscheinlich wenige Augenblicke nach der Geburt begin- 
nen und erst mit dem Tode aufhören. In genau derselben Weise wie die 
Logik des intellektuellen Denkens auf der Wiederholung und Anhäufung von 
Erfahrungen über Beziehungen innerhalb der Außenwelt beruht, so besteht 
die Grundlage der emotionalen Logik aus den angesammelten Erfahrungen 
über die emotionalen Reaktionen unseres eigenen Innenlebens. Die Logik des 
intellektuellen Denkens ist der Niederschlag unserer äußeren Erfahrungen, 

i) Nach einem Vortrag, gehalten in der American Psychoanalytic Association am 22. De- 
zember 1934. Aus dem Englischen übersetzt von Mrs. Hilda Ziebolz. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 



J 



32 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



472 



Franz Alexander 



während die Logik der Gefühle sich auf gleiche Weise aus den inneren Er- 
fahrungen herauskristallisiert. Die Logik der Gefühle ist älter als das logische 
Denken und darauf beruht wohl auch ihre Übermacht gegenüber den intel- 
lektuellen Prozessen. 

Es ist durchaus gerechtfertigt, derartige emotionale Kausalverbindungen 
als emotionale Logik zu bezeichnen, da sie uns als fast ebenso bindend er- 
scheinen wie jene intellektuellen Zusammenhänge, auf denen sich das logische 
Denken aufbaut. Man sagt z. B.: „Es war ganz logisch, daß A dem B eine 
sehr erregte Antwort gab, denn B hatte ihn ja beleidigt." 

Die psychoanalytische Methode hat nun die Anwendbarkeit derartiger 
Kausalerklärungen auf psychische Phänomene ausgedehnt, die bis dahin 
irrational und unerklärlich schienen. Sie zeigte uns, daß in der Kette der 
psychischen Vorgänge bisweilen einige Glieder nicht bewußt werden und daß 
in solchen Fällen die unbewußten Glieder der Kette rekonstruiert werden 
können, da sie die gleiche Kausalität verbindet wie die bewußten psychischen 
Vorgänge. Die Rekonstruktion unbewußter emotionaler Glieder erschloß 
unserem Verständnis ein weites Gebiet anscheinend irrationaler psychischer 
Prozesse, wie z. B. die neurotischen Symptome, und ermöglichte ihre psycho- 
logische Erklärung. Jede psychoanalytische Rekonstruktion der seelischen 
Entwicklung eines Patienten beruht auf solchen emotionalen Syllogismen. 
Psychoanalytische Deutungen bestehen vorwiegend in der Anwendung emo- 
tionaler Syllogismen, die uns aus dem bewußten Seelenleben bekannt sind, 
auf unbewußte seelische Vorgänge. Bei genauerer Untersuchung eines beliebi- 
gen psychoanalytischen Grundbegriffes erkennen wir als seine stillschweigend 
vorausgesetzte Grundlage eben diese Kausalzusammenhänge innerhalb des 
emotionalen Erlebens. So besteht z. B. der Ödipuskomplex aus mehreren 
derartigen Syllogismen. Weil der Knabe den Eindruck hat, daß der Vater 
seinem Besitzanspruch auf die Mutter hinderlich ist, entwickelt er aggressive 
Gefühle gegenüber dem Vater. Eine andere Komponente desselben Komplexes 
offenbart einen ganz anders gearteten emotionalen Zusammenhang: weil der 
Knabe sich als klein empfindet und den Vater als groß, beneidet er den 
Vater um seine Stärke. Es sind daher zwei Relationen der emotionalen Logik, 
die sich im Ödipuskomplex offenbaren, nämlich: daß der Besitzanspruch der 
Liebe keinen Rivalen duldet, und daß Neid eine Reaktion der Schwäche ist. 

Zwar sind viele dieser emotionalen Beziehungen allgemein bekannt und 
werden stillschweigend als allgemeingültiger "Wesensausdruck der mensch- 
lichen Natur akzeptiert, jedoch hat die Psychoanalyse auch emotionale Zu- 
sammenhänge aufgedeckt, die nicht so ohne weiteres einleuchtend sind und 
die wir nur nach einigem Nachsinnen verstehen. So ist uns das Schuldgefühl 
auf Grund unserer täglichen Erfahrungen eine wohlbekannte Erscheinung, 
aber, wie die Schuldreaktion zustande kommt, ist nicht ohne weiteres ersicht- 
lich, da diese Reaktion sich nur zum Teil im Bewußtsein vollzieht. Einige 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 



473 



Selbstbeobachtung jedoch wird jeden bald lehren, daß Schuldgefühl dann 
entsteht, wenn man feindliche Gefühle gegen eine Person hegt, für die man 
gleichzeitig Liebe und Dankbarkeit empfindet. Anderseits könnte auch die 
sorgfältigste Selbstbeobachtung nicht die Tatsache zutage fördern, die die 
psychoanalytische Methode entdecken ließ, nämlich, daß die feindliche Ab- 
sicht vollkommen unbewußt bleiben und doch ein Schuldgefühl hervorrufen 
kann, das zwar von der betreffenden Person bewußt erlebt wird, dessen Ur- 
sprung ihr jedoch unbewußt bleibt. Diese Erklärung des Schuldgefühls aus 
unbewußter Feindseligkeit beruht auf einem emotionalen Zusammenhang, der 
uns aus der Psychologie des bewußten Seelenlebens bekannt ist und dessen 
Gültigkeit nunmehr auf den Bereich der unbewußten seelischen Vorgänge 
ausgedehnt werden kann. 

Bei der Untersuchung unbewußter psychischer Prozesse, besonders des 
Traumes, wurde es bald deutlich, daß die emotionale Logik der unbewußten 
Vorgänge der Logik der bewußten Vorgänge zwar ähnlich, keineswegs aber 
mit ihr völlig identisch ist. In seiner „Traumdeutung" bewies Freud, daß 
das unbewußte Denken nicht den Gesetzen des bewußten Denkens folgt und 
daß die strengen Gesetze der Logik nicht für das unbewußte Denken gelten. 
Einfache logische Postulate, wie, daß ein Ding, wenn es an einem Ort ist, 
nicht gleichzeitig an einem anderen Ort sein kann, verlieren im Traum ihre 
Gültigkeit. Freud zeigte ferner, daß Kausalität sich im Traume durch zeit- 
liche Aufeinanderfolge manifestiert und daß der Unterschied zwischen Be- 
jahung und Verneinung weit weniger markant ist, ja daß der Sinn eines 
Traumes sich durch sein genaues Gegenteil, d. h. in der Form einer Um- 
kehrung ausdrücken kann. Dazu kommt, daß im Unbewußten das kritische 
Vermögen, zwischen verschiedenen Objekten zu unterscheiden, weniger ent- 
wickelt ist. Im Traum kann ein Objekt durch ein anderes ersetzt werden, 
selbst wenn beide im wesentlichen nur wenig Ähnlichkeit miteinander haben. 
Alle diese Unterschiede beziehen sich jedoch nur auf intellektuelle Fähig- 
keiten und zeigen, daß die Traumvorgänge durch eine geringere Genauigkeit 
der intellektuellen Prozesse gekennzeichnet werden. Die fundamentalen 
emotionalen Zusammenhänge, die ich als emotionale Logik bezeichne, scheinen 
im Unbewußten dieselben zu sein wie im Bewußten. Furcht und Schuld- 
gefühl als Reaktionen auf Haß und Angriff, Neid als Reaktion auf das Ge- 
fühl der eigenen Schwäche, Eifersucht als Reaktion auf besitzbeanspruchende 
Liebe beherrschen sowohl die bewußten wie die unbewußten psychischen 
Prozesse. Diese emotionalen Syllogismen treten im Unbewußten eher noch 
deutlicher in Erscheinung, da sie hier nicht durch die Korrektur der ratio- 
nalen kritischen Einsicht modifiziert werden. Man kann sagen, daß der 
Unterschied darin besteht, daß die bewußten psychischen Vorgänge durch 
eine stärkere Entfaltung gewisser intellektuell-kritischer Funktionen und ein 
präziseres Unterscheidungsvermögen gekennzeichnet werden, wohingegen die 

32* 



474 Franz Alexander 



Logik der Gefühle sich deutlicher und machtvoller im Unbewußten mani- 
festiert. Fernerhin gibt es im Unbewußten eine Reihe von emotionalen 
Reaktionen oder Syllogismen, die, vom bewußten Verstand eines Erwachsenen 
aus betrachtet, fremd und sonderbar erscheinen. Das Prinzip des Talion, 
„Auge um Auge, Zahn um Zahn", ist von einer weit stärker bindenden Gül- 
tigkeit für das unbewußte als für das bewußte Seelenleben eines zivilisierten 
Erwachsenen. Der zivilisierte, erwachsene Mensch wird diesen emotionalen 
Syllogismus immerhin noch als menschlich anerkennen, aber er wird ihn doch 
als einigermaßen primitiv und archaisch betrachten und ihn nicht mit der- 
selben naiven Überzeugtheit anwenden wie ein logisches Gesetz. Für das Unbe- 
wußte ist jedoch der Satz des Talion ebenso bindend, wie für das Bewußt- 
sein der logische Syllogismus bindend ist. 

Die Sonderbarkeit mancher Syllogismen, die den unbewußten psychischen 
Prozessen zugrunde liegen, ist einer der Gründe, warum dem Laien die 
Psychoanalyse so fremdartig erscheint. Oft hört man den Laien sagen, daß 
der Mensch nicht so empfinde und reagiere, wie der Psychoanalytiker be- 
hauptet; daß die Psychologie der Psychoanalyse nicht menschlich sei. Das 
Studium des Kindes und der Primitiven, deren Verhalten noch eindeutig von 
diesen primitiven Syllogismen beherrscht wird, zeigt aber, daß diese nicht nur 
durchaus menschlich, sondern auch von viel fundamentalerer Bedeutung sind 
als die später erworbenen Abwandlungen des emotionalen Erlebens. 

Die Entwicklung der Psychoanalyse vollzog sich zum größten Teil in der 
Entdeckung und Formulierung verschiedener archaisch-emotionaler Syllogis- 
men, von denen die unbewußten psychischen Prozesse beherrscht werden. Ich 
verweise in erster Linie auf eine der geistvollsten Entdeckungen Freuds, 
den emotionalen Syllogismus, der dem paranoischen Verfolgungswahn beim 
Manne zugrunde liegt. 2 

„Ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn", ist der erste Teil dieses Syllogismus, 
der auf der Ablehnung weiblicher Tendenzen beruht, einer Ablehnung aus 
gekränktem Narzißmus des männlichen Ichs. 

Das zweite Glied des Syllogismus lautet: „Ich hasse ihn, weil er mich ver- 
folgt." Die emotionale Logik dieses Mechanismus ist einleuchtend: Feindselig- 
keit ist dem Ich nur annehmbar, wenn sie sich scheinbar als Reaktion auf 
einen Angriff rechtfertigen läßt. 

Die Psychologie des Gewissens, die Beziehungen zwischen dem Ich und 
dem Über-Ich, können nur auf Grund solcher primitiver emotionaler Reak- 
tionen begriffen werden. So beruht z. B. die Zwangsneurose auf dem Prinzip, 
daß das Ich Leiden auf sich nimmt, nicht nur um eine Schuld zu sühnen, 
sondern auch um dadurch die Rechtfertigung zu erwerben, die ihm gestattet, 

,2) Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. f. Psychoanal. u. Psychopath. Forschung, 
Bd. III, 191 1.— Ges. Sehr., Bd. VIII. 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 475 



sich verbotene Wunscherfüllung zu gönnen. Ich habe diesen emotionalen 
Syllogismus, der dem komplizierten System der Zwangsvorstellungen und 
Zeremonien zugrunde liegt, als eine Art Bestechung des Über-Ichs durch 
Leiden beschrieben, eine Auffassung, die allgemein geläufig wurde. Dieser 
Syllogismus läßt sich etwa in folgende Worte fassen: „Weil ich leide und mir 
eine schwere Buße auferlege, habe ich ein Recht auf die verbotene Wunsch- 
erfüllung." 

Einen ähnlichen Syllogismus hat Rado als wichtig für das Verständnis 
der Psychologie der Depressionen beschrieben. Hier dienen das Leiden und 
die selbst auferlegte Strafe nicht nur als Buße und Rechtfertigung für Ver- 
gehen (wie in der Zwangsneurose), sondern auch als Mittel der Liebes- 
werbung: „Weil ich so sehr leide, darum verdiene ich, von dir geliebt zu 
werden." 3 

Eine andere Form emotionaler Logik bildet die Grundlage des kompli- 
zierteren Mechanismus, den Freud als Homosexualität aus überkompensierter 
Rivalität beschrieben hat. Diese Reaktion läßt sich in eine Reihe von emotio- 
nalen Einzelreaktionen zerlegen. Der Gesamtvorgang verläuft etwa folgender- 
maßen: Neid und feindliche Rivalität gegenüber dem Mitbewerber verur- 
sachen ein Schuldgefühl, das eine Demütigung vor dem Rivalen fordert. Ist 
dieses Verlangen nach Demütigung mit einem Gefühl der eigenen Schwäche 
gegenüber dem Rivalen verbunden, so ergibt sich daraus die weibliche Unter- 
werfung, die die Grundlage der passiv-homosexuellen Einstellung bildet. 
Dieser emotionale Syllogismus, der der weiblichen Psyche näher liegt als der 
des Mannes, läßt sich folgendermaßen ausdrücken: „Du bist zu stark, ich 
kann dich nicht bezwingen, aber ich wünsche, wenigstens von dir geliebt 
zu werden." 

z. Die Vektoranalyse psychischer Prozesse 
Sehen wir von dem gedanklichen Inhalt dieser emotionalen Kausalketten 
ab und richten wir unsere Aufmerksamkeit lediglich auf ihren dynamischen 
Gehalt, d. h. die Richtung der an diesen emotionalen Syllogismen beteiligten 
Tendenzen, so kommen wir zu einfachen dynamischen Beziehungen, die 
denen der Physik und Chemie sehr ähnlich sind, und die wahrscheinlich den 
biologischen Prozessen zugrunde liegen. 

Viele dieser emotionalen Syllogismen haben ein gemeinsames und auffallen- 
des Charakteristikum, nämlich eine gewisse Polarität. Es scheint, daß jede 
Befriedigung oder jeder Ausdruck einer Tendenz dazu neigt, die polar ent- 
gegengesetzte Tendenz anzuregen und zu verstärken. Z. B.: das Leiden er- 

3) Rado, Sandor: Das Problem der Melancholie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927. 
Noch deutlicher herausgearbeitet ist dieser emotionale Syllogismus des Leidens als Mittel 
zur Liebeswerbung in einem Vortrag Rados über „Unconscious Mechanism in Neurotic 
Depressions", den er auf der Jahrestagung der American Psychiatric Association 1933 in 
Boston hielt. 



476 Franz Alexander 



höht den Trieb zum Genießen und umgekehrt; die Hingabe an den 
Genuß erhöht das Schuldgefühl, das wiederum auf das Genießen zurück- 
wirkt. Ferner neigt das extrem maskuline, aggressive Rivalisieren dazu, die 
polar entgegengesetzten, passiv-weiblichen Tendenzen zu verstärken; und 
passiv-weibliche Tendenzen stimulieren ihrerseits wieder die männliche Ein- 
stellung, indem sie die männliche Eitelkeit verletzen. Abhängigkeit regt die 
entgegengesetzte Tendenz zur Unabhängigkeit an; Anspannung und Kampf 
verstärken ihren polaren Gegensatz, den Wunsch, sich helfen zu lassen und 
sich auf einen starken Arm zu stützen. 

Wir werden aber sehen, daß diese Polarität des psychischen Erlebens, die 
sich mit dem Gesetz der Aktion und Reaktion in der Physik vergleichen 
läßt, keineswegs das einzige dynamische Prinzip ist, das in diesen emotionalen 
Syllogismen zum Ausdruck gelangt. 

Bei der Untersuchung psychogener Organstörungen hat es sich als sehr 
zweckmäßig erwiesen, die psychischen Vorgänge zunächst nur in Hinsicht 
auf ihre allgemeine dynamische Richtung (Vektoreigenschaft) zu betrachten 
und die große Mannigfaltigkeit ihres gedanklichen Gehalts vorläufig außer acht 
zu lassen. Aus den Analysen der Organneurosen lernten wir sehr bald, daß 
ganz verschiedenartige psychologische Impulse von durchaus verschiedenem 
spezifischen Inhalt zu Störungen derselben organischen Funktion führen 
können. Zunächst hat man den Eindruck, als seien diese psychogenen Fak- 
toren überhaupt nicht spezifischer Natur, als könnte eine große Anzahl ver- 
schiedener psychologischer Inhalte, die scheinbar keinerlei Verwandtschaft 
miteinander aufweisen, dieselbe Störung verursachen. Bei näherer Analyse 
zeigen jedoch diese scheinbar unzusammenhängenden psychischen Faktoren 
in einem sehr wichtigen Punkte Übereinstimmung, nämlich in der Richtung 
der allgemeinen dynamischen Tendenz, die sich in ihnen ausdrückt. So 
können z. B. die physiologischen Einverleibungsfunktionen durch sehr ver- 
schiedenartige verdrängte Tendenzen gestört werden; einen Zug jedoch 
haben diese Tendenzen gemeinsam, nämlich daß sie alle ein Empfangen oder 
Nehmen ausdrücken. Wir konnten feststellen, daß diese allgemeine dynami- 
sche Eigenschaft eines psychologischen Inhalts darüber entscheidet, welche der 
Organfunktionen durch sie gestört werden wird. So können z. B. die Funk- 
tionen des Magens durch irgendeinen der verdrängten Wünsche aus der fol- 
genden heterogenen Gruppe gestört werden: durch den Wunsch zu emp- 
fangen, sei es Liebe, Hilfe, Geld, ein Geschenk oder ein Kind; durch den 
Wunsch zu kastrieren, zu stehlen oder etwas zu nehmen. Dieselbe Wunsch- 
gruppe kann auch auf andere Organfunktionen, sofern sie Einverleibungs- 
funktionen sind, störend einwirken, z. B. auf die Einatmungsphase der 
Atmungsfunktion oder auf das Schlucken. Der gemeinsame Zug bei all diesen 
verschiedenen Tendenzen ist ihre zentripetale Richtung; immer sind sie 
auf ein Empfangen oder Nehmen gerichtet. 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 



477 



Aus sorgfältigen Untersuchungen ergab sich, daß man zwischen zwei For- 
men der Einverleibung unterscheiden muß, nämlich zwischen passivem 
Empfangen und aggressivem Nehmen. Das gewaltsame Nehmen, die 
aggressive Form der Einverleibung, entsteht in der Regel als Reaktion auf 
unbefriedigte rezeptive Tendenzen. Der diesem Prozeß zugrunde liegende 
emotionale Syllogismus lautet: „Wenn ich etwas nicht bekomme, muß ich 
es mir mit Gewalt nehmen." Die qualitative Unterscheidung des passiven 
Empfangens vom aggressiven Nehmen ist zwar von großer "Wichtigkeit für 
das psychologische Verständnis, jedoch gehören beide Tendenzen hinsichtlich 
ihrer dynamischen Richtung in die große Kategorie der Einverleibungs- 
tendenzen und besitzen demnach die Fähigkeit, die organischen Einver- 
leibungsfunktionen sowohl des Verdauungstraktes, wie der Atmungsorgane 
zu beeinflussen. 

Eine andere dynamische Eigenschaft von ähnlicher Wichtigkeit ist die 
Eliminations- oder Ausstoßungstendenz. Auch diese dynamische Kategorie 
umschließt eine ungeheure Vielfältigkeit psychologischer Inhalte: einerseits 
den Wunsch, Liebe zu schenken, sich im Interesse anderer anzustrengen, zu 
helfen, etwas zu schaffen, ein Geschenk zu geben, einem Kinde das Leben zu 
schenken; anderseits aber auch den Wunsch, jemanden anzugreifen (be- 
sonders indem man etwas nach ihm wirft). Jeder dieser Impulse kann, wenn 
er verdrängt und an der freien Äußerung verhindert wird, die organischen 
Ausscheidungsfunktionen, wie Urinieren, Stuhlentleerung, Ejakulation, Per- 
spiration und die Ausatmungsphase der Respiration beeinflussen. Auch hier 
ist es für das psychologische Verständnis von äußerster Wichtigkeit, zwischen 
einer aggressiven Form der Elimination (der anale Angriff) und der mehr 
konstruktiven Form des Schaffens und Schenkens (Gebären) zu unterscheiden. 
So haben wir gefunden, daß eine psychogene Diarrhöe als unbewußter Ersatz 
für einen Angriff gelten kann (wie schon Abraham erwähnt); anderseits 
kann sie auch den Wunsch ausdrücken, ein Kind zu gebären, oder Symbol 
für ein Geschenk sein. Sowohl die aggressive wie die schenkende Bedeutung 
der exkrementalen Funktionen sind uns aus der Psychologie des Kindes wohl- 
bekannt, und auch im Unbewußten des Erwachsenen bewahren sie die ur- 
sprüngliche infantile Bedeutung. 

Eine dritte dynamische Eigenschaft, deren Bedeutung sich uns besonders bei 
der Analyse gastro-intestinaler Neurosen aufdrängte, ist die der Retention. 
Wiederum haben wir hier eine große Anzahl psychologischer Inhalte, die 
eine dynamische Eigenschaft gemein haben, nämlich die des Behalten- oder 
Besitzen- Wollens. Das Sammeln verschiedener Gegenstände, ihr Ordnen und 
ihre Klassifizierung (als Ausdruck ihrer Bemeisterung), auch die Furcht, etwas 
zu verlieren, die Ablehnung der Gebepflicht, der Trieb zu verstecken, sich 
nichts wegnehmen zu lassen, nichts umkommen zu lassen, und die Einstellung 
der Mutter gegenüber dem Fötus — all diese Impulse können in retentiven 



478 



Franz Alexander 



physiologischen Innervationen zum Ausdruck gelangen. Das bekannteste Bei- 
spiel dafür ist die Obstipation; aber es scheint, daß auch die Harnverhaltung 
die Verzögerung der Ejakulation und gewisse Eigentümlichkeiten des At- 
mungsprozesses dieselben Tendenzen zum Ausdruck bringen können. Inner- 
halb dieser Kategorie der Zurückhaltungstendenzen ist es schwieriger, zwi- 
schen einer destruktiven und einer mehr konstruktiven Form zu unterscheiden, 
wie wir es im Falle der rezeptiven und eliminatorischen Tendenzen zu tun 
vermochten. Ich konnte lange kein befriedigendes Unterscheidungsmerkmal 
für die konstruktiven und destruktiven Formen der Retention finden. An- 
regungen Thomas M. Frenchs trugen jedoch dazu bei, ein brauchbares 
Kriterium zu formulieren, das mit den Befunden des beobachteten psychologi- 
schen Materials gut übereinstimmte. Zurückhaltungstendenzen können als 
konstruktiv gelten, wenn sie eine Einverleibung darstellen, die dem Vorgang 
des organischen Wachstums entspricht. So können wir folgende zu den mehr 
konstruktiven Manifestationen dieser dynamischen Eigenschaft rechnen: die 
Retentionstendenz, die im Verhalten der Mutter gegenüber dem Fötus zum 
Ausdruck kommt, gewisse allgemein als Analerotik bezeichnete Tendenzen 
(wie z. B. das sorgfältige Klassifizieren und Ordnen von Materialien) sowie 
alle beschützenden Tendenzen. Destruktive Manifestationen der Retentions- 
tendenz dagegen sind: das Bestreben, anderen etwas vorzuenthalten, etwas aus 
Bosheit oder Rache zu verstecken oder mit der Absicht, andere zu verletzen. 
"Wir unterscheiden also drei fundamentale Kategorien psychologischer Ten- 
denzen: die einverleibenden, die eliminierenden und die behaltenden, In jeder 
dieser Kategorien unterscheiden wir wieder zwischen positiv-konstruktiven 
und negativ-destruktiven Manifestationen derselben Tendenz. In der ersten 
Gruppe haben wir: passives Empfangen und aggressives Nehmen; in der 
zweiten Gruppe: das Geben von Werten und die Elimination als Aggression; 
in der dritten Gruppe: das Behalten, um aufzubauen und das Anderen- Vor- 
enthalten. Offensichtlich sind es fundamentale Tendenzen, die sich in den drei 



Einteilung der psychischen 

Tendenzen nach ihrer dynamischen 

Grandeigenschaft (Richtung) 



I. Einverleibung 



II. Ausscheidung 



III. Zurückbehalten 



Objektbeziehung der Tendenzen 



a) Empfangen 

b) Nehmen 



a) Schenken 

b) Aggressive Elimination 



a) Zurückbehalten zwecks Aufbau* 

b) Vorenthalten 



4) Diese Tendenz bezieht sich ursprünglich nicht auf Objekte der Außenwelt, sondern 
auf das Ich als Objekt. 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 



479 



Hauptgruppen manifestieren, wohingegen die sechs Untergruppen kom- 
plexere Tendenzen darstellen, in denen nicht nur die Richtung einer Tendenz 
zum Ausdruck kommt, sondern auch eine bestimmte Einstellung zu den 
äußeren Objekten (Liebe oder Haß). 

Nachdem wir diese allgemeinen dynamischen Tendenzen voneinander unter- 
schieden hatten, war es nicht mehr schwer, in gewissen Syllogismen die psy- 
chologischen Beziehungen dieser drei, bzw. sechs fundamentalen Tendenzen 
zueinander zu erkennen. Einzig das Begreifen dieser emotionalen Zusammen- 
hänge hat uns die Einsicht in die psychologische Bedingtheit der funktionellen 
Organstörungen erschlossen. 

Ich werde diejenigen emotionalen Syllogismen erörtern, die wir am 
eingehendsten untersucht haben. Einen davon habe ich bereits erwähnt: „Ich 
empfange nichts, darum muß ich mit Gewalt nehmen." Diese emotionale Reak- 
tion war von größter Bedeutung für unser Verstehen der Schuldgefühle, die 
auf orale Einverleibungstendenzen zurückzuführen sind. Dieses Schuldgefühl 
als Reaktion auf orale Aggression spielt, wie ich schon früher nachwies, eine 
wichtige Rolle bei gastrischen Neurosen und bei der Entstehung von pepti- 
schen Geschwüren. 5 

Ein weniger bekannter emotionaler Syllogismus bringt eine andere dyna- 
mische Beziehung zwischen aggressivem Nehmen und passivem Empfangen 
zum Ausdruck. Das ist die Verdrängung des Empfangen-Wollens, nachdem 
die rezeptive Tendenz die aggressive Form des Nehmen- Wollens angenommen 
hat. Der diesem Vorgang zugrunde liegende Syllogismus läßt sich etwa folgen- 
dermaßen formulieren: „Ich kann nichts annehmen von jemandem, dem ich 
eigentlich etwas rauben möchte." Diese Art der Schuldreaktion spielt eine 
wichtige Rolle in den Beziehungen zwischen Eltern und Kind. Die Kastrations- 
tendenz des Knaben gegenüber dem Vater macht es ihm unmöglich, Gunstbe- 
zeugungen des Vaters anzunehmen, und verhindert daher seine positive Iden- 
tifizierung mit ihm. Derselbe emotionale Syllogismus ist auch bei gastrischen 
Neurosen und bei der Entstehung von peptischen Geschwüren von über- 
ragender Bedeutung; er erklärt die Verdrängung der oral-rezeptiven Ten- 
denzen als Reaktion auf eine extrem aggressiv-fordernde Einstellung. Diese 
beiden emotionalen Ketten drücken dynamische Beziehungen zwischen zwei 
Untergruppen derselben dynamischen Kategorie aus, nämlich zwischen den 
zwei Arten von Einverleibungstendenzen: Empfangen und Nehmen. 

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nun auf die Beziehungen zwischen 
zwei verschiedenen Kategorien dynamischer Tendenzen, und zwar zwischen 
den rezeptiven und den eliminieren den. Die Befriedigung rezeptiver Ten- 

5) Alexander, Franz: The Influence of Psychologie Factors upon Gastro-Intestinal 
Disturbances; Bacon, Catherine: Typical Personality Trends and Conflicts in Cases of 
Gastric Disturbances; Levey, Harry, S.: Oral Trends and Oral Conflicts in a Case of 
Duodenal Ulcer; Psychoanalytic Quarterly, Vol. III, 1934- (Die erstgenannte Arbeit ist auch 
in Int. Ztschr. f. Psa., dieser Band, Heft 2, Seite 189, in deutscher Sprache erschienen.) 



denzen führt häufig zu einer kompensierenden Tendenz zum Geben. Abraham 
hat von einer Gebefreudigkeit gesprochen, die als Reaktion auf oral-rezeptive 
Tendenzen entsteht. Dieser Reaktion liegt eine emotionale Logik zugrunde 
die sich durch drei mehr oder weniger voneinander unabhängige Syllogismen 
ausdrücken läßt: i. „Ich ziehe das Geben dem Nehmen vor, weil der Gebende 
eine moralische Überlegenheit gewinnt." 2. „Wenn ich der Gebende bin, so 
bin ich weniger auf den guten Willen anderer angewiesen, als wenn ich der 
Nehmende wäre." 3. „Weil ich so viel empfange, muß ich auch etwas geben." 
Der erste Syllogismus beruht auf narzißtischer Basis; der zweite entspringt der 
Furcht vor Versagung; der dritte ist eine Schuldgefühlsreaktion des Über-Ichs. 
Alle diese partiellen emotionalen Reaktionen führen zu einer verstärkten ge- 
benden Tendenz, als Reaktion auf rezeptive Strebungen. 

Ein ähnlich erhöhter Gebedrang kann auch als Reaktion auf eine stark 
aggressive Tendenz zum Nehmen entstehen. Wir fanden in diesem „kom- 
pensierenden Schenken" die Grundlage vieler neurotischer Diarrhöen (Colitis 
mucosa). 6 

Der folgende emotionale Syllogismus drückt die Umkehrung dieser Be- 
ziehung zwischen gebender und rezeptiver Tendenz aus: „Ich gebe so viel, 
darum habe ich auch das Recht zu empfangen." Auch dieser Mechanismus 
ist bei Fällen von psychogener Diarrhöe von grundlegender Bedeutung für das 
Verständnis gewisser mit ihr einhergehender psychologischer Eigenarten und 
vorherrschender Charakterzüge. Die Diarrhöe wird vom Unbewußten als eine 
Form des Gebens gewertet, die dazu dient, eine anspruchsvolle und fordernde 
Haltung dem Leben gegenüber zu rechtfertigen. Patienten, die an gastrischer 
Neurose und peptischen Geschwüren leiden, neigen mehr dazu, ihre un- 
bewußte rezeptive Abhängigkeit durch das Übernehmen von Verantwortung 
und angestrengtes Arbeiten zu kompensieren; bei Fällen von Colitis hingegen 
wirkt sich der kompensatorische Mechanismus lediglich symbolisch aus: die 
Diarrhöe ist häufig der Ersatz für ein reales, kompensierendes Geben. 

Auch die Beziehung zwischen Empfangen und Zurückbehalten wird 
von mehreren emotionalen Syllogismen bestimmt. Das bekannteste Beispiel: 
„Ich bekomme nichts, darum muß ich an dem, was ich besitze, festhalten." 
Diese emotionale Reaktion ist von mehreren Autoren gelegentlich der Dar- 
stellung des analen Charakters beschrieben worden und hat sich in unseren 
Studien als ein wichtiger Kausalfaktor bei psychogener chronischer Obstipa- 
tion erwiesen. 7 



6) I Alexander, Franz: loa cit.; Wilson, George W: Typical Personality Trends and 
Conflicts in Cases of Spastic Colitis; Levine, Maurice: Pregenital Trends in a Case of 
Chronic Diarrhoea and Voraiting; Psychoanalytic Quarterly, Vol. III 1934 

7) Alexander, Franz: loc. cit.; Alexander, Franz: The Me'dical Vahie of Psycho- 
analyse; pp. (Norton and Co., 1932); Wilson, George W.: Report of a Case of Acute 
V 7 XXX mg M a Conversion Symptom during Analysis; The Psychoanalytic Review, 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 



481 



Unsere Untersuchung chronischer Obstipationsfälle führte ferner zur Ent- 
deckung eines komplizierteren Syllogismus, der ebenfalls zu einer verstärkten 
Retentionstendenz beiträgt. Dieser emotionale Syllogismus stellt eine Kom- 
bination von vier verschiedenen dynamischen Impulsen dar, nämlich von re- 
zeptiven, schenkenden, aggressiv-eliminierenden und zurück- 
behaltenden Tendenzen. Der erste Teil des Syllogismus lautet: „Ich emp- 
fange so viel, daß ich auch etwas geben muß." Dieser starke Gebedrang wird 
jedoch vom narzißtischen Kern des Ichs abgelehnt. „Nein, ich mag nicht 
geben, und wenn ich schon geben muß, so will ich nichts Wertvolleres als 
Exkremente geben." Dies ist der Ausdruck des Ressentiments und der aggres- 
siven Tendenzen, die man für jemanden, dem man sich verpflichtet fühlt, 
empfindet. Diese aggressive Einstellung führt schließlich zur Furcht vor Ver- 
geltung und verstärkter Retention. Abgesehen von diesem komplizierten 
dynamischen Mechanismus, wirkt ein starker Gebezwang auch unmittelbar 
verstärkend auf den Retentionsdrang, indem er die Furcht erweckt, daß man 
durch zu vieles Geben Verlust erleiden wird. 

Bei der Betrachtung dieser dynamischen Beziehungen fällt immer wieder das 
Polaritätsprinzip stark ins Auge. Die Befriedigung rezeptiver Tendenzen wirkt 
stimulierend auf die Zurückhaltungstendenzen, während umgekehrt stark 
retentive Triebe das Gefühl des Zum-Geben-verpflichtet-Seins erhöhen. Das 
Prinzip der Polarität ist jedoch nicht die einzige dynamische Beziehung zwi- 
schen den verschiedenen psychischen Tendenzen. Wir sahen z. B., daß die 
positive Form des Eliminierens, das Geben, eine aggressive Form der Elimina- 
tion hervorrufen kann, weil sie ein Ressentiment gegen denjenigen erweckt, 
dem man so viel gibt oder geben muß. Die wohlbekannten, unbewußt feind- 
lichen Gefühle gegen Menschen, die wir lieben, beruhen auf diesen emotionalen 
Beziehungen. In diesem Falle ist es nicht die polar entgegengesetzte Tendenz, 
die ausgelöst wird, sondern vielmehr eine parallele Tendenz. So sehen wir 
auch, daß die Verdrängung des Empfangen- Wollens in ähnlicher Weise den 
Trieb zum Nehmen verstärkt; diese beiden Impulse haben die gleiche Rich- 
tung, gehören zu derselben Kategorie der Einverleibungstendenzen und regen 
sich gegenseitig an. 

Die emotionalen Zusammenhänge innerhalb der retentiven Gruppe sind 
nicht so klar, wie die in den beiden ersten Gruppen. Die Beziehungen zwischen 
den konstruktiven und aggressiven Formen der Retention lassen sich vor- 
läufig noch nicht auf einfache psychologische Formeln bringen. Wir sehen 
jedoch, daß sowohl biologische wie soziale Organismen ihre inneren Kohäsions- 
kräfte verstärken, wenn sie durch äußere Feinde angegriffen werden, und daß 
sie unter Angriffen häufig besser wachsen und gedeihen als im Frieden. 
Anderseits pflegt die Tendenz zur inneren Festigung, die wahrscheinlich eine 
Funktion der Retentionstriebe darstellt, in einer friedlichen Umgebung zu er- 
schlaffen. Im dynamischen Sinne bedeutet dies, daß die destruktiven Formen 



48a 



Franz Alexander 






der Retention auf ihre konstruktiven Formen anregend wirken. Aber 4 
dynamischen Beziehungen lassen sich nur schwer psychologisch interpretieret 
Die Psychologie der Retentionstriebe bedarf noch weiterer Aufklärung 

Die Bedeutung dieser Vektoranalyse psychologischer Tendenzen, die ver 
sucht, die Grundrichtung hinter der Verschiedenartigkeit der psychologischen 
Inhalte zu erkennen, liegt in der Tatsache, daß jene emotionalen Syllogismen 
die diese Vektorgrößen verbinden, von allgemeiner Gültigkeit sind und in 
gleicher Weise auf eine große Anzahl psychologischer Beziehungen angewandt 
werden können. Sie lassen sich mit mathematischen Gleichungen vergleichen 
in denen verschiedene Werte durch einander ersetzt werden können, voraus- 
gesetzt, daß sie dieselbe Vektoreigenschaft besitzen. Ich verweise auf die 
Veröffentlichung des Chicago Psychoanalytic Institute über den Einfluß psy- 
chologischer Faktoren auf Verdauungsstörungen. 8 Sie demonstriert an klini- 
schen Beispielen die Gültigkeit der Vektoranalyse, d. h. die Tatsache, daß ver- 
schiedene psychologische Tendenzen, sofern sie dieselbe Vektoreigenschaft: 
besitzen (z. B. das Schenken einer Gabe, einem Kinde das Leben schenken 
Liebe schenken, für jemanden sorgen), einen ähnlichen Einfluß auf entspre- 
chende Organfunktionen haben. 

Der Vorteil der Vektoranalyse psychologischer Tendenzen beschränkt sich 
jedoch nicht auf das Verstehen psychogener gastro-intestinaler Störungen. Die 
bisherigen Ergebnisse experimenteller Studien, an denen ich gemeinsam mit 
Leon Saul arbeite, deuten an, daß die psychische Beeinflussung der Lungen- 
funktion denselben dynamischen Prinzipien unterliegt. Anscheinend können 
passiv-rezeptive und aggressive Einverleibungstendenzen im Einatmungsakt 
w m i A rr drUCk k ° mmen ' EÜminationstendenzen dagegen im Ausatmungsakt.. 
Wir hoffen, daß diese Art psychodynamischer Untersuchungen zum Verständ- 
nis der psychologischen Grundlage gewisser asthmatischer Typen führen wird. 
Auf ähnlicher dynamischer Basis lassen sich auch psychologische Einflüsse 
auf andere Ausscheidungsvorgänge verstehen. Bei einem meiner Patienten 
z. B. kamen feindliche Tendenzen in einem deutlichen Schwitzen der Hände 
zum Ausdruck; es war dies, ähnlich wie eine psychogene Diarrhöe, der Ersatz 
für eme Aggression. Diese Mechanismen werfen ein Licht auf psychophysio- 
logische Reflexphänomene so allgemeiner Art wie die Steigerung der Peri- 
staltik und der Perspiration (Angstschweiß) als Reaktion auf Furcht. Wir 
wissen, daß Furcht stets Aggression provoziert; der Feigling, der keinen Mut 
hat, ersetzt den effektiven Angriff auf den Feind durch Diarrhöe und Angst- 
schweiß, die sozusagen einen symbolischen Angriff darstellen. Diese Me- 
chanismen, die beschleunigte Darmtätigkeit und das „Angstschwitzen" an- 
gesichts der Gefahr, sind, obwohl sehr verbreitete Erscheinungen, doch als 
neurotische Reaktionen zu betrachten, da sie nicht zweckgemäß sind. Ein 
gutes^Ge genbeispiel finden wir in der v erme hrten Adrenalinproduktion an- 
8) Ioc. cit. 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 



483 



eesichts einer Gefahr, deren physiologische Konsequenzen so außerordentlich 
wichtig für die Mobilisierung von Energien zwecks Verteidigung oder Flucht 

sind. 

Im Lichte dieser dynamischen Erkenntnisse kann man diejenigen Organ- 
neurosen, die sich in einer Störung der biologischen Funktionen der Einver- 
leibung, der Retention und der Elimination äußern, als Störungen des nor- 
malen Gleichgewichts zwischen den entsprechenden psychologischen Ten- 
denzen betrachten. Obwohl wir individuellen Unterschieden einen gewissen 
Spielraum zubilligen, gibt es doch wohl ein bestimmtes quantitatives Ver- 
hältnis dieser Grundtendenzen, das wir als normal ansehen können. "Wahr- 
scheinlich ist dieses Verhältnis bei Mann und Frau verschieden, gewiß ist 
aber, daß beim Kinde das Verhältnis von gebenden zu rezeptiven Tendenzen 
quantitativ verschieden ist von dem entsprechenden Verhältnis beim normal 
entwickelten Erwachsenen. Beim Kinde, das geistig und physisch noch in der 
Entwicklung steht, sind die rezeptiven Triebe im Verhältnis zu den gebenden 
Tendenzen stärker als beim Erwachsenen. "Wir betrachten es als Anzeichen 
einer Neurose, wenn der Erwachsene die rezeptiv-abhängige Einstellung des 
Kindes beibehält, weil diese nicht seinem psychologischen und biologischen 
Status entspricht. Den psychologischen Ausdruck dieser Tatsache erkennen 
wir in dem Minderwertigkeitsgefühl, mit dem das erwachsene Ich auf eine 
infantile Verteilung von rezeptiven und gebenden Tendenzen reagiert. 

Es ist meine Überzeugung, daß das dynamische Gleichgewicht zwischen den 
drei Vektorquantitäten der Einverleibung, der Elimination und der Retention 
biologisch bedingt ist und die fundamentale dynamische Grundlage des Lebens 
darstellt. In den oben beschriebenen emotionalen Syllogismen wider- 
spiegeln sich in unserem Bewußtsein diese grundlegenden bio- 
logisch-dynamischen Vorgänge, die sich sowohl psychologisch 
wie auch biologisch begreifen und darstellen lassen. 

Die genetische Untersuchung der Lebensgeschichte an Organneurosen lei- 
dender Patienten bezeugt einleuchtend die Empfindlichkeit des dynamischen 
Gleichgewichts zwischen den drei fundamentalen Tendenzen. Nicht eine von 
ihnen kann gestört werden, ohne daß das harmonische Zusammenwirken aller 
darunter leidet. So werden z. B. die rezeptiven Tendenzen, wenn ihnen in 
der Kindheit dauernd die Befriedigung versagt wurde, zu einer tief ein- 
gewurzelten Lebensfurcht führen und zu einer pessimistischen, defaitistischen 
Weltanschauung, die den Retentionsdrang steigert. „Ich habe nie genug 
empfangen, darum muß ich an dem, was ich besitze, festhalten. Ich kann 
nichts hergeben, denn ich werde es nie ersetzt bekommen." Diese stark reten- 
tive Einstellung kann unter Umständen das Gefühl des Zum-Geben- Ver- 
pflichtetseins verstärken und aus diesem Gefühl der Gebeverpflichtung er- 
wächst in der Regel ein tiefes Ressentiment mit daraus folgendem Sich-Zurück- 
ziehen von der Umwelt. An anderen Fällen beobachten wir, daß frühzeitige 



4^4 ■ Franz Alexander 



Einschüchterung Aggressionen hervorruft, die, infolge der daraus ent- 
stehenden Schuldgefühle, es dem Individuum unmöglich machen, Hilfe an- 
zunehmen. Diese Verdrängung des Empfangenwollens vermehrt im Un- 
bewußten das Sehnen nach Hilfe und kann gleichzeitig zu einem ausgespro- 
chenen Gebezwang führen, um durch Geben die Schuldgefühle zu stillen. 

Einen hervorragenden Regulator für die Erhaltung des normalen Gleich- 
gewichts zwischen den Tendenzen der Einverleibung, Elimination und Re- 
tention stellt die genitale Sexualität dar, die die Abfuhr derjenigen fundamen- 
talen psychodynamischen Kräfte ermöglicht, die nicht in den sozialen Be- 
ziehungen (Sublimierungen) befriedigt werden können. Diese Entspannungs- 
funktion der Sexualität, die Ferenczi in seiner Genitaltheorie 8 postu- 
liert hatte, läßt sich am besten an Hand extremer Fälle von Perversion 
nachweisen. Angestaute, unbefriedigte Aggressionstendenzen gegen äußere 
Objekte können z. B. eine sadistische Verzerrung des Sexualtriebes bewirken, 
so wie auf ähnliche Weise ungesühnte Schuldgefühle zu masochistischen Per- 
versionen und verdrängte, unbefriedigte Neugier zum Voyeurtum führen. 
Diese Abfuhrfunktion der Genitalität erklärt, warum so häufig Lustmörder 
und Kinderschänder außerordentlich gehemmte, bedrückte und schwächliche 
Individuen sind, die ihren Aggressionstrieben nie im täglichen Leben Ausdruck 
geben können. 10 All diese angehäuften Aggressionen kommen in ihrer sexuellen 
Betätigung zum Durchbruch. In ähnlicher Weise sind auch sexuelle Exhibitio- 
nisten meist sehr bescheidene und schüchterne Individuen, die ihren Wunsch, 
auf andere Eindruck zu machen, nicht durch die gewöhnlichen Mittel der 
Sprache und Gebärden verwirklichen können. Indem sie ihren Penis zur 
Schau stellen, d. h. indem sie ihren sexuellen Trieb befriedigen, befreien sie 
sich von dem Druck des narzißtischen Triebes, sich hervorzutun und auf- 
zufallen. 11 

Ich bin der Überzeugung, daß diese Abfuhrfunktion der Sexualität die Tat- 
sache erklärt, daß genitale Störungen in der Ätiologie der Neurosen und 
psychogenen Organstörungen eine so entscheidende Rolle spielen. Das genitale 
System und das willkürliche Nervensystem teilen sich in die Aufgabe, die 
auf äußere Objekte gerichteten Impulse zu befriedigen. Vaginale Befriedigung 
bietet zweifelsohne die wirksamste Entspannung für die im Leben unbefriedigt 
gebliebenen, aufgespeicherten rezeptiven Tendenzen, so wie die Ejakulation 
entsprechendermaßen der stärkste Ausdruck der gebenden Tendenzen ist. So- 
wohl das genitale wie das willkürliche Nerven-System befassen sich sozusagen 
mit den äußeren Angelegenheiten des Organismus, während dem vegetativen 
Nervensystem die inneren Aufgaben obliegen. Wenn die Betätigungsmöglich- 
keiten sowohl der genitalen wi e der willensbestimmten Äußerungen unter- 

9) Ferenczi, S.: Versuch einer Genitaltheorie. Int. Psa. Verl., Wien, 1924. 

10) Ich verweise hier auf Beobachtungen von Staub und mir an neurotischen Kriminellen. 

11) Alexander, Franz: Über die Beziehung von strukturbedingten zu triebbedingten 
Konflikten. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 



Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 



485 



bunden sind, muß eine künstlich umgeleitete Abfuhr stattfinden: dadurch 
werden die vegetativen Funktionen überlastet, weil sie zum Ausdruck von 
Tendenzen benutzt werden, die normalerweise auf äußere Objekte gerichtet 
sein sollten und die keinen vegetativen Zwecken dienlich sind. Die Neurosen 
des Verdauungstraktes und wahrscheinlich auch die des respiratorischen 
Systems sind eben solche Überlastungen des vegetativen Nervensystems durch 
angestaute empfangende und nehmende, gebende und aggressive sowie 
retentive Tendenzen, die infolge von Verdrängungen nicht imstande sind, 
zu einer normalen Abfuhr durch das willkürliche oder das genitale System 
zu gelangen. Die einverleibenden, eliminierenden oder retentiven Eigenschaften 
der verdrängten Tendenzen, d. h. ihre Vektorqualität, bestimmt dann, welche 
der vegetativen Organfunktionen gestört werden wird. 




Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung 
der Psychoanalyse 1 

Von 

James Strachey 

London 

Einführung 

Als therapeutisches Verfahren hat die Psychoanalyse ihren Anfang genom- 
men. Sie ist auch heute noch in erster Linie Therapie. Man kann deshalb 
mit Recht erstaunt sein über die verhältnismäßig kleine Anzahl von psycho- 
analytischen Arbeiten, die sich mit der Methode befassen, durch die thera- 
peutische Wirkungen erzielt werden. Eine sehr ansehnliche Zahl von Tat- 
sachen hat sich im Laufe der letzten dreißig oder vierzig Jahre angehäuft, 
die die Natur und Funktionsweise des menschlichen Geistes beleuchten; sicht- 
liche Fortschritte wurden gemacht hinsichtlich der Klassifizierung dieser Tat- 
sachen und ihrer Einordnung in einen Rahmen von verallgemeinerten Hypo- 
thesen und wissenschaftlichen Gesetzen. Aber es wurde merkwürdig lange 
■damit gezögert, diese Entdeckungen irgendwie auf den therapeutischen Vor- 
gang selbst anzuwenden. 2 

Dieses Zögern ist meiner Meinung nach dafür verantwortlich zu machen, 
daß so viele Diskussionen über die praktischen Einzelheiten der analytischen 
Technik uns in Verwirrung zu bringen scheinen und zu keinem abschließen- 
den Ergebnis führen. Wie kann z. B. eine Einigung erzielt werden über die 
strittige Frage, ob und wann wir eine „tiefe Deutung" geben sollen, wenn 
wir gar keine exakt formulierte Meinung über den Begriff der tiefen Deutung 
haben, noch eine genaue Kenntnis dessen, was Deutung ist und welche Wir- 
kung sie auf unsere Patienten hat? Ich glaube, wir würden viel gewinnen, 
wenn wir Probleme wie diese klarer erfassen könnten. Wenn wir ein ein- 
gehendes Verständnis der Wirkung des therapeutischen Verfahrens erlangen 
könnten, wären wir nicht gelegentlich jenen Gefühlen absoluter Desorien- 
tierung ausgesetzt, denen gegenwärtig nur sehr wenige Psychoanalytiker 
so glücklich sind zu entgehen; und die psychoanalytische Bewegung selbst 
wäre viel weniger Vorschlägen zu plötzlichen Änderungen der herkömm- 
lichen Behandlungstechnik ausgeliefert, Vorschlägen, die viel von ihrer 
Kraft aus der vorherrschenden Unsicherheit über das eigentliche Wesen der 
analytischen Therapie schöpfen. Dieser Aufsatz ist ein Versuch, dieses Pro- 

i) Teile dieser Arbeit wurden bei einer Versammlung der British Psycho- Analytical Society 
am 13. Juni 1933 vorgetragen. Ins Deutsche übersetzt von Frau Valerie Merck, London. 

2) Seitdem dieser Aufsatz geschrieben wurde, ist interessantes Material über diesen Gegen- 
stand veröffentlicht worden. Besonders erwähnenswerte Arbeiten von Sterba, Kaiser, 
Melitta Schmideberg und Fenichel erschienen in den letzten Heften der Int. Ztschr. 
f. Psa.; ich konnte keine von ihnen hier berücksichtigen. 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 



487 



blem anzugreifen; und selbst wenn es sich zeigen sollte, daß nicht alle von 
mir gezogenen Schlüsse aufrechterhalten werden können, werde ich damit 
zufrieden sein, die Aufmerksamkeit auf die Dringlichkeit des Problems selbst 
gelenkt zu haben. 

Ich möchte ausdrücklich betonen, daß das Folgende keine praktische Dis- 
kussion über psychoanalytische Technik ist. Die unmittelbaren Zusammen- 
hänge sind lediglich theoretisch. Ich habe als Rohmaterial die verschiedenen 
Verfahren benützt, die (trotz beträchtlichen individuellen Abweichungen) 
allgemein als innerhalb der Grenzen „orthodoxer" Psychoanalyse stehend 
angesehen werden können, und die verschiedenen Wirkungen, die die An- 
wendungen dieser Verfahren, wie Beobachtungen zeigen, im allgemeinen 
üben. Ich habe eine Hypothese aufgestellt, die bestrebt ist, mehr oder 
weniger zusammenhängend zu erklären, warum diese besonderen Ver- 
fahren diese besonderen Wirkungen hervorbringen. Und ich habe versucht 
zu zeigen, daß, wenn meine Hypothese über die Beschaffenheit der thera- 
peutischen Wirkung der Psychoanalyse gültig ist, sich daraus gewisse Folge- 
rungen ergeben, die vielleicht als Prüfstein zur Beurteilung der wahrschein- 
lichen Wirksamkeit jeder besonderen Behandlungsart gelten können. 

Man wird mir zweifellos vorwerfen, daß ich die Neuheit meines Themas 
überschätzt habe. 3 „Schließlich verstehen wir doch wirklich und schon seit 
langer Zeit die Hauptprinzipien, die die therapeutische Wirkung beherr- 
schen", wird man sagen. Und damit stimme ich natürlich vollkommen über- 
ein. Mein Vorschlag geht dahin, zuerst so kurz wie möglich die anerkannten 
Meinungen über diesen Gegenstand zusammenzufassen. Zu diesem Zwecke 
muß ich auf die Zeitspanne zwischen den Jahren 19 12 und 19 17 zurückgreifen, 
als Freud uns den größten Teil dessen gab, was er direkt über die therapeuti- 
sche Seite der Psychoanalyse geschrieben hat, nämlich die Arbeiten über 
Technik 4 und das 27. und 28. Kapitel der „Vorlesungen". 4 * 



Die „Widerstands-Analyse" 
Diese Zeit war gekennzeichnet durch die systematische Anwendung der 
Methode, die als „Widerstands-Analyse" bekannt ist. Die erwähnte Methode 
war selbst zu dieser Zeit keineswegs neu und stützte sich auf Ansichten, die 
längst in die analytische Theorie einverleibt waren, und besonders auf eine der 
frühesten Erkenntnisse Freuds über die Funktion der neurotischen Sym- 
ptome. Entsprechend dieser Ansicht (die im wesentlichen aus dem Studium 
der Hysterie stammte) bestand die Funktion des neurotischen Symptoms 
darin, die Persönlichkeit des Patienten gegen eine unbewußte Tendenz, 
die unannehmbar ist, zu verteidigen, während die Strebung gleichzeitig 

3) Ich habe nicht versucht, eine vollständige Bibliographie des Gegenstandes zusammenzu- 
stellen, obwohl eine Anzahl der wichtigen Beiträge dazu auf den folgenden Seiten erwähnt ist. 

4) Ges. Sehr., Bd. VI. — 4a) Ges. Sehr., Bd. VII. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 33 



bis zu einem gewissen Punkt befriedigt wird. Es scheint daraus zu folgen 
daß, sobald der Analytiker die unbewußte Strebung entdeckt und erforscht 
und sie dem Patienten merkbar gemacht, kurz, wenn er das Unbewußte 
bewußt gemacht hätte, dann die ganze raison d'etre des Symptoms aufhören 
und dieses automatisch verschwinden müßte. Es zeigten sich jedoch zwei 
Schwierigkeiten. Erstens setzte ein Teil der Psyche des Patienten dem Prozeß 
Widerstände entgegen, Hindernisse für den Analytiker, der versuchte, die 
unbewußte Strebung zu entdecken. Es lag nahe anzunehmen, daß dies derselbe 
Teil der Seele des Patienten war, der ursprünglich die unbewußte Strebung zu- 
rückgewiesen und dadurch die Schaffung des Symptoms notwendig gemacht 
hatte. Zweitens aber kam es oft vor, daß, selbst wenn dieses Hindernis über- 
wunden schien und es dem Analytiker gelungen war, die unbewußte 
Strebung zu erraten oder zu erschließen, die Aufmerksamkeit des. Patienten 
auf sie zu lenken und sie ihm bewußt zu machen, selbst dann das Sym- 
ptom unerschüttert beharrte. Die Erkenntnis dieser Schwierigkeiten führte 
sowohl theoretisch als auch praktisch zu wichtigen Ergebnissen. Theoretisch 
wurde es klar, daß dem Patienten in zweierlei Sinn eine unbewußte Strebung 
bewußt werden könne: er konnte sie in irgend einem intellektuellen Sinn be- 
greifen, ohne ihrer „wirklich" bewußt zu werden. Um diesen Stand der Dinge 
verständlicher zu machen, entwarf Freud eine Art von bildlicher Allegorie. 
Er sah die Seele sozusagen als Landkarte. Die ursprüngliche anstößige Strebung 
war dargestellt in einer Gegend dieser Karte und die neuentdeckte Auf- 
klärung darüber, die dem Patienten durch den Analytiker übermittelt worden 
war, in einer anderen. Nur wenn diese zwei Eindrücke „zusammengebracht" 
werden könnten (wie immer das genau zu verstehen ist), würde die unbewußte 
Strebung „wirklich" bewußt gemacht werden. Was daran hinderte, war eine 
Kraft innerhalb des Patienten, eine Schranke — offenbar wieder derselbe 
„Widerstand", der sich den Versuchen des Analytikers, die unbewußte Strebung 
zu erforschen, entgegengesetzt hatte, und die zu der ursprünglichen Symptom- 
bildung beigetragen hatte. Die Beseitigung dieses Widerstandes war die we- 
sentliche Vorbedingung für das „wirkliche" Bewußtwerden der unbewußten 
Strebung. An diesem Punkt nun tauchte die praktische Lehre auf: unsere 
Hauptaufgabe als Analytiker ist nicht so sehr, die anstößige unbewußte Stre- 
bung zu erforschen, als vielmehr den Widerstand des Patienten dagegen zu 
beseitigen. 

Aber wie packen wir die Aufgabe, den Widerstand zu zerstören, an? Wieder 
durch denselben Prozeß der Erforschung und Erklärung, den wir schon auf 
die unbewußte Strebung angewendet haben. Aber diesmal sind wir nicht 
mehr solchen Schwierigkeiten ausgesetzt wie früher, denn die Kräfte, die die 
Verdrängung aufrechthalten, gehören, obwohl sie bis zu einem gewissen Grade 
unbewußt sind, nicht zu dem Unbewußten im systematischen Sinne; sie sind ein 
Teil des Ichs des Patienten, das mit uns gemeinsam mitwirkt, und sind des- 




Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 



489 



halb zugänglicher. Trotzdem .kann der bestehende Gleichgewichtszustand 
nicht gestört, das Ich nicht veranlaßt werden, die Arbeit der Neuorganisation 
zu leisten, die von ihm verlangt wird, wenn wir nicht imstande sind, durch 
die analytische Behandlung frische Kräfte auf unserer Seite mobil zu machen. 
Auf welche Kräfte können wir zählen? In erster Linie auf den Gesundungs- 
willen des Patienten, der ihn ja dazu geführt hat, die Analyse anzufangen. Und 
wieder auf eine Menge intellektueller Erwägungen, die wir ihm zur Kenntnis 
bringen können. "Wir können ihm die Struktur seines Symptoms und die Mo- 
tive der Abweisung der anstößigen Strebung verständlich machen. Wir können 
die Tatsache betonen, daß diese Motive überholt und nicht länger gültig sind, 
daß sie vielleicht sinnvoll waren, als er ein kleines Kind war, es aber nicht 
mehr sind, seit er erwachsen ist. Und endlich können wir darauf bestehen, 
daß seine ursprüngliche Lösung der Schwierigkeiten nur zur Krankheit geführt 
hat, während die neue, die wir vorschlagen, die Aussicht auf Gesundung er- 
öffnet. Solche Gründe können teilhaben an der Überredung des Patienten, 
seinen Widerstand aufzugeben; trotzdem ergibt sich der entscheidende Faktor 
von einer ganz anderen Seite her. Dieser Faktor ist — was ich wohl kaum 
sagen muß — die Übertragung. Ich will nun ganz kurz die Hauptgrundsätze 
wiederholen, die Freud in der Zeitspanne, mit der ich mich beschäftige, über 
dieses Thema aufgestellt hat. 

Die Übertragung 

Ich möchte zuerst bemerken, daß, obwohl Freud frühzeitig die Aufmerk- 
samkeit auf die Tatsache lenkte, daß die Übertragung sich in zwei Formen, 
sowohl negativ als auch positiv, offenbare, viel weniger über die negative Über- 
tragung gesagt oder bekannt wurde als über die positive. Das entspricht na- 
türlich dem Umstand, daß das Interesse an destruktiven und aggressiven 
Regungen sich im allgemeinen erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit entwickelt 
hat. Nach der vorherrschenden Meinung war die Übertragung als rein 
libidinöses Phänomen anzusehen. Es wurde angenommen, daß in jedem 
Menschen eine bestimmte Menge von unbefriedigten libidinösen Regungen 
existiere und daß diese Regungen jederzeit bereit wären, sich an eine neu auf- 
tretende Person zu heften. So wurde die Geltung der Übertragung als all- 
gemeines Phänomen beschrieben. Bei den Neurotikern nun sei die Nei- 
gung zur Übertragung bedeutend größer, entsprechend der abnorm großen 
Menge von vorhandener ungebundener Libido; und die besonderen Umstände 
der analytischen Situation würden die Ubertragungsneigung noch mehr stei- 
gern. Augenscheinlich waren es diese vom Patienten auf den Analytiker ge- 
richteten Liebesgefühle, die jene Sonderkraft lieferten, die notwendig war, um 
sein Ich zu überreden, die Widerstände aufzugeben, die Verdrängungen rück- 
gängig zu machen und eine neue Lösung der alten Probleme anzunehmen. Daß 
dieses Werkzeug, ohne das kein therapeutisches Resultat erzielt werden konnte, 



49Q 



James Strachey 



kein. Fremdling war, wurde sofort erkannt; tatsächlich war es die wohl- 
bekannte Suggestionskraft, die angeblich schon lange aufgegeben worden war. 
Jetzt hingegen wurde sie in einer ganz anderen Weise verwendet, eigentlich in 
entgegengesetzter Richtung. In der voranalytischen Zeit diente die Suggestion 
eher dazu, den Grad der Verdrängung zu verstärken; jetzt wurde sie dazu 
benützt, den Widerstand des Ichs zu überwinden, d. h. die Verdrängung auf- 
zuheben^ ; 

Aber die Situation wurde immer verwickelter, je mehr Tatsachen über die 
Übertragung ans Licht kamen. Erstens zeigte es sich, daß die übertragenen 
Gefühle, verschiedener Art waren: außer den liebenden gab es auch die feind- 
seligen, die natürlich keineswegs die Anstrengungen des Analytikers unter- 
stützten. Aber selbst abgesehen von der feindseligen Übertragung, zerfielen die 
libidinösen Gefühle selbst in zwei Gruppen: freundliche und zärtliche Gefühle, 
die fähig waren, bewußt zu sein, und ausschließlich sexuelle, die gewöhnlich 
unbewußt bleiben mußten. Und diese letzteren Gefühle rührten, wenn sie 
zu mächtig wurden, die Abwehrkräfte des Ichs auf und verstärkten seine 
Widerstände, statt sie zu vermindern, verursachten tatsächlich einen Zustand, 
der nicht leicht von einer negativen Übertragung zu unterscheiden war. Und 
darüber hinaus erhob sich die ganze Frage der mangelnden Beständigkeit aller 
suggestiven Behandlungen. Drohte die Existenz der Übertragung nicht, den 
Patienten in der gleichen, nicht enden wollenden Abhängigkeit vom Analytiker 
zu belassen? 

Alle diese Schwierigkeiten wurden überwunden durch die Entdeckung, daß 
die Übertragung selbst analysiert werden konnte. Gerade ihre Analyse wurde 
bald als der wichtigste Teil der ganzen Behandlung erkannt. Es war möglich, 
ihre verdrängt-unbewußten Wurzeln ebenso bewußt zu machen, wie es mit 
allem, anderen verdrängten Material möglich war, d. h. durch Beeinflussung 
des Ichs, seine Widerstände aufzugeben. Und es lag kein Widerspruch in sich 
selbst in der Tatsache, daß die Kraft, die man zur Auflösung der Übertragung 
gebrauchte, die Übertragung selbst war. War sie aber einmal bewußt gemacht, 
dann verschwanden ihre unlenksamen, infantilen Dauermerkmale; was ver- 
blieb, war wie jede andere „reale" menschliche Beziehung. Aber die Not- 
wendigkeit der dauernden Analyse der Übertragung wurde noch augenschein- 
licher durch eine andere Entdeckung. Man fand nämlich, daß, je mehr die 
Behandlung fortschritt, desto stärker die Übertragung die Tendenz zeigte, die 
Analyse sozusagen aufzuzehren. Die Libido des Patienten konzentrierte sich 
immer mehr auf seine Beziehung zum Analytiker, die ursprünglichen 
Symptome des Patienten wurden ihrer Besetzung beraubt, und es erschien 
statt dessen eine künstliche Neurose, der Freud den Namen „Über- 
tragungsneurose" gab. Die ursprünglichen Konflikte, die zum Ausbruch der 
Neurose geführt hatten, begannen, sich in der Beziehung zu dem Analytiker 
neu zu beleben. Dieses unerwartete Ereignis ist nun bei weitem nicht das Un- 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 491 

glück, als das es anfangs erschien. In "Wirklichkeit gewährt es uns die günstig- 
sten Möglichkeiten. Anstatt uns, so gut wir konnten, mit Konflikten der 
fernen Vergangenheit abzugeben, die toten Verhältnissen und mumifizierten 
Persönlichkeiten gelten und deren Ausgang schon festgelegt ist, finden 1 wir 
uns in eine aktuelle und unmittelbare Situation gestellt, in der wir und der 
Patient die Hauptpersonen sind und deren Entwicklung bis zu einem gewissen 
Grade unter unserer Kontrolle steht. Und wenn wir es zustande bringen, daß 
der Patient in diesem neubelebten Übertragungskonflikt statt der alten eine neue 
Lösung sucht, bei der die primitive und nicht anpassungsfähige Methode der 
Verdrängung durch ein der Wirklichkeit mehr entsprechendes Verhalten er- 
setzt wird, dann wird er, selbst nach seiner Loslösung von der Analyse, nicht 
wieder in seine frühere Neurose zurückfallen können. Die Lösung des Über- 
tragungskonflikts schließt die gleichzeitige Lösung des infantilen Konflikts 
ein, dessen neue Auflage er ist. Freud sagt in seinen Vorlesungen: „Er- 
möglicht wird sie (die für den guten Ausgang entscheidende Veränderung) durch 
die Ich- Veränderung, welche sich unter dem Einfluß der ärztlichen Suggestion 
vollzieht. Das Ich wird durch die Deutungsarbeit, welche Unbewußtes in Be- 
wußtes umsetzt, auf Kosten dieses Unbewußten vergrößert, es wird durch Be- 
lehrung gegen die Libido versöhnlich und geneigt gemacht, ihr irgend eine 
Befriedigung einzuräumen, und seine Scheu vor den Ansprüchen der Libido 
wird durch die Möglichkeit, einen Teilbetrag von ihr durch Sublimierung 
zu erledigen, verringert. Je besser sich die Vorgänge bei der Behandlung mit 
dieser idealen Beschreibung decken, desto größer wird der Erfolg der psycho- 
analytischen Therapie." 5 Ich zitiere diese Worte Freuds, um es ganz klar zu 
machen, daß er zu der Zeit, als er sie schrieb, davon überzeugt war, daß der 
Hauptfaktor in der psychoanalytischen Therapie die suggestive Beeinflussung 
des Ichs des Patienten von Seiten des Analytikers war, um es gegen die tibi- 
dinösen Strebungen toleranter zu machen. 

Das Über-Ich. 

Freud hat in den Jahren, die vergangen sind, seit er diesen Passus schrieb, 
außerordentlich wenig veröffentlicht, das sich direkt auf unseren Gegenstand 1 
bezieht; und das Wenige soll zeigen, daß sich seine Meinung über die Wesent- 
lichsten der darin enthaltenen Prinzipien nicht geändert hat. In der „Neuen 
Folge der Vorlesungen", die 1932 erschien, stellt er sogar ausdrücklich fest, 
daß er der theoretischen Diskussion über die Therapie, die er fünfzehn Jahre 
früher in den Originalvorlesungen gegeben habe, nichts hinzuzufügen habe. 6 
Zugleich zeigte sich in der Zwischenzeit eine beträchtliche Entwicklung seiner 
theoretischen Meinungen, besonders in der Richtung der Ich-Psychologie. Er 
hat insbesondere den Begriff des Ü ber-Ichs formuliert. Die neue Darlegung 

j) Ges. Sehr., Bd. VII, S. 473/4. ~ ~ ' 

6) Ges. Sehr., Bd. XII, S. 311. 






■ ii ' 



der Prinzipien der Therapie, die er in der Zeit der Widerstandsanalyse gegeben 
hatte, unter Verwendung des Begriffs des Über-Ichs, mag nicht viele Ver- 
änderungen enthalten. Aber es ist mit Recht anzunehmen, daß die Kenntnis 
des Über-Ichs von unserem Standpunkt aus von besonderem Interesse sein 
wird, und dies in zwei Richtungen. In erster Linie würde es auf den ersten 
Blick höchst annehmbar erscheinen, daß dem Uber-Ich direkt oder indirekt 
eine wichtige Rolle zukommen müßte in der Setzung und Aufrechthaltung 
der Verdrängungen und Widerstände, deren Zerstörung das Hauptziel der 
Analyse ist. Und das wird bestätigt, wenn wir die Klassifizierung der ver- 
schiedenen Arten der Widerstände prüfen, die Freud in „Hemmung, 
Symptom und Angst", vorgenommen hat. Von den fünf Arten der dort er- 
wähnten Widerstände wird, allerdings nur eine der direkten Einwirkung des 
Über-Ichs zugeschrieben, aber zwei von den Ich- Widerständen, der Ver- 
drängungswiderstand und der Übertragungswiderstand, sind, obzwar eigentlich 
vom Ich ausgehend, von diesem in der Regel aus Furcht vor dem Über-Ich 
errichtet worden. Es scheint also leicht möglich, daß Freud beim Schreiben 
der Worte, die ich eben zitierte j— ■ daß die günstige Veränderung des Patienten 
„durch die Ich- Verdrängung ermöglicht wird" — teilweise wenigstens an 
jenen Anteil des Ichs dachte, den er später als Über-Ich abtrennte. Ganz ab- 
gesehen davon gibt es überdies in einer anderen von Freuds neueren 
Schriften, in der „Massenpsychologie", Stellen, die auf einen anderen Punkt 
hindeuten, nämlich daß der Analytiker den Patienten zum großen Teil über 
dessen Über-Ich beeinflussen könne. Diese Stellen finden sich in der Dis- 
kussion über die Natur von Hypnose und Suggestion. Freud weist Bern- 
heims Ansicht, daß alle hypnotischen Phänomene von dem Moment der Sug- 
gestion abzuleiten seien, entschieden zurück und nimmt die entgegengesetzte 
Theorie an, daß jede Suggestion eine Teilerscheinung des hypnotischen Zu- 
standes sei. 7 Der Zustand der Suggestion hingegen wird in mancher Beziehung 
dem Zustand von Verliebtheit ähnlich gefunden: „dieselbe demütige Unter- 
werfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das 
geliebte Objekt." Im besonderen kann kein Zweifel darüber herrschen, daß 
der Hypnotiseur wie das geliebte Objekt an die Stelle des Ich-Ideals getreten 
ist. 8 Da nun die Suggestion eine Teilform der Hypnose ist und da ferner der 
Analytiker die Veränderungen in der Haltung des Patienten durch Suggestions- 
mittel zustande bringt,, scheint daraus zu folgen, daß der Analytiker seine 
Wirksamkeit, jedenfalls zum Teil, dem Umstand verdankt, daß er an die 
Stelle des Über-Ichs des Patienten getreten ist. So gibt es also zwei konver- 
gierende Beweisführungen, die auf das Über-Ich des Patienten als auf die 
Schlüsselstellung der analytischen Therapie hinzeigen; es ist ein Teil der Seele 
des Patienten, dessen vorteilhafte Änderung möglicherweise zu allgemeiner 

7) Ges. Sehr., Bd. VI, S. 331. 

8) Ges. Sehr., Bd. VI, S. 314. 



: 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 



493 



Besserung führen könnte, und es ist zugleich ein Teil der Seele, der dem Ein- 
fluß des Analytikers besonders unterworfen ist. 

Einleuchtende Gedankengänge wie diese wurden unmittelbar nach dem 
ersten Debüt des Über-Ichs 9 weiterverfolgt. Sie wurden z. B. von Ernest 
Jones entwickelt in seinem Artikel über „The Nature of Auto-Suggestion". 10 
Bald darauf stellte Alexander seine Theorie auf, 11 daß das Hauptziel aller 
psychoanalytischen Therapie der vollständige Abbau des Über-Ichs und die 
Übernahme seiner Funktionen durch das Ich sein müsse. Nach seinem Bericht 
zerfällt die Behandlung in zwei Phasen. In der ersten Phase werden die Funk- 
tionen des Über-Ichs des Patienten dem Analytiker übergeben und in der 
zweiten Phase werden sie dem Patienten wieder zurückgegeben, aber diesmal 
seinem Ich. Das Über-Ich ist, nach Alexanders Ansicht (obwohl er das 
Wort ausdrücklich auf die unbewußten Teile des Ich-Ideals beschränkt), 
ein Teil des seelischen Apparats, der im wesentlichen primitiv, unzeitgemäß 
und ohne Kontakt mit der Wirklichkeit ist, der unfähig ist, sich anzupassen, 
und der völlig automatisch mit der monotonen Gleichmäßigkeit eines Re- 
flexes arbeitet. Jede nützliche Funktion, die das Über-Ich erfüllt, könne durch 
das Ich ausgeführt werden, und man könne nichts anderes tun, als es zum alten 
Eisen zu werfen. Dieser Großangriff auf das Über-Ich scheint von fraglicher 
Gültigkeit. Es ist wahrscheinlich, daß seine Abschaffung, selbst wenn das 
praktisch wäre, die Abschaffung einer großen Anzahl höchst wünschenswerter 
geistiger Tätigkeiten einschließen würde. Aber die Vorstellung, daß der Ana- 
lytiker vorübergehend während der Behandlung die Tätigkeit des Über-Ichs 
seines Patienten übernimmt und es dadurch irgendwie ändert, stimmt mit den 
versuchsweise aufgestellten Behauptungen überein, die ich bereits gemacht habe. 

Das gilt auch von einigen Stellen in einer Arbeit über „Das ökonomische 
Prinzip der Technik" von S. Rado. 12 Der zweite Teil dieses Aufsatzes, der sich 
mit der Psychoanalyse beschäftigen sollte, ist bedauerlicherweise nie veröffent- 
licht worden. Aber der erste über Hypnose und Katharsis 13 enthält viel Inter- 
essantes. Er schließt eine Theorie ein, nach der das hypnotisierte Individuum 
den Hyptnotiseur introjiziert, und zwar in einer Form, die Rado als „para- 
sitisches Über-Ich" bezeichnet. Dieses zieht nun die Energien ab und über- 
nimmt auch die Funktionen des ursprünglichen Über-Ichs. Eine Seite dieser 
Situation, die Rado besonders hervorhebt, ist das unbeständige und vorüber- 
gehende Wesen dieser ganzen Anordnung. Wenn z. B. der Hypnotiseur einen 
Befehl gibt, gegen den sich der Widerstand des ursprünglichen Über-Ichs des 

9) In Freuds Vortrag auf dem Berliner Kongreß 192.2, später erweitert in „Das Ich und 
das Es", 1923. 

10) Int. Journ. of PsA., IV, 1923. 

n) Auf dem Salzburger Kongreß 1924: Metapsychol. Darstellung des Heilungsvorganges, 
Int. Ztschr. f. Psa., XI, 1925. 

12) Zuerst auf dem Salzburger Kongreß 1924 vorgetragen. 

13) Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 



494 



James Strachey 



Patienten zu stark richtet, dann wird der Parasit sicher ausgestoßen. Und 
jedenfalls ist, sobald die Hypnose aufgehört hat, auch die Macht des parasiti- 
schen Ober-Ichs zu Ende und das ursprüngliche Über-Ich nimmt seine Tätig- 
keit wieder auf. 

So strittig die Einzelheiten der Rado sehen Beschreibung auch sein mögen, 
sie betont nicht nur ausdrücklich wieder den Begriff des Uber-Ichs als Stütz- 
punkt der Psychotherapie, sondern sie lenkt auch die Aufmerksamkeit auf den 
wichtigen Unterschied zwischen der Wirkung von Hypnose und Analyse, hin- 
sichtlich ihrer Dauerhaftigkeit. Die Hypnose wirkt hauptsächlich ■ vorüber- 
gehend, und Rados Theorie vom parasitischen Ober-Ich, das das ursprüng- 
liche nicht wirklich ersetzt, sondern es nur außer Tätigkeit setzt, gibt ein 
gutes Bild ihres sichtbaren "Wirkens. Die Analyse hingegen will, soweit sie auf 
das Über-Ich des Patienten einzuwirken sucht, etwas viel weiter Reichendes 
und Beständigeres erzielen, nämlich eine integrale Veränderung im Wesen des 
Über-Ichs des Patienten selbst. 14 Einige jüngere Entwicklungen der psycho- 
analytischen Theorie geben, wie mir scheint, einen Hinweis darauf, in welcher 
Richtung vielleicht ein klareres Verständnis der Frage erreicht werden kann. 

Introjektion und Projektion. 

Die jüngste Entwicklung der Theorie hat sich sehr eingehend mit den de- 
struktiven Impulsen beschäftigt und hat sie zum erstenmal in den Mittel- 
punkt des Interesses gerückt; gleichzeitig hat sie die Aufmerksamkeit auf die 
verwandten Probleme des Schuldgefühls und der Angst konzentriert. Ich 
meine hier besonders jene Vorstellung über die Gestaltung des Uber-Ichs, die 
kürzlich Melanie Klein entwickelt hat, sowie die große Bedeutung, die sie 
den Vorgängen der Introjektion und Projektion in der Entwicklung der Per- 
sönlichkeit beimißt. Ich möchte das, was ich für ihre Ansichten halte, in einem 
ganz schematischen Umriß nochmals darlegen. 15 

14) Diese Hypothese scheint einen Widerspruch zu enthalten gegenüber maßgebenden 
Äußerungen, denen zufolge die Struktur des Über-Ichs in sehr frühem Alter endgültig nieder- 
gelegt und bestimmt wird. So scheint Freud in einigen Absätzen der Ansicht zu sein, das 
Ober-Ich (oder wenigstens sein Hauptkern) werde ein für allemal zur Zeit des Untergangs 
des Ödipuskomplexes gebildet. (Siehe z. B. „Das Ich und das Es", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 393.) 
Auch Melanie Klein spricht von der Entwicklung des Über-Ichs, die beim Einsetzen des 
Latenzalters ihren Abschluß findet („Die Psychoanalyse des Kindes", S. 190), obwohl sie an 
vielen anderen Stellen (z. B. ibid. S. 289) behauptet, das Über-Ich könne in einem späteren 
Alter geändert werden. Ich weiß nicht, wieweit der Widerspruch wirklich besteht. Meine 
Theorie bestreitet nicht im mindesten die Tatsache, daß im normalen Verlauf der Ereignisse 
das Über-Ich im frühen Alter bestimmt wird und daher im wesentlichen unverändert bleibt. 
Es ist sogar ein Teil meiner Ansicht, daß in der Praxis nichts außer dem Vorgang der 
Psychoanalyse es ändern kann. Natürlich ist es bekannt, daß in vieler Beziehung die analyti- 
sche Situation einen infantilen Zustand bei dem Patienten neu hervorbringt, so daß die Tat- 
sache des Analysiertwerdens sozusagen das Über-Ich des Patienten noch einmal in den 
Schmelztiegel werfen kann. Oder es ist ein neues Zeichen der Unerwachsenheit des Neur- 
otikers, daß sein Über-Ich in einem schmiegsamen Zustand bleibt. 

15) S. „Die Psychoanalyse des Kindes" (1932), allenthalben; besonders Kapitel VIII und IX. 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 495 

Das Individuum, sagt sie, introjiziert und projiziert fortgesetzt die Objekte 
seiner Es-Regungen, und der Charakter seiner introjizierten Objekte hängt von 
dem Charakter der Es-Regungen ab, die sich auf die äußeren Objekte richten. 
So werden z. B. die Gefühle eines Kindes in der Phase seiner libidinösen Ent- 
wicklung, in der es von oraler Aggression beherrscht wird, gegen das äußere 
Objekt oral-aggressiv sein. Es wird dann das Objekt introjizieren, und das 
introjizierte Objekt wird nun (in der Art eines Uber-Ichs) in oral-aggressiver 
Weise gegen das Ich des Kindes vorgehen. Der nächste Vorgang ist die Rück- 
projektion dieses oral-aggressiven introjizierten Objekts auf das äußere Objekt, 
das jetzt seinerzeit als oral-aggressiv erscheinen wird. Die Tatsache nun, daß 
das äußere Objekt jetzt als gefährlich und destruktiv empfunden wird, ver- 
anlaßt wiederum die Es-Regungen, zum Zwecke der Selbstverteidigung eine 
noch aggressivere und destruktivere Haltung gegen das Objekt einzunehmen. 
So ist ein circulus vitiosus errichtet. Dieser Vorgang sucht die außerordent- 
liche Strenge des Uber-Ichs bei kleinen Kindern zu erklären, ebenso wie ihre 
sinnlose Furcht vor äußeren Objekten. In der Entwicklung eines normalen 
Individuums erreicht die Libido schließlich die Genitalstufe, auf der die 
positiven Regungen vorherrschen. Seine Haltung den äußeren Objekten 
gegenüber wird dadurch viel freundlicher werden und demgemäß sein intro- 
jiziertes Objekt (oder Über-Ich) weniger streng, der Kontakt seines Ichs mit 
der Realität weniger entstellt sein. Beim Neurotiker jedoch wird aus ver- 
schiedenen Gründen — ob infolge Versagung oder Unfähigkeit des Ichs, Es- 
Regungen zu ertragen, oder zufolge einem angeborenen Übermaß der de- 
struktiven Komponente — die Entwicklung bis zur Genitalstufe nicht ein- 
treten, sondern das Individuum wird auf seiner Prägenitalstufe fixiert bleiben. 
Sein Ich bleibt also dem Druck eines ungezähmten Es einerseits, und einem 
ebenso ungezähmten Über-Ich anderseits ausgeliefert, und der circulus vitiosus, 
den ich eben beschrieben habe, ist für immer geschlossen. 

Der neurotische circulus vitiosus. 
Ich möchte vorschlagen, unter Zuhilfenahme der Hypothese, die ich soeben 
in einer so dürftigen Form dargestellt habe, uns nicht nur vom Mechanismus 
einer Neurose, sondern auch vom Mechanismus ihrer Heilung eine Anschau- 
ung zu bilden. Die Auffassung einer Neurose als hauptsächliches Hindernis 
oder ablenkende Kraft auf dem "Wege zur normalen Entwicklung ist schließlich 
nichts Neues. Neu ist auch nichts an der Überzeugung, daß die Psychoanalyse 
(infolge der Eigenheiten der analytischen Situation) imstande ist, dieses Hin- 
dernis zu beseitigen und so die normale Entwicklung ihren Fortgang nehmen 
zu lassen. Ich will nur versuchen, unsere Vorstellung etwas präziser zu ge- 
stalten, wenn ich annehme, das pathologische Hindernis für die Weiterent- 
wicklung des Neurotikers sei eine Art circulus vitiosus, wie ich ihn beschrieben 
habe. Wenn irgendwie eine Bresche in den circulus vitiosus geschlagen werden 




könnte, würde der Entwicklungsvorgang seinen normalen Verlauf nehmen. 
Wenn z. B. der Patient seinem Über-Ich oder dem introjizierten Objekt ge- 
genüber weniger furchtsam gemacht werden könnte, würde er weniger 
schreckvolle Imagines auf das äußere Objekt projizieren und würde weniger 
Anlaß haben, gegen dieses Feindschaft zu empfinden. Das Objekt, das er dann 
introjizierte, würde seinerseits einen weniger heftigen Druck auf die Es-Regungen 
ausüben, die etwas von ihrer primitiven Ungezähmtheit verlieren könnten. 
Kurz, an Stelle des circulus vüiosus wäre ein benigner Kreis errichtet, und 
die libidinöse Entwicklung des Patienten würde schließlich zur genitalen Stufe 
fortschreiten, worauf, wie im Falle eines normalen Erwachsenen, sein Über- 
Ich verhältnismäßig mild würde und sein Ich einen relativ ungestörten Kon- 
takt mit der Realität hätte. 16 

Aber an welchem Punkt ist die Bresche in den verhängnisvollen Kreis zu 
schlagen, und wie kann das wirklich durchgeführt werden? Zweifellos ist es 
leichter gesagt als getan, wenn von der Änderung des Über-Ichs einer Person 
die Rede ist. Trotzdem weisen die Zitate, die ich aus früheren Diskussionen 
herangezogen habe, nachdrücklich darauf hin, daß das Über-Ich eine wichtige 
Rolle in der Lösung unseres Problems zu spielen pflegt. Bevor wir jedoch 
weitergehen, wird es nötig sein, sich etwas näher mit der Beschreibung dessen 
zu befassen, was die analytische Situation genannt wird. Die Beziehung zwi- 
schen den beiden Personen, die sie einschließt, ist eine höchst verwickelte; für 
unseren augenblicklichen Zweck will ich nur zwei Elemente aus ihr heraus- 
heben. Erstens neigt der Patient dazu, in der Analyse alle seine Es-Regungen 
auf den Analytiker zu zentralisieren. Ich will mich nicht weiter über diese 
Tatsachen und ihre Folgerungen verbreiten, da sie allgemein bekannt sind. 
Ich möchte nur ihre außerordentliche Wichtigkeit für alles, was jetzt folgt, 
hervorheben und gleich zu dem zweiten Element der analytischen Situation 
übergehen, das ich gesondert behandeln möchte. Der Patient neigt in der 
Analyse dazu, den Analytiker irgendwie als Ersatz für sein Über-Ich zu ak- 
zeptieren. Ich schlage vor, an diesem Punkte die passende Wendung — mit 
einer kleinen Abänderung — nachzuahmen, die Rado in seinem Bericht 
über die Hypnose gebraucht, und zu sagen, der Patient neigt dazu, in der 
Analyse aus dem Analytiker ein „Hilfs-Über-Ich" („auxiliary super-ego") zu 
machen. Dieser Ausdruck und die darin enthaltene Beziehung bedürfen 
zweifellos noch einer Erklärung. 

Der Analytiker als „Hilfs-Über-Ich" 

Wenn ein neurotischer Patient im gewöhnlichen Leben ein neues Objekt 

trifft, wird er — nach unserer u nterlegten Hypothese — seine introjizierten 

16) Eine ähnliche Ansicht ist öfters von Melanie Klein ausgesprochen worden. Vgl. z.B. 
„Die Psychoanalyse des Kindes", S. 289. Sie wurde noch deutlicher und ausführlicher von 
Melitta Schmideberg entwickelt: „Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher", 
Int. Ztschr. f. Psa., XVIII, 1932. 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 497 

archaischen Objekte auf dieses zu projizieren suchen, und das neue Objekt 
wird bis zu diesem Grade ein Phantasieobjekt werden. Es ist vorauszusetzen, 
daß seine introjizierten Objekte mehr oder weniger in zwei Gruppen zer- 
fallen, die als „gutes" introjiziertes Objekt (oder mildes Uber-Ich) und „böses" 
introjiziertes Objekt (oder strenges Ober-Ich) funktionieren. 17 Je nach dem 
Grade, in dem sein Ich mit der Realität Kontakt behält, wird das „gute" 
introjizierte Objekt auf wohlwollende wirkliche äußere Objekte projiziert und 
das „böse" auf bösartige wirkliche äußere Objekte. Da er jedoch gemäß unserer 
Voraussetzung neurotisch ist, wird das „böse" introjizierte Objekt vorherrschen 
und wird mehr als das „gute" projiziert werden; und dann wird eine weitere 
Tendenz bestehen, selbst dort, wo am Anfang das „gute" Objekt projiziert 
wurde, es nach einiger Zeit durch das „böse" zu ersetzen. Demnach wird es 
wohl richtig sein, daß im allgemeinen die Phantasieobjekte des Neurotikers 
in der Außenwelt vorherrschend gefährlich und feindselig sind. Überdies, da 
selbst seine „guten" introjizierten Objekte nur entsprechend einem archaischen 
und infantilen Maßstab „gut" sein werden und bis zu einem gewissen Umfang 
nur beibehalten werden, um den „bösen" Objekten entgegenzuarbeiten, werden 
auch seine „guten" Phantasieobjekte in der Außenwelt der Realität nur wenig 
entsprechen. Gehen wir zurück zu dem Augenblick, da unseren neurotischen 
Patienten ein neues Objekt im wirklichen Leben begegnet, und nehmen wir 
an (was der häufigere Fall sein wird), daß er sein „böses" Objekt darauf pro- 
jiziert — - dann wird das äußere Objekt ihm gefährlich erscheinen, er 
wird sich vor ihm fürchten und wird, um sieh zu verteidigen, noch 
böser werden. Wenn er also wieder das neue Objekt introjiziert, wird er nur 
eine schreckeinflößende Imago mehr hinzufügen zu denen, die er schon früher 
introjiziert hat. Die neue introjizierte Imago wird also tatsächlich einfach nur 
ein Duplikat der ursprünglichen archaischen sein, und sein Über-Ich wird fast 
genau so bleiben, wie es war. Dasselbe wird sich mutatis mutandis abspielen, 
wenn er anfängt, sein „gutes" introjiziertes Objekt auf das neue äußere Ob- 
jekt, dem er begegnet ist, zu projizieren. Zweifellos wird das Resultat eine 
leichte Stärkung seines milden Über-Ichs auf Kosten seines strengen sein, und 
sein Zustand wird sich bis zu diesem Grade bessern. Aber in seinem Über- 
ich wird keine qualitative Änderung eintreten, denn das neue „gute" intro- 
jizierte Objekt wird nur ein Duplikat eines archaischen Originals sein und 
wieder nur das bereits vorhandene archaische „gute" Über-Ich verstärken. 

Wenn dieser neurotische Patient in der Analyse mit einem neuen Objekt 
in Kontakt kommt, dann bewirkt dies vom ersten Augenblick an eine andere 
Situation. Sein Über-Ich ist jedenfalls weder homogen noch gut organisiert; die 
Beschreibung, die ich bisher davon gegeben habe, war allzu einfach und 

17) Diese Tendenz zur Spaltung zwischen den „guten" und „bösen" introjizierten Ob- 
jekten wurde von Melanie Klein behandelt in ihrem Artikel über „The Psychogenesis of 
Manie-Depressive States", Int. Journ. of PsA., XVI, 1935. 



schematisch. Tatsächlich stammen die introjizierten Imagines, die es zusam- 
mensetzen, aus einer Anzahl verschiedener Phasen seiner Geschichte und funk- 
tionieren einigermaßen unabhängig voneinander. Infolge der Besonderheiten 
der analytischen Situation und des Benehmens des Analytikers neigt die intro- 
jizierte Imago desselben dazu, von dem übrigen Über-Ich des Patienten 
ziemlich deutlich abgetrennt zu werden. (Das setzt natürlich seinerseits einen 
gewissen Grad von Kontakt mit der Realität voraus. Hier haben wir eines 
der fundamentalen Kriterien der Zugänglichkeit zur psychoanalytischen Be- 
handlung; ein anderes, das wir bereits stillschweigend anerkannt haben, ist die 
Fähigkeit des Patienten, seine Es-Regungen an den Analytiker zu heften.) 
Diese Trennung zwischen der Imago des introjizierten Analytikers und dem 
restlichen Über-Ich des Patienten wird in einem recht frühen Stadium der 
Behandlung klar; z. B. in Verbindung mit der Grundregel der freien Assozia- 
tion. Der neue Teil des Über-Ichs sagt dem Patienten, daß er alles sagen könne, 
was ihm in den Sinn kommt. Das geht eine "Weile ganz gut; aber bald ent- 
steht ein Konflikt zwischen dem neuen und dem übrigen Teil, denn das ur- 
sprüngliche Über-Ich sagt: „Du darfst das nicht sagen, denn wenn du's tust, 
wirst du ein obszönes Wort gebrauchen oder jemandes Vertrauen täuschen." 
Die Abtrennung des neuen Teiles — den ich das Hilfs-Über-Ich genannt habe 
— neigt dazu, sich gerade aus dem Grund zu behaupten, weil dieser in einer 
von dem übrigen Über-Ich verschiedenen Richtung arbeitet. Und das stimmt 
nicht nur für das „strenge" Über-Ich, sondern auch für das „milde". Denn 
wenn auch das Hilfs-Über-Ich wirklich freundlich ist, ist es nicht in derselben 
archaischen Art freundlich wie die introjizierten „guten" Imagines des Pa- 
tienten. Das wichtigste Charakteristikum des Hilfs-Über-Ichs ist, daß sein Rat 
an das Ich sich folgerichtig auf reale und zeitgerechte Erwägungen stützt, 
und das allein dient dazu, es von dem größeren Teil des ursprünglichen Über-, 
Ichs zu unterscheiden. 

Trotzdem ist die Situation jedoch außerordentlich unsicher. Die ganze 
Differenzierung tendiert ständig zusammenzubrechen. Der Patient ist jeder- 
zeit geneigt, seine schreckeinflößende Imago auf den Analytiker zu projizieren, 
gerade als ob dieser irgend jemand anderer wäre, dem er im Laufe seines Le- 
bens begegnet sein könnte. Wenn das eintritt, wird die introjizierte Imago des 
Analytikers dem übrigen strengen Über-Ich des Patienten ganz und gar ein- 
verleibt, und das Hilfs-Über-Ich verschwindet. Und selbst wenn der Inhalt 
des Ratschlages des Hilfs-Über-Ichs als verschieden oder entgegengesetzt von 
dem des Original-Über-Ichs erkannt wird, wird seine Art oft als dieselbe emp- 
funden. So z. B. kann der Patient fühlen, daß der Analytiker ihm gesagt 
hat: „Wenn du nicht alles sagst, was dir gerade durch den Kopf geht, werde 
ich dich fest verprügeln", oder „wenn du dieses Stück Unbewußtes nicht be- 
wußt machst, werfe ich dich aus dem Zimmer hinaus." Diese sonderbare Be- 
ziehung zwischen dem Analytiker und dem Ich des Patienten scheint, so 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 



499 



labil und in ihrer Autorität beschränkt sie ist, nichtsdestoweniger dem Ana- 
lytiker sein Hauptinstrument in die Hand zu geben, um den therapeutischen 
Prozeß weiterzuentwickeln. "Was ist diese Hauptwaffe im Rüstzeug des 
Analytikers? Der Name kommt uns sofort auf die Zunge. Diese Waffe ist 
natürlich die Deutung. Und hier kommen wir zum Kern des Problems, das 
ich in diesem Aufsatz erörtern will. 



Die Deutung 

"Was ist also die Deutung? Und wie wirkt sie? Man scheint außerordentlich 
wenig über sie zu wissen, was aber einen fast allumfassenden Glauben an ihre be- 
sondere Wirksamkeit als Waffe nicht hindert. Die Deutung hat — das muß 
eingestanden werden — viele Eigenschaften einer Zauberwaffe. Natürlich 
wird sie von vielen Patienten auch als solche empfunden. Einige von ihnen 
verbringen manchmal Stunden damit, Deutungen von sich aus zu liefern, — 
oft erfinderische, erleuchtende, korrekte. Andere wieder finden eine direkt 
libidinöse Befriedigung beim Erhalten von Deutungen und können sogar eine 
richtige Deutungssucht entwickeln. In nichtanalytischen Kreisen wird die 
Deutung entweder als lächerlich abgetan oder als schreckliche Gefahr ge- 
fürchtet. Die letztere Haltung wird, glaube ich, öfter als man denkt, von 
einer gewissen Anzahl von Analytikern geteilt. Das zeigte sich besonders in 
den Reaktionen verschiedener Gruppen auf die von Melanie Klein zuerst 
ausgesprochene Idee, kleinen Kindern Deutungen zu geben. Ich glaube, 
man würde im allgemeinen nicht fehlgehen zu sagen, daß die Analytiker 
geneigt sind, Deutungen als etwas ganz besonders Machtvolles zu empfinden, 
im Guten und Bösen. Ich spreche jetzt von unseren Gefühlen über die Deu- 
tung, zum Unterschied von unseren rational begründeten Meinungen. Und 
es mag gute Gründe dafür geben, anzunehmen, daß unsere Gefühle in dieser 
Sache unsere Überzeugungen zu entstellen suchen. Auf alle Fälle scheinen viele 
von diesen Überzeugungen an der Oberfläche einander zu widersprechen; 
und die Überzeugungen entspringen nicht immer verschiedenen Denkschulen, 
sondern werden offenbar manchmal gleichzeitig von einem einzelnen auf» 
gestellt. So wird uns gesagt, daß wir durch allzufrühe oder allzurasche Deu- 
tung Gefahr laufen, einen Patienten zu verlieren; daß wir uns der gleichen 
Gefahr aussetzen, wenn wir nicht unverzüglich und tief deuten; daß die 
Deutung unerträgliche und unbeherrschbare Ausbrüche von Angst hervorrufen 
könne durch „Entbindung" derselben; daß die Deutung der einzige Weg sei; 
um einem Patienten zu ermöglichen, einem unlenkbaren Ausbruch von Angst 
die Spitze zu bieten durch „Auflösung" derselben; daß Deutungen sich immer 
auf Material beziehen müssen, das gerade im Begriff ist, ins Bewußte aufzu- 
tauchen; daß die nützlichsten Deutungen die wirklich tiefen sind. „Seid vor- 
sichtig mit euren Deutungen" — sagt eine Stimme. „Im Zweifelsfalle deuten" 
— sagt eine andere. Obwohl offenbar vielerlei Konfusion in alledem steckt, 



5 00 James Strachey 



halte ich diese Ansichten trotzdem nicht für unbedingt unvereinbar; die 
verschiedenen Ratschläge können sich — wie sich herausstellt — auf 'ver- 
schiedene Umstände und verschiedene Fälle beziehen und ebenso auf ver- 
schiedene Verwendungen des Wortes „Deutung" zurückgehen. 

Denn das Wort wird augenscheinlich in mehr als einem Sinn verwendet. 
Schließlich ist es vielleicht nur ein Synonym für den alten Ausdruck, dem 
wir schon begegnet sind — „das Unbewußte bewußt machen" — und es teilt 
die ganze Zweideutigkeit dieses Ausdrucks. Wenn wir jemandem, der nicht 
englisch kann, ein englisch-deutsches Wörterbuch geben, so heißt das in ge- 
wissem Sinne, ihm eine Sammlung von Deutungen zu geben, und in diesem 
Sinne ist, glaube ich, der Begriff der Deutung in einer Arbeit von Bernfeld 
behandelt worden. 18 Solche beschreibende Deutungen haben sichtlich keine 
Beziehung zu unserem gegenwärtigen Thema und ich will ohne weiteres daran 
gehen, so klar ich kann, eine besondere Art von Deutung zu definieren, die 
mir tatsächlich das letzte Instrument der psychoanalytischen Therapie zu 
sein scheint und der ich bequemlichkeitshalber den Namen „mutative" Deu- 
tung („mutative" Interpretation) geben möchte. 

Ich werde zunächst einen schematisierten Umriß dessen geben, was ich unter 
Deutung verstehe, um die Einzelheiten dann später nachzutragen; außerdem 
werde ich im Interesse der Klarheit der Darstellung die Deutung einer feind- 
seligen Regung als Beispiel nehmen. Kraft seiner Macht (seiner engbegrenzten 
Macht) als Hüfs-Über-Ich gibt der Analytiker einer gewissen kleinen Quantität 
von Es-Energie des Patienten (in unserem Beispiel also in der Form einer 
aggressiven Regung) Erlaubnis, bewußt zu werden. 19 Da es in der Natur der 
Dinge liegt, daß der Analytiker auch das Objekt der Es-Regungen des Pa- 
tienten ist, wird die Energie dieser Regungen, die jetzt ins Bewußtsein gelassen 
werden, bewußt auf den Analytiker gerichtet werden. Das ist der kritische 
Punkt. Wenn alles gut geht, wird das Ich des Patienten den Kontrast zwischen 
dem aggressiven Charakter seiner Gefühle und der wirklichen Natur des 
Analytikers bemerken, der sich nicht wie die „guten" oder „bösen" archa- 
ischen Objekte benimmt. Das heißt, der Patient wird einen Unterschied bemerken 
zwischen seinem archaischen Phantasie-Objekt und dem realen äußeren Objekt. 
Die Deutung ist zur mutativen geworden, da sie in den neurotischen circulus 
vitiosus eine Bresche gelegt hat. Denn der Patient wird, nachdem er das 
Nichtvorhandensein von Aggressivität beim realen äußeren Objekt erkannt 

18) „Der Begriff der Deutung in der Psychoanalyse", Ztschr. f. angewandte Psychologie, 
Bd. 42, 1932. Em kritisches Referat darüber von Gero in Imago, XIX, 1933. 

19) Ich mache keinen Versuch, den Vorgang in korrekt metapsychologischen Ausdrücken 
zu beschreiben. Nach Freuds Ansicht hat z.B. „der Gegensatz von Bewußt und Unbewußt 
aui den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Objekt des Bewußtseins werden, nur 
die Vorstellung, die ihn repräsentiert" („Das Unbewußte", Ges. Sehr., Bd. V, S.491). Trotz- 
dem mochte ich der Einfachheit halber in diesem ganzen Artikel den Ausdruck „die Es- 
Regungen bewußt machen" gebrauchen. 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 501 

hat, fähig sein, seine eigene Aggressivität zu vermindern; das neue Objekt, 
das er introjiziert, wird weniger aggressiv sein und daher wird auch die 
Aggressivität seines Uber-Ichs vermindert werden. Als weitere Folgeerschei- 
nung dieser Vorgänge und gleichzeitig damit wird der Patient Zugang zu dem 
infantilen Material erlangen, das er in seiner Beziehung zu dem Analytiker 
wieder neu durchmacht. 

Das ist das allgemeine Schema der mutativen Deutung. Man wird bemerken, 
daß in meinem Bericht der Vorgang in zwei Phasen zu zerfallen scheint. Ich 
möchte nicht gern die Frage vorher beurteilen, ob diese beiden Phasen ein- 
ander zeitlich folgen oder ob sie nicht in Wirklichkeit zwei gleichzeitige Seiten 
eines einzigen Vorgangs sein können. Aber für beschreibende Zwecke ist es 
leichter, sie zu behandeln, als seien sie aufeinanderfolgend. Zuerst ist also die 
Phase, in der der Patient einer bestimmten Quantität von Es-Energie als gegen 
den Analytiker gerichtet bewußt wird, und dann die Phase, in der der Patient 
einsieht, daß diese Es-Energie auf ein archaisches Phantasie-Objekt gerichtet 
ist und nicht auf ein reales. 

Die erste Phase der Deutung 
Die erste Phase der mutativen Deutung — in der ein Teil der Es-Beziehung 
des Patienten zum Analytiker bewußt gemacht wird, kraft der Stellung des 
letzteren als Hilfs-Über-Ich — ist an sich verwickelt. Bei dem klassischen 
Vorbild einer Deutung wird dem Patienten zuerst ein Spannungszustand in 
seinem Ich bewußt gemacht, dann wird ihm klargemacht, daß ein Verdrän- 
gungsfaktor am "Werk ist (daß sein Ober-Ich ihm mit Strafe droht), und dann 
erst wird ihm gezeigt, daß eine Es-Regung den Protest seines Über-Ichs herbei- 
geführt und so die Angst in seinem Ich erweckt hat. Das ist das klassische 
Schema. In der wirklichen Praxis geht der Analytiker von allen drei Seiten 
zugleich vor oder in unregelmäßiger Aufeinanderfolge. In einem Augenblick 
kann ein kleiner Teil des Über-Ichs des Patienten sich ihm in all seiner Un- 
gezähmtheit enthüllen, in einem anderen die zurückweichende Hilflosigkeit 
von dessen Ich; wieder in einem anderen kann die Aufmerksamkeit des 
Analytikers auf die Versuche gelenkt werden, die der Patient zum Zwecke 
der Wiedergutmachung unternimmt, um seine Feindseligkeit zu kompensieren; 
bei manchen Gelegenheiten mag ein Bruchteil von Es-Energie sogar unmittel- 
bar ermutigt werden, sich einen Weg durch die letzten Überreste eines schon 
geschwächten Widerstandes zu bahnen. Ein Charakteristikum haben alle die 
verschiedenen Vorgänge gemeinsam: sie spielen sich alle in einem kleinen 
Maßstab ab. Denn die mutative Deutung ist unvermeidlich von dem Prinzip 
der minimalsten Dosen beherrscht. Es ist, wie ich glaube, ein allgemein an- 
erkanntes klinisches Faktum, daß bei einem analytischen Patienten Verände- 
rungen fast immer nur ganz allmählich zum Vorschein kommen: wir sind 
sogar geneigt, plötzliche und starke Veränderungen eher als Anzeichen für 



5°2 James Strachey 



: !■'.■: 



die "Wirkung eines suggestiven als eines psychoanalytischen Prozesses zu be- 
argwöhnen. Die allmählichen Veränderungen, die die Psychoanalyse hervor- 
bringt, ließen sich erklären, wenn — wie ich andeuten will — diese Ver- 
änderungen das Resultat des Zusammenwirkens einer Unzahl von winzigen 
Schritten sind, von denen jeder einer mutativen Deutung entspricht. Und die 
Kleinheit jedes Schrittes ist wiederum eben durch die Natur der analytischen 
Situation bedingt. Denn jede Deutung schließt die Befreiung einer gewissen 
Quantität Es-Energie ein; wenn aber, wie wir gleich sehen werden, die be- 
freite Quantität zu groß ist, dann muß der äußerst unsichere Gleichgewichts- 
zustand, der es dem Analytiker ermöglicht, als Hilfs-Über-Ich zu fungieren, 
erschüttert werden. Die ganze analytische Situation kann so gefährdet wer- 
den, da nur durch das Fungieren des Analytikers als Hilfs-Uber-Ich dieses 
Freiwerden von Es-Energie überhaupt eintreten kann. 

Wir wollen die genauen Einzelheiten der Wirkungen prüfen, die den Ver- 
suchen des Analytikers folgen, eine zu große Quantität von Es-Energie auf 
einmal in das Bewußtsein des Patienten zu bringen. 20 Entweder es mag gar 
nichts passieren oder es kann zu einem unbeherrschbaren Ergebniis kommen: aber 
in keinem dieser Fälle wird eine mutative Deutung wirksam geworden sein. 
Im ersten Falle (wo scheinbar keine Wirkung vorhanden ist) wird die Macht 
des Analytikers als Hilfs-Uber-Ich nicht groß genug für die Aufgabe gewesen 
sein, die er sich gestellt hat. Aber auch das kann zwei sehr verschiedene Ur- 
sachen haben. Es kann sein, daß die Es-Regungen, die er hervorzuholen 
versuchte, tatsächlich in diesem Moment nicht drängend genug waren; denn 
schließlich hängt das Auftauchen einer Es-Regung von zwei Faktoren ab — 
nicht nur von der Erlaubnis des Über-Ichs, sondern auch von der Dringlich- 
keit (dem Grad der Besetzung) der Es-Regung selbst. Das also kann die eine 
Ursache einer scheinbar negativen Gegenwirkung einer Deutung sein und 
augenscheinlich eine recht harmlose. Aber das scheinbar gleiche Resultat kann 
auch etwas anderem zuzuschreiben sein; obwohl die Es-Regung wirklich 
drängend ist, kann die Kraft der eigenen Verdrängungsmächte (der Grad der 
Verdrängung) zu groß gewesen sein, um dem Ich zu erlauben, der überreden- 
den Stimme des Hilfs-Uber-Ichs zu lauschen. Hier haben wir eine Situation, 
dynamisch mit der nächsten identisch, die wir zu berücksichtigen haben, aber 
ökonomisch verschieden. Diese nächste Situation ist die, daß der Patient 
die Deutung akzeptiert, d. h. die Es-Regung in sein Bewußtsein zuläßt, aber 
sofort von Angst überwältigt wird. Das kann sich in verschiedener Weise 
zeigen: der Patient kann z. B. einen manifesten Angstarifall bekommen, oder 
er zeigt Zeichen von „realem" Ärger gegen den Analytiker bei vollständigem 
Mangel an Einsicht, oder er kann die Analyse abbrechen. In jedem dieser Fälle 
wird die analytische Situation, für den Augenblick wenigstens, zusammen- 

20) Übrigens scheint es, als ob ein qualitativer Faktor ebenso zu berücksichtigen wäre; 
das heißt, einige Arten der Es-Regungen sind wohl abstoßender für das Ich als andere. 



Die Grundlagen der therapeutische n Wirkung der Psychoanalyse 503 

gebrochen sein. Der Patient wird sich geradeso benehmen, wie das hypnotisierte 
Individuum sich benimmt, wenn der Hypnotiseur ihm etwas befohlen hat, das 
zu sehr im Gegensatz zu seinem Gewissen steht — er bricht die hypnotische 
Verbindung ab und erwacht aus seiner Trance. Dieser Stand der Dinge, der 
manifest ist, wenn der Patient auf eine Deutung mit einem wirklichen Aus- 
bruch von Angst oder einem ihrer Äquivalente reagiert, kann latent sein; 
dann zeigt der Patient keine Gegenwirkung. Und der letztere Fall kann der 
schwierigere von den beiden sein, da er maskiert ist, und er kann manchmal, 
glaube ich, eher die Wirkung einer noch übermäßigeren Dosis von Deutung 
sein als etwa der Fall, wo manifeste Angst auftaucht (obwohl offenbar andere 
Faktoren hier von entscheidendem Einfluß sein werden, vor allem die Art 
der Neurose des Patienten). Ich habe diesen drohenden Zusammenbruch der 
analytischen Situation einer zu großen Dosis Deutung zugeschrieben; aber 
es wäre in mancher Beziehung genauer, ihn einer ungenügenden Dosis 
zuzuschreiben. Denn was geschehen ist, ist, daß die zweite Phase des Deu- 
tungsprozesses nicht eingetreten ist; die Phase nämlich, in der der Patient 
einsieht, daß seine Regung auf ein archaisches Phantasieobjekt und nicht auf 
ein wirkliches gerichtet ist. 

Die zweite Phase der Deutung- 
in der zweiten Phase einer vollständigen Deutung spielt also der Realitäts- 
sinn des Patienten eine entscheidende Rolle. Denn das erfolgreiche Ergebnis 
dieser Phase hängt von seiner Fähigkeit ab, im kritischen Augenblick des 
Bewußtwerdens der freigewordenen Triebregung zwischen dem Phantasie- 
objekt und der realen Person des Analytikers zu unterscheiden. "Welche Hilfe 
kann der Analytiker dem Patienten beim Einsehen dieses Unterschieds geben? 
Einerseits kann er viel tun, indem er ihn in möglichst vielen Einzelheiten 
darauf aufmerksam macht, wie die infantilen Erfahrungen und Phantasien 
beschaffen sind, die das Bild seines Phantasieobjekts bestimmen. Anderseits 
kann man erwarten, daß er versuchen sollte, ihm ein klares Bild seiner selbst 
zu geben, wie er wirklich ist. Aber da ist die Lage komplizierter. Dieses 
Problem berührt sich enge mit jenem, das ich schon besprochen habe, näm- 
lich dem der äußersten Labilität der Position des Analytikers als Hilfs-Uber- 
Ich. Die „analytische" Situation droht die ganze Zeit in eine „reale" auszu- 
arten. Aber das bedeutet in "Wirklichkeit das Gegenteil dessen, was es zu 
sein scheint. Es bedeutet, daß der Patient die ganze Zeit auf dem Punkt ist, 
das reale äußere Objekt (den Analytiker) in das archaische zu verwandeln, 
d. h. er ist nahe daran, seine primitiven introjizierten Imagines auf diesen 
zu projizieren. Soweit der Patient dies wirklich tut, wird der Analytiker, wie 
jede andere Person, die der Patient im wirklichen Leben trifft, ein Phantasie- 
objekt. Dann hört der Analytiker auf, die besonderen Vorteile zu besitzen, 
die aus der analytischen Situation stammen; er wird wie alle anderen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 34 



504 James Strachey 



Phantasiecybjekte in das Über-Ich des Patienten introjiziert werden und nicht 
länger in der besondern Art fungieren können, die für die Durchführung 
einer mutativen Deutung wesentlich ist. In dieser Schwierigkeit ist der 
Realitätssinn des Patienten ein wesentlicher, wenn auch schwacher Verbün- 
deter; eine Besserung darin ist tatsächlich eines der Dinge, die wir von der 
Analyse erhoffen. Deshalb ist es wichtig, den Patienten einer unnötigen Span- 
nung nicht auszusetzen. Das ist eines der Hauptargumente für die einiger- 
maßen zurückhaltende und abseitige Haltung des Analytikers, die er dem 
Patienten gegenüber einnimmt, für seine Beschränkung des Kontakts mit ihm 
auf die analytische Stunde. Das bedeutet, der Analytiker darf sein wirkliches 
Selbst dem Patienten nur in kleinen Dosen präsentieren; deshalb muß der 
Analytiker jede reale Reaktion vermeiden, die die Ansicht des Patienten von 
ihm als einem „bösen" oder „guten" Phantasieobjekt bestätigen könnte. Das 
ist bezüglich des „bösen" Objektes vielleicht noch offenkundiger. Wenn z. B. 
der Analytiker zeigte, daß er über eine der Es-Regungen des Patienten wirk- 
lich empört oder erschreckt sei, würde ihn der Patient sofort in dieser Be- 
ziehung als gefährliches Objekt behandeln und ihn in sein archaisches, strenges 
Über-Ich introjizieren. Die Folge wäre einerseits eine Verminderung der 
Macht des Analytikers, als Hilfs-Uber-Ich zu fungieren und das Ich des 
Patienten seiner Es-Regungen bewußt werden zu lassen, d. h. mit einem 
Wort, seiner Macht, die erste Phase einer mutativen Deutung zustande zu 
bringen; anderseits würde er als Realobjekt von dem „bösen" Phantasie- 
objekt des Patienten empfindlich wenig zu unterscheiden sein, und im gleichen 
Maße wäre auch die Durchführung der zweiten Phase einer mutativen 
Deutung erschwert. Oder wieder ein anderer Fall. Angenommen, der Ana- 
lytiker benimmt sich in entgegengesetzter Weise und dringt darauf, daß der 
Patient seinen Es-Regungen die Zügel schießen läßt. Dann besteht die Mög- 
lichkeit, daß der Patient den Analytiker mit der Imago eines verräterischen 
Elternteils verwechselt, der ihn erst ermutigt, Befriedigung zu suchen, sich 
dann aber plötzlich ändert und ihn bestraft. In einem solchen Fall mag das 
Ich des Patienten seine Verteidigung darin suchen, daß es sich gegen den 
Analytiker wendet, als ob dieser das Es wäre, und ihn mit der ganzen Strenge 
seines Über-Ichs behandelt. Auch hier läuft der Analytiker Gefahr, seine 
bevorzugte Stellung zu verlieren. Aber es kann ebenso vom Analytiker un- 
klug sein, sich real so zu benehmen, daß er den Patienten ermutigt, sein 
„gutes" introjiziertes Objekt auf ihn zu projizieren. Denn der Patient wird 
dann danach streben, ihn als gutes Objekt im archaischen Sinne anzusehen, 
wird ihn seinen archaischen „guten" Imagines einverleiben und ihn als Schutz 
gegen die „bösen" benützen. Auf diese Weise können seine infantilen positiven 
Regungen ebenso wie seine negativen der Analyse entgehen, denn dann gibt 
es vielleicht für sein Ich keine Möglichkeit mehr, zwischen dem äußeren Phan- 
tasieobjekt und dem realen einen Vergleich zu ziehen. Er wird vielleicht so 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 



5°5 



die Gelegenheit verlieren, sich endlich der Außenwelt anzupassen, in der 
sogar die guten Objekte nur im realen und nicht im archaischen Sinne gut 
sind. Man kann vielleicht einwenden, daß der Analytiker beim allerbesten 
Willen und so vorsichtig er auch sein mag, nicht imstande sein wird, den 
Patienten daran zu hindern, diese verschiedenen Imagines auf ihn zu pro- 
jizieren. Das ist natürlich unbestreitbar, und tatsächlich beruht die ganze 
Wirksamkeit der Psychoanalyse darauf, daß es sich so verhält. Die Kenntnis 
dieser Schwierigkeiten soll uns nur veranschaulichen, daß der Realitätssinn 
des Patienten sehr eng gezogene Grenzen hat. Es ist eine paradoxe Tatsache, 
daß der beste Weg, das Ich des Patienten in der Fähigkeit, Phantasie und 
Realität zu unterscheiden, zu stärken der ist, die Realität soviel als möglich 
fernzuhalten. Aber es ist wahr: Sein Ich ist so schwach — so sehr seinem Es 
und Über-Ich ausgeliefert — , daß es sich mit der Realität nur messen 
kann, wenn sie in Minimaldosen verabreicht wird. 21 Und diese Dosen sind 
tatsächlich dasjenige, was der Analytiker ihm in Form von Deutungen gibt. 

Deutung und Angstberuhigung („Reassurance") 22 

Es scheint mir möglich, daß eine Annäherung an die praktischen Doppel- 
probleme — Deutung und Angstberuhigung — durch diese Unter- 
scheidung zwischen den zwei Phasen der Deutung erleichtert werden könnte. 
Beide Verfahren können, so will es scheinen, unter gewissen Umständen 
brauchbar, ja selbst wesentlich sein, in anderen Fällen aber unratsam, sogar 
gefährlich. Im Falle der Deutung 23 kann man sagen, daß die erste unserer 
hypothetischen Phasen Angst „entbindet" und die zweite sie „auflöst". Wo 
ein gewisses Maß von Angst schon vorhanden oder auf dem Punkt auszu- 
brechen ist, kann eine Deutung dank der Wirksamkeit ihrer zweiten Phase es 
dem Patienten ermöglichen, die Unwirklichkeit seiner schreckeinflößenden 
Phantasieobjekte einzusehen und so seine eigene Feindseligkeit und folglich 
auch seine Angst herabzusetzen. Anderseits: das Ich zu veranlassen, eine 
Quantität von Es-Energie ins Bewußtsein zu lassen, heißt geradezu, einen 
Angstausbruch bei einer Person mit strengem Über-Ich zu begünstigen. Und 
gerade das tut der Analytiker in der ersten Phase der Deutung. Was die 
„Angstberuhigung" (reassurance) anlangt, so kann ich hier nur kurz auf einige 

21) Die Wichtigkeit der Minimaldosen in der psychoanalytischen Technik wurde, wie ich 
glaube, zuerst von Hanns Sachs in einigen, unveröffentlichten, Vorlesungen hervorgehoben. 

22) Es scheint für das englische Wort ,, reassurance" kein ganz; gleichbedeutendes deutsches 
Wort zu geben. In der Alltagssprache heißt es annähernd „Beruhigung". Aber es ist in der 
Psychoanalyse in Gebrauch gekommen, um Versuche zu beschreiben, die unmittelbar Angst 
beschwichtigen sollen durch das Ich des Patienten im Gegensatz zu der Methode der Deutung. 

23) Über die Notwendigkeit der „fortgesetzten und tiefführenden Deutungen" zum Zwecke 
der Verminderung oder Verhinderung von Angstanfällen siehe Melanie Klein: Die Psycho- 
analyse des Kindes, S. 41 und 42. Anderseits: „Die im Vergleich zur modifizierten Angst 
der höheren Schichten viel größeren und intensiveren Angstquantitäten der tieferen Schichten 
machen eine gewisse Dosierung der Angst erforderlich" (ibid., S. 102). 



5°6 James Strachey 



der Probleme hinweisen, die daraus entstehen. 24 Ich glaube übrigens, daß 
dieser Ausdruck ebenso dringend einer Erklärung bedarf wie jener der 
„Deutung", und daß er eine Menge verschiedener Mechanismen deckt. Aber 
im gegenwärtigen Zusammenhang kann „Angstberuhigung" als ein Verhalten 
des Analytikers beschrieben werden, darauf berechnet, daß der Patient ihn als 
„gutes" Phantasieobjekt ansieht, und nicht als ein solches Realobjekt. Ich 
habe bereits einige Gründe angeführt, die an der Zweckmäßigkeit dieses Ver- 
fahrens zweifeln lassen, obwohl es allgemein als bisweilen wertvoll angesehen 
wird, besonders bei psychotischen Fällen. Man könnte überdies auf den ersten 
Blick vermuten, daß das Einnehmen einer solchen Haltung durch den Ana- 
lytiker tatsächlich sofort die Möglichkeit einer mutativen Deutung begün- 
stigen könne. Bei einiger Überlegung wird man aber wohl merken, daß dies 
nicht wirklich der Fall ist: denn gerade insolange der Patient den Ana- 
lytiker als sein Phantasieobjekt ansieht, tritt die zweite Phase der Deutung 
nicht ein, da es doch im Wesen dieser Phase liegt, dem Patienten den Unter- 
schied zwischen seinem Phantasie- und seinem realen Objekt offenbar zu 
machen. Seine Angst wird vermindert sein, das ist wahr; aber dieses Resultat 
wird nicht durch eine Methode erreicht worden sein, die eine dauernde 
qualitative Änderung seines Über-Ichs einschließt. "Welche taktische "Wichtig- 
keit die sog. Angstberuhigung also auch besitzen mag, ich glaube doch nicht, 
daß sie beanspruchen kann, als letzter technischer Faktor in der psycho- 
analytischen Therapie angesehen zu werden. 

Es muß hier bemerkt werden, daß gewisse andere Verhaltensweisen des 
Analytikers dynamisch ein Äquivalent für eine mutative Deutung, bzw. die 
eine oder die andere der zwei Phasen des Prozesses abgeben können. Ein 
„aktiver" Befehl in der von Ferenczi erwogenen Art etwa könnte auf ein Bei- 
spiel der ersten Deutungsphase hinauslaufen; der Analytiker nützt seine be- 
sondere Stellung aus, um den Patienten zu veranlassen, in einer besonders 
kraftvollen Art einer seiner Es-Regungen bewußt zu werden. Einen der Ein- 
wände gegen diese Verfahrensweise kann man so ausdrücken, daß der Ana- 
lytiker sehr wenig Kontrolle über die Dosierung der dieserart befreiten Es- 
Energie hat, und sehr wenig Garantie, daß die zweite Deutungsphase folgen 
wird. Er kann also unwissentlich eine jener kritischen Situationen beschleu- 
nigen, zu deren Auslösung eine unvollständige Deutung immer neigt. Gelegent- 
lich kann das gleiche dynamische Bild auftauchen, wenn der Analytiker von 
dem Patienten verlangt, eine „forcierte" Phantasie zu produzieren, oder gar 
wenn der Analytiker (besonders im Frühstadium einer Analyse) dem Patienten 
eine Frage stellt; auch hier gibt der Analytiker tatsächlich eine blinde Deu- 
tung, die über die erste Phase nicht hinauszuführen sein mag. Anderseits 
kommen in einer Analyse immer leicht Situationen vor, wo der Patient, 

24) Ihre Verwendung in der Technik wurde von Melitta Schmideberg ausführlich be- 
handelt in „Reassurance as a Means of Analytic Technique", Int. Journ. of PsA., XVI, 1935- 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 507 

ohne direkte Provokation von Seiten des Analytikers, sich kleiner Quantitäten 
von Es-Energie bewußt wird. Eine Angstsituation könnte sich auch dann ent- 
wickeln, wenn der Analytiker nicht durch sein Benehmen, oder man konnte 
sagen seinen , Mangel an Benehmen, es dem Patienten ermöglichte, seinen 
Realitätssinn zu mobilisieren und die notwendige Unterscheidung zwischen 
einem archaischen und einem „realen" Objekt zu vollziehen. Was der Ana- 
lytiker da tut, ist ein Äquivalent für das Zustandebringen der zweiten Phase 
einer Deutung und die ganze Episode kann auf eine mutative Deutung hin- 
auslaufen. Es ist schwer zu bestimmen, welcher Anteil der therapeutischen 
Veränderungen, die während der Analyse vorkommen, solchen implizite 
mutativen Deutungen etwa zuzuschreiben ist. Übrigens scheint dieser Situa- 
tionstyp manchmal — wie ich glaube, mit Unrecht — als ein Beispiel für 
die „Angstberuhigung" angesehen zu werden. 

Die „Unmittelbarkeit" mutativer Deutungen 

Aber jetzt ist es Zeit, sich andern Kennzeichen zuzuwenden, die wesent- 
liche Eigenschaften jeder mutativen Deutung zu sein scheinen. Da ist in erster 
Linie eines bereits erwähnt worden, und zwar bei der Betrachtung des scheinbaren 
oder wirklichen Mangels an Wirkung, der manchmal einer Deutung folgt. Eine 
mutative Deutung kann nur bei einer Es-Regung mit aktueller Besetzung 
Anwendung finden. Das scheint selbstverständlich, denn die dynamischen 
Veränderungen in der Psyche des Patienten, die durch eine mutative Deutung 
bedingt sind, können nur durch die Wirksamkeit einer Energiemenge hervor- 
gebracht werden, die von dem Patienten selbst ausgeht; die' Aufgäbe des 
Analytikers ist lediglich, dafür zu sorgen, daß die Energie eher durch den 
einen Kanal fließen solle als durch einen anderen. Daraus folgt, daß der rein 
informatorische „Wörterbuch"-Typ der Deutung niemals mutativ sein wird, 
so nützlich er auch als Einleitung zu mutativen Deutungen sein kann. Das 
führt zu einer Reihe von praktischen Folgerungen. Jede mutative Deutung 
muß gefühlsmäßig „unmittelbar" sein, der Patient muß sie als etwas Gegen- 
wärtiges empfinden. Diese Forderung, daß die Deutung „unmittelbar" sein 
müsse, kann anders ausgedrückt werden, indem man sagt: Deutungen müssen 
immer auf den „dringlichsten Punkt" hinzielen. In jedem bestimmten 
Moment wird eine besondere Es-Regung in Bewegung sein; diese Regung und 
keine andere ist dann für eine mutative Deutung gerade empfänglich. Zweifel- 
los ist es weder möglich noch wünschenswert, die ganze Zeit mutative Deu- 
tungen zu geben; aber wie Melanie Klein hervorgehoben hat, ist es eine 
sehr wertvolle Eigenschaft eines Analytikers, jeden Augenblick den „Dring- 
lichkeitspunkt" herausfinden zu können. 25 

2$) Die Psychoanalyse des Kindes, S. 41. 



5°8 James Strachey 



„Tiefe" Deutungen 

Die Tatsache jedoch, daß jede mutative Deutung sich mit einer „dring- 
lichen" Regung befassen muß, bringt uns wieder zurück zu der allgemein 
empfundenen Furcht vor den explosiven Möglichkeiten der Deutungen, ins- 
besondere der etwas unbestimmt als „tiefe" Deutungen bezeichneten. Die 
Vieldeutigkeit des Ausdrucks braucht uns jedoch nicht zu beschäftigen. Er 
beschreibt zweifellos die Deutung von Material, das entweder genetisch früh 
und historisch entfernt von der gegenwärtigen Erfahrung des Patienten liegt 
oder das sich unter einer schweren Last von Verdrängung befindet — Material 
jedenfalls, das beim normalen Stand der Dinge für das Ich des Patienten 
überaus unzugänglich und weit von ihm entfernt ist. Es gibt scheinbar Gründe, 
zu glauben, daß die Angst, die geweckt wird, wenn sich dieses Material dem 
Bewußtsein nähert, von besonderer Schwere sein kann. 26 Die Frage, ob es 
„gefahrlos" ist, solches Material zu deuten, hängt wie gewöhnlich vor allem 
von der anderen ab, ob die zweite Deutungsphase durchgeführt werden kann. 
Im gewöhnlichen Verlauf eines Falles ist das Material, das während der 
früheren Stadien der Analyse „dringlich" ist, nicht tief. Wir haben es anfangs 
nur mit mehr oder weniger weitgehenden Verschiebungen der tiefen Regun- 
gen zu tun, und das tiefe Material selbst wird erst später und allmählich er- 
reicht, so daß kein plötzliches Auftauchen unlenkbarer Angstmengen voraus- 
zusehen ist. In Ausnahmefällen jedoch, wohl infolge einer besonderen Struktur 
der betreff enden Neurosen, können tiefe Regungen in einem sehr frühen Stadium 
der Analyse aktualisiert werden. Wir befinden uns dann in einem Dilemma. Wenn 
wir eine Deutung dieses tiefen Materials geben, kann der beim Patienten aus- 
gelöste Angstbetrag so groß sein, daß sein Realitätssinn vielleicht nicht genügt, 
um die zweite Deutungsphase zu Ende bringen zu lassen; dann kann die 
ganze Analyse aufs Spiel gesetzt sein. Man muß aber nicht denken, daß in 
kritischen Fällen wie diesen die Schwierigkeit notwendigerweise dadurch ver- 
mieden werden kann, daß man einfach überhaupt keine Deutung gibt, oder 
oberflächlichere Deutungen nicht dringlichen Materials oder aber, daß man 
„Angstberuhigungen" versucht. Tatsächlich ist es wahrscheinlich, daß gerade 
diese verschiedenen Verfahrensweisen wenig oder gar nichts zur Ver- 
meidung dieser Unannehmlichkeit tun können; im Gegenteil, sie können 
sogar die Spannung, die durch die Dringlichkeit der tiefen Regungen ent- 
steht und die die eigentliche Ursache der drohenden Angst ist, vergrößern. 
Die Angst kann also trotz diesen Linderungsbemühungen ausbrechen; dies 
geschieht aber dann unter den ungünstigsten Umständen, d. h. außerhalb 
der mildernden Beeinflussungen, die der Mechanismus der Deutung zu leisten 
vermag. Es ist deshalb möglich, daß von den beiden Alternativen, die dem 

3&) Ibid., S. i<m. 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 



509 



Analytiker offenstehen, wenn er einer solchen Schwierigkeit begegnet, die 
Deutung der dringlichen Es-Regungen, so tief sie sein mögen, wirklich die 
gefahrlosere sein wird. 



Die „Spezifität" der mutativen Deutungen 

Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf diesen Punkt kurz zurückzukom- 
men; jetzt muß ich mich beeilen, eine weitere Eigenschaft zu erwähnen, die 
eine Deutung notwendig besitzen muß, wenn sie mutativ sein will, eine 
Eigenschaft, die vielleicht nur eine andere Seite derjenigen ist, die wir schon 
beschrieben haben. Eine mutative Deutung muß „spezifisch" sein, d. h.: ein- 
gehend und konkret. Das ist in der Praxis eine Frage von Gradunterschieden. 
Wenn der Analytiker sich auf ein gegebenes Thema einläßt, können seine 
Deutungen im Anfang nicht immer Unklarheit und Allgemeinheit vermeiden; 
aber es wird nötig sein, gelegentlich alle Einzelheiten des Phantasiesystems 
des Patienten herauszuarbeiten und zu deuten. In dem Maße, wie dies ge- 
schieht, werden auch die Deutungen mutativ werden und die Notwendig- 
keit, bereits gemachte Deutungen scheinbar zu wiederholen, kann in Wirk- 
lichkeit größtenteils durch das Bedürfnis erklärt werden, Einzelheiten zu er- 
gänzen. Ich halte es für möglich, daß einige der Verzögerungen, die ver- 
zweifelte Analytiker dem Es-Widerstand des Patienten zuschreiben, auf diese 
Quelle zurückgeführt werden können. Es scheint, als ob Unklarheiten in der 
Deutung den Abwehrkräften im Ich des Patienten die Gelegenheit gäben, auf 
die sie immer warten, nämlich die Versuche des Analytikers, eine andrängende 
Es-Regung ins Bewußtsein zu locken, zu vereiteln. Eine ähnlich abstumpfende 
Wirkung kann bei gewissen Formen der Angstberuhigung erzielt werden, wie 
etwa dem Anheften einer ethnologischen Parallele oder einer theoretischen 
Erklärung an eine Deutung: ein Vorgang, der im letzten Moment eine muta- 
tive Deutung in eine nichtmutative verwandeln kann. Die scheinbare Wir- 
kung kann für den Analytiker sehr befriedigend sein; aber spätere Erfahrun- 
gen zeigen vielleicht, daß nichts von dauerndem Nutzen erreicht worden ist 
oder daß der Patient sogar eine Gelegenheit erhalten hat, seine Abwehrkräfte 
zu verstärken. Hier sind wir offenbar zu einem Thema gekommen, das vor 
kurzem Edward Glover in einer der wenigen Arbeiten der ganzen Literatur, 
die ernstlich das Problem der Deutung angreifen, behandelt hat. 27 Glover 
behauptet, daß, während eine grob unexakte Deutung wahrscheinlich über- 
haupt keine Wirkung haben wird, eine leicht unexakte eine therapeutische 
Wirkung von nichtanalytischer oder eigentlich antianalytischer Art haben 
könne, indem sie es dem Patienten ermöglicht, eine tiefere und geschicktere 
Verdrängung zu vollziehen. Er verwendet diese Annahme zur Erklärung einer 

27) „The Therapeutic Effect of Inexact Interpretation", Int. Journ. of PsA., Vol. XII, 
1931. 



5 10 James Strachey 



Tatsache, die immer rätselhaft erschien, nämlich daß in der Frühzeit der 
Analyse, als viele Inhalte des Unbewußten, die wir jetzt kennen, noch 
unentdeckt waren und daher die Deutungen ungenau sein mußten, dennoch 
therapeutische Erfolge erzielt wurden. 

Das Abreagieren 

Die Möglichkeit, die Glover hier behandelt, erinnert uns ganz allgemein 
an die Schwierigkeit, Gewißheit zu gewinnen, ob die jeder gegebenen Deutung 
folgenden Wirkungen echte Wirkungen der Deutung und nicht irgendwie 
zustande gekommene Übertragungsphänomene sind. Ich habe schon erwähnt, 
daß viele Patienten direkte libidinöse Befriedigung aus der Deutung als 
solcher ziehen; und ich glaube, daß einige der auffallenden Zeichen von 
Abreaktion, die gelegentlich einer Deutung folgen, vom Analytiker nicht 
unbedingt als ein Beweis für mehr angesehen werden sollten, als daß die Deu- 
tung im libidinösen Sinn getroffen hat. 

Das ganze Problem von der Bedeutung des Abreagierens für die Psycho- 
analyse ist jedoch umstritten. Seine therapeutischen Resultate scheinen bis 
zu einem gewissen Punkt unleugbar. Aus ihm wurde eigentlich die Analyse 
geboren; und selbst heute noch gibt es Psychotherapeuten, die sich fast aus- 
schließlich auf das Abreagieren verlassen. Besonders während des Krieges 
wurde seine Wirkung in Fällen von Kriegsneurose vielfach bestätigt. Es wurde 
auch oft genug erörtert, daß das Abreagieren eine führende Rolle beim Zu- 
standekommen der psychoanalytischen Resultate spielt. Ferenczi und Rank 
z. B. erklärten, daß das Abreagieren der Affekte trotz aller Erweiterung 
unserer Erkenntnisse das wesentliche therapeutische Agens geblieben sei. 28 Vor 
kurzem hat Reik eine ähnliche Meinung geäußert, indem er behauptete, 
daß das Überraschungselement der wichtigste Teil der analytischen Technik 
sei. 29 Eine viel weniger extreme Haltung nimmt Nunberg in seinem Lehr- 
buch der Psychoanalyse ein, und zwar im Kapitel über die theoretischen 
Grundlagen der Therapie. 30 Aber auch er betrachtet das Abreagieren als einen 
der Hauptfaktoren in der Analyse, u. zw. in doppeltem Sinn. Erstens erwähnt 
er die Besserung, die durch das Abreagieren im üblichen Sinn des Wortes 
erzielt wird, und die er der Erleichterung der endopsychischen Spannung zu- 
schreibt, die aus einer Abfuhr des angesammelten Affekts stammt. Zweitens 
weist er auf ähnliche Spannungserleichterungen im kleinen Maßstab hin, die 
aus dem Vorgang des Bewußtwerdens von bisher Unbewußtem selbst her- 

28) Entwicklungsziele der Psychoanalyse (1924), S. 27. 

29) „New Ways in Psycho-Analytic Technique", Int. Journ. of PsA, XIV 1933 

30) Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage (1932), S. 303—304. In 
Nu n bergt umfassender Aufzählung der Faktoren, die in der analytischen Therapie am 
Werk sind, durfte wenig sein, das sich mit den Ansichten dieses Artikels im Widerstreit be- 
rindet, obwohl ich von den gegenseitigen Beziehungen dieser Faktoren eine andere Dar- 
stellung gegeben habe. 



Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse 511 

rühren, wobei er sich auf eine Ansicht Freuds stützt, daß der Vorgang 
des Bewußtwerdens eine Energieabfuhr einschließt. 31 Anderseits scheint Rado 
das Abreagieren in seinen Funktionen als der Analyse entgegengesetzt zu be- 
trachten. Er behauptet, daß die therapeutische Wirkung der Katharsis der 
Tatsache zugeschrieben werden muß, daß sie (zusammen mit andern Formen 
nichtanalytischer Therapie) dem Patienten zum Tausch für seine ursprüng- 
liche eine artifizielle Neurose bietet, und daß die Phänomene, die man beim 
Eintreten des Abreagierens beobachten könne, hysterischen Anfällen verwandt 
seien. 32 Eine Betrachtung der Ansichten dieser verschiedenen Autoritäten legt 
es nahe, anzunehmen, daß das, was wir als „Abreagieren" beschreiben, zwei 
verschiedene Prozesse decken könnte; einmal eine Affektabfuhr und sodann 
eine libidinöse Befriedigung. "Wenn dem so ist, könnte man den ersteren (wie 
viele andere Prozeduren) als ein gelegentliches, bisweilen zweifellos sogar 
nützliches Anhängsel der Analyse betrachten und möglicherweise sogar als 
eine unvermeidliche Begleiterscheinung der mutativen Deutung; während der 
zweite Prozeß mit mehr Mißtrauen betrachtet werden müßte, als Vorgang, 
der vielleicht die Analyse verhindert — besonders wenn seine wahre Natur 
nicht erkannt würde. Bezüglich beider Formen aber hätte man guten Grund 
zu glauben, daß die Wirkungen des Abreagierens nur in jenen Fällen an- 
haltend sind, wo der vorherrschende ätiologische Faktor ein äußeres Ereignis 
ist, was besagen will, daß das Abreagieren an sich keine radikale qualitative 
Änderung in der Seele des Patienten hervorzubringen vermag. Welche Rolle 
es auch in der Analyse spielen mag, so kann diese nur von untergeordneter 
Natur sein. 

Deutungen außerhalb der Übertragung 

Wenn wir rückblickend ein wenig das Bild betrachten, das ich von den 
mutativen Deutungen mit ihren verschiedenen Kennzeichen entworfen habe, 
werden wir bemerken, daß meine Beschreibung jede Art von Deutung aus- 
zuschließen scheint, ausgenommen die einer einzigen Klasse, nämlich der 
Klasse der Übertragungsdeutungen. 33 Soll das so verstanden werden, daß 
keine Deutung außerhalb der Übertragung die Kette von Ereignissen in Be- 
wegung setzen kann, die ich als Wesen der psychoanalytischen Therapie be- 
zeichnet habe? Allerdings ist das meine Ansicht, und es ist einer der Haupt- 
zwecke bei der Abfassung dieses Aufsatzes, die dynamischen Unterschiede 
zwischen Übertragungsdeutungen und Nichtübertragungsdeutungen (etwas, 
das natürlich schon bemerkt worden ist, aber m. E. nicht mit genügender 
Deutlichkeit) ins rechte Licht zu setzen. Diese Unterschiede kann man in zwei 
Gruppen einteilen. Erstens kommt es viel seltener vor, daß Nichtübertragungs- 

31) Jenseits des Lustprinzips, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 213. 

32) „Das ökonomische Prinzip der Technik", Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 

33) Die besondere Bedeutung der Übertragungsdeutungen wird von Edw. Glover her- 
vorgehoben in seiner „Technique of Psycho-Analysis" (1928), besonders in Kapitel V. 



5»2 James Strachey 



deutungen auf dem Dringlichkeitspunkt gegeben werden. Das muß so sein 
weil im Falle einer Nichtübertragungsdeutung das Objekt der Es-Regung, das 
ins Bewußtsein gebracht wird, nicht der Analytiker und also nicht unmittelbar 
anwesend ist, während, abgesehen von den frühesten Stadien der Analyse und 
anderen außergewöhnlichen Umständen, der Dringlichkeitspunkt fast immer 
in der Übertragung gefunden wird. Es folgt daraus, daß Nichtübertragungs- 
deutungen sich meistens mit Regungen befassen, deren Objekte räumlich und 
zeitlich entfernt sind, und die deshalb oft der unmittelbaren Energie erman- 
geln. In extremen Fällen können sie wohl dem sehr nahekommen, was ich 
schon als Übergabe eines zweisprachigen Wörterbuchs an den Patienten be- 
zeichnet habe. Zweitens aber ist es für den Patienten, nochmals dank der Tat- 
sache, daß das Objekt der Es-Regung nicht wirklich anwesend ist, im Fall einer 
Nichtübertragungsdeutung weniger leicht, den Unterschied zwischen dem 
realen und dem Phantasieobjekt sofort zu merken. Es will also bei Nichtüber- 
tragungsdeutungen scheinen, daß einerseits das, was ich als die erste Phase einer 
mutativen Deutung beschrieben habe, weniger leicht vorkommt, und daß ander- 
seits, wenn schon die erste Phase tatsächlich eintritt, die zweite Phase nicht 
sicher folgt. Mit andern Worten, eine Nichtübertragungsdeutung kann 
weniger wirksam aber auch gewagter sein als eine Übertragungsdeutung. 34 
Jeder dieser Punkte verdient ein paar Worte gesonderter Prüfung. 

Natürlich ist es eine allgemeine Erfahrung unter Psychoanalytikern, daß 
es bei gewissen Patienten möglich ist, unbeschränkt immer weiter Deutungen 
zu geben, ohne irgend eine augenscheinliche Wirkung zu erzielen. Es gibt 
eine amüsante Kritik dieser Art von „Deutungsfanatismus" in dem ausge- 
zeichneten historischen Kapitel der Arbeit von Ferenczi und Rank. 85 
Aber aus ihren Worten geht klar hervor, daß sie im wesentlichen Nicht- 
übertragungsdeutungen im Sinn haben, denn das Hauptgewicht ihrer Kritik 
ist, daß eine solche Prozedur eine Vernachlässigung der analytischen Situation 
in sich schließt. Das ist der einfachste Fall, wo Zeit- und Energieverschwen- 
dung das Hauptergebnis sind. Aber es gibt andere Gelegenheiten, wo die Ge- 
pflogenheit, Fäden von Nichtübertragungsdeutungen zu spannen, den Ana- 
lytiker in positivere Schwierigkeiten bringen kann. Reich 36 lenkte vor ein 
paar Jahren bei einer technischen Diskussion in Wien die Aufmerksamkeit auf 

34) D as stimmt mit der Tatsache überein, daß die Pseudo- Analytiker und „wilden" 
Analytiker sich in der Regel auf Nichtübertragungsdeutungen beschränken. Man wird 
s.ch erinnern, daß das für Freuds Original des „wilden" Analytikers stimmt. - „Über 
,wilde Psychoanalyse" (1910), Ges. Sehr., Bd. VI, S. 37. 

35) Entwicklungsziele der Psychoanalyse, St, 31. 

( l 6) v^r icht Übef daS ' Setaiti * r iüt psychoanalytische Therapie' in Wien", Int. Ztschr. 
r. Psa., XIII, 15,27. Neu veröffentlicht (als Kapitel) in Reichs „Charakteranalyse" (15,33), 
ein Werk, das eine Menge von anderem Material mit interessanter Beziehung auf den Gegen- 
stand der vorhegenden Arbeit enthält. 



Die Grundlagen der therapeutischen 'Wirkung der Psychoanalyse 



513 



eine bei unerfahrenen Analytikern vorhandene Tendenz, dadurch in Unannehm- 
lichkeiten zu geraten, daß sie dem Patienten große Mengen von Material in 
ungeordnetem und unverbundenem Zustand herauslockten. Das könne, be- 
hauptet er, so lange fortgeführt werden, bis die Analyse in eine unheilbar 
„chaotische Situation" gerate. Er deutet mit Recht darauf . hin, daß das 
Material, mit dem wir zu tun haben, geschichtet ist, und daß es sehr wichtig 
ist, beim Ausgraben nicht mehr als nötig die Schichtung des Materials zu 
stören. Was er im Sinn hatte, war natürlich der Vergleich mit einem un- 
fähigen Archäologen, dessen Ungeschicklichkeit jede Möglichkeit für alle 
Zeiten zunichte macht, die Geschichte eines wichtigen Platzes zu rekon- 
struieren. Ich selbst denke nicht so pessimistisch über die Ergebnisse einer 
plumpen Analyse, da der wesentliche Unterschied der ist, daß unser Material 
lebendig ist und sich selbst gleichsam von sich aus wieder umschichtet, sobald 
man ihm nur die Gelegenheit dazu gibt, das will sagen: in der analytischen 
Situation. Zugleich stimme ich mit ihm bezüglich des Vorhandenseins eines 
Risikos völlig überein; es scheint mir am ehesten dort einzutreten, wo zu 
übermäßig oder ausschließlich zu Nichtübertragungsdeutungen Zuflucht ge- 
nommen wird. Das Mittel, das Chaos zu verhindern, sowie, wenn es einmal ein- 
getreten ist, das Heilmittel dagegen besteht in der Rückkehr zu Übertragungs- 
deutungen nach Maßgabe der Dringlichkeit. Denn wenn wir entdecken, 
welcher Teil des Materials im beschriebenen Sinn „unmittelbar" ist, dann 
ist das Problem der Schichtung automatisch gelöst; und es ist charakte- 
ristisch für das meiste Nichtübertragungsmaterial, daß es keine Unmittelbar- 
keit hat und daß infolgedessen seine Schichtung viel schwerer zu entziffern 
ist. Die Mittel, die Reich selbst vorschlägt, um diese chaotische Situation 
zu verhindern, sind mit meinen nicht unvereinbar; denn er betont die "Wich- 
tigkeit, Widerstände im Gegensatz zu den primären Es-Regungen selbst zu 
deuten — und das ist ja ein Grundsatz, der im frühen Stadium der Ge- 
schichte der Analyse aufgestellt wurde. Aber es ist natürlich eines der charak- 
teristischen Merkmale des Widerstandes, daß er in Beziehung zum Analytiker 
auftritt; und deshalb wird die Deutung eines Widerstandes fast unvermeidlich 
eine Übertragungsdeutung. 

Aber die ernsthaftesten Gefahren, die bei Nichtübertragungsdeutungen auf- 
tauchen, liegen in den ihnen innewohnenden Schwierigkeiten, ihre zweite 
Phase zu vollenden, oder in der Schwierigkeit, zu erkennen, ob ihre zweite 
Phase beendet wurde oder nicht. Solche Deutungen sind zufolge ihrer Natur 
in ihren Wirkungen nicht vorausbestimmbar. Es besteht, scheint es, für den 
Patienten sogar die besondere Gefahr, daß er die zweite Phase der Deutung 
nicht durchführt, sondern die bewußt gemachte Es-Regung auf den Analytiker 
projiziert. Diese Gefahr gilt bis zu einem gewissen Grade auch für die Über- 
tragungsdeutungen. Aber die Situation wird nicht so leicht eintreten, wenn 
das Objekt der Es-Regung wirklich anwesend und außerdem dieselbe Person 



5'4 James Strachey 



ist, die die Deutung ausführt. 37 (Wir können hier nochmals an die Probleme der 
„tiefen" Deutung erinnern und darauf hinweisen, daß ihre Gefahren, selbst 
unter den ungünstigsten Umständen, sehr vermindert scheinen, wenn die in 
Frage kommende Deutung eine Übertragungsdeutung ist.) Überdies scheint 
eher die Möglichkeit zu bestehen, daß dieser ganze Prozeß in der Stille vor 
sich geht und so im Falle einer Nichtübertragungsdeutung übersehen werden 
kann, besonders in den frühen Stadien der Analyse. Aus diesem Grunde würde 
es wichtig scheinen, jedesmal, wenn man eine Nichtübertragungsdeutung ge- 
gegeben hat, vor Übertragungskomplikationen ganz besonders auf der Hut 
zu sein. Diese letzte Eigenheit der Nichtübertragungsdeutungen ist vom prak- 
tischen Gesichtspunkt aus gerade eine ihrer wichtigsten. Deshalb kann man 
sie dazu bringen, als „Auslöser" zu wirken, um so den Weg für die mutative 
Deutung zu ebnen. Mit anderen Worten, durch das Geben einer Nichtüber- 
tragungsdeutung kann der Analytiker oft eine Übertragungssituation provo- 
zieren, die er dann auf mutative Weise deuten kann. 

Es darf nicht angenommen werden, daß ich, weil ich den Übertragungs- 
deutungen besondere Eigenschaften zuschreibe, deshalb behaupte, es sollten 
keine anderen gemacht werden. Im Gegenteil, es ist wahrscheinlich, daß die 
große Mehrheit unserer Deutungen außerhalb der Übertragung sich abspielt 
— obwohl hinzugesetzt werden müßte, daß es oft vorkommt, daß man, 

37) Es scheint sogar wahrscheinlich, daß alle Möglichkeiten, mutative Deutungen auszu- 
führen, von der Tatsache abhängen können, daß in der analytischen Situation der Geber 
der Deutung und das Objekt der gedeuteten Es-Regung ein und dieselbe Person sind. Ich 
denke hier nicht an das eben erwähnte Argument, daß es unter dieser Bedingung für den 
Patienten leichter ist, zwischen seinem Phantasie-Objekt und dem realen Objekt zu unter- 
scheiden, sondern an einen tieferen Grund. Das ursprüngliche Ober-Ich des Patienten ist, 
wie ich ausgeführt habe, ein Produkt der Introjektion seiner durch die Projektion seiner in- 
fantilen Es-Regungen entstellten archaischen Objekte. Ich habe zu zeigen versucht, daß es ein 
einziges- Mittel gibt, um den Charakter dieses ursprünglich strengen Ober-Ichs zu ändern - 
durch die Vermittlung eines Hilfs-Über-Ichs, das das Produkt der Introjektion des Analytikers 
als eines Objekts des Patienten, ist. Der Prozeß der Analyse kann von diesem Gesichtspunkt 
aus als eine Durchdringung des starren und nicht anpassungsfähigen ursprünglichen Ober-Ichs 
durch das Hilfs-Über-Ich mit seinem größeren Kontakt mit Ich und Realität angesehen 
werden Diese Durchdringung ist das Werk der mutativen Deutung; sie besteht in einem 
wiederholten Prozeß von Introjektion von Imagines des Analytikers - das heißt Imagines 
einer wirklichen Figur und nicht einer archaischen und entstellten Projektion -, so daß die 
Art des ursprunglichen Ober-Ichs nach und nach verändert wird. Ond da nun das Ziel der 
mutativen Deutungen dahin geht, die Introjektion des Analytikers zu bewirken, so folgt 
daraus, daß die Es-Regungen, die von jenen erklärt werden, den Analytiker zum Objekt 
haben müssen Wenn das so ist werden die Ansichten, die in diesem Aufsatz ausgesprochen 
sind, einiger Verbesserung bedürfen. Denn in diesem Falle würde das erste Kriterium einer 
mutativen Deutung sein, daß es eine Übertragungsdeutung sein müsse. Trotzdem würde die 
Frage der Dringlichkeit immer wichtig bleiben; denn von allen möglichen Übertragungs- 
deutungen, die in irgend einem beliebigen Augenblick gemacht werden könnten, würde nur 
diejenige mutativ sein, die mit einer aktuellen Es-Regung zu tun hat. Anderseits könnte eine 
Nichtübertragungsdeutung selbst einer außerordentlich dringlichen Es-Regung nie mutativ 
sein - obwohl sie natürlich auf dem Wege des Abreagierens oder der Angstberuhigung vor- 
übergehende Erleichterung bringen könnte. 



Die Grundlagen der therapeutischen "Wirkung der Psychoanalyse 



515 



während man angeblich eine Nichtübertragungsdeutung zu geben meint, 
damit zugleich eine Übertragungsdeutung gibt. Ein Kuchen kann nicht nur 
aus Rosinen gemacht werden; und obgleich es wahr ist, daß Nichtübertra- 
gungsdeutungen zum größten Teil nicht mutativ sind und für sich selbst nicht 
jene entscheidenden Ergebnisse hervorbringen, die eine dauernde Veränderung 
in der Psyche des Patienten einschließen, sind sie nicht weniger wesentlich. 
Wenn ich einen Vergleich aus dem Schützengrabenkrieg gebrauchen darf: die 
Annahme einer Übertragungsdeutung entspricht der Eroberung einer Schlüs- 
selstellung, während die Nichtübertragungsdeutungen dem allgemeinen Vor- 
rücken und der Befestigung einer neuen Linie entsprechen, die durch die Er- 
oberung der Schlüsselstellung ermöglicht wurde. Aber wenn dieses allgemeine 
Vorrücken über einen gewissen Punkt geht, wird es wieder einen Aufenthalt 
geben, und die Eroberung einer weiteren Schlüsselstellung wird nötig sein, 
bevor ein Fortschritt gemacht ist. Ein Oszillieren dieser Art zwischen Über- 
tragungs- und Nichtübertragungsdeutungen stellt den normalen Verlauf der 
Ereignisse in einer Analyse vor. 

Die mutativen Deutungen und der Analytiker 
Obwohl das Geben von mutativen Deutungen also nur einen kleinen Teil der 
psychoanalytischen Behandlung ausmacht, so wird es doch, nach meiner Hypo- 
these, der wichtigste Teil sein, was die Tiefe des Einflusses auf die Psyche des 
Patienten anlangt. 38 Es ist vielleicht interessant als Folgerung zu über- 
legen, wie ein Augenblick, der für den Patienten von solcher Wichtigkeit ist, den 
Analytiker selbst berührt. Frau Klein hat mir angedeutet, daß es einige ganz 
besondere innere Schwierigkeiten geben müsse, die der Analytiker beim Geben 
von Deutungen zu überwinden habe. Und das gilt sicherlich in besonderem 
Maße für das Geben von mutativen Deutungen. Das zeigt sich darin, daß 
Psychotherapeuten nichtpsychoanalytischer Schulen sie vermeiden; aber viele 
Psychoanalytiker werden Spuren derselben Tendenz bei sich selbst bemerken. 
Sie kann rationalisiert werden durch den Hinweis auf die Schwierigkeit zu 
entscheiden, ob der für die Deutung geeignete Mome nt eingetreten ist oder 

38) Ich möchte an diesem Punkt gern den Leser noch einmal an Freuds eigenen Bericht 
über die wesentliche Natur der psychoanalytischen Therapie erinnern. Und bei dieser Ge- 
legenheit will ich einiges aus seiner „Selbstdarstellung" (1925) zitieren: „Es ist ganz richtig, 
daß auch die Psychoanalyse mit dem Mittel der Suggestion arbeitet wie andere psycho- 
therapeutische Methoden. Der Unterschied ist aber, daß ihr - der Suggestion oder der 
Übertragung — hier nicht die Entscheidung über den therapeutischen Erfolg überlassen wird. 
Sie wird vielmehr dazu verwendet, den Kranken zur Leistung einer psychischen Arbeit zu 
bewegen — zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände — , die eine dauernde Ver- 
änderung seiner seelischen Ökonomie bedeutet. Die Übertragung wird vom Analytiker dem 
Kranken bewußt gemacht, sie wird aufgelöst, indem man ihn davon überzeugt, daß er in 
seinem Übertragungsverhalten Gefühlsrelationen wieder erlebt, die von seinen frühesten 
Obiektbesetzungen, aus der verdrängten Periode seiner Kindheit, herstammen." (Ges. Sehr., 
Bd. XI, S. 154.) Der vorliegende Aufsatz ist, wie man bemerken wird, wenig mehr als eine 
Ausarbeitung dieser Sätze. 



516 James Strachey: Die Grundla gen der therapeutischen Wirk ung der Psychoanalyse" 

nicht. Aber dahinter lauert manchmal Schwierigkeit, diese Deutung wirklich 
zu geben; denn es scheint eine ständige Versuchung für den Analytiker 
zu sein, statt dessen etwas anderes zu machen. Er wird etwa Fragen stellen 
Angstberuhigung oder Ratschläge, theoretische Erklärungen oder vielleicht 
Deutungen geben — aber Deutungen, die nicht mutativ sind, Nichtübertra- 
gungsdeutungen, Deutungen, die nicht unmittelbar sind, oder zweideutig oder 
ungenau — oder er kann zwei oder mehr Deutungen gleichzeitig zur Auswahl 
vorlegen oder endlich Deutungen geben und zugleich zeigen, wie skeptisch er 
selbst dazu steht. Dies alles erweckt deutlich den Eindruck, daß das Geben von 
mutativen Deutungen für den Analytiker ebensogut wie für den Patienten ein 
entscheidender Akt ist, bei dem sich der erstere einer ziemlichen Gefahr aus- 
setzt. Und das wird wieder verständlich, wenn wir überlegen, daß der Ana- 
lytiker im Augenblick der Deutung in der Tat vorsätzlich einen Teil der Es- 
Energie des Patienten wachruft, solange sie lebendig und gegenwärtig ist und 
sich direkt auf ihn richtet. Ein solcher Moment muß vor allem anderen sein 
Verhältnis zu seinen eigenen unbewußten Regungen auf die Probe stellen. 

Zusammenfassung 

Ich möchte zum Schluß die vier Hauptpunkte der Hypothese zusammen- 
fassen, die ich aufgestellt habe: 

i. Der Endzweck der psychoanalytischen Therapie ist, der ganzen geistigen 
Organisation eines neurotischen Patienten, die in einem infantilen Stadium 
der Entwicklung aufgehalten worden ist, zu ermöglichen, ihren Fortschritt zu 
einem normalen Erwachsenenzustand weiterzuverfolgen. 
_ 2. Die wirksamste Hauptänderung in der Psyche des Patienten besteht in 
einer gründlichen qualitativen Änderung des Über-Ichs des Patienten, aus der 
die anderen Veränderungen in der Hauptsache automatisch folgen. 

3. Diese Änderung des Ober-Ichs wird zustande gebracht in einer Reihe 
von zahllosen kleinen Schritten, und zwar vermittels der mutativen Deutun- 
gen, die von dem Analytiker ausgeführt werden, kraft seiner Stellung als 
Objekt der Es-Regungen des Patienten und als Hilfs-Über-Ich. 

4. Die Tatsache, daß die mutative Deutung der entscheidend wirksame 
Faktor im therapeutischen Verfahren der Psychoanalyse ist, soll nicht be- 
deuten, daß viele andere Methoden (wie Suggestion, Angstberuhigung, Ab- 
reagieren usw.) als Bestandteile der Behandlung ausscheiden. 



Lehranalyse und Kontroiianalyse 

Von 

Viima Koväcs 

Budapest 

Keine Hochschule, keine Universität beschäftigt sich heute mit der psycho- 
analytischen Ausbildung. Neben manchen Nachteilen brachte dieser Umstand 
den Gewinn mit sich, daß die einzelnen analytischen Gruppen so lange frei 
experimentieren konnten, bis sich nach Sammlung zahlreicher Erfahrungen 
die heutige Methode herausbildete. 

Es lag nicht nur an dem "Widerstand der führenden wissenschaftlichen 
Kreise, daß die Analyse noch nicht in die Reihe der Lehrgegenstände einer 
Fakultät aufgenommen wurde. Die analytische Ausbildung weist Schwierig- 
keiten auf, die es unmöglich machen, sie in den gewohnten Rahmen des 
heute üblichen wissenschaftlichen Unterrichts einzufügen. Die analytische 
Therapie läßt sich ebensowenig wie jede andere aus Büchern und Vorträgen 
allein erlernen. Eine besondere Schwierigkeit bedeutet aber, daß man die 
analytische Behandlung an Kranken nicht demonstrieren kann. Die Analyse 
fordert deshalb von den Schülern besondere Opfer. Die Schüler der Medizin 
müssen nicht die Krankheitsmechanismen an sich selbst erproben. Sie lernen 
den Aufbau des Körpers an anderen. Der Analytiker dagegen kann nur durch 
die Analyse der eigenen Person erfahren, welchen allgemeinen Gesetzen die 
Psyche folgt und welche jene spezifischen Faktoren sind, die deren gesunde 
oder kranke Entwicklung beeinflussen. Er kann nur durch die Untersuchung 
der eigenen Persönlichkeit zur Überzeugung gelangen, daß es ein unbewußtes 
Seelenleben gibt, welches die Handlungen des gesunden Menschen ebenso be- 
einflußt wie die des Kranken. 

Diese Seelenuntersuchung ist der wichtigste Teil der analytischen Ausbildung. 
Deshalb analysierte Freud seine Träume, um auf diesem Wege das eigene 
Unbewußte kennenzulernen. Wer sein Buch über die Traumdeutung ge- 
lesen hat, in dem er nur einen Teil dieser Traumanalysen beschreibt, konnte 
erfahren, mit welchen Schwierigkeiten eine solche Selbstanalyse verbunden ist. 
Wahrlich, nur die Begeisterung des Forschers und das sich über jede persön- 
liche Empfindlichkeit erhebende Verlangen, die Wahrheit zu finden, konnten 
in dieser schwierigen Arbeit weiterhelfen. Die historische Entwicklung verließ 
aber für eine Weile den Weg, dessen Erfolge und Richtung diese erste Aus- 
bildung gezeigt hatte. Selbst Freud bemerkte anfangs nicht, daß diese Selbst- 
analyse die notwendige Bedingung zur Aneignung der analytischen Technik 
sei. Das eigentliche, bewußte Ziel dieser ersten Selbstanalyse war nicht so sehr 
das Erkennen des eigenen Unbewußten, sondern des unbewußten Seelen- 
lebens im allgemeinen. Das unmittelbare Ergebnis dieser Arbeit wurde die 




erste Formulierung der analytischen Psychologie in den theoretischen Ka- 
piteln der Traumdeutung. Zu dieser Zeit meinte Freud noch, daß er damit 
jedem Menschen das eigene Unbewußte zugänglich gemacht habe. So geschah 
es, daß, als im Jahre 1902 ein Arzt, der sein analytischer Patient war, einige 
Leute, die die Analyse kennenlernen wollten, in eine Gruppe zusammen- 
faßte, Freud diese Gruppe um sich sammelte und mit ihnen bei ihren regel- 
mäßigen Zusammenkünften die auftauchenden Probleme besprach. 1 Freud 
beobachtete schon bei dieser Arbeitsgemeinschaft gewisse Störungen, die ein 
großes Hindernis für das harmonische Zusammenarbeiten bedeuteten, und 
ahnte schon, daß ihre Erklärung größtenteils in den unerledigten psychischen 
Konflikten der Mitarbeiter zu suchen war. 

Dieser Kreis wuchs langsam immer mehr an, besonders als die Züricher 
Klinik von Bleuler im Jahre 1907 die Verbindung mit der Wiener Gruppe 
suchte. Der Erfolg war der erste internationale Kongreß in Salzburg 1908, 
der noch ganz privaten Charakter besaß. So war also Zürich die erste Stelle, 
wo man die Psychoanalyse an einer Klinik offiziell lehrte und anwendete. Wie 
mir von Ärzten, die seinerzeit ihr Studium an der Züricher Klinik absolvierten, 
berichtet wurde, bestand die Ausbildung in nichts anderem als in der Lektüre 
der verschiedenen analytischen Arbeiten und in Assoziationsversuchen. Man 
lehrte, Wundtsche Assoziationsexperimente in veränderter Form psycho- 
analytisch zu verwerten, und es gelang auf diese Weise, vor den Schülern Tat- 
sachen zu demonstrieren, über die der Analytiker nur hätte sprechen können. 
Zwei Jahre nach dem ersten Salzburger Kongreß, also 1910, fand in Nürn- 
berg die zweite Zusammenkunft statt. Hier bemühten sich Freud und 
Ferenczi gemeinsam mit Jung, Abraham und Jones, die Psychoanalyse 
als wissenschaftliche Bewegung zu organisieren, und da Freud damals in Zürich 
die meiste Unterstützung fand, verlegte er das Zentrum der Forschung und 
des Unterrichts dorthin. Auf Ferenczis Vorschlag wurde zu dieser Zeit die 
„Internationale psychoanalytische Vereinigung" gegründet, deren 
ausgesprochenes Ziel war: „Pflege und Förderung der von Freud gegründeten 
psychoanalytischen Wissenschaft, sowohl als reiner Psychologie als auch in 
ihrer Anwendung in der Medizin und den Geisteswissenschaften, gegenseitige 
Unterstützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben und Ver- 
breiten von psychoanalytischen Kenntnissen." 2 

Zu derselben Zeit wurden die bestehenden privaten Gesellschaften in Wien, 
Berlin und Zürich in Ortsgruppen umgewandelt. 

Der dritte Kongreß tagte im Jahre 1911 in Weimar, wo die Überzeugung 
gewonnen werden konnte, der Freud Ausdruck verlieh, als er sagte: „Die 
Analytiker haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen." Dieser Ausspruch 
zeigt schon, welche Forderungen an die Person des Analytikers entstanden 

1) Freud: Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, Ges. Sehr., Bd. IV. 

2) Freud: loc. cit. 



Lehranalyse und Kontrollanalyse 



519 



waren. Leider zeigte schon die nächste Zukunft, wie wenig manche auch nur 
annähernd dieser Forderung entsprachen. 

191 1 wurden die Münchener, New- Yorker und die gesonderte amerikanische 
Ortsgruppe gegründet. Kurz nachher entstand die Budapester, dann die 
Londoner Gruppe. Selbstverständlich gab es außer diesen Gruppen auch 
anderswo Schüler und an der Psychoanalyse interessierte Personen. 

"Wenn wir die Entwicklung der Bewegung weiterverfolgen, sehen wir, daß 
das von Freud erwähnte „Ertragen der Wahrheit" nicht so leicht war. Trotz 
der Entwicklung der Theorie, ja auch der Anwendung auf die Therapie, 
zeigten sich bei den ausübenden Analytikern mehr und mehr persönliche 
Konflikte, die das gemeinsame Zusammenwirken und ihr Verhalten gegen- 
über der Wissenschaft selbst störten. 

Dies wurde das erstemal bei der vierten Zusammenkunft in München krasser 
bemerkbar, wo keine Spur mehr von aufrichtiger, freundschaftlich-kollegialer 
Zusammenarbeit zu finden war. Dieser von unbewußten Leidenschaften ge- 
tragene Kampf unter den Analytikern führte zu bedauernswerten Spaltungen, 
durch welche Freud — um den Preis schwerer Enttäuschungen — zu der 
wichtigen Erkenntnis gelangte, daß in den ausübenden Analytikern die gleichen 
Widerstände gegen unangenehme Erkenntnisse wirken wie in den Kranken. 
Bei dem Kranken überraschte es ihn jedoch nicht, wenn dieser, obschon zu ge- 
wissen Erkenntnissen gelangt, bei neuen, für ihn peinlichen, Erfahrungen auch 
die bisher gewonnenen Einsichten wieder aufgab: Freuds große Enttäuschung 
war vielmehr, daß er bei den Analytikern dieselbe Erscheinung beobachten 
mußte. Es geschah nämlich mit vielen, sonst außerordentlich begabten For- 
schern, daß sie im Sondieren nach dem eigenen unbewußten Seelenleben bei 
solchen Tatsachen haltmachten, deren Erkennen für sie aus subjektiven Grün- 
den unerträglich gewesen wäre, und daß sie deswegen, ihre bisherigen Er- 
fahrungen nach der eigenen individuellen Auffassung umändernd, auf anderen 
Wegen zu einem Ergebnis zu kommen versuchten. 

Freud sprach schon auf dem Nürnberger Kongreß 1910, weise voraus- 
sehend, aus, was für die Ausbildung von größter Bedeutung sei: „Es scheint 
Vorbedingung für eine erfolgreiche Anwendung der psychoanalytischen Tech- 
nik zu sein, daß der Arzt seine Erziehung zur Analyse mit einer Selbstanalyse 
beginne." 3 

Es ist also für den Behandelnden wichtig, das unbewußte Seelenleben, und 
vor allem sein eigenes Unbewußtes, so gründlich wie nur möglich zu kennen, 
da er nur mit Hilfe dieser Kenntnis in den Mitteilungen des Kranken die 
Äußerungen des Unbewußten zu erkennen vermag. Die weiteren Verände- 
rungen und Verbesserungen der Technik beziehen sich also auf die Person des 
Analytikers. Es ist unzulässig, daß der Analytiker seine eigenen Affekte auf 
den Kranken übertrage, er muß vielmehr die Erscheinungen der sogenannten 



3) Jahrb. f. Psa., Bd. II, 1910, Kongreßreferat von O. Rank. 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 



35 



52p Vilma Koväcs 



Gegenübertragung, wie wir seine negative und positive Gefühlseinstellung 
dem Kranken gegenüber nennen, beobachten. Der Analytiker muß diese 
Gefühlseinstellung sich selbst immer bewußtmachen. Es ist also im Interesse 
des psychoanalytisch-therapeutischen Erfolges notwendig, daß der Analytiker 
fortlaufend auch sich selbst analysiert. Diese ständige Selbstkontrolle war die 
Methode, mit der sich Freud für die analytische Behandlung selbst ausbildete. 

Im Jahre 1922, auf dem Berliner Kongreß, setzte sich die Auffassung end- 
gültig durch, daß von nun an die Vorbedingung der Zulassung zur Anwen- 
dung der analytischen Therapie, neben der theoretischen Ausbildung, eine 
didaktische Analyse sein müsse, die von einem, von seiten der jeweiligen Ver- 
einigung approbierten Analytiker durchgeführt wird. Im Rahmen jeder Ver- 
einigung bildete sich ein Unterrichtsausschuß, dessen Aufgabe die Organisa- 
tion der Ausbildung war. Von nun an durfte kein Analytiker auf Grund der 
eigenen Beurteilung eine Ausbildung übernehmen, und die Aufnahme der 
Kandidaten wurde das alleinige Recht des Unterrichtsausschusses. Selbst dieser 
große Fortschritt in der Frage der Ausbildung erwies sich aber als unge- 
nügend. Man stellte sich die Lehranalyse, die 1922 in Berlin als Verpflichtung 
angenommen wurde, so vor, daß sie nicht so tief gehen müsse wie eine thera- 
peutische Analyse. Sie sollte auf Grund von Traumanalysen den Kandidaten 
mit dem Mechanismus des Unbewußten bekanntmachen, sollte den individuel- 
len Ödipuskomplex aufzeigen, dabei aber vorsichtig arbeiten, um die Persön- 
lichkeit, den Charakter nicht zu berühren. Bei der langsamen Veränderung 
der Ziele spielte Ferenczi vielleicht die bedeutendste Rolle, obwohl er sich 
nie ausgesprochen mit den Fragen der Ausbildung beschäftigte. Das von 
Ferenczi und Rank gemeinsam geschriebene Buch „Entwicklungsziele 
der Psychoanalyse", 4 das den Erlebnischarakter der analytischen Kur hervor- 
hob, war von entscheidender Bedeutung. Damit wurde die Aufmerksamkeit 
intensiver auf die Tatsache gelenkt, daß die Behandlung nicht nur für den 
Patienten, sondern auch für den Analytiker eine bedeutende Gefühlsbelastung 
darstellt. Das Buch von Ferenczi und Rank stieß durch seinen Mut, 
durch die starke Betonung der analytischen Situation anfänglich auf großen 
"Widerstand. Trotzdem mußte man sich unter seinem Einfluß immer gründ- 
licher mit den Problemen der Lehranalyse beschäftigen. Auf dem Inns- 
brucker Kongreß, 1927, stellte der Internationale Unterrichtsausschuß die 
neue Forderung auf, daß der Analytiker besser analysiert sein soll als sein 
Patient. Seitdem ist dies zu einer allgemeinen Forderung geworden, deren 
Wirkung sich nicht nur in den therapeutischen Erfolgen, sondern auch in 
der Belastungsfähigkeit der Analytiker zeigt. Ferenczi versäumte es auch 
weiter nicht, in seinen seit dieser Zeit erschienenen Artikeln („Die Elastizität 
der psychoanalytischen Technik", 1928, „Kinderanalysen mit Erwachsenen", 

4) Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 



Lehranalyse und Kontrollanalyse 521 




1931» „Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind", 1933 5 ) 
immer wieder darauf hinzuweisen , was diese theoretische Forderung der 
wirklich tiefgehenden Analyse in der Praxis bedeutet; 

Ich habe damit kurz dargestellt, wie und auf Grund welcher Er- 
fahrungen sich die heutige Methode der Ausbildung entwickelte. Es gibt 
aber auch noch Teilprobleme, die von den verschiedenen Ortsgruppen 
verschieden gelöst werden. Unter diesen ist, meiner Meinung nach, die 
Frage der Kontrollanalyse die wichtigste. Der eigentliche Zweck der Kön- 
trollanalyse ist der Unterricht und die Kontrolle der praktischen Arbeit. Der 
Kandidat beginnt die analytische Behandlung von ein bis zwei Patienten und 
referiert über den Gang seiner Arbeit einem erfahrenen Kollegen. So lernt 
er, wie er sich dem Kranken gegenüber verhalten soll, kurz die technischen 
Mittel der Psychoanalyse. Wenn wir uns mit dieser oberflächlichen Art der 
Kontrolle begnügen, so ist die Auffassung verständlich, daß die Kontrolle 
bei verschiedenen Lehranalytikern gemacht werden sollte, da der Kandidat 
auf diese Weise die verschiedenen Arbeitsweisen mehrerer Analytiker kennen- 
lernen kann. Wenn sich während der Arbeit herausstellt, daß der Kandidat 
im richtigen Verständnisse seines Patienten durch seine eigenen Konflikte 
behindert wird, so gibt ihm der Kontrollierende den Rat, seine eigene Analyse 
noch für eine Weile fortzusetzen. Demgegenüber ist, meiner Meinung nach, 
die richtigere Lösung die, daß der Kandidat seine Kontrollanalysen immer 
bei seinem eigenen Lehranalytiker macht, da es sich eventuell bei der Be- 
schäftigung mit den eigenen Kranken herausstellt, daß die Analyse des Kan- 
didaten noch nicht abgeschlossen werden kann. 

Was den Abschluß der Analyse betrifft, ist die Entscheidung bei der thera- 
peutischen Analyse eine leichtere als bei der , Lehranalyse. Der Kranke er- 
reicht durch das Schwinden seiner Symptome, durch das Erwerben der 
Fähigkeit der Realitätsanpassung sozusagen alles, was er von der Analyse 
wünschen konnte und wünschte. Mit einem solchen Erfolge können wir ihn 
auch ruhig entlassen. Dagegen würde ihn dies eventuell noch nicht dazu 
befähigen, andere zu behandeln, selbst wenn er intellektuell dazu fähig wäre. 
Die, Lehranalyse muß den Kandidaten über die Bewußtmachung seiner bis- 
her verdrängten libidinösen Bestrebungen hinaus mit dem Bau .seines Cha- 
rakters, dem ursprünglichen Wesen seiner Persönlichkeit und auch mit dem, 
was nicht sein Wesen ist und nur durch die Anpassung an die Außenwelt 
wichtig geworden ist, oft genug aber als starre Form die eigentliche Per- 
sönlichkeit verdeckt, bekanntmachen. Sie muß den durch Gewohnheiten, 
Automatismen erstarrten Menschen auflockern und ihm die vielen Möglich- 
keiten zeigen, die in ihm schlummern. Dies allein kann ihm zu einer größeren 
Elastizität verhelfen, das heißt, ihn sehend machen gegenüber den Schwierig- 

5) Alle in der Int. Ztschr. f. Psa. 

35* 



keiten solcher Kranken, deren Charakter dem seinen vollkommen entgegen- 
gesetzt ist. : 

In welchem Maße wir dieser idealen Forderung entsprechen können, zeigt 
sich am besten dann, wenn wir dem Kandidaten die ersten Patienten anver- 
trauen. Die Zeit dafür ist, meiner Ansicht nach, erst dann eingetreten, wenn 
die Analyse des Kandidaten den Punkt erreicht hat, an dem sein Interesse 
sich von der eigenen Person ab- und tatsächlich der Außenwelt zugewandt hat, 
das heißt, wenn die Übertragung schon so weit aufgedeckt und auf ihre 
infantilen Wurzeln zurückgeführt ist, daß das Heilenwollen nicht mehr die 
Identifizierung mit dem Lehranalytiker bedeutet, sondern eine vom Analytiker 
unabhängige sublimierte Tätigkeit. Wenn der Kandidat die Arbeit mit Patien- 
ten beginnt, während er selbst weiter in Analyse bleibt, dann zeigen sich 
durch diese parallel geführte Arbeit auch jene Seiten der Persönlichkeit, die 
bisher zu wenig oder gar nicht bemerkt wurden oder wenigstens nicht so 
plastisch zum Ausdruck kommen konnten. Es entfalten sich seine sämtlichen 
guten und schlechten Eigenschaften, auch seine Schwächen. Zum Beispiel: 
seine Unfähigkeit zur Objektivität, seine Ungeduld, seine Eitelkeit; seine 
Unfähigkeit, eine Kritik zu ertragen; die Tendenz, nur das für ihn Günstige 
zu sehen; das Nichtbemerken von schweren Beschuldigungen, die der 
Kranke ihm gegenüber erhebt und die sich nur in verhüllter Form zu melden 
wagen; seine sich von den noch nicht erledigten sadistisch-masochistischen 
Trieben nährende Taktlosigkeit, seine Unbarmherzigkeit oder sein übertrie? 
benes Taktgefühl, sein übermäßiges Mitleid. Das alles bietet Gelegenheit 
dazu, dem Schüler die richtige Handhabung der Gegenübertragung zu zeigen, 
die einer der wichtigsten Faktoren der analytischen Arbeit ist. 

Die Übertragungsbeziehung des Patienten löst selbstverständlich immer 
eine Erwiderung in dem Analytiker aus, die er ständig kontrollieren muß. 
Er soll immer wissen, daß in ihm dieselben menschlichen Affekte wirken 
wie in seinem Patienten, daß er auf Angenehmes mit dem Gefühl der Lust, 
auf Unangenehmes mit dem der Unlust reagiert. Daß der Unterschied 
zwischen ihm und dem Patienten darin besteht, daß er ständig weiß, daß 
sein Unbewußtes gesetzmäßig so reagiert, und daß ihm dieses Bewußtsein 
dazu verhilft, seine Gefühle immer kontrollieren und dadurch stets objektiv 
bleiben zu können. Das ständige Verdrängen der Affekte ist für das seelische 
Gleichgewicht, ja für die Gesundheit des Analytikers genau so schädlich, ja 
es kann für ihn mit der Zeit ebenso schicksalhaft werden wie für seinen 
Patienten. Ferenczi empfahl schon 1928, um dieser Überlastung des 
Analytikers vorzubeugen, die Ausarbeitung einer speziellen Hygiene. Um 
Mißverständnisse zu vermeiden, will ich betonen, daß das Bewußtmachen 
bei dem Analytiker ebensowenig ein Ausleben bedeuten kann wie bei den 
Patienten. Wenn wir es zur Kenntnis nehmen, daß in uns auch während der 
Arbeit positive und negative Gefühlsenergien wirken, können wir ökono- 



Lehranalyse und Kontrollanalyse 



523 



mischer arbeiten, als wenn wir, unsere Energie auf die Verdrängung ver- 
schwendend, mit einer kühlen, womöglich gefühllosen, oder mit einer 
humanistischen Attitüde arbeiten. Die Erziehung bemüht sich im allgemeinen, 
uns dazu zu bringen, jene "Wünsche nicht zur Kenntnis zu nehmen, die wir 
nicht befriedigen dürfen. Dieses Erziehungsprinzip kann vielleicht in anderen 
Berufen eine ökonomische Lösung sein und muß die psychische Harmonie 
nicht unbedingt stören, der Analytiker jedoch muß seine triebhaften "Wünsche 
immer zur Kenntnis nehmen, da er nur so dessen sicher sein kann, daß er 
von ihnen nichts zum Schaden des Patienten realisiert. Er kann dann ein 
Mensch bleiben im besten Sinne des Wortes, ein Mensch, dem jede mensch- 
liche Äußerung verwandt und verständlich ist. 

Mit der Kontrolle der Gefühle der Gegenübertragung habe ich vielleicht 
alles erwähnt, was ich vom Standpunkte der Ausbildung für wesentlich halte. 
Von der Richtigkeit der Auffassung, daß diese Kontrolle nur in einer gleich- 
zeitig fortgeführten Analyse erfolgreich durchgeführt werden kann, über- 
zeugten mich solche Kontrollanalysen, die ich bei Kandidaten mit beendeter 
Analyse durchgeführt habe. Obgleich es mir möglich war, sowohl die psycho- 
logischen Fähigkeiten als auch die Individualität meiner Schüler kennenzu- 
lernen, war es mir außerhalb der analytischen Situation schon eine schwere 
Aufgabe, ihre Arbeit ganz zu verstehen und ihr zu folgen. Ich hatte zwar 
während der Analyse einen Eindruck gewonnen, inwieweit sich der Kandidat 
seiner Umgebung anzupassen vermag, aber die Situation verändert sich voll- 
kommen, wenn er sich mit Kranken beschäftigt. Selbstverständlich ist die 
Situation noch schwieriger, wenn die Analyse von einem anderen durchge- 
führt wird. Bei der Kontrolle von Kandidaten, die von einem anderen 
analysiert wurden, mußte ich immer meine Unbeholfenheit zugeben. Ich 
kannte mich in dem noch so korrekt vorgetragenen Krankenmaterial 
nicht aus, da ich in Unkenntnis des Charakters des Kandidaten und seiner 
Reaktionsarten nicht sagen konnte, aus welchem Gesichtspunkt er die 
verschiedenen Situationen beurteile. Zum Schluß beschränkte sich meine 
Hilfeleistung darauf, daß ich aus den vom Kandidaten berichteten Traum- 
analysen darüber Schlüsse zog, wie tief der Kandidat in das Unbewußte des 
Kranken vordrang. Die Schwierigkeiten dieser Arbeit stehen in keinem rich- 
tigen Verhältnis zu dem Erfolg, den man durch sie erzielen kann. Sie konnte 
weder für mich noch für den Kandidaten befriedigend sein; schließlich 
haben wir entweder beide ihre Oberflächlichkeit eingesehen und sie abge- 
brochen, oder hat der Kandidat sich dazu entschlossen, seine Analyse dort 
fortzusetzen, wo er auch seine Arbeit kontrollieren lassen konnte. Ich muß 
es wohl nicht besonders betonen, daß die zweite Lösung eher zum Ziele 
führte. 

"Wann man dem Kandidaten Kranke anvertrauen darf, darüber habe ich 
schon oben gesprochen. Ob er viele Patienten auf einmal bekommen soll oder 



5*4 



Vilma Kovacs : Lehranalyse und Kontrollanalyse 



nicht, was für Kranke wir ihm zuweisen sollen, das muß von Fall zu Fall 
beurteilt werden. Für den Anfänger eignen sich Fälle von Hysterie und 
Zwangsneurose besser, weil bei ihnen die Ubertragungsbeziehung sich rascher 
entwickelt und dadurch leichter Gelegenheit zum Studium bietet. Die Analyse 
von Zwangscharakteren, überhaupt Charakterneurosen, ist eher solchen Kan- 
didaten zu empfehlen, die schon mehr Erfahrung besitzen. 

Die heutige Form der Ausbildung, die sich auf Grund von zehnjährigen 
Versuchen und Erfahrungen herausgebildet hat, entspricht, nach meinem 
Dafürhalten, jenen Forderungen, die von der heutigen Technik und vom 
heutigen Krankenmaterial dem Behandelnden gegenüber erhoben Werden. 
Die bisherige Entwicklung zeigte, daß die • therapeutische Fertigkeit der 
Analytiker sich mit dem sich verändernden Krankenmaterial im gleichen 
Verhältnis entwickelt hat. Die Analytiker werden von immer schwereren 
Fällen aufgesucht. Zur Hysterie und zu den Angstneurosen gesellten sich die 
Zwangsneurosen und die zahlreichen Fälle von Sexualstörung, schließlich die 
technisch noch schwerer zugänglichen neurotischen Charaktere. Es gibt 
Zeichen, die dafür sprechen, daß die nächste Gruppe aus neurotischen Ver- 
brechern, Psychotikern, Morphinisten und Alkoholikern bestehen wird. Die 
Analytiker müssen sich für die immer schwieriger werdende therapeutische 
Aufgabe vorbereiten, und das kann eventuell eine weitere Modifikation der 
Ausbildung mit sich bringen. Ich glaube aber, daß dies keine Änderung im 
Wesen bedeuten kann, da die einzige sichere Grundlage der analytischen 
Ausbildung die heute schon überall geforderte gründliche, tiefgehende 
Analyse bleibt. 



- ■ 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen 
Libidoorganisationen 1 

Von 

Michael Bälint 

Budapest 

Nach der heutigen Theorie über die infantile Sexualentwicklung, deren erste 
Fassung erst in der 3. Auflage der „Drei Abhandlungen" von Freud im 
Jahre 19 14 (1) erschienen ist, verlaufen die beiden Entwicklungsreihen — die 
der sexuellen Ziele und die der sexuellen Objektbeziehungen — einander 
parallel. Es wird dabei nicht ausdrücklich betont, sondern nur stillschweigend 
angenommen, daß die biologische Natur des gerade führenden Partialtriebes, 
dessen Befriedigung zu seiner Zeit eben am wichtigsten ist, weil er die größte 
Lust gewährt, die Form der Objektbeziehungen des Kindes eindeutig be- 
stimmt. Das Hauptgewicht wurde demnach auf die wechselnden Tnebziele, 
bzw. Triebquellen, also auf das Biologische gelegt. Die Frage, warum und 
wie diese führenden Triebe einander ablösen, wurde von Seiten der Psycho- 
logie nie ernstlich aufgeworfen, folglich auch nie untersucht. Auch in dieser 
Hinsicht war unsere Theorie unverkennbar bestrebt, die Aufgabe von sich 
abzuwälzen und die Erklärung von der Biologie zu erwarten. Dieser Tendenz 
entsprang auch mein Dresdner Vortrag (2). Unser Sprachgebrauch steht 
unter demselben Einfluß; wir sprechen nicht nur vom Primat der oralen, 
analen, bzw. genitalen Partialtriebe, sondern auch von oraler, analer und 
genitaler Liebe. 

Diese Parallelität wird dadurch etwas durchbrochen, daß vor dieser Ent- 
wicklungsreihe noch ein Stadium angenommen wird, welches polymorph- 
pervers genannt wurde. Aber auch hinsichtlich der Objektrelation existiert 
nach der Theorie ein solches Vorstadium oder, richtiger, deren zwei: der 
Autoerotismus, in welchem das Kind noch überhaupt kein Objekt kennt, und 
der Narzißmus, in welchem es sein eigenes Ich zum ersten Liebesobjekt wählt. 
Nur so nebenbei wird dann erwähnt, daß die oralen Objektbeziehungen sehr 
früh beobachtet werden können und eigentlich zeitlich überhaupt nicht vom 
Autoerotismus abzugrenzen sind. Ich bemerke schon jetzt, daß uns diese 
Unsicherheit in der Datierung noch öfters begegnen wird. 

Die oben erwähnte Tendenz zur strengen Parallelstellung kam am deut- 
lichsten in der bekannten Abraham sehen Tafel zur Geltung. Es ist aber 
wichtig zu wissen, daß in der ursprünglichen Fassung der Tafel, wie sie 
Abraham im März 1923 in Berlin vorgetragen hatte, dreimal so viel 
(9 gegen 3) parallele Reihen enthalten waren, als in der späteren, welche im 

1) Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am ij. Mai 193 j. 



5 a6 Michael Bilint 



Dezember desselben Jahres publiziert wurde (3). Offenbar fühlte Abraham, 
der auch gegen sich selbst ein strenger Kritiker war, daß er die Paral'- 
lelisierung zu weit getrieben hatte. Nichtsdestoweniger hat dieses Schema die 
psychoanalytische Denkweise entscheidend beeinflußt. Eine jede infantile 
Situation, ein jedes Ereignis aus der Kindheit wurde erst dann als endgültig 
definiert angesehen, wenn sein Platz in dieser Stufenleiter genau angegeben 
werden konnte. Dies ist um so merkwürdiger, als noch im selben Jahre wie 
Abrahams Tafel auch eine Arbeit von Freud erschien — „Die infantile 
Genitalorganisation" mit dem Untertitel „Eine Einschaltung in die Sexual- 
theorie" (4) — , welche uns nahelegte, eine neue, bisher übersehene Phase, die 
phallische, einzureihen. Die Stelle dieser Phase im Abraham sehen Schema 
ist etwas unsicher, meistens wird sie — mit einiger Prokrustes-Arbeit — als 
die letzte ambivalente Phase aufgefaßt. Es zeigt die alles überwältigende 
Wirkung der Abraham sehen Auffassung, daß auch Ferenczi, der sonst 
gerne seine eigenen Wege ging, versuchte, die Entwicklung des erotischen 
Realitätssinnes (5), wie er sie in der Genital theorie beschreibt, dem Abraham- 
schen Schema entsprechen zu lassen, was ebenfalls nur mit einigem Zwang 
erreicht werden konnte. 

^ Wir wissen ferner, daß es erhebliche Schwierigkeiten verursacht, wenn man 
die einzelnen Abrahamschen Phasen nach Lebensjahren datieren will. Die 
anfangs angenommenen Zeiten haben sich immer wieder als zu lang erwiesen, 
so daß die einzelnen Stufen immer wieder in noch frühere Lebensperioden 
vorverlegt werden mußten. Man versuchte, sich über diese, nach meiner An- 
sicht prinzipielle, Unsicherheit hinwegzutäuschen, indem man die Schuld 
unseren vorläufig noch lückenhaften Kenntnissen zuschob. Dem widerspricht 
schon der Umstand, daß ziemlich viele Analytiker derjenigen Forscherin, 
welche diese Phasen am weitesten vordatieren möchte, Frau Melanie Klein (6), 
nur sehr widerwillig folgen wollen. 

Ein weiterer wesentlicher Zug der Vorstellung von den prägenitalen Or- 
ganisationen ist, daß sie auf nur ganz wenige Partialtriebe basiert ist und daß 
auch diese alle einer bestimmten Klasse von Trieben angehören: alle drei be- 
sitzen gut bekannte körperliche Quellen, d. h. sie sind an erogene Zonen ge- 
bunden. Alle anderen Partialtriebe werden in dieser Theorie kaum berück- 
sichtigt, so als ob sie sich in der Entwicklung nicht änderten oder ihre Ände- 
rung nicht von Belang wäre; oder aber es wird versucht, sie aus den gut- 
studierten Partialtrieben sozusagen als biologisch notwendige Folgen abzu- 
leiten. Ich erinnere Sie an die älteren Versuche, welche darauf abzielten, den 
Sadismus als einen Abkömmling der Analerotik aufzufassen, und an die 
neueren, welche die Ambivalenz aus der biologischen Natur der Oralerotik 
ableiten wollen. 

Nach diesen Erwägungen glaube ich, daß es mindestens eines Versuches wert 
wäre, die beiden Entwicklungen für sich gesondert zu untersuchen. Ich weiß 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



527 



wohl, daß die heutige Theorie der prägenitalen Libidoorganisationen aus un- 
zähligen einwandfreien klinischen Beobachtungen abgeleitet wurde. Es ist auch 
nicht meine Absicht, diese Beobachtungen, d. h. die Basis der Theorie anzu- 
fechten. Was ich erreichen möchte, ist, für die Theoriebildung zu den bisher 
berücksichtigten Tatsachen auch solche hinzuzunehmen, welche — obwohl 
allgemein bekannt — bis jetzt beiseitegeschoben wurden, eben weil man 
glaubte, daß sie zur weiteren Entwicklung unserer Anschauungen, zur Ver- 
tiefung unserer Theorie nichts beitragen können. 

Das eine Problem ist also die Entwicklung der Objektbeziehungen, d. h. die 
Entwicklung der Liebe. Dieses Problem wird der Gegenstand des heutigen 
Vortrages sein. Das angeblich parallele Problem: die Entwicklung der sexuel- 
len Ziele oder, was fast dasselbe bedeutet, die Entwicklung des Lusterwerbs, 
der Erotik, möchte ich bei einer anderen Gelegenheit behandeln. 

Beginnen wir mit der Praxis. Ich frage also, wie benimmt sich der Ana- 
lytiker, wenn er in seinen therapeutischen Bemühungen auf Erscheinungen 
stößt, die zweifellos unter die Diagnose der Autoerotik oder der prägenitalen 
Liebe fallen. Als erste Quelle nehmen wir die ausgiebigste, die Analyse von 
ausgesprochen neurotischen Menschen. Die Analyse ihrer Symptome führte 
zum Ergebnis, daß bei ihnen die Objektbeziehungen zum Teil krankhaft sind. 
Das heißt, diese Leute sind zwar bestrebt, in ein normales Verhältnis zu ihren 
Liebesobjekten zu gelangen, entwickeln aber statt dessen gezwungener- 
weise etwas anderes. Die Symptome bringen dann entweder dieses „andere" 
klar zur Geltung oder sie werden im Gegensatz hiezu eben durch die Abwehr 
dieses „anderen" bestimmt. Dieses differente Verhältnis, der Ersatz der 
„genitalen" oder, wie ich sie nennen möchte, der aktiven Objektliebe, wird 
von der analytischen Theorie als Regression oder als Entwicklungshemmung 
aufgefaßt. "Wie gesagt, wird für die heutige Untersuchung die eine Art der 
Abweichungen, die vom normalen Sexualziel, außer acht gelassen. Die andere 
Art der Abweichungen, und nur mit diesen will ich mich heute befassen, 
betrifft das Verhältnis zum Sexualobjekt. Diese sind von zweierlei Art: Ent- 
weder das Objekt der normalen Liebe ist ein verbotenes (Inzest), oder die Art 
und Weise der Objektbeziehung an sich ist nicht normal. Nun hat die analy- 
tische Arbeit in jedem Fall nachgewiesen, daß alle diese krankhaften Erschei- 
nungen tatsächlich auf frühere schicksalentscheidende Situationen zurückzu- 
führen sind. Diese Erfahrungstatsache bildete die Grundlage der Lehre von der 
Fixierung; des weiteren wuchs eben aus dem Studium dieser, im erwachsenen 
Alter sicherlich krankhaften Objektbeziehungen die Lehre von den prägeni- 
talen Libidoorganisationen hervor. 

Bezeichnenderweise ist das Wort Fixierung vieldeutig. In manchen Fällen 
scheint der Neurotiker direkt an das Trauma gebunden zu sein, das ihm sein 
früheres konfliktloses Leben zerstört hat. Die Analyse deckt in solchen Fällen 
auf, daß es der Betreffende — unbewußt, aber zielstrebig — immer wieder 



5 28 Michael Bälint 



versteht, sich ein ähnliches Trauma, anscheinend durch das „Schicksal" 
arrangieren zu lassen. In anderen Fällen kann zweifellos nachgewiesen wer- 
den, daß der Betreffende an die vortraumatische „glückliche Situation fixiert 
ist, und daß seine Symptome hauptsächlich den Zweck haben, ihn vor einer 
Weiterentwicklung seiner Objektbeziehung zu schützen. Es gibt aber noch 
eine dritte Möglichkeit. Diese könnte am einfachsten als eine Fixierung an 
die Erledigung des Traumas beschrieben werden. Diese Personen — die 
meisten Charakterneurosen gehören hieher — sind nur eines bestimmten 
Objektverhältnisses fähig, alles andere ist für sie gleichsam nicht existent 
Auch dieses Verhältnis zum Objekt ist historisch erklärbar. 

Nun, es ist sicher nicht von Vorteil, wenn drei so verschiedene Erschei- 
nungen: Fixierung an das Trauma, Fixierung an die vortraumatische Situa- 
tion und schließlich Fixierung an die Erledigung des Traumas, zusammen- 
geworfen und mit demselben Namen belegt werden. Ich glaube, die 
Tatsache, daß wir trotz sehr intensiver klinischer Forschungsarbeit so wenig 
von der Fixierung wissen, ist zum Teil auf diesen Umstand zurückzuführen. 
So können wir eigentlich auch heute noch nicht angeben, in welchem 
System^ die Fixierung zu suchen wäre: im Ich, im Es oder im Über-Ich? 
Aber nicht nur die topische, auch die ökonomische und die dynamische Be- 
trachtungsweise lassen uns im Stich. Die Analyse hat sich bis jetzt kein Bild 
davon machen können, was für eine Änderung der Vorgang (oder das Er- 
eignis) der Fixierung an den Trieben bedeutet. 

Für unser Problem brauchen wir glücklicherweise alle diese verwickelten 
Zusammenhänge nicht zu klären. Es genügt, wenn wir die ursprüngliche 
infantile Situation, in welcher das Kind vor dem Trauma lebte, bzw. durch 
das Trauma getroffen wurde, von derjenigen, welche später in der Neurose 
des: Erwachsenen sich klinisch manifestiert, unterscheiden. Die beiden können 
analog, sogar identisch sein, müssen es aber nicht. Häufig stehen sie zuein- 
ander im Verhältnis von Ursache und Folge. Die fixierte Situation, welche 
im Krankheitsbild erscheint, kann jede Form der sexuellen Befriedigung, bzw. 
der sexuellen Objektrelation annehmen, selbstverständlich auch eine prägeni- 
tale oder gar die autoerotische Form. Dagegen gehört die infantile Situation, 
der Ursprung der Fixierung, ausnahmslos in die Objekterotik. Aber noch 
mehr, das Verhältnis des Kindes zu seinem Objekt in dieser Ursprungssitua- 
tion, welche also damals zum Trauma hingeführt hat, ist keineswegs einfach, 
unproblematisch, wie man es nach der heutigen biologisierenden Theorie er- 
warten würde, — auch dann nicht, wenn dieses Verhältnis vollkommen dem 
klassischen Bilde einer oralen, anal-sadistischen oder phallischen Liebe ent- 
spricht. Dasselbe gilt auch für den sogenannten negativen Ödipuskomplex. 
Wenn man sich nur etwas in diese Situationen vertieft, bekommt man un- 
ausweichlich den Eindruck eines vorausgegangenen Kompromisses, einer 
bereits geleisteten Anpassungsarbeit. Zur Heilung einer Neurose oder, be- 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



5*9 



scheidener ausgedrückt, zur Auflösung des betreffenden Symptoms ist es nicht 
immer notwendig, die Analyse noch weiter zu vertiefen. Ich halte es aber 
für äußerst wichtig, daß auch in einem solchen Fall immer genügend An- 
zeichen dafür vorhanden sind, daß diese schicksalsschweren Situationen, die 
dann die Basis einer Krankheit bilden, noch eine verschlungene Vorgeschichte 
hatten. 

Als einziges Beispiel möchte ich den berühmten Fall des Wolfsmannes (7) 
anführen. Nicht nur die Zwangsneurose seines Kindesalters, sondern auch 
die meisten seiner späteren Objektrelationen, wie auch viele Charakter- 
züge seines Wesens entsprechen vollkommen dem klassischen Bilde der anal- 
sadistischen Libidoorganisation. Wir kennen auch den Zeitpunkt, in dem 
diese Erscheinungen begonnen haben. Es war im Alter von etwa 3V2 Jahren. 
Aus Freuds Darstellung geht es ganz klar hervor, daß ungefähr hier die 
sexuelle Entwicklung des Kindes gewaltsam geknickt wurde. Die Urszene 
und die Szene mit der Gruscha waren bereits überstanden, aber dann kamen 
nahe nacheinander: das Mitanhören der Klagen der Mutter vor dem Arzt, 
die Verführungsversuche seiner älteren Schwester und schließlich sein miß- 
lungener Annäherungsversuch an die Nanja. Das war mehr, als das Kind 
ertragen konnte. Was die Schwester, der Liebling des Vaters, ohne Strafe, 
sogar ohne jegliche üble Folge tun durfte, zog für ihn die schwersten Kon- 
sequenzen nach sich; die einmal schon erhaltene Beschämung (Gruscha) wurde 
in der viel schärferen Form einer Kastrationsandrohung wiederholt. Die Folge 
war eine erzwungene Anpassung auf dem Wege der Aufgabe der genitalen und 
des Beginns der „anal-sadistischen" Strebungen. Die im Erwachsenenalter immer 
wiederkehrende „fixierte" Situation kann etwa durch folgende Kennzeichen 
beschrieben werden: gesellschaftlich niedriger stehende Objekte, womöglich 
Bedienstete; Betonung der Nates, wichtig für die Objektwahl; sexuelle Be- 
ziehungen a tergo; häufige wertvolle Geschenke; starke Ambivalenz der 
Gefühle dem Objekt gegenüber; besonders hervortretend die Tendenz zum 
Quälen und schließlich unerklärbare, panikartige Mißtrauensanfälle, welche 
zum beständigen Wechsel der Liebesobjekte nötigen. Die Ursprungssituation, 
in welcher das Kind durch das Trauma getroffen wurde, ist ganz anders- 
artig. Vollkommen arglos zeigt sich das Kind mit seinem Genitale spielend 
und wird, wie durch einen Blitz aus heiterem Himmel, durch die Kastrations- 
drohung seiner geliebten Nanja getroffen. Freud teilt noch ausdrücklich in 
der Krankengeschichte mit, daß der Patient bis zu diesen Ereignissen „ein 
sehr sanftes, gefügiges und eher ruhiges Kind gewesen ist" (I.e. 448). Trotz- 
dem steht als Erklärung der jähen Charakterveränderung der in der psycho- 
analytischen Literatur refrainartig immer wiederkehrende Satz: „Das be- 
ginnende Sexualleben unter Leitung der Genitalzone war also einer äußeren 
Hemmung erlegen und durch deren Einfluß auf eine frühere Phase prägeni- 
taler Organisation zurückgeworfen worden" (I.e.. 460). Ich betone nochmals, 



53° Michael Balint 



daß weder in der Krankengeschichte von Freud, noch im Nachtrag von 
Mack-Brunswick überhaupt erwähnt ist, daß anal-sadistische Objekt- 
relationen vor diesem verhängnisvollen Sommer beobachtet worden 
wären. Warum trotzdem diese weder beobachtete noch erinnerte, primäre 
anal-sadistische Organisation als Erklärung benützt wird, darauf werde ich 
später zurückkommen. Jetzt will ich nur hervorheben, daß auch die Szene 
mit der Nanja eine komplizierte Vorgeschichte hatte. Wesentliche Teile 
davon enthält die Krankengeschichte, andere kann man nur vermuten. 
Wichtig ist, daß das Verhältnis des Kindes zu seinem Liebesobjekt auch hier 
nicht spontan, sozusagen auf biologischem Grund, entstanden ist, sondern 
daß seine individuellen Schicksale dieses Verhältnis bestimmt haben. Sicher- 
lich hat man den Eindruck, daß es wahrscheinlich zu einem Ausbruch der 
anal-sadistischen Objektrelationen nicht gekommen wäre, falls man das Kind 
verständnisvoller behandelt hätte. 

Wie Sie sehen, will die analytische Arbeit auch bei einer solchen Situation 
nicht halt machen; wir fragen nach den Bedingungen, welche gerade diese 
Umstände hervorgerufen haben. Obwohl das aufgedeckte Verhältnis genau 
dem theoretischen Bilde entspricht, sind wir noch nicht zufrieden und suchen 
nach weiteren Erklärungen. Dies besagt, daß unsere Theorie und unsere 
Praxis miteinander nicht im Einklänge sind. Wenn diese Erscheinungen, wie 
z. B. „anale Objektliebe", „Narzißmus" usw. — wie es die Theorie fordert — 
Stufen einer natürlichen Entwicklungsreihe sind, warum will sie dann unsere 
Praxis noch weiter zerlegen? Und umgekehrt, wenn es unserer Praxis gelingt, 
sie zu analysieren, sie aus der individuellen Geschichte des Kindes abzuleiten, 
dann ist vielleicht die „natürliche Entwicklungsreihe" der Theorie gar nicht 
so natürlich. 

Mit um so größerem Interesse wenden wir uns jetzt der zweiten wichtigen 
Quelle unseres diesbezüglichen Wissens zu: der Kinderanalyse. Wenn man 
schon aufmerksam geworden ist, fällt es einem dann gleich auf, wie früh 
Kinder schwer neurotisch erkranken können. Ich meine jetzt nicht nur die 
von Freud untersuchten primären Angstzustände, mit vielleicht einfacherem 
Mechanismus, sondern komplizierte, schwere Fälle von Hysterie und Zwangs- 
neurose, vielleicht auch schizophrenieartige Bilder. Solche Fälle wurden in 
allen Ländern der psychoanalytischen Welt einwandfrei beobachtet und be- 
schrieben. Der Ausbruch dieser Krankheiten reicht ins Alter von vier, sogar 
von zwei Jahren zurück, eventuell noch früher, also bestimmt in die Periode 
der prägenitalen Objektbeziehungen (8). Alle diese Analysen zeigen unzwei- 
deutig, daß diese infantilen Neurosen an Kompliziertheit in keiner Weise den 
Neurosen des erwachsenen Alters nachstehen. Daraus folgt, daß die Objekt- 
relationen dieser Kinder in vieler Hinsicht denen der Erwachsenen ähnlich 
sein müssen. Dem entspricht wiederum unser therapeutisches Vorgehen. Ich 
glaube bestimmt, daß es keinen Analytiker gibt, der ein Kind, das bei ihm 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



531 



in Analyse gewesen, aus der Kur als geheilt entlassen würde, wenn bei ihm 
Symptome der prägenitalen Objektrelationen noch das Feld beherrschten, 
z. B. wenn es seine Liebesobjekte ausschließlich oder vorwiegend 
quälen, kommandieren oder beherrschen möchte, wenn sein Interesse aus- 
schließlich oder doch vorwiegend an die eigenen Ausscheidungsprodukte ge- 
bunden geblieben wäre, oder wenn es noch an der Theorie der oralen Be- 
fruchtung und der analen Geburt ernstlich festhalten möchte. Dasselbe gilt 
von den Erscheinungen der phallischen Periode: so vom Glauben an die 
Nichtexistenz der weiblichen Genitalorgane, an das Kastriertsein des ganzen 
weiblichen Geschlechtes oder an den doch vorhandenen mütterlichen Phallus. 
Genau so werden jene Erscheinungen von unserer Technik behandelt, welche 
unter dem Namen des negativen Ödipuskomplexes zusammengefaßt wurden. 
Alle diese Erscheinungen, die unsere Theorie als „anal-sadistische" oder „phal- 
lische Objektrelationen", bzw. als „negativen Ödipuskomplex", gleichsam als 
naturnotwendig beschreibt, werden durch unsere Praxis analysiert, verstanden, 
gedeutet und — aufgelöst. 

Genau dasselbe geschieht mit den autoerotischen Betätigungen. Auch diese 
werden einer Analyse unterworfen, und es stellt sich dabei regelmäßig heraus, 
daß diese Autoerotismen gar nicht so absolut objektlos sind, sondern als ver- 
krüppelte Überbleibsel einer mißglückten Objektliebe aufgefaßt werden 
müssen. 

Ich möchte noch ausdrücklich hervorheben, daß sich unsere Technik dies- 
bezüglich keine Ausnahmen erlaubt. Es gibt kein Alter, in dem bei einem 
analysierten Kinde diese Erscheinungen der prägenitalen Liebe als normal, 
als weiter nicht analysierbar angesehen würden. Besonders dann nicht, wenn 
sie sozusagen das Feld beherrschen, das Verhältnis des Kindes zu seiner Um- 
gebung bestimmen. Sie können höchstens als die gute Objektrealisation nicht 
mehr störende Spiele geduldet werden. Alle Darstellungen von Kinder- 
analysen enden auch mit fast denselben Feststellungen: Die Haßregungen, die 
Aggressionen, sind fast oder gar gänzlich verschwunden, die Ambivalenz der 
Gefühle wurde weitgehend gemildert, das Kind erlangte wieder oder zum 
erstenmal in seinem Leben die Fähigkeit zum Lernen, zur Anpassung. Es 
wird meistens nicht ausdrücklich gesagt, ist aber doch immer herauszufühlen, 
daß das Verhältnis des Kindes zu den Personen seiner Umgebung 
am Ende der analytischen Behandlung vorwiegend zärtlich ge- 
worden ist. 

Die Beobachtungen an gesunden, richtig erzogenen Kindern — unsere dritte 
Erfahrungsquelle — bringen nichts, was diesen Feststellungen widersprechen 
würde. Was wir an Objektrelationen bei solchen Kindern unserer Gesellschafts- 
schichten zu sehen bekommen, ergibt immer ein ziemlich buntes Bild. Vor 
allem: "Wünsche nach Zärtlichkeit, welche eine sehr wichtige Rolle spielen, 
und die, soweit man sie auch verfolgen mag, immer objektgerichtet sind. 



532 Michael Balint 



Dann Erscheinungen des Hasses, der Aggressivität; diese sind aber nie un- 
historisch, sondern haben ihre Erklärungen, sind zwar manchmal ins Extreme 
übertrieben, jedoch immer begründet. Schließlich die Autoerotik, welche, 
wenn sie leidenschaftlich, nicht spielerisch leicht betätigt wird, immer als 
Ausdruck des Trotzes, der bitter erworbenen Unabhängigkeit erscheint, bei 
näherer Betrachtung aber auch ihre Natur als Trost verrät. Das uns Wichtigste 
aber ist das gute, zärtliche Einvernehmen zwischen dem Kind und den es 
umgebenden Erwachsenen; dies ist es, woran sozusagen der Erfolg der Er- 
ziehung, bzw. deren Mißlingen abgemessen werden kann. 

Die Wichtigkeit dieses guten Einverständnisses kann sehr weit, beinahe bis 
in die ersten extrauterinen Tage nachgewiesen werden. Ein Kind, das schön 
an die Reinlichkeit gewöhnt war, kann mit dieser Anpassungsleistung mo- 
mentan aufhören, wenn es eine schwere Enttäuschung erleben muß. Ebenso 
kann sehr oft nachgewiesen werden, daß Kleinkinder, sogar Säuglinge, des- 
halb grantig, lästig, weinerlich werden, weil zwischen ihnen und ihrer Um- 
gebung der gute Kontakt gestört wurde. Es handelt sich hier zweifellos um 
eine Objektrelation, nur wurde sie bisher, abgesehen von Ferenczi und 
seinen Schülern, theoretisch wenig beachtet; sicher auch deshalb, weil diese 
Relation keiner Stufe der theoretischen prägenitalen Libidoorganisationen ent- 
spricht. Den theoretischen Einwand, wie ein Kind in der allerersten Zeit 
seines extrauterinen Lebens eine Objektrelation unterhalten kann, da es doch 
noch nichts von der Außenwelt weiß, noch gar nicht gelernt hat, sich selbst 
von der Umwelt abzugrenzen, hat A. Baiint in ihrer Ferenczi-Arbeit: 
„Die Entwicklung der Liebesfähigkeit und der Realitätssinn" (9) behandelt. 
Ich werde auf diese Arbeit noch zurückkommen. Auch auf eine bereits 
zitierte Stelle von Freud kann ich mich hier berufen. Er führt in den Vor- 
lesungen aus (10), daß manche Partialtriebe — wie z. B. der Sadismus — von 
vornherein ein Objekt besitzen. Er setzt dann fort: „Andere, die deutlicher 
an bestimmte erogene Körperzonen geknüpft sind, haben es nur im Anfang, 
solange sie sich noch an die nichtsexuellen Funktionen anlehnen und geben es 
auf, wenn sie sich von diesen loslösen." Gemeint ist die Oralerotik. Die Fort- 
setzung lautet: „Der orale Trieb wird autoerotisch... Die weitere 
Entwicklung hat, um es aufs knappste auszudrücken, zwei Ziele: erstens den 
Autoerotismus zu verlassen, das Objekt am eigenen Körper wiederum gegen 
ein fremdes zu vertauschen . . ." (Sperrungen von mir.) Auch hier ist es ganz 
klar ausgedrückt, daß selbst die Oralerotik, welche bis jetzt in den theoreti- 
schen Erwägungen sozusagen als Musterbeispiel des Autoerotismus fungierte, 
zu allererst eine Objektbeziehung durchmacht. Nur Wurde diese allgemein 
bekannte Tatsache nie berücksichtigt, weil sie zu den heutigen Anschauungen 
nicht gut paßte. 

Zusammengefaßt: So tief wir auch mit unserer analytischen Technik, bzw. 
mit unseren Beobachtungen in die Geschichte eines Menschenlebens vor- 




Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



533 



dringen können, haben wir immer, ohne Ausnahme, Objektbeziehungen vor- 
gefunden. Die autoerotischen Befriedigungsformen waren entweder belang- 
lose Spiele, oder aber sie stellten bereits Kompromißbildungen dar. Sie ent- 
puppten sich in der Analyse als Trost- oder Trotzmechanismen für ver- 
lorengegangene oder konfliktuös gewordene Objektbeziehungen. Dasselbe 
gilt von den Erscheinungen der sogenannten prägenitalen Liebe, wie der 
„anal-sadistischen" oder der „phallischen" Liebe und auch des „negativen" 
Ödipuskomplexes. Entweder unwichtig, belanglos, oder, wenn von Wichtig- 
keit, dann analysierbar und auflösbar. "Wie bereits gesagt, will diese Arbeit 
sich bloß mit der Entwicklung der Objektrelationen befassen. Deshalb wurde 
auch hier, wie denn überall in der Darstellung, die Untersuchung der wech- 
selnden sexuellen Triebziele unterlassen. Ich frage also absichtlich nicht, 
weshalb orale, anale, urethrale, genitale usw. Befriedigungsweisen in der Ent- 
wicklung auftreten, was sie zu bedeuten haben, sondern beschränke meine 
Aufgabe auf die Frage, weshalb die Einstellung des Individuums zu 
der Umwelt, insbesondere zu seinen Liebesobjekten, sich ändert, 
und worauf diese Änderungen, welche wir als orale, anale, phallische, genitale, 
narzißtische usw. Liebe beschreiben, zurückzuführen sind. 

Die angeführten klinischen Tatsachen sind mit dem Grundgedanken der 
heutigen Theorie der Libidoentwicklung unvereinbar. Es wurden mit der 
Zeit auch Neben- oder Zusatzhypothesen entwickelt, die, obwohl nicht als 
solche bezeichnet, dennoch darauf ausgingen, Theorie und Klinik aus- 
zusöhnen. Natürlich konnte man die Richtigkeit der oben erwähnten klini- 
schen Tatsachen nicht bestreiten; deshalb wurde behauptet, sie seien Regres- 
sionsprodukte. Das Individuum hätte bereits eine höhere Libidoposition er- 
reicht, diese wäre ihm durch ein Trauma unmöglich gemacht worden; deshalb 
müßte es die alten Befriedigungsweisen, die alten Formen der Objektbeziehung 
wiederum aufsuchen. Was wir bei den Kindern beobachten können, bzw. was 
wir in der Erwachsenenanalyse in die Erinnerung zurückbringen, sind diese 
Regressionserscheinungen; deshalb haben sie bereits eine Vorgeschichte, des- 
halb finden wir in ihnen Reste von „genitalen" Objektbeziehungen. Eine not- 
wendige Folge dieser Denkweise ist, daß unsere Theorie nie fertig werden 
konnte. Sie mußte sich immer frühere Daten gefallen lassen und so kamen 
einige Forscher auf Grund einer einzigen falschen Prämisse, sonst aber ganz 
folgerichtig, dazu, z. B. Über-Ich-Bildung, vollwertige genitale Tendenzen, 
komplizierte ödipussituationen, ganz schwere Kastrationskonflikte usw. be- 
reits um das erste Lebensjahr, oder eventuell noch früher, als ziemlich all- 
gemein vorkommend zu supponieren. So entsteht auch die immerwährende 
Unsicherheit in den Zeitangaben auf Basis dieser Theorie. 

Ein anderer Ausweg war die Zuflucht zur Konstitution. Merkwürdiger- 
weise hat die gleiche Schule davon am ausgiebigsten Gebrauch gemacht, die 
auch in der Vordatierung die kühnste war. Nach dieser Auffassung sind ein 




ent- 



oder einige Partialtnebe des Kindes, besonders die aggressiven, so stark e 
wickelt, daß selbst die leiseste, durchaus realitätsgerechte Versagung Schicksals 
schwere Folgen nach sich ziehen kann. Die Realität der ganz frühen Objekt 
bez.ehungen wird durch diese Annahme zwar nicht ganz geleugnet, aber auch 
nicht voll angenommen. Sie behauptet, daß in der Wirklichkeit diese Ein 
Wirkungen bei weitem nicht so schwer, nicht so verheerend gewesen waren 
wie sie sich uns später in der Analyse, eben durch diese Triebkonstitution ver- 
größert, zeigen. 

Sie wissen, daß keiner dieser Gedankengänge in der psychoanalytischen 
Literatur die volle Anerkennung sich zu erringen vermochte, obwohl in den 
letzten Jahren ihre Anhänger sich bedeutend vermehrt hatten. Aber auch die 
Kritiker dürfen dieser Auffassung nicht das Verdienst des Mutes absprechen- 
bildeten sie doch lange Zeit den einzigen Versuch, sich mit den oben auf- 
gezählten, klar erkannten Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Nur der 
Strebende kann sich irren. Wir anderen haben die Existenz dieser Unstimmig- 
keit ohne viel Kopfzerbrechen lange genug ruhig hingenommen. 

Als Führer aus dieser Klemme zwischen Theorie und Praxis bietet sich uns 
die Klinik an. Wir müssen endlich einmal ernst nehmen, was wir alle ge- 
funden haben und was als erster Ferenczi in seiner Genitaltheorie (5) be- 
schrieben hat, nämlich daß auch in den tiefsten, durch die Analyse eben noch 
erregbaren Schichten der Seele Objektbeziehungen vorherrschen. Sie sind 
es, welche das Wohl und das Wehe des Individuums prinzipiell bestimmen. Es 
fallt einem aber nicht leicht, sie genauer darzustellen, d. h. die Erfahrungen 
in Worte zu kleiden. Ich erkannte sie zuerst in solchen Analysen, in welchen 
wir wegen besonders hartnäckiger Charakterstörungen die analytische Arbeit 
im wahren Sinne des Wortes vertiefen mußten. In der Endphase solcher Be- 
handlungen, die ich „Neubeginn" (n) genannt habe, äußerte sich ganz klar die 
Natur dieser ersten Objektbeziehung. Sie ist fast vollkommen passiver Art. 
Der Betreffende liebt nicht, sondern wünscht, geliebt zu wer- 
den. Dieser passive Wunsch ist zweifellos sexuell, libidinös. 
Die Forderung, daß diese Wünsche von der Umgebung befriedigt werden 
sollen, ist absolut unproblematisch und wird ziemlich oft ganz vehement, mit 
sehr großem Energieaufwand geäußert, beinahe wie im Falle eines Selbst- 
erhaltungstriebes. Das Ziel all dieser Wünsche aber entspricht nicht dem, was 
man allgemein mit den Worten sinnlich, erotisch bezeichnet, sondern viel 
eher dem, was Freud zärtlich, zielgehemmt genannt hat. Die Nichtbefriedi- 
gung ruft leidenschaftliche Reaktionen hervor, die Befriedigung dagegen nur 
ein stilles Wohlgefühl. Diesen Unterschied hat Ferenczi in seiner letzten, 
Wiesbadener Kongreßarbeit (12) bereits beschrieben. Weitere Eigenschaften 
dieser passiven Objektliebe hat Hermann (13) schon ziemlich lange erkannt, 
vor allem die Tendenz zur Anklammerung. Dieser Tendenz entstammt auch 
■die von A. Balint(i 4 ) jüngst untersuchte Angst vor dem Fallengelassenwerden. 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



535 



Die Erzieher, aber auch die Psychoanalyse, haben diese Erscheinungen in 
doppelter "Weise mißverstanden. Zunächst wurde die leidenschaftliche For- 
derungsweise des Kindes als primär angesehen und so als Zeichen der Aggres- 
sion, sogar des angeborenen Sadismus gedeutet. (Diese Auffassung führte 
geradenwegs zur Konstitution.) Man vergaß die Etymologie, nämlich: daß 
Leidenschaft von Leiden stammt, aber auch die klinische Erfahrung, daß wir 
eigentlich nie einen angeboren schlechten oder bösen Menschen, einen wahren 
Sadisten gesehen haben. Bosheit, Schlechtigkeit, sogar Sadismus sind analy- 
sierbar, heilbar, oder, was gleichbedeutend ist: sie haben ihre Entstehungs- 
geschichte. Man wird schlecht durch Leiden. Sowohl der Erwachsene wie auch 
das Kind haben, wenn sie böse, aggressiv, sadistisch sind, dann auch allen 
Grund dazu. Wiederum aber hört, wenn man den Grund behoben hat, diese 
Charaktereigenschaft, die sadistische Objektliebe (nicht aber die spielerisch- 
aggressive Befriedigungsart), auf. Ich glaube kaum, daß es einen Kinder- 
analytiker gibt, der dieser Behauptung widersprechen wollte. 

Das zweite Mißverständnis betrifft ebenfalls die Leidenschaftlichkeit. Man 
verwechselte Erscheinungsform und Triebziel und glaubte, was so leiden- 
schaftlich gewünscht wird, muß auch eine leidenschaftliche Freude, einen 
leidenschaftlichen Genuß, einen sinnlichen Orgasmus verursachen. Daher die 
Folgerung, daß Kinder in sehr zartem Alter wollüstige genitale Tendenzen 
u. dgl. mehr aufweisen können. Auch ich wurde Opfer dieser Täuschung, 
bis ich erkannte, daß leidenschaftlich vorgebrachte Wünsche in der Neu- 
beginnperiode normal, dagegen leidenschaftliche Ziele als Warnungszeichen 
aufzufassen sind. Dasselbe gilt auch für das Kind. Wünsche, deren Erfüllung 
gegebenenfalls auch leidenschaftlich gefordert wird, deuten auf ein gesundes, 
kräftiges Triebleben, leidenschaftliche Triebziele hingegen auf eine bereits 
erheblich gestörte Entwicklung, auf ein lange bestehendes Mißverständnis, oder 
mit Ferenczis Worten: auf eine Sprachverwirrung zwischen den Erwach- 
senen und dem Kinde (12). 

Diese Gedanken ergänzen — nach meiner Meinung — die bisherige 
Theorie. Freud (1) hat diese erste Periode des Kindes einerseits polymorph- 
pervers, anderseits autoerotisch oder narzißtisch genannt. Beide Namen sind 
zwar richtig, beschreiben den wahren Sachverhalt — aber nur von einem be- 
stimmten Standpunkt aus gesehen. Das Kleinkind ist sicher polymorph-per- 
vers; sein ganzer Körper, alle seine Funktionen sind lustbetont. Dieser Ter- 
minus ist also eine reine Deskription, berücksichtigt aber ausschließlich die 
Triebsphäre, die Biologie. Es ist ebenso richtig, daß die Welt des Kindes 
noch nicht in Ich und Außenwelt geschieden ist; es ist also narzißtisch, wenn 
man es vom Standpunkt des Realitätssinnes, der Realitätsprüfung betrachtet 
(vgl. A. Balint(9). Selbst die ihm lebensnotwendigen äußeren Objekte, z. B. 
die Mutterbrust, werden noch nicht vom Ich abgesondert. Aber libidinös ist 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 36 



536 



Michael Balint 



es vollkommen an die äußere Pflege gebunden, es ist ohne sie einfach dem 
Tode verfallen. 

Nun, diese primäre Tendenz: mich soll man lieben, immer, überall, 
auf jede Weise, meinen ganzen Körper, mein ganzes Ich, ohne 
jegliche Kritik, ohne die kleinste Gegenleistung meinerseits, 
ist das Endziel alles erotischen Strebens. Dies wird auch zeitlebens 
beibehalten, von manchen Leuten auch ganz offen eingestanden. Die anderen 
aber, und diese sind in der überwiegenden Mehrzahl, können dieses Ziel der 
„passiven Objektliebe" erst auf Umwegen erreichen. Diese Umwege erzwingt, 
zum Teil sogar ersinnt die Erziehung. "Wenn dem Kinde zu wenig geboten 
wird, besetzt es mit all seiner Libido die bisher spielerisch betriebene Auto- 
erotik, wird also narzißtisch, oder es wird aggressiv, oder beides zugleich. 
"Wenn es etwas bekommt, wird es durch die erhaltenen Befriedigungen gleich- 
sam modelliert. Die so häufig, so regelmäßig gefundene Entwicklungsreihe der 
anal-sadistischen, phallischen und schließlich genitalen Objektbeziehungen 
wäre also nicht biologisch, sondern sozial begründet. Wie Sie sehen, habe ich 
die oralen Beziehungen ausgelassen. Absichtlich, denn für diese kann ich die 
Gesellschaft, d. h. die Erziehung, nicht allein verantwortlich machen. 

Der eine Umweg zur Erreichung des Urzieles, des Geliebtwerdens, des 
Befriedigtwerdens, wäre also der Narzißmus: wenn die Welt mich nicht ge- 
nügend liebt, so werde ich mich selbst lieben, selbst befriedigen. Folglich 
wäre der libidinöse Narzißmus immer von sekundärer Art. Es ist in diesem 
Zusammenhang sehr lehrreich, zu verfolgen, wie der Inhalt des Terminus 
„Narzißmus" im Laufe von wenigen Jahren sich geändert hat. Ursprünglich 
wurde dieses Wort von Na ecke als Bezeichnung für eine bestimmte Per- 
version des erwachsenen Alters geprägt. S ad g er (15) hat ähnliche Erschei- 
nungen bei Homosexuellen gefunden, nach seiner Definition aus dem Jahre 
19 10 ist „der Narzißmus eine notwendige Entwicklungsstufe beim Übergang 
vom Autoerotismus zur späteren Objektliebe." Rank (16) sieht im Jahre 
19 12 im Narzißmus ähnlich „ein normales Entwicklungsstadium, welches die 
Pubertätszeit einleitet und dazu bestimmt ist, den notwendigen Übergang vom 
reinen Autoerotismus zur Objektliebe zu vermitteln". Beide Arbeiten, be- 
sonders die von Rank, datieren den Narzißmus für unsere heutigen An- 
sichten zu spät. Soviel ich weiß, hat Ferenczi den Begriff „sekundärer 
Narzißmus" geschaffen; er fand ihn beim Studium von organisch kranken 
Menschen. Freud (17) schwankt in seiner grundlegenden Arbeit „Zur Ein- 
führung des Narzißmus" (19 14) noch zwischen zwei Auffassungen. Nach der 
einen sind nur die autoerotischen Triebe uranfänglich, „es muß also irgend 
etwas zum Autoerotismus hinzukommen, eine neue psychische Aktion, um 
den Narzißmus zu gestalten" (I. c, S. 159). Erst die andere Auffassung führt 
den Begriff des primären Narzißmus ein; nach ihr „wären alle psychischen 
Energien zunächst im Zustande des Narzißmus beisammen und für unsere 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



53* 



grobe Analyse ununterscheidbar". Als Illustration dieser Auffassung er- 
scheint zum erstenmal das später so berühmt gewordene Bild des Proto- 
plasmatierchens mit den Pseudopodien. Noch in der nächsten darauf bezüg- 
lichen Arbeit, in „Jenseits des Lustprinzips" (17) aus dem Jahre 1920, ist 
dieses Schwanken erkennbar. Erst in „Ich und Es" (17), 1923 erschienen, wird 
diese Frage, allerdings ohne Diskussion, zugunsten des primären Narzißmus 
entschieden. Diese Entwicklung bildet ein typisches Beispiel für die anfangs 
erwähnte Vordatierungstendenz, welche prinzipiell erst dann sich beruhigen 
kann, wenn das Datum bis zur Geburt oder noch mehr bis in die intrauterine 
Existenz vorgeschoben wurde. Dies ist hier um so mehr bemerkenswert, als 
Freud selbst ausdrücklich hervorhebt, daß „der primäre Narzißmus des 
Kindes, der eine der Voraussetzungen unserer Libidotheorien enthält, weniger 
leicht durch direkte Beobachtungen zu erfassen, als durch Rückschluß von 
einem anderen Punkte her zu bestätigen ist" (1. c, S. 174). Die Kontroverse 
zwischen den beiden zitierten Auffassungen ist nie ausgetragen worden, es 
scheint im Gegenteil, daß die psychoanalytische Forschung sie eher verdeckt 
hat. Nach meiner Meinung müßten wir der erster en den Vorzug geben, nach 
welcher der libidinöse Narzißmus erst im Laufe des Lebens entwickelt wird. 
Es bleibt aber dann das beunruhigende Problem, wie die andere Auffassung 
überhaupt aufkommen, ja viele Jahre hindurch das Feld für sich behaupten 
konnte. 

Den Grund hiefür glaube ich in dem unexakten Sprachgebrauch, in einer 
nicht genügend scharfen Distinktion gefunden zu haben. Es wurden nämlich 
verschiedene Begriffe, die zwar untereinander verwandt sind, jedoch ver- 
schiedene Erfahrungen beschreiben wollen, im Terminus „Narzißmus" 
untergebracht. Vor allem die Autoerotik, welche, wie wir gesehen haben, 
ursprünglich eine einfache triebpsychologische, beinahe rein biologische De- 
skription war. Sie bezeichnet das Phänomen der Selbstbefriedigung und weiter 
nichts, hat also mit der Objektrelation nichts zu tun. Man kann bis über die 
Ohren verliebt sein und doch sich autoerotisch befriedigen, wie dies z. B. bei 
Kriegsgefangenen usw. gar nicht so selten der Fall war. Unter Narzißmus 
im engsten Sinne versteht man weiter mindestens zweierlei. Erstens eine Art 
der Libidounterbringung, nämlich, wenn die betreffende Person sich selbst 
liebt, zweitens jenes Verhältnis zur Umwelt, in welchem die Person von der 
Realität gar nicht oder nicht genügend Kenntnis nimmt. Da Tatsachen, welche 
zwei von diesen drei Bedeutungen entsprechen, beim Neugeborenen zweifellos 
beobachtet werden können, nämlich die Autoerotik und das narzißtische 
Verhalten gegenüber der Realität, hat man später auch den Narzißmus in 
seiner dritten Bedeutung, die narzißtische Liebe, die Selbstliebe als primär, 
als angeboren angesehen. Nach meiner Meinung ist dies nicht richtig. Min- 
destens ist es aber erwünscht, daß in Zukunft immer genau angegeben werde, 
welcher Begriff gemeint ist, wenn über Narzißmus gesprochen wird. 

36» 



538 Michael Balint 



Der eine Umweg, das Urziel der Erotik, das Geliebtwerden, zu erreichen, 
wäre also der libidinöse Narzißmus, die Selbstliebe. Der andere Umweg ist 
die aktive Objektliebe. Wir lieben und befriedigen unseren Partner, um von 
ihm wiedergeliebt, befriedigt zu werden. Diese aktive Liebe bedeutet immer 
ein Opfer, eine Anstrengung, geht immer mit einer zeitweiligen Spannungs- 
steigerung einher. Man nimmt diese Entbehrungen auf sich, man erträgt diese 
Spannung in der Hoffnung, auf diese "Weise zum Ziel zu kommen, d. h. so 
geliebt zu werden, wie man anfangs geliebt worden war. Welche Opfer man 
auf sich nimmt, hängt davon ab, was von einem verlangt wird, wie man er- 
zogen wurde. So gesehen, rücken die prägenitalen Objektbeziehungen, die 
prägenitalen Liebesformen in ein anderes Licht. Sie können nicht mehr so- 
zusagen biologisch erklärt werden, sondern wir müssen sie mit einem viel- 
leicht etwas starken Worte als Kunstprodukte betrachten, d. h. allgemein die 
Gesellschaft, individuell die betreffenden Erzieher für sie verantwortlich 
machen. Übrigens handelte — wie ich gezeigt zu haben glaube — unsere 
klinische Therapie immer in diesem Sinn. 

Einer der besten Beweise für oder gegen diese Auffassung liegt bei . der 
Ethnologie. Leider ist unser diesbezügliches Wissen viel zu lückenhaft. So 
viel scheint aber schon jetzt festgestellt, daß dort, wo die Kinder nur wenig 
erzogen werden, auch die Gesellschaft der Erwachsenen auf Reaktionsbildun- 
gen weniger angewiesen ist. R6heim(i8) zitiert in diesem Zusammenhange 
oft seine Erfahrungen mit den Australiern und den Papuas. Dementsprechend 
finden wir Erscheinungen der oralen bzw. analen Liebe bei Erwachsenen nur 
dort, wo die Gesellschaft diese sozusagen erzwingt. Sie sollen z. B. bei den 
Australiern kaum vorhanden sein. Einen ähnlichen Unterschied hat Margaret 
Mead bei den Einwohnern von Samoa und Neu-Guinea feststellen können (19). 
Aber nicht nur die prägenitale, auch die sogenannte postambivalente, geni- 
tale Liebe, die ich im Sinne Ferenczis als „aktive Objektliebe" bezeichnen 
möchte, entsteht aus der passiven Objektlibe. Auch sie ist ein Kunst- 
oder, mit einem schöner klingenden Namen, ein Kulturprodukt. Auch sie 
muß — manchmal recht mühsam — erlernt werden. Wiederum möchte ich 
betonen, daß diese Behauptung nur für die „genitale Liebe", nicht aber für 
die genitale Befriedigungsart gilt. Auch hier kann ich die Klinik als Zeugen 
anrufen. Leute* die nicht fähig sind, zu lieben, obwohl sie genital potent sind, 
können diese Fähigkeit in der analytischen Kur erwerben. Ein anderer Be- 
weis, daß Genitalität und aktive Objektliebe nicht identisch sind, wird uns 
durch die Liebe der Alten, sogar der Greise, geboten. Es ist gär nicht so selten, 
daß. auch nach vollkommenem Verschwinden der genitalen Funktion die 
Liebesfähigkeit voll erhalten bleibt. Sicher kennen Sie alle Goethes Ge- 
dicht „Dem aufgehenden Vollmonde" aus seinem 79. Lebensjahre, eines der 
glühendsten Liebesgedichte der Weltliteratur. 

Mit dem Terminus „Genitalität" wird also ein ähnlicher Fehler begangen, 



i 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



539 



wie mit dem Begriff des Narzißmus. Auch hier wurden ein triebbiologischer 
und ein sexualpsychologischer Begriff miteinander vermischt. Genitalität 
sollte eigentlich nur eine bestimmte Form der Erotik, des Lusterwerbs be- 
deuten. Genitale Potenz, bzw. genitale Genußfähigkeit sind — wie die Praxis 
uns lehrt — bei weitem nicht identisch mit Liebe. Was man bisher „genitale 
Liebe" genannt hat, sollte auf. Grund dieser Ausführungen richtiger aktive 
Objektliebe genannt werden. Diese geht im glücklichsten Falle mit der 
Genitalität zusammen, aber wir begegnen in unserer Praxis häufig genug 
Leuten, bei denen dies nicht der Fall ist. 

Nach meiner Ansicht könnte von der passiven zur aktiven Objektliebe 
eine gerade Linie führen. Bedenken wir doch, daß die Periode der 
passiven Objektliebe mit Recht polymorph-pervers genannt werden kann. In 
ihr sind alle Befriedigungsweisen, alle möglichen Arten der Objektrelationen 
in nuce, potentiell vorhanden. Welche davon entwickelt werden, welche die 
Oberhand über die anderen gewinnen, hängt davon ab, welche das Urziel, 
das Befriedigtwerden, am raschesten und am sichersten zu erreichen helfen, — 
also letzten Endes vom Einfluß des Milieus. So meine ich ernstlich, falls 
Kinder richtig erzogen werden könnten, müßten sie sich nicht durch die 
verschlungenen, ihnen aufgezwungenen Formen der prägenitalen Objekt- 
relationen recht mühsam durchschlagen. Sicher konnte ihnen diese schwierige 
Aufgabe erheblich erleichtert werden, falls die Erzieher gesünder, d. h. auf- 
richtiger sein könnten. Diese Entwicklung von der passiven Objektliebe, mit 
ihrem zärtlichen Sexualziele, zur aktiven Objektliebe, mit ihrem genital- 
sinnlichen Sexualziele, kann ich heute noch nicht ganz durchschauen. Vor, 
allem deshalb nicht, weil mir der Ursprung der Leidenschaftlichkeit, der 
sinnlichen, orgastischen Begierden nicht klar ist. Was. ich darüber weiß, 
möchte ich in einer anderen Arbeit — „Über die Entwicklung der Erotik" — 
behandeln. 

Hier möchte ich noch zeigen, daß die eben entwickelte Auffassung als 
Arbeitshypothese auf verschiedene Probleme erfolgreich angewendet werden 
könnte. . 

Zuerst das Problem der Zärtlichkeit. Dieses wurde durch Freud in seinem 
bahnbrechenden Aufsatze: „Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebes- 
lebens" (20) aufgeworfen. Er schreibt: „Von diesen Strömungen" gemeint ist 
die sinnliche und die zärtliche — „ist die zärtliche die ältere. Sie stammt aus 
den frühesten Kinder jähr en .. . Sie entspricht der primärenkindlichen 
Objektwahl... Diese zärtlichen Fixierungen des Kindes setzen sich durch die 
Kindheit fort und nehmen immer wieder Erotik mit sich" (1. c, S. 199 — 200). 
Auch die Quelle dieser mitgenommenen Erotik wird angegeben. Einerseits die 
sogenannte Zärtlichkeit der Eltern mit ihrer nur dürftig verhaltenen Erotik, 
welche dann die Erotik des Kindes aufweckt, anderseits die mächtige sinn- 
liche Strömung der Pubertät. Was ich in diesem Vortrage getan habe, war, 



daß ich, den Spuren Ferenczis folgend (12), diese Gedanken ganz ernst ge- 
nommen und sie ausführlicher ausgearbeitet habe. 

Die psychoanalytische Forschung hat in der Zärtlichkeit nur die andere 
Seite der Frage beachtet. Vielleicht auch deshalb, weil Freud in der zitierten 
Arbeit nur diese Seite zur Lösung seiner Frage brauchte. Demnach wird die 
Zärtlichkeit als zielgehemmte Erotik aufgefaßt. D.h. die erwachsene Person 
möchte eigentlich sinnlich lieben, kann sich aber die volle Erreichung dieses 
Triebzieles nicht erlauben, falls sie ihr eigentliches Liebesobjekt be- 
halten will. Diese Beschreibung wird nur den Tatsachen bei der aktiven 
Zärtlichkeit der Erwachsenen gerecht, wirft aber die Frage gar nicht auf, wes- 
halb und wieso diese zielgehemmte Liebesweise vom Empfänger, vom Partner 
gefordert, sogar genossen wird. Die vorgetragene Auffassung gibt darauf 
zwangslos die Antwort, daß solche Forderungen, solche Befriedigungsweisen 
zeitlebens .bestanden haben und daß sie seit der Kindheit immer das Ziel der. 
Liebesbeziehung gewesen sind. Tatsächlich neigt ein jeder zärtlich Liebende 
dazu, seiner Partnerin Kosenamen, eigentlich Kindernamen zu geben, sie in 
jeder Hinsicht als Kind zu behandeln, mit ihr sogar in der Kindersprache zu 
reden. Auch die Geliebte kommt ihm entgegen, indem sie sich als Kind be- 
nimmt. Übrigens kehrt sich das Verhältnis häufig um, indem der Mann sich 
als Kind benimmt, um Zärtlichkeiten zu empfangen. 

. Interessanterweise gibt es in einigen Sprachen besondere Ausdrücke, welche 
diese zärtliche Form der Liebe ausdrücken. So im Deutschen: „ich bin dir 
gut", „ich hab' dich lieb", „ich hab' dich gern" usw. Auch im Englischen, wie: 
„/ am fond of you", „I carefor you" u. dgl. Dagegen kennt die ungarische nur 
den einen Ausdruck: „szerdlek", gleich: „ich liebe dich", wie auch die fran- 
zösische.: „jei'aime". Merkwürdig genug, ganz parallel mit diesem Reichtum, 
bzw. mit dieser Armut, geht eine andere Eigenschaft dieser Sprachen, soweit 
ich sie eben kenne. Das ist die eigenartige Kindersprachenliteratun Am 
reichsten daran scheint mir die englische Sprache zu sein: die vielen Nursery 
Rhymes, wie die bekannten Verse von Moiher Goose, dann z. B. Alice in Won- 
derland, Gestalten wie Micky Mouse und die aus den Silly Symfhonies von 
Walt Disney und unzählige mehr. All diese sprechen in ihrer eigenen Sprache, 
welche zwar drollig, aber nicht unangenehm komisch ist. Der englischen am 
nächsten kommt die deutsche Sprache. Dagegen kennt die französische keine : 
literaturfähige: Kindersprache: in der französischen Ausgabe z. B. sprechen 
der Big Bad Wolf und die Three Little Pigs ebenso elegant, vornehm und er- 
wachsen wie die Abgeordneten im Parlament. Mit der ungarischen Sprache 
steht es fast ebenso. Es scheint also, daß Zärtlichkeit und Kindlichkeit von 
den Kulturen ungefähr in gleicher Weise behandelt werden; manche erlauben 
mit einer Namengebung, daß die Teilnehmer der betreffenden Kultur über 
diese Dinge öffentlich reden, andere nicht. 

In einem Punkte sind aber alle europäischen Sprachen — wiederum soweit 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 541 

ich sie kenne — gleich. Alle sind so arm, daß sie die beiden Arten der Objekt- 
liebe — die passive und die aktive — nicht unterscheiden können. So ist 
z. B. für den einen der Schmerz, die Qual, die Trauer, welche sein Partner 
beim Abschied fühlt, eine Quelle der Freude: wird doch dadurch bewiesen, daß 
er immer noch, sogar sehr intensiv geliebt wird. Ein anderer wird bei einer 
solchen Gelegenheit den traurigen Partner zu trösten versuchen, seinen 
eigenen Schmerz verbergen, um den anderen zu schonen, ihm den Abschied 
zu erleichtern. Für beide Verhältnisse haben die Sprachen nur das eine "Wort 
„Liebe" zur Verfügung, obwohl die psychologische Situation wesentlich ver- 
schieden ist. "Was für den einen Schmerz bedeutet, ist für den anderen Freude. 
Der eine ist bereits im Stadium der aktiven Objektliebe, der andere zum Teil 
noch in dem der passiven. 

Im allgemeinen ist die Liebe, wie sie unsere okzidentale Kultur begreift, 
immer stark mit Zärtlichkeit vermengt. Es ist schwer zu sagen, ob dies ge- 
sund ist oder nicht, ob die egoistische Liebe, welche nur auf die Befriedigung 
der eigenen Wünsche achtet und den Partner nur soweit berücksichtigt, als 
sie ihn für diesen Zweck benötigt, natürlicher ist als die rücksichtsvolle, 
altruistische, welche die Befriedigung des Partners an die erste Stelle setzt. 

Etwas bestimmter antwortet der vorgetragene Gedankengang auf die Frage, 
warum die narzißtische Liebe nie voll befriedigend sein kann. Sie erreicht 
den ursprünglichen Zweck aller Erotik, den des Geliebtwerdens, nicht in der 
Realität, sondern nur in der Phantasie. Es bleibt an ihr immer etwas von der 
Natur des nicht vollwertigen Ersatzes, das Gefühl „mangels eines Besseren" 
haften. Damit erledigt sich auch eine Frage, zu welcher Freud in der „Ein- 
führung des Narzißmus" (17) ganz folgerichtig gekommen ist. „Woher rührt 
denn überhaupt die Nötigung für das Seelenleben, über die Grenzen des Nar- 
zißmus hinauszugehen und die Libido auf Objekte zu setzen?" (1. c, S. 168). Er 
muß sich dort, auf der Hypothese des primären Narzißmus stehend, mit einer 
klinisch richtigen, theoretisch aber die Frage taütologisch wiedergebenden Ant- 
wort begnügen. „Diese Nötigung trete ein, wenn die Ich-Besetzung mit 
Libido ein gewisses Maß überschritten hat. Ein starker Egoismus schützt vor 
Erkrankung, aber endlich muß man beginnen zu lieben, um nicht krank zu 
werden und muß erkranken, wenn man infolge von Versagung nicht lieben 
kann" (1. c, S. 168 f.). Die Annahme der passiven Objektliebe gibt uns die Er- 
klärung dieses präzis beschriebenen klinischen Tatbestandes. Wie ich soeben 
ausgeführt habe, kann die narzißtische Selbstliebe den Urzweck aller sexuellen 
Strebungen nie erreichen; um geliebt zu werden, d. h. um gesund bleiben zu 
können, muß man mit der Welt in Berührung treten, die Objekte mit Libido 
besetzen. 

Noch ein Wort über unsere Technik. Sie wissen, wie oft es vorkommt, daß 
unsere Patienten sich beklagen, daß sie nie arglos sein können, daß sie immer 
ächtgeben müssen, daß ihnen die volle Hingabe niemals — weder in der Liebe, 



54 2 Michael Biälint 



noch in der Kur — gelingen will. Im Wunsche nach dieser Hingabe hat die 
Psychoanalyse, bisher vielfach den Spuren Otto Ranks folgend, den Ausdruck 
der Mutterleibsregression, dementsprechend in der Hemmung der Hingabe 
die Wirkung des Traumas der Geburt gesehen. Es war schon Ferenczi auf 
gefallen, wie bereitwillig unsere Patienten diese Deutung angenommen haben 
Verständlich, weil dieser Gedanke an ihre Affekte fast gar nicht rührte Ich 
glaube, wir waren zwar auf dem richtigen Weg, wir haben aber eine Stufe 
übersprungen. Was waren doch die Kennzeichen, auf Grund deren wir eine 
sogenannte „Mutterleibsregression" festgestellt haben? Wärme, Stille, eventuell 
Dunkelheit, wohltuende monotone Geräusche, Wunschlosigkeit, Aufhören des 
Zwanges zur kontinuierlichen Realitätsprüfung, Fallenlassen allen Argwohns 
usw. Ich glaube, all diese Merkmale sind viel eher als aus dem Stadium der 
passiven Liebe stammend zu erklären. Diese Deutung löst nach meiner Er- 
fahrung bei den Patienten viel stärkere Affekte aus als jene des farblosen 
Wunsches nach Mutterleibsregression, besonders deshalb, weil letztere nicht 
realisierbar ist, die Hingabe zur passiven Objektliebe hingegen oder, in der 
Sprache der Erwachsenen ausgedrückt, das Fallenlassen der vielen Bedingun- 
gen, an welche der Patient seine, Hingabe und sein Vertrauen gebunden hat, 
in der Kur erreichbar ist, ja sogar erreicht werden muß. 

Das Hauptresultat, zu dem wir gelangt sind, lautet etwa so: Bisher haben 
wir die Entwicklung der genitalen Funktion und die Entwicklung der Ob- 
jektrelationen als zwei Aspekte desselben Vorganges betrachtet. Wir sprachen 
z. B. von einer anal-sadistischen Stufe und meinten damit sowohl eine be- 
stimmte Art der Objektbeziehung als auch eine bestimmte Art von Be- 
friedigungserlebnissen. Dabei wurde stillschweigend angenommen, daß die 
Aufeinanderfolge dieser „Stufen" biologisch bestimmt ist, ohne Einwirkung 
der Außenwelt gleichsam automatisch vor sich geht. Nun glaube ich, daß diese 
zwei Entwicklungen, obzwar vielfach ineinander verschlungen, doch ge- 
sonderte Prozesse sind; ferner, daß die verschiedenen Objektbeziehungen nicht 
als biologisch bedingte einander spontan ablösen, sondern eher als Reaktionen 
auf tatsächliche Umweltseinflüsse, vor allem auf Erziehungsmaßnahmen, auf- 
zufassen sind. Der beste Beweis dafür ist unsere Therapie. Wo wir jene Erschei- 
nungen in der Objektbeziehung beobachten konnten, haben wir sie „analy- 
siert" und „aufgelöst", wenn diese z. B. nach dem Muster der „anal-sadisti- 
schen" Phase aufgebaut waren. Mit anderen Worten, wir haben nach Er- 
klärungen für diese Erscheinungen gesucht, da wir sie als nicht normal, d. h. 
als „krankhaft" betrachteten. Dasselbe fanden wir für die „phallische Phase", 
für den „negativen Ödipuskomplex" usw. usw. Wenn man statt der bisherigen 
Parallelität eine eigene Entwicklung der Liebe annimmt und als Ausgangs- 
situation die von Ferenczi zuerst beschriebene passive Objektliebe wählt, 
lassen sich diese Erfahrungen zwangslos erklären. 

Zum Schlüsse meines Vortrages möchte ich einen Satz aus Freuds „Drei 



Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen 



543 



Abhandlungen zur Sexualtheorie" zitieren, und zwar in der noch nicht ab- 
geschwächten Form, wie er sich in der ersten Auflage findet: 

„Die Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung" (21). 
pieser Satz hätte auch als Motto meines Vortrages dienen können. 



Literatur. 

1. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V. 

2. M. Bälint: Psychosexuelle Parallelen zum biogenetischen Grundgesetz, Imago, 
Bd. XVIII, 1932. 

3. Abraham; Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psycho- 
analyse seelischer Störungen, Int. Psa. Verl., Wien, 1924. 

4. Freud: Ges. Sehr., Bd. V, S. 232. 

5. Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie, Int. Psa. Verl., Wien, 1924. 

6. M. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes, Wien, 1932. 

7. Freud: Ges. Sehr., Bd. VIII. Mack-Brunswick, diese Ztschr., Bd.XV, 1929. 

8. Berta Born st ein: Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 193 1, S. 344. Fromm-Reich- 
mahn: Ztschr. f. psa. Päd., Bd. V, 1931, S. 460. Steff Bornstein: Ztschr. f. psa. Päd., 
Bd. VII, 1933, S.253. E. Sterba: Ztschr. f. psa. Päd., Bd. VIII, 1934. S. 37. M. Schmide- 
berg: Ztschr. f. psa. Päd., Bd. VIII, 1934, S. 197. 

9. In ungar. Sprache in „LelekelemzSsi Tanulmanyok", Budapest, 1933. 

10. Freud: Ges. Sehr., Bd. VII, S. 340. (Die Sperrungen von mir.) 

11. M. Balint: Charakteranalyse und Neubeginn, diese Ztschr., Bd. XX, 1934. Das End- 
ziel der psychoanalytischen Behandlung, diese Ztschr., Bd. XXI, 193 j. 

12. Ferenczi: Die Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kinde, 
diese Ztschr., Bd. XIX, 1933. 

13. J. Hermann: Zum Triebleben der Primaten, Imago, Bd. XIX, 1933. (Dort auch 
weitere Literaturhinweise.) 

14. A. Bdiin t: Ober eine besondere Form der infantilen Angst. Ztschr. f. psa. Päd., 
Bd. VII, 1933. 

ij. Jahrbuch f. psa. u. psychopathol. Forschungen, Bd. II, 1910, S. 112. 

16. Jahrbuch f. psa. u. psychopathol. Forschungen, Bd. III, 1912, S. 401. 

17. Freud: Ges. Sehr., Bd. VI. 

18. G. Röheim: Die Psychoanalyse primitiver Kulturen, Imago, Bd. XVIII, 1932. 

19. M. Mead: Coming of Age in Samoa, London, 1929. Growing up in New Guinea, 
\930. I 

20. Freud: Ges. Sehr., Bd. V, S. 198 ff. 

21. Freud: 1. c, S. 64. 






Aus der neurologisch-psychiatrischen Klinik der Wiener Universität 
Vorstand Prof. Dr. O. Pötzl 

Zur Kenntnis der Triebstörungen und der 
Abwehrreaktionen des Ichs bei Hirnkranken 1 

Von 

Erwin Stengel 

Wien 

M. D. u. H.! Ich möchte versuchen, Ihnen einiges über Verhaltungs- 
weisen des Ichs bei Hirnkranken zu berichten. Diese Erörterungen werden 
uns in das Gebiet der Triebstörungen führen. Ein Bericht über Reaktionen 
des Ichs bei Hirnkranken kann nur einzelnes aus der Fülle des Materials her- 
ausgreifen, vieles nur skizzieren, denn es handelt sich ja nicht um Ergebnisse 
exakter analytischer Forschungsarbeit. Ob trotz dieser unvermeidlichen 
Mängel das vorgebrachte Material einen Gewinn für die "Wissenschaft dar- 
stellt, sollen Sie beurteilen. 

Von drei Seiten treten Aufgaben und Gefahren an das Ich heran: von der 
Außenwelt her, vom Es und vom Über-Ich. Der an dritter Stelle genannte 
Wirkungskreis scheidet vorläufig für unsere Betrachtung aus und soll Gegen- 
stand späterer Untersuchungen sein. Untersuchungen über die Funktions- 
änderungen des Ichs bei Hirnkranken werden besonders dadurch erleichtert, 
daß die topische Betrachtung der Psychoanalyse Beziehungen zur Topik des 
Gehirns aufzuzeigen erlaubt. Die wesentlichsten Ich-Funktionen werden in 
die Hirnrinde verlegt, die zwischen der Außenwelt und den phylogenetisch alten 
Hirnteilen liegt. Diese Hirnteile dürfen wir mit gutem Recht als die Hirn- 
apparate des Es bezeichnen. Tatsächlich finden wir in jedem Lehrbuch die 
Hirnkrankheiten bis zu einem gewissen Grade geordnet nach den Störungen 
der Perzeption und der Motilität, der beiden hauptsächlichen Ich-Funktionen, 
also nach denselben Gesichtspunkten, nach denen eine psychoanalytische Be- 
trachtung der Hirnkrankheiten den Stoff gliedern müßte. 

Reaktionen des Ichs bei Störung der rezeptiven Funktionen 

Bei Störungen im Bereich des Wahrnehmungsapparates, also des sensiblen 
und sensorischen Systems, ergibt sich, grob skizziert, folgende Gesetzmäßig- 
keit: Je peripherer die Störung sitzt, um so weniger tiefgreifend die Reaktion 

i)_ Erweiterte Wiedergabe eines am 10. Jänner 1934 in der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung gehaltenen Vortrages. Aus technischen Gründen wurde für die Publikation die 
Form des Vortrages beibehalten. Daraus ergibt sich, daß manches Bekannte angeführt wird 
und auf Literaturangaben zum großen Teile verzichtet werden muß. Im Vortrage konnten 
■die später erschienenen Aufsätze von Jekels und Bergler, die sich mit dem Triebdualis- 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 



545 



des Ichs, um so schwächer die Abwehrvorgänge. Hier fungiert vielfach 
Schmerz und Parästhesie als Abwehrmechanismus. ("Wir denken hier nicht 
an die bekannten psychischen Reaktionen bei Verlust von Extremitäten oder 
Extremitätenteilen, denen ein viel komplexeres Geschehen zugrunde liegt als 
bloß eine Störung im Bereiche des sensiblen Systems.) Allerdings ist anzu- 
nehmen, daß Verdrängungsmechanismen auch bei peripheren sensiblen Störun- 
gen vorkommen. Ist es doch auffallend, wie weitgehend sensible Störungen 
nicht wahrgenommen werden. Bei zentral sitzenden Herden im Bereiche des 
Wahrnehmungsapparates kann es zu großartigen Reaktionsbildungen kommen. 
Ich erinnere an die NichtWahrnehmung der eigenen Blindheit. Eine besondere 
-Gruppe stellen die Erkrankungen der höheren 'Wahrnehmungsapparate dar, 
also die agnostischen und aphasischen Störungen. Auf diese Erscheinungen 
soll hier nicht eingegangen werden. Nur ein Symptom möchte ich erwähnen, 
das einer Wahrnehmungsstörung höherer Schicht entspricht. Schilder und 
ich haben gezeigt, daß es bei Erkrankung eines bestimmten Teiles der 
Scheitellappenrinde zu abnormem Verhalten gegenüber Schmerz- und Gefahr- 
reizen kommt. Diese Kranken perzipieren den Schmerz, empfinden ihn als 
solchen, verhalten sich aber ihm gegenüber nicht entsprechend oder paradox, 
d. h. sie suchen die Schmerzquelle auf, verraten sogar oft eine gewisse Lust- 
empfindung bei Schmerzreizen. Diese Reaktionsweise, die wir Schmerz- 
asymbolie genannt haben, erinnert an die der Masochisten. Sie stellt sicher- 
lich eine schwere Störung wichtiger Ich-Funktionen dar. 

Eine Sonderstellung in der "Wahrnehmungsphysiologie nimmt die Ver- 
arbeitung jener Reize ein, die vom eigenen Körper in das Zentralorgan ge- 
langen. Man hat sie die propriozeptiven genannt zum Unterschied von den 
über die Außenwelt orientierenden exterozeptiven. Die Verarbeitung der 
propriozeptiven Reize erfolgt unbewußt, solange die Funktion intakt ist. 
Ich erinnere an den Gleichgewichtsapparat, ferner an jene zum Teil ins Klein- 
hirn lokalisierten Apparate, die die Stellung der Organe zueinander regu- 
lieren, an die Reize, die von den wachsenden Organen ausgehen usw. Es ent- 
spricht durchaus den Erwartungen, daß das Ich im Krankheitsfalle auf eine 
Abänderung dieser Funktionen, die eine unentbehrliche Sicherung seiner 
Integrität darstellen, in besonderer Weise reagieren kann. Am bekanntesten 
sind die psychischen Reaktionen bei Vestibulär erkrankung. Aber auch Ein- 
drücke, die von den exterozeptiven Sinnesorganen, also etwa dem Gesichts- 
sinn, aufgenommen werden und den eigenen Körper betreffen, werden ge- 
eignet sein, Reaktionen des Ichs auszulösen. Hier verdient ein Fall Erwäh- 
nung, bei dem sich derartige exterozeptive Wahrnehmungen mit proprio- 
zeptiven in eigenartiger Weise verbinden und ungewöhnliche Reaktionen des 
Ichs auslösen. 

mus beschäftigen, nicht berücksichtigt werden. Auf die Arbeit der beiden Autoren wird 
jedoch fallweise hingewiesen werden. ' 



546 



Erwin Stengel 



Eine Patientin 2 mit sehr ausgeprägter Akromegalie berichtet über drei 
stereotype Träume, über die schlagwortartig berichtet werden soll: 

„Ich werde von einem überlebensgroßen Pferd verfolgt. Ich fürchte, es könnte mir 
die Hände abbeißen. In meiner Verzweiflung nehme ich den Kampf auf, packe das 
Pferd am Kopf und zerbreche ihm den Unterkiefer." In einem zweiten Traum reißt 
die Pat. einem männlichen Verfolger die Schuhe von den Füßen und zerbricht sie. 
In einem dritten Traum tötet die Pat. eine Katze, die sich in das Fleisch ihrer Hand 
verbissen hat. 

In jedem dieser Träume wendet sich die Pat. gegen einen Teil ihres Körpers 
(Unterkiefer, Fuß, Hand), der durch die Krankheit verändert, d. h. in ab- 
normer "Weise vergrößert wurde. Hier ist unschwer der Mechanismus der 
Projektion zu erkennen. Schilder hat gezeigt, daß Defekte des eigenen 
Körpers nach außen projiziert werden können. Bei dem hier mitgeteilten 
Falle besteht die Traumarbeit in einer Abspaltung der als fremd empfundenen 
Teile des Körper-Ichs und deren Vernichtung. Zwei Momente verdienen be- 
sondere Erwähnung: Die Pat. behauptet mit Bestimmtheit, den ersten Traum 
zu einer Zeit gehabt zu haben, als sie sicherlich noch nichts von der Ver- 
änderung ihres Körpers wahrgenommen habe. Wir können hier an die 
Wirkung unbewußter optischer Eindrücke denken oder, was bei der Schnel- 
ligkeit des abnormen Wachstums nicht ausgeschlossen ist, eine Wirkung des 
von den befallenen Organen ausgehenden abnormen Wachstumsreizes an- 
nehmen, der nur im Traum wahrgenommen wird. — Noch ein zweiter Punkt 
verdient Erwähnung. Die Veränderung war der Pat. besonders deshalb un- 
heimlich, weil sie sie als zunehmende Vermännlichung erlebte, so daß sie 
sich mitunter fremd vorkam. Der Traum stellt also auch einen Abwehrvor- 
gang gegen die drohende Vermännlichung dar. Vielleicht stellt die Stellung 
unserer Pat. zum Männlichkeitskomplex jenen individuellen Triebfaktor dar, 
der zum Verständnis dieser Träume unerläßlich ist. 

Der Fall bietet Beiträge zu dem Problemkreis, den Federn in seinen 
Studien über das Ich-Gefühl im Traum behandelt hat. Unser Fall zeigt deut- 
lich die Trennung des Körper-Ichs vom geistigen Ich im Traum. Er zeigt 
auch andeutungsweise Entfremdungsvorgänge. Auf die Theorie soll hier nicht 
näher eingegangen werden. Wichtig erscheint uns der Fall, weil er Bedingun- 
gen zeigt, unter denen eine Entfremdung einsetzen kann und die zur Ich- 
Spaltung im Traume führen können. — Komplizierter liegt ein anderer Fall: 

^ Bei einer Kleinhirnkranken treten beim Erwachen und Einschlafen Zustände von Bewußt- 
seinstrübung mit eigenartigen Körpererlebnissen auf. Die Patientin hat das unangenehme 
Gefühl der Verdoppelung, ein anderes Mal der Zweiteilung, wobei eine Körperhälfte schwerer 
empfunden wird. Diese Empfindungen sind mit ausgesprochenem Entfremdungsgefühl ver- 
bunden. Durch motorische Aktionen gelingt es der Kranken, die beschriebenen Empfindun- 
gen zum Sc hwinden zu bringen. 

2) Eingehende Beschreibung dieses und des weiter unten angeführten Falles s. E. Stengel: 
Zur Pathologie des Körpererlebens bei Hirnkranken. Areh. f. Psychiatrie, 101, 1933. 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 



547 



Klinische Erfahrungen, die andernorts 3 erörtert wurden, sprachen dafür, 
daß die Erlebnisse der Kranken Reaktionen auf abnorme, durch die Klein- 
hirnerkrankung entstandene propriozeptive Reize darstellten, die nur im 
Traum oder im Zustand geänderten Bewußtseins wahrgenommen wer- 
den. Unter bestimmten Bedingungen werden also propriozeptive Reize, 
die normalerweise nicht empfunden werden („unbewußte Sensibilität" 
Lewandowsky), perzipiert und in eigenartiger "Weise verarbeitet. Inhalt- 
lich mag das Erleben der Pat. eine mißglückte Autotomie darstellen. Der 
Fall zeigt die Bedeutung von Störungen des Ich-Gefühls für das Zustande- 
kommen von Entfremdungsvorgängen (Schilder, 4 Federn 5 ). Es ist nahe- 
liegend, als einen jener Faktoren, die zum Depersonalisationserlebnis führen, 
die abnormen Wahrnehmungen anzusehen. Hier scheint die Widersprochen- 
heit der Erlebnisse (Schilder) von Bedeutung. Die Depersonalisation scheint 
hier das Ergebnis eines mißglückten Abwehrvorganges im Sinne von Hart- 
mann 6 und Schilder. Die Tatsache, daß hier durch abnorme Körperreize, 
die infolge lokalisierter Hirnerkrankung auftraten, eine Störung des Körper- 
schemas zustande gekommen ist, verdient besondere Beachtung. Im allge- 
meinen bieten Störungen des Körperschemas nicht Anlaß zu Abwehrvor- 
gängen im Sinne der Depersonalisation. Es muß offenbar die Ursache der 
Störung des Körperschemas in der Abänderung ganz bestimmter Reize liegen, 
wenn es zu derartigen Abwehrvorgängen kommen soll. Es scheint, daß der 
Schlafzustand sowie das Erwachen und Einschlafen für das Bewußtwerden 
derartiger Körperempfindungen in erster Linie in Betracht kommen. 

Ich habe Ihnen damit zwei Beispiele gebracht, die komplexe Abwehr- 
reaktionen des Ichs bei Störung bestimmter Funktionen des "Wahrnehmungs- 
apparates durch Hirnkrankheit demonstrieren. Es zeigt sich, daß das Ich 
hier im Sinne des Lust-Unlust-Prinzips arbeitet, also letzten Endes im Dienste 
des Eros. Es handelt sich hier um Reaktionen des Ichs auf "Widersprüche 
zwischen verschiedenen zum Teile durch die Hirnkrankheit entstandenen 
oder abgeänderten Empfindungen und um mißglückte Versuche des Ichs, das 
Gefühl der Einheit des Organismus wiederzugewinnen. Diese Vorgänge sind 
wohl jenen Mechanismen zuzuschreiben, die Nunberg 7 unter dem Begriff 
der synthetischen Funktion des Ichs zusammengefaßt hat. 

Reaktionen des Ichs bei Störungen der Motilität 
"Wir wenden uns nun jener Gruppe von Erkrankungen zu, bei der durch 
Hirnkrankheit die Funktion des Ichs, die in der Beherrschung der Motilität 
besteht, gestört wird. Wir wissen: Das Ich beherrscht die Zugänge zur 

3) Arch. f. Psychiatrie, 101, 1933. 

4) Med. Psychologie, 1924. 

5) Internat. Ztschr. f. Psychoanalyse, 18, 1932. 

6) Ztschr. f. Neurol., 74, 1922. 

7) Internat. Ztschr. f. Psychoanalyse, 16, 1930. 



Motilität. Wie wir uns diese Herrschaft vorzustellen haben, geht aus dem 
Freudschen Vergleich des Ichs mit dem Reiter hervor, der das Es, das mit 
dem Pferde verglichen wird, lenkt. Ich greife aus den verschiedenen Möglich- 
keiten der Motilitätsstörung einige heraus. 

Von den Reaktionen des Ichs bei Motilitätsausf allen (Lähmungserschei- 
nungen) soll nur ganz kurz gesprochen werden, da es sich hier durchwegs um 
längst Bekanntes handelt. Das Ich entwickelt seine Funktion der Realitäts- 
anpassung meist in dem Sinne, daß es zum Beispiel auf die unbrauchbare 
Extremität verzichtet und die Ganzheit des Körpers wiederherstellt. Wenn 
die Störung des motorischen Apparates verbunden ist mit Läsionen im Be- 
reiche bestimmter Teile der Rinde und des Sehhügels, der für die Affektivität 
von Bedeutung ist, kann es dazukommen, daß das Ich die Lähmung nicht zur 
Kenntnis nimmt. Der Mechanismus ist ein ähnlicher wie bei der Nichtwahr- 
nehmung der eigenen Blindheit. 

Ich möchte von den vielfach beschriebenen Erscheinungen bei motorischen 
Ausfällen hier nicht weiter sprechen, sondern mich einer Gruppe von Er- 
krankungen zuwenden, bei denen ein Plus an Motilität besteht. Es sind 
jene Zustände, in denen das Ich von der Motilität beherrscht wird. 

Der eine Zustand, in dem dies der Fall ist, ist der epileptische Anfall. Er 
wird mit Recht als die Domäne des Destruktionstriebes betrachtet. Er 
ist ein Musterbeispiel eines Zustandes, in dem dieser Teil des Es das Ich über- 
wältigt. Diese Überwältigung ist aber eine so vollkommene, daß sich das Ich 
der Beobachtung entzieht und wir nur indirekt aus den Begleiterscheinungen 
und Folgezuständen die Wirkung jener Orgie des Destruktionstriebes er- 
schließen können. 

Für unsere Fragestellung wäre es wichtig, Zustände zu finden, in denen das 
Ich von der Motilität beherrscht wird, ohne daß es zur Bewußtlosigkeit 
kommt. Dieses Verhalten scheinen mir die Erkrankungen der motori- 
schen Apparate der Stammganglien zubieten, wie sie vor allem bei der 
Parkinsonschen Krankheit und beim Parkinsonismus der Postenzephalitiker 
entstehen. Ich möchte die Behauptung aufstellen und an klinischen Beispielen 
belegen, daß diese Krankheitsbilder für das Studium der Destruktionstriebe 
und ihre Wirkung auf das Ich ein ideales Studienobjekt darstellen. Hier 
kommt es zur Entmischung von Destruktions- und Sexualtrieben; wir können 
hier vielfach die ersteren isoliert studieren, was sonst nur bei der Melancholie und 
in gewissem Grade bei der Epilepsie möglich ist. Die Bedingungen dieses 
Studiums sind aber bei den Kranken mit Stammganglienaffektionen dank der 
Mannigfaltigkeit der Symptome wesentlich günstiger. Über diese Krankheits- 
bilder, besonders die postenzephalitischen Zustände, wurde auch von 
Psychoanalytikern viel geschrieben. Hier seien vor allem die Arbeiten 
Schilders und Jelliffe s 8 genannt. Die Gesichtspunkte, die ich hier in 
8) Arch. of Neurol. and Psychiatry, 17, 1927. 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 549 

den Vordergrund stellen will, sind aber, soweit ich die Literatur übersehe, 
bisher nicht entsprechend berücksichtigt. Zum erstenmal finde ich sie teil- 
weise berücksichtigt in einer Arbeit von Jelliffe. 9 Aber auch hier ist die 
Bedeutung dieser Zustände nur zum Teil gewürdigt. 

"Wir unterscheiden bei den Erkrankungen der Stammganglien akinetische 
und hyperkinetische Formen. Bei den ersteren finden wir in den extremen 
Fällen hochgradige Starre, Bewegungsarmut, Mangel an Antrieb. Das Muster- 
beispiel ist der Morbus Parkinson. Wie erlebt das Ich diese Bewegungsstörung? 
Die Kranken empfinden vielfach einen Mangel an „Antrieb". Ob dieser 
primär ist oder sekundär, d. h. durch das Gefühl der Unfähigkeit der Muskel- 
beherrschung entstanden, darüber ist man sich nicht einig. Für unsere Be- 
trachtung ist diese Frage irrelevant. Wir finden in fortgeschrittenen Fällen 
die Kranken monate- und jahrelang bewegungslos in totenähnlicher Starre 
sitzen. Sie zeigen vielfach die Erscheinung der Katalepsie. "Würde man sich 
um sie nicht kümmern, sie würden infolge des Versagens der Ich-Funktionen 
in wenigen Tagen sterben. Dieser Typus von Kranken äußert keine Sexual- 
wünsche, auch wenn es sich um Jugendliche handelt. Jelliffe erinnert an 
die Starrezustände bei gewissen religiösen Kulthandlungen. Er weist ferner 
auf die Feindseligkeit hin, die in dieser Haltung fixiert erscheint; sie erinnert 
ihn an die Lauerhaltung des Raubtiers. — Daß es sich hier um einen Zustand 
der Dauerspannung handelt, der auch durchbrochen werden kann, zeigt unter 
anderem die Tatsache, daß die Kranken, die jahrelang tagsüber unbewegt da- 
sitzen, eines Nachts schlafwandelnd aus dem Bette steigen und flott herum- 
laufen und sprechen können. Es handelt sich also hier um eine fixierte Dauer- 
erregung, deren Ausdruck und Ziel die absolute Ruhe der Bewegungslosigkeit 
ist. Soweit wir dies beurteilen können, sind die Funktionen des Ichs bei 
diesen Kranken auf ein Minimum reduziert. Diese Zustände haben als 
Analogie die katatone Haltung des Melancholischen und Schizophrenen mit 
dem Unterschied, daß bei diesen Kranken die Ich-Funktionen doch nicht so 
weitgehend und nicht für Lebensdauer versagen. Es bestehen auch viel- 
fache Beziehungen zur Enthirnungsstarre. "Wir können im Krankheitsbild 
des akinetischen Parkinson das Phänomen einer Dauerspannung erblicken, 
dessen Entspannung erst der Tod bringt. Die wahre Analogie dieses Zu- 
standes scheint mir die Totenstarre, die unter bestimmten innervatorischen 
Bedingungen auch kataleptisch sein kann. Eine derartige Betrachtung der 
Totenstarre, die man früher als ein rein peripheres Gerinnungsphänomen 
aufgefaßt hat, erscheint mir auch deshalb erlaubt, weil experimentelle Er- 
fahrungen zeigen konnten, daß am Zustandekommen der Totenstarre auch 
das Zentralnervensystem beteiligt ist; denn wenn wir die Verbindungen der 
Muskeln mit dem Gehirn unterbrechen, tritt die Totenstarre später ein usw. 
Man könnte die Totenstarre als den letzten Triumph des Todestriebes über 

9) Internat. Ztschr. f. Psychoanalyse, Bd. XIX, 1933. 



55° Erwin Stengel 



das Ich bezeichnen. Ich möchte also in der Akinese des Parkinson den reinsten 
Ausdruck des Strebens zur Ruhe und zum Anorganischen erblicken. 

Es erhebt sich die Frage, ob man bei diesen Kranken noch andere Phäno- 
mene beobachten kann, die man als Äußerungen des Todestriebes zu betrach- 
ten gewohnt ist, etwa den Wiederholungszwang. Das ist in sehr reichem 
Ausmaße der Fall. Wir finden ihn bei jener zweiten Gruppe von Kranken, 
die durch ein Übermaß an Bewegung charakterisiert sind. Wieder können wir 
sagen, daß der Wiederholungszwang in seinen körperlichen und psychischen 
Ausdrucksformen bei diesen Kranken besonders rein zu finden ist. Gold- 
stein 10 war der erste, der auf die Bedeutung des Begriffes des Wiederholungs- 
zwanges für das Verständnis mancher Hyperkinesen bei Stammganglien- 
erkrankung hingewiesen hat. Er spricht von einer gleichartigen funktionellen 
Bedingtheit organischer und psychogener Mechanismen. Jelliffe hat in der 
oben genannten Arbeit über die Haltung des Parkinsonisten die Meinung 
ausgesprochen, daß der Tremor dieser Kranken einem verdrängten Sadismus 
entspreche. Man kann wohl sagen, daß die Hirnkrankheit zur Enthemmung 
des Wiederholungszwanges geführt hat, der sich nun je nach der Lokalisation 
der Störung entweder in Tremor oder in anderen unwillkürlichen Bewegun- 
gen äußert. Eine dieser Bewegungsstörungen stellt der organisch bedingte 
Tic dar, dessen psychogene Abart schon wiederholt Gegenstand psycho- 
analytischer Untersuchungen gewesen ist. Ich erinnere daran, daß Abraham, 
noch nicht auf dem Boden der dualistischen Trieblehre stehend, einen psycho- 
genen Tic als Konversionssymptom auf sadistisch-analer Stufe betrachtet hat 
und ihn als Äquivalent für eine Zwangsneurose auffaßte. Manches von dem, 
was ich Ihnen später noch mitteilen werde, wird Sie an diese Auffassung 
erinnern. 

Was wissen wir von den Reaktionen des Ichs gegenüber diesen unwill- 
kürlichen Bewegungen? Ich spreche hier ausschließlich von jenen Fällen, bei 
denen auf Grund eines sichergestellten Hirnherdes Bewegungsstörungen auf- 
traten. Das Ich verhält sich zum Teile ähnlich wie bei Lähmung und 
Störung des Wahrnehmungsapparates. Es kann, wenn auch nur selten, zum 
Versuch einer Verdrängung kommen. Ich erinnere mich an einen Mann in 
höherem Alter, der eine schwere Hemichorea hatte, die ganz plötzlich, offen- 
bar durch Apoplexie, aufgetreten war. Dieser Kranke, der im übrigen intel- 
lektuell nicht schwer geschädigt war, wußte durch viele Monate nichts von 
seiner schweren Bewegungsstörung. Bei allgemein geschädigtem Gehirn finden 
wir, wie bereits erwähnt, derartige Verdrängungserscheinungen, die in das 
Gebiet der Anosognosie gehören, häufiger — > eine Tatsache, die dafür spricht, 
daß psychische Autotomievorgänge auf primitivem Niveau leichter zustande 
kommen. 

Typisch ist ein anderes, den Neurologen bekanntes Verhalten des Ichs, 
10) Monatsschr. f. Neurol. u. Psychiatrie, 77, 192 j, 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 551 



nämlich der Versuch, diese Bewegungen als sinnvoll erscheinen zu lassen. 
Viele Kranke zeigen die Tendenz, eine gewisse Ordnung in das Chaos der 
Bewegungsunruhe zu bringen, sie sozusagen zu rationalisieren, z. B. indem 
sie sie zu Wisch- und Kratzbewegungen umgestalten. Dieses Verhalten der 
Kranken erinnert an jene psychischen Phänomene, bei denen das Ich so tut, 
als würde die ihm vom Es aufgezwungene Handlung eigentlich seinen Inten- 
tionen entsprechen. Hermann 11 hat darauf hingewiesen, daß wir im 
Psychischen immer wieder beobachten können, wie ein Ordnungswille in das 
Wirken des Wiederholungszwanges einzugreifen versucht. Er nennt diese 
Fähigkeit, deren Entwicklung im Dienste des Realitätsprinzips steht, Ordinanz. 
Sie steht wohl im Dienste der synthetischen Funktion des Ichs. Sicherlich ist 
in diesem Mechanismus ein Abwehrvorgang gegen das Wirken des Destruk- 
tionstriebes zu erblicken. Wie tief diese Abwehrmechanismen, die sich gegen 
das sinnlose, ich-feindliche Wirken des Wiederholungszwanges richten, ira 
Menschen verankert sein müssen, zeigt sich darin, daß manchmal auch in 
Zuständen von schwerer Bewußtseinstrübung die Tendenz, Bewegungsstörun- 
gen zu rationalisieren, bestehen bleibt. Ich konnte einen Fall mit schwerem 
Hemiballismus beobachten, bei dem auch noch im Zustande der schweren 
Bewußtseinstrübung die Tendenz bestand, in die Bewegungen gestaltend ein- 
zugreifen, vor allem in dem Sinne, daß die Kranke trachtete, aus den regel- 
losen rotierenden Bewegungen die Bewegung des Durch-die-Haare-Fahrens 
u. ähnl. zu gestalten. 

Diese Versuche, die Äußerungen des Destruktionstriebes sozusagen ich^ 
gerecht zu machen, lassen sich nicht bei allen Kranken so deutlich nach- 
weisen. Man kann aber wohl sagen, daß Ansätze dazu bei allen vorhanden 
sind. Vielfach wird aber der Versuch bald aufgegeben, das Ich nimmt die auf- 
gezwungene Bewegung wehrlos als etwas Fremdes hin und versucht, sich ihr 
allmählich anzupassen. 

Weitere, besonders instruktive Beispiele für die Bedeutung der Destruk- 
tionstriebe bei Postenzephalitikern stellen die verschiedenen Anfallstypen 
dar, die durchwegs Beziehungen zur Epilepsie zeigen. Ich erinnere an die 
Erscheinungen, die von neurologischer Seite als triebhafte Dranghand- 
lungen bezeichnet wurden. Es handelt sich um Zustände, bei denen die 
Kranken plötzlich in motorische Unruhe geraten und gegen die Gegenstände 
oder Menschen ihrer Umgebung oder gegen sich selbst losgehen. Man kann 
hier rücksichtslose Aggression gegen die Umgebung und Äußerungen einer 
Selbstbeschädigungstendenz beobachten. Bei Jugendlichen äußern sich diese 
Zustände oft in raptusartigen, bösartigen Streichen. Auf Befragen geben die 
Kranken an, so handeln zu müssen. Nachher fühlen sie sich oft entspannt 
und erleichtert. Sie sind sich des Unerlaubten bewußt, suchen es wieder 



1 1) Internat. Ztschr. f. Psychoanalyse, Bd. VIII, 1922. 

Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, XXI/4 3? 



gutzumachen. Diese motorischen Abläufe tragen sämtliche Charakteristika 
einer Triebhandlung. 

Ein Typus von Anfällen soll uns näher beschäftigen, weil wir von hier 
aus interessante Reaktionen des Ichs studieren können. Ich meine die soge- 
nannten Blickkrämpfe der Postenzephalitiker. Es handelt sich um das 
Auftreten einer zwangsmäßigen Deviation der Augäpfel meist nach aufwärts. 
Diese Krämpfe sind verbunden mit einer Zunahme der Spannung am ganzen 
Körper, häufig kombiniert mit Auftreten von Zittern und vegetativen Er- 
scheinungen. Die Anfälle, die stundenlang dauern können, sind von Schmer- 
zen in den Augenmuskeln begleitet. Die Ähnlichkeit dieser Anfälle mit 
epileptischen ist eine mehrfache. Auch beim epileptischen Anfall spielt 
Deviation der Bulbi eine Rolle, ebenso wie die epileptischen Anfälle gehen 
auch diese in der Regel in Schlaf über. Sie sind durch Schlafmittel zu 
kupieren. Erinnern wir uns ferner, daß auch im epileptischen Anfall für eine 
Weile die Krämpfe tonischer Art sind. Ebenso wie der epileptische Anfall 
kann der Blickkrampf in manchen Fällen durch Hyperventilation ausgelöst 
werden (Georgi). Für die Untersuchung psychischer Phänomene hat der 
Blickkrampf gegenüber dem epil. Anfall den Vorteil, daß er ohne Bewußt- 
seinsverlust verläuft und uns die Möglichkeit gibt, die psychischen Vorgänge 
in diesem Zustand, in dem das Ich von der Motorik überwältigt wird, zu 
studieren. 

Bei vielen Fällen ist das hervorstechendste psychische Symptom im Anfall 
die Angst. Sie kann unbestimmter Art sein, sie kann auch Todesangst mit 
Vernichtungsgefühl sein, sie kann ferner als Angst vor halluzinatorisch er- 
lebten Schädigungen von Seiten der Außenwelt auftreten. Ich habe einen 
Fall beobachtet, bei dem die Angst auftrat, während des Krampfes von einem 
Manne vergewaltigt und in eine Jauchegrube geworfen zu werden. Diese 
Vorstellungen ließen sich auf einen Sturz in eine Jauchegrube im 3. Lebens- 
jahre und eine im 13. Lebensjahre erlebte Vergewaltigung zurückführen. 
Diese Erlebnisse wiederholten sich bei der Patientin, die im Blickkrampf 
zwangsmäßig im Kreise herumlief, durch Jahre mit photographischer Treue. 
Die Patientin rannte alles, was sich ihr entgegenstellte, nieder, bis sie an einem 
Widerstände zusammenbrach. Dieser Anfallstypus erinnert deutlich an be- 
stimmte Arten epileptischer Zustände. In dem eben beschriebenen Falle 
scheint ein Mechanismus, der dem der traumatischen Neurose entspricht 
(Wiederholung der Anfallssituation), den Zustand des Krampfes zu seiner 
Aktivierung benützt zu haben. 

Psychische Zwangsphänomene bei Hirnkranken 
Die Patienten berichten in der Regel über schwere Störungen des Denkens 
im Anfall. „Die Gedanken bleiben auf einem Punkt stehen. Es ist ein 
Stocken der Gedanken oder ein schrecklicher Wirrwarr, das Gefühl, als 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 553 



würden Millionen von Gedanken durcheinandergehen, und es- seien doch 
nur ganz wenige; und diese könnten nicht fertiggedacht werden-" Von 
besonderer Wichtigkeit ist das Auftreten von Zwangsgedanken während 
des Anfalls. Die eben zitierten Angaben der Patienten über ihre Denkstörung 
entsprechen ja weitgehend jenen, die wir bei schweren Zwangsneurosen 
finden. Daß es sich wirklich um Zwangsgedanken handelt, möchte ich an 
einer Reihe von Beispielen zeigen, die zum größten Teile meiner eigenen 
Erfährung entstammen. Es tritt z. B. zwangsartig der Gedanke auf, warum 
das O rund sei, wie die Schriftsprache zustande gekommen sei, was geschehen 
würde, wenn der Kranke 3000 Jahre alt wäre (Stern). 12 Oder die Kranken 
müssen an ein sinnloses Wort denken. Manche Zwangsgedanken zeigen ganz 
offen sadistischen oder masochistischen Charakter. Sie werden dann oft als 
Zwangsimpulse empfunden, z.B. als Gedanke, den Vater ermorden zu 
müssen. Diese Zwangsgedanken im Krämpfe bleiben monate- und jahrelang 
unverändert und können dann durch andere ersetzt werden. 

Auf die Literatur über diese Phänomene kann im Rahmen dieses Vortrages 
nicht näher eingegangen werden. Es sei auf die Monographie von Stern 
über die Encephalitis lethargica hingewiesen. Für Stern ist die Angst im 
Blickkrampf ein primäres, nicht weiter ableitbares Symptom. Eine Reihe 
anderer Autoren erblickt im Zwangsdenken ein Teilsymptom des allge- 
meinen motorischen Zwanges. Besondere Erwähnung verdient die Arbeit von 
Bürger und May er- Gross. 13 Diese beiden Autoren erblicken in dem 
psychischen Zwangsphänomen eine Reaktion auf den motorischen Zwang. 

Lehrreich für den Mechanismus der Zwangsgedanken im Blickkrampf sind 
folgende Fälle, die ich klinisch beobachten konnte. 

Die oben beschriebene Kranke, die im Anfall wie rasend herumlief, hatte eine 
Zeitlang im Anfall den Zwang, vor sich hinzusagen: ..Weil ich nur, weil ich nur." 
Der volle Wortlaut dieses Gedankens, der nur ganz selten zu Ende gedacht wurde, 
lautete: Weil ich nur gute Eltern habe, die mir immer etwas geben, daß der Krampf 
aufhört, brauche ich mich nicht zu fürchten, daß ich mich anstoße. Die Patientin 
hat im Krampf beständig Angst, daß sie jemandem etwas antue, ihn an den Haaren 
reiße, daß die Mutter sterben könne, usw. Ich glaube, die Bedeutung des Zwangs- 
gedankens als Abwehrvorgang gegen sadistische Regungen ist hier nicht zu verkennen. 

Ähnlich war dies bei einer zweiten Patientin. Sie leidet furchtbar unter einem 
stundenlang währenden Blickkrampf nach oben, hat aber während desselben stän- 
dig den als zwanghaft empfundenen Gedanken: Es ist höchste Zeit, daß ich hinauf- 
schaue. Gleichzeitig hat sie große Angst. Sie sagt darüber: Ich fürchte mich vor 
nichts Bestimmtem, nur denke ich mir alles mögliche Schlechte, z. B. manchmal, daß 
die Mutter sterben soll, daß der Vater eingesperrt wird usw. Es ist naheliegend, in 
dem Zwangsgedanken dieser Patientin den Ausdruck eines Strafbedürfnisses zu 
erblicken. 

Die Zahl der Fälle, bei denen Zwangsgedanken im Blickkrampf auftreten, 

12) Die epidemische Enzephalitis, J. Springer, Berlin 1528. 

13) Ztschr. f. Neurol., 116, 1928. 

37* 



554 '-,•' Erwin Stengel 



könnte um ein Vielfaches vermehrt werden. 14 Begreiflicherweise hat das Auf- 
treten von • psychischen Zwahgsphänomenen bei Hirnkranken das besondere 
Interesse der Neurologen erweckt. Es schien manchen, als wäre nun der 
organische Charakter der Zwangsneurose erwiesen. Gegner der psychoanalyti- 
schen Theorie der Zwangsneurose berufen sich gerne auf diese Phänomene. 
Für eine psychologische Wissenschaft, die, wie die Psychoanalyse, auf biologi- 
schem Boden steht, bereitet es keine Schwierigkeiten, daß bei Erkrankung 
von Hir^apparaten psychische Anomalien auftreten können. Das häufige Auf- 
treten sadistischer Regungen im Blickkrampf ist für den Psychoanalytiker, der 
die Bedeutung gerade dieser Triebstörung für den Aufbau der Zwangsneurose 
kennt, von besonderem Interesse. Die Auffassung ist naheliegend, daß es durch 
die Hirnkrankheit ., zu . Triebstörungen kommt — in diesem Falle zu einer 
Triebentmischung mit besonderem Hervortreten der Destruktionstriebe — , als 
deren Folge. ebenso wie bei den ohne organische Ursache entstehenden Trieb- 
störungen bestimmte neurotische Symptome, z. B. Zwangsdenken, auftreten 
können. Hiebei spielen sicherlich noch andere, uns nur zum Teil bekannte 
Bedingungen, wie etwa, eine durch die Hirnkrankheit zustande gekommene 
Enthemmung der Wiederholungstendenz, mit eine Rolle. Neben den trieb- 
haften Dranghandlungen und der postenzephalitischen Charakterveränderung, 
bei der gleichfalls die Aggressionsneigung besonders hervortritt, wäre also auch 
der Zustand des Bliekkrampfes durch eine häufig manifest werdende Enthem- 
mung des Destruktionstriebes, charakterisiert. Es entspricht durchaus den Er- 
fahrungen, daß dieser Triebdurchbruch mit Angst einhergeht. 

Bei dieser Betrachtungsweise erfährt das häufige Auftreten von Zwangs- 
gedanken im Blickkrampf eine neue Beleuchtung. Diese psychischen Phäno- 
mene wären ebenso wie bei der Zwangsneurose als eine unter bestimmten Be- 
dingungen zustande kommende Reaktion des Ichs auf die anfallsweise ent- 
hemmten Destruktionstriebe aufzufassen. Es ergibt sich also die Ableitung 
dieser psychischen Phänomene aus Triebstörungen beim Hirnkranken ebenso 
wie beim Neurotiker.' Die Tatsache, daß nicht bei jedem Kranken mit 
Zwangsphänomenen im Blickkrampf sadistische Tendenzen nachweisbar sind, 
spricht nicht gegen diese Auffassung. Auch beim Zwangsneurotiker liegt der 
Sadismus nicht immer offen zutage, läßt sich aber in der Analyse ohne Aus- 
nahme nachweisen. ' Es ist daher auch beim Hirnkranken erlaubt, an die Wir- 
kung unbewußter sadistischer Regungen zu denken, wo wir sie nicht im 
Bewußtsein des Kranken finden- Allerdings ist ein solcher Nachweis bei den 
hier beschriebenen Hirnkranken kaum durchführbar, so daß die Verall- 
gemeinerung der Annahme, daß beim .'Hirnkranken den psychischen Zwangs- 
phänomenen ebenso wie beim Zwangsneurotiker eine bestimmte Triebstörung 
zugrunde liegt*, vorläufig. eine, wenn auch gut gestützte, Hypothese bleibt. Daß 
die Ätiologie der Triebstörung bei beiden Gruppen eine verschiedene ist, ver- 

14) Vgl. Stengel: Monatsschr. f. Psychiatrie, 70, 1928. — Ztschf. f. Neuro!., 127, 1930. 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der- Abwehrreaktionen usw. 



553 



trägt sich durchaus mit der psychoanalytischen Lehre, die den Trieb aus 
einem Reizzustand der Organe, also letzten Endes des Gehirns, ableitet.' Einer 
nicht auf biologischem Boden stehenden Lehre der Zwangsneurose muß die 
Erklärung psychischer Zwangsphänomene bei Hirrtkranken allerdings die 
größte Verlegenheit bereiten. Folgerichtig hat auch Wexberg, 15 auf dem 
Boden der Adler sehen Theorie stehend, auf Grund der Erfahrungen bei 
Hirnkranken die Zwangsneurose als primär organisches Leiden bezeichnet. 

Ich komme nun auf einige weitere Fälle zu sprechen, bei denen sich das 
Hervortreten des Todestriebes im Blickkrampf deutlich nachweisen läßt. Diese 
Fälle zeigen im Blickkrampf Beziehungen zur Melancholie, in der sich be- 
kanntlich der Todestrieb am deutlichsten manifestiert. 1 

Eine Patientin wird in die Klinik gebracht, weil sie' im Biickkrampf einen Selbst- 
mordversuch begangen hat, ein nicht allzu seltener Vorfall. Sie berichtet: „Einige 
Stunden vor Beginn des Krampfes wird mir so ängstlich, es wird mir so ernst, ich 
mache ein Gesicht, daß alle Leute sieh vor mir fürchten, so ängstlich und dabei so 
traurig." In diesem Zustand ist die Patientin von der Angst vor dem Krampf be- 
herrscht. „Es ist mir zum Weinen, aber ich kann nicht, ich bringe keine Träne 
heraus. Plötzlich beginnen die Augen hinaufzugehen. Im Krampf fühle ich mich 
ganz anders. Schon das erste Mal mußte ich daran denken, daß ich meine Mutter 
betrogen habe. Ich habe ihr beim Einkaufen für den Haushalt oft 30 Groschen be- 
halten. Ich bin auch manchmal mit ihr frech gewesen. Auch. mit Burschen bin ich 
gegangen. Die Krankheit ist eine Strafe Gottes für die Unkeuschheit. Im Krampf 
habe ich dauernd den Drang, mir etwas anzutun» Ich glaube immer, ich kann nicht 
weiterleben, ich kann es nicht mehr ertragen. Nachher kommen mir diese Gedanken 
lächerlich vor." 

Sie sehen, daß hier weitgehende inhaltliche Übereinstimmung mit der 
Melancholie besteht. 

Ähnlich ist dies bei einem weiteren Fall, der berichtet: „Während der Krämpfe 
befällt mich die tiefste Traurigkeit. Alles ist so gleichmäßig todtraurig in mir, ich 
weiß, daß ich nie mehr gesund werde, ich möchte nur sterben. Nach dem Krampf 
habe ich das Gefühl: Mir ist so leicht, ich bin so mutig, ich habe die sichere Über- 
zeugung, es kann nie mehr ein Blickkrampf kommen''. Den Patient ist ein akihetischer 
Parkinsonist, der darüber klagt, daß er sich „inwendig zu jedem Schritt und jeder 
Bewegung erst zureden muß". .. 

Über Ähnliches berichtet eine Patientin, die seit vielen Jahren in meiner Beob- 
achtung ' steht. Sie klagt über ein furchtbares Gefühl der Leere im Kopf. Sie hätte 
1926 Weinkrämpfe im Anfall. In den letzten Jahren treten triebhafte Süizidhand- 
lungen auf. Tatsächlich scheinen die Kranken mit Blickkrämpfen relativ am häufig- 
sten unter den Postenzephalitikern Selbstmord zu begehen. In der Zwischenzeit ist 
die Kranke heiter, hypomanisch. 

Manche Patienten versuchen, die Krämpfe aus bestimmten Erlebnissen abzuleiten. 
Eine Patientin erzählt: Der Blickkrampf hoch oben kommt von folgendem: Im 
Dezember 1928 war in unserer Kirche eine Mission,' da war ein Prediger,, ein alter 
Herr, zu dem habe ich immer hinaufgeschaut. Ich war dort durch acht Tage' täglich 
zwei Stunden. Eine genaue Nachfrage ergab, daß die Mission • tatsächlich zur ange-, 

15) Ztschr. f. Neurol., 110, 1930. 



55 6 Erwin Stengel 



l 



I 



gebenen Zeit abgehalten worden war, daß aber Blickkrämpfe schon vier Jahre frü- 
her in der Schule beobachtet worden waren. 

Sie sehen auch hier die tiefwurzelnde Neigung, unverständliche Körpet 
Vorgänge vom Ich her zu erklären. Diese Tendenz ist eine so mächtige, daß 
auch bedeutende Wissenschaftler sich ihr nicht entziehen können. Die Er- 
klärung, die Jelliff e für den Mechanismus des Blickkrampfes versucht, ist der 
jener Patientin nicht unähnlich. Er erblickt in ihm das Auftauchen einer 
primitiven ethischen Attitüde gegenüber verbotenen, vor allem ödipalen Trieb- 
regungen, also eine Wirkung des Über-Ichs, er weist darauf hin, daß die 
Krampfzustände der Pythia ähnlicher Art gewesen sein dürften. Ich zitiere 
wörtlich: „Das Lied des Psalmisten .Erhebe deine Augen zum Himmel, von wo 
die Hilfe kommt!' — im Sinne eines ethischen, zwangsmäßigen Ersatzes für 
das Auftauchen verbotener Wünsche in das Bewußtsein — bezeichnet die 
primäre, durch Zivilisation und Kultur aufgebaute Stufe der ethischen Ent- 
wicklung, die diese Bewegungszustände zustande gebracht hat." Nebenbei er- 
wähnt ist nur bei einem Teil der Blickkrämpfe die Deviation nach oben ge- 
richtet. An einer anderen Stelle meint derselbe Autor, daß die Kranken ihre 
Augen einem aktuellen oder introjizierten Liebesobjekt zuwenden. Ich glaube, 
daß diese Erklärungsversuche wenig befriedigend sind, da sie die Phänomene' 
zu sehr vom Ich aus zu verstehen suchen. 

Schlaf als Abwehrvorgang 
Eine Gemeinsamkeit zwischen Blickkrampf und epileptischem Anfall ist 
darin zu erblicken, daß der Blickkrampf in der Regel durch Schlaf abgeschlos- 
sen wird. In diesem Zusammenhange muß darauf hingewiesen werden, daß 
alle unwillkürlichen Bewegungen, die durch Erkrankung der Stammganglien 
entstehen, im Schlafe sistieren. Herbeiführung von Schlaf durch Medikamente 
bildet einen wesentlichen Bestandteil der Therapie sowohl der akuten Anfälle 
wie der chronischen Hyperkinesen. Beim epileptischen Anfall ist ebenso wie 
beim Blickkrampf die Beziehung zum Schlaf besonders ausgeprägt. Beide 
tendieren zum Schlaf. Im Blickkrampf besteht mitunter sogar ein Bewußt- 
sein dieser Tendenz: manche Kranke berichten während des Anfalls über das 
dauernde Gefühl von Schläfrigkeit. Es ist sicherlich bemerkenswert, daß die 
Restitution des Ichs sowohl nach der schweren Bewußtseinsstörung des 
epileptischen Anfalls wie nach der relativ leichten des Blickkrampfs in der 
Regel über den Schlaf erfolgt. Der Schlaf erweist sich hier als jener Zustand, 
in dem sich das Ich von dem Wirken der Destruktionstriebe befreit. Kar- 
diner 16 hat in einer inhaltsreichen Abhandlung dieses Moment betont. Er 
hat auf die Erfahrung hingewiesen, daß Tiere, die man am Schlafen verhindert, 
in ganz kurzer Zeit zugrunde gehen. Er erblickt im Sinne der Freudschen 
Auffassung den Effekt der narzißtischen Zurückziehung in den Schlaf in einer 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 



557 



Neutralisierung der Destruktionstriebe. Der Schlaf ist offenbar jener Zustand, 
in dem die günstigsten Bedingungen für die Rückkehr zum normalen Ich- 
Gefühl gegeben sind. Es hat also einen guten Sinn, wenn der epileptische An- 
fall als ein Wiedergeburtsvorgang betrachtet wird. 

In dieser Betrachtungsweise zeigt sich der Schlaf als ein Mittel der Ab- 
wehr gegen das Walten der Destruktionstriebe. Allerdings gibt es eine Erschei- 
nung, die mit dieser Rettungsfunktion in Widerspruch zu stehen scheint: das 
besonders häufige Auftreten epileptischer Anfälle aus dem Schlafe heraus. Es 
gibt bekanntlich eine sehr große Zahl von Epileptikern, deren Anfälle aus- 
schließlich oder vorwiegend im Schlafe auftreten. Hier erweist sich merk- 
würdigerweise der Schlaf, sonst der verläßlichste Schützer des Ichs, als ein 
Zustand, aus dem die schwerste Bedrohung des Ichs entstehen kann. 

Jekels und Bergler 17 haben das „Janusgesicht" des Schlafes erkannt und 
erstmalig in seiner Bedeutung gewürdigt. Durch die Arbeiten der beiden 
Autoren erfährt die hier erwähnte eigenartige Doppelbeziehung des Schlafes 
zum epileptischen Anfall eine neue und interessante Beleuchtung. 

Schlafstörung und Triebstörung 
Wenn man die Bedeutung des Schlafes für die Neutralisierung der De- 
struktionstriebe berücksichtigt, dann fällt es auf, daß gerade im Gefolge einer 
Krankheit, die den Schlafmechanismus auf das schwerste betrifft, nämlich 
der Encephalitis lethargica, die Destruktionstriebe so mächtig hervortreten, 
während anderseits bei diesen Kranken eine mehr oder minder tiefgehende 
Verarmung an Libido eintritt. Wir haben hier das Beispiel einer Triebent- 
mischung vor uns, die man bei Kranken, die eine Encephalitis lethargica 
durchgemacht haben, geradezu als eine gesetzmäßige bezeichnen kann. Als 
eine der wesentlichen Ursachen dieser Triebentmischung ist wohl die Störung 
des Schlafmechanismus zu erblicken, das Grundsymptom der Encephalitis 
lethargica. Gerade die hier aufgezeigte Triebstörung bei Postenzephalitikern 
zeigt den Schlaf als einen Zustand, der das Ich vor der Triebentmischung am 
wirksamsten schützt. So demonstriert die Erfahrung am Hirnkranken in über- 
zeugender Weise die Bedeutung des Schlafes für den Libidohaushalt. Diese 
Überlegung verliert dadurch nicht an Wert, daß manche Kranke nach Ablauf 
der akuten enzephalitischen Erkrankung trotz des Bestehens anderer post- 
enzephalitischer Erscheinungen scheinbar keine Schlafstörungen mehr zeigen. 
Man kann aber auch für diese Fälle ruhig behaupten, daß der Schlaf des 
Parkinsonisten doch nicht mehr derselbe Schlaf ist wie der des Gesunden. Er 
kann offenbar nicht mehr alle Schlaffunktionen, die wir nur zum Teile kennen, 
erfüllen. Ich möchte hier einen Fall erwähnen, der darauf hinweist, daß Er- 
krankung der zerebralen Schlafregulierungsapparate auch dann zur Störung 
im Schlafmechanismus führt, wenn der Schlaf dem des Normalen äußerlich 



gleicht. Ein Patient mit einem Tumor dieser Gegend, aber ohne äußere 
Schlafstörungen, träumt immer wieder davon, daß er tief schlafe. Dies spricht 
dafür, daß hier der Schlaf nicht die dem Kranken adäquate Entspannung 
brachte. 

In diesem Zusammenhange verdient ein Eindruck Erwähnung, der der klini- 
schen Erfahrung an Hunderten von Postenzephalitikern entstammt, wenn 
auch systematische Untersuchungen über dieses Problem nicht angestellt 
wurden: der Schlaf dieser Kranken scheint im allgemeinen traumärmer zu 
sein als der des Gesunden. Ob es sich hier um eine mit der Störung des 
Schlafmechanismus einhergehende, sozusagen primäre Störung der Traum- 
fähigkeit oder um eine Folge der Libidoverarmung handelt, muß dahingestellt 
bleiben. 

Die Tatsache, daß es bei Kranken mit Störung der schlaf regulierenden 
Hirnapparate zu einer Triebentmischung kommt, die als Folge der Störung 
der „triebsynthetischen" Funktion des Schlafes zu betrachten ist, muß das 
Interesse des Hirnpathologen in hohem Grade erwecken. War es doch- eines 
der größten Verdienste Economos, 18 gezeigt zu haben, daß die mit der 
Encephalitis lethargica einhergehende Schlafstörung durch eine Dissoziation 
der Schlafkomponenten charakterisiert ist. Es sei an die durch die Erfahrun- 
gen an Enzephalitikern angeregte Unterscheidung zwischen Hirnschlaf und 
Körperschlaf erinnert, die im Schlafe des Gesunden gemeinsam enthalten sind, 
beim Kranken aber isoliert bestehen können. Eine jener Beobachtungen be- 
stand bekanntlich darin, daß bei wachem Bewußtsein der Muskelapparat des 
Körpers sich wie im Schlafe verhalten kann, während dieselben Kranken im 
Zustande des Schlaf bewußtseins mit großer Lebhaftigkeit ihren Muskelapparat 
in Funktion setzen können. Wir haben seit den grundlegenden Arbeiten von 
Economo gelernt, eine Reihe von anderen Erscheinungen unter dem gleichen 
Gesichtspunkte als abnorme Isolierungserscheinungen aus der großen Summe 
aller körperlichen und psychischen Funktionen, die das Phänomen des nor- 
malen Schlafes ausmachen, zu betrachten. Es ist wohl erlaubt, in der Trieb- 
entmischung bei Postenzephalitikern ein sehr bedeutsames Symptom der 
Dissoziation der Schlafkomponenten zu erblicken. Die Ergebnisse der Arbeit 
von Jekels und Bergler lassen es als berechtigt erscheinen, hier in An- 
lehnung an den genannten hirnpathologischen Begriff von einer Dissozia- 
tion der Triebkomponenten des Schlafes zu sprechen. 

Noch einige Worte über die oben erwähnte Libidoverarmung der Post- 
enzephalitiker. Wie Sie wissen, sind diese Kranken zumeist in ihrer Sexualität 
schwer gestört. Es handelt sich um Triebstörungen, die manchen neurotischen 
analog sind. Diese Störungen können natürlich nicht nur im Gefolge einer 
Enzephalitis, sondern auch etwa bei Tumoren im Bereiche des Zwischen- 
hirns, das bei Enzephalitis bekanntlich besonders affiziert ist, auftreten. Die 

18) Die Encephalitis lethargica, Wien-Berlin, 1929. 



Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktionen usw. 



559 



Libido kann völlig erloschen sein, vielfach ist die Potenz abgeschwächt oder 
geschwunden. Die! Frauen werden oft amenorrhoisch, in der Regel frigid. 
Es wird allerdings auch über Fälle mit scheinbarer Steigerung der Libido 
berichtet. Recht selten sind Fälle, bei denen es zu Sittlichkeitsattentaten 
kommt. Ich habe nie einen solchen Fall gesehen. Die Autoren, die solche 
Fälle beschreiben, heben hervor, daß es sich nicht um eine Oberentwicklung 
des Sexualtriebes handelt, daß aber die Aggressivität außerordentlich gestei- 
gert ist. Pervertierung durch die Krankheit scheint zu den Ausnahmen zu 
gehören. Im ganzen können wir sagen, daß mit dem Hervortreten der 
Destruktionstriebe die Sexualtriebe in den Hintergrund treten. 

Reaktionsbildungen 

Wir haben oben auf die zahlreichen Beziehungen zwischen gewissen Er- 
scheinungen bei Postenzephalitikern und bei Epileptikern hingewiesen. Es ließ 
sich bezüglich der Enthemmung der Destruktionstriebe eine Reihe von Ge- 
meinsamkeiten nachweisen. Für die Berechtigung, manche Krankheitserschei- 
nungen bei Stammganglienaffektion in Beziehung zum epileptischen Formen- 
kreis zu bringen, sprechen auch die bei diesen Kranken beobachteten Reak- 
tionsbildungen. Die sogenannte postenzephalitische Charakterveränderung hat 
mit der epileptischen sehr viel gemein. Auch bei den Postenzephalitikern 
finden wir die charakteristische Klebrigkeit, die Neigung zur Religiosität, 
mitunter zum Aberglauben, ein scheinbar übertriebenes soziales Verhalten, 
hinter dem dauernd die Reizbarkeit glimmt, die sich in plötzlichen Bosheits- 
akten und schweren aggressiven Attacken gegen die Umgebung Luft schaffen 
kann. 

Eine besondere Besprechung würde das Problem der Veränderungen des 
Über-Ichs bei den hier beschriebenen Kranken verdienen. Ich möchte es nur 
kurz berühren. Sicherlich leidet in vielen Fällen das Über-Ich aufs schwerste, 
besonders dort, wo die akute Erkrankung schon in der Jugend auftritt. Diese 
Fälle werden nicht selten kriminell. Daß gegenüber der Gewalt der Destruk- 
tionstriebe nicht nur das Ich, sondern auch das Uber-Ich versagt, ist selbst- 
verständlich. Für die Schwächung von Ich und Über-Ich spricht auch die 
Tatsache, daß es trotz bestehender Aggressivität nur ausnahmsweise zur vollen 
Ausbildung einer echten Zwangsneurose kommt. Es kommt, wie ich Ihnen 
gezeigt habe, meist nur zu Ansätzen dieser Erkrankung. Die Frongesetze der 
Zwangsneurose (Federn) können hier nicht erfüllt werden. 

Eine Art von Über-Ich-Störung mag auch an der enormen Suggestibilität 
dieser Kranken mitbeteiligt sein. 



Damit bin ich mit dem Material, das ich Ihnen vorlegen wollte, zu Ende. 
Überblicken wir es noch einmal für einen Augenblick. Ich habe Ihnen ganz 
skizzenhaft Beispiele von Reaktionen des Ichs bei Hirnkranken gezeigt. Diese 




560 Erwin Stengel: Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehrreaktion usw. 



Erörterung hat uns zur Besprechung bestimmter Triebstörungen geführt, 
durch deren Feststellung erst die Reaktionen des Ichs besser verständlich 
wurden. In dem Vortrage war zuerst von Kranken die Rede, bei denen die 
Apparate der Wahrnehmung gestört sind, dann von Kranken, bei denen die 
Erkrankung die Apparate der Motilität betraf. Die Gegenüberstellung der 
beiden Teile meines Vortrages scheint eines zur Genüge zu zeigen: daß wir 
nämlich zum Verständnis der Reaktionen des Ichs bei Erkrankung des Wahr- 
nehmungsapparates mit dem Lust-Unlust-Prinzip vielleicht unser Auslangen 
finden können, daß wir aber zum Verständnis der Wirkung der Erkrankung 
motorischer Apparate auf das Ich nur gelangen können, wenn wir Triebvor- 
gänge jenseits des Lustprinzips annehmen. 



Schautrieb und Identifizierung 

Von 

Otto Fenicfiel 

Prag 

1 

Die folgende Arbeit will nichts prinzipiell Neues bringen. Sie will ledig- 
lich verschiedene der Psychoanalyse bereits bekannte Tatsachen miteinander 
verknüpfen und kommentieren. 

Eine solche bekannte Tatsache ist die "Wirksamkeit der symbolischen 
Gleichung Schauen = Fressen. Wenn jemand ein Objekt anstarrt, sagt man, 
er wolle es „mit den Augen verschlingen". Ähnliche Redensarten gibt es eine 
ganze Reihe. Besonders bei einer bestimmten Form des Schauens ist diese 
unbewußte Bedeutung psychoanalytischen Autoren aufgefallen. Strachey 
hat in einer ausführlichen Arbeit, ausgehend von der Pathologie des Lesens 
(Lesehemmung und Leseleidenschaft) klargestellt, daß eine unbewußte Betei- 
ligung beim Lesen immer der Vorstellung entspricht, die gelesenen Sätze, 
Worte oder Buchstaben wären Gegenstände, die man frißt. 1 Ich wies zu seiner 
Bestätigung auf das vielsagende Gedicht von Morgenstern hin: 

Korff erfindet eine Mittagszeitung, 

welche, wenn man sie gelesen hat, 

ist man satt . . . 
Aus den Ausführungen von Strachey ergibt sich aber auch, daß die 
Vorstellung des Fressens, die dem Lesen im Unbewußten zugrunde liegt, 
wirklich eine sadistische Einverleibung mit allen Eigenschaften ist, die wir 
auch sonst an ambivalenten oralen Einverleibungstendenzen kennen. Diese 
Deutung ermöglicht es, einige Typen von libidinösem Lesen sofort zu ver- 
stehen. Wenn das Lesen eine Einverleibung ist, so will das von so vielen prä- 
genital fixierten Menschen leidenschaftlich geübte Lesen am Klosett das 
Gleichgewicht des Ichs erhalten: während Substanz verlorengeht, muß durch 
die Augen neue zugeführt werden. — Wenn oralerotische Menschen mit ähn- 
licher libidinöser Beteiligung bei jeder Nahrungsaufnahme lesen müssen, ist 
das schon weniger einfach. Man muß annehmen, daß ihre Oralerotik, wenn 
sie gereizt wird, Befriedigung auf zweierlei Wegen verlangt. 

Auch sonst ist Material dafür bekannt, daß Ansehen die unbewußte Be- 
deutung von Fressen haben kann. Der Wolf im Rotkäppchen erklärt hinter- 
einander, er habe so große Augen, damit er sein Opfer besser sehen, und 
einen so großen Mund, damit er es besser fressen könne. Beweisendes analyti- 
sches Material für diese Gleichsetzung dürfte jeder Psychoanalytiker bei- 
bringen können. 2 

i) Strachey: Some Unconscious Factors in Reading. Int. Journ. of PsA., XI, 1930. 
2) Das ermöglichte mir die Formulierung: „Es gibt viele Angsthysterien, die eine relativ sehr 




In der Magie des Schauens ist die Bedeutung des Fressens nur eine neben 
anderen; man kann magischen Lehren zufolge sein Opfer durch An- 
blick auf verschiedene Weise verzaubern. Durch den zauberischen Blick 
macht man sein Opfer wehrlos, meist indem man es lähmt oder sonstwie 
bewegungsunfähig macht. Ich erinnere etwa daran, daß von Schlangen er- 
zählt wird, sie blickten das Opfertier so an, daß es ihnen von selbst in den 
Rachen spaziert; wer dem Blick des Basilisken ausgesetzt ist, wird zu Stein; 
der richtige Hypnotiseur, so wie die Sehnsucht nach dem Unheimlichen sich 
ihn vorstellt, bannt seine Opfer auch dadurch, daß er seine zwingenden 
Augen auf sie richtet. In allen diesen Fällen erscheint das Auge, bzw. der 
Blick als sadistische Waffe. Wir wissen dank Freud 3 und anderen, 4 daß 
das durch die symbolische Penisbedeutung des Auges ermöglicht wird. Es 
scheint aber in vielen Fällen sehr deutlich, daß der von den Augen ausgehende 
Sadismus ein oraler ist. Merkwürdigerweise ist das manchmal sogar gerade 
dann der Fall, wenn auch die phallische Natur des Auges ohne Zweifel mit- 
wirkt. Die Schlange bannt ihr Opfer, um es zu fressen. Auch das be- 
kannteste Vorbild einer Erektionssymbolik, die sich an den Augen abspielt, 
nämlich die Hunde in Andersens „Feuerzeug", deren Augen so groß wer- 
den wie Teller, wie Teetassen, wie der Runde Turm zu Kopenhagen, betrifft 
Hunde, also Wesen, von denen man doch zunächst das Gebissen- oder 
Gefressenwerden fürchtet. Bemerkenswert ist, daß das Auge bei all diesen 
magischen Vorgängen eine doppelte Rolle spielt. Es ist nicht nur aktiv- 
sadistisch (der Anblickende bannt sein Opfer), sondern auch passiv-rezeptiv 
(der Anblickende wird durch das, was er sieht, gebannt). 

Ein für unseren späteren Zusammenhang besonders interessanter Spezialfall 
der Verzauberung durch den Anblick ist der, wo das Opfer weder gelähmt 
noch durchbohrt, noch gefressen, sondern gezwungen wird, alle Bewegungen 
nachzumachen, die ihm der Zauberer vormacht. Wenn Freud einmal das 
Märchen als „heruntergekommenes Sagengut" bezeichnet hat, so kann man 
gewiß dasselbe auch von den traditionellen Kinderspielen sagen. 5 Nun gibt es 
ein bekanntes Kinderspiel, bei dem die Kinder singen: 

„Adam hatte sieben Söhne, 
sieben Söhne hatte Adam. 
Sie aßen nicht, sie tranken nicht, 
sie sahen einander ins Angesicht, 
und machten's alle so..." 

starke Beteiligung gewaltsam zerstörerischer Tendenzen erkennen lassen, oft über die Brücke 
Schauen = Fressen." Hysterien und Zwangsneurosen, S. 49. 

3) Zum erstenmal in der „Traumdeutung", Ges. Sehr:, Bd. II. ' 

4) Im Band I der Int. Ztschr. f. Psa. finden sich Arbeiten von Eder, Ferenczi, Rank 
und Reitler zur Augensymbolik, die sämtlich die phallische Natur des Auges betonen; 
einige auch die vaginale, auf die wir später zu sprechen kommen werden. 

5) Vgl. Schneider: Kinderreigen, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. V, 1932. 



Schautrieb und Identifizierung 



563 



Und bei diesem letzten Vers macht ein Kind irgend welche bizarren Bewe- 
gungen; die anderen Kinder müssen alles nachmachen, was sie an ihm sehen. 
— Auch die Riesenschlange Kaa bei Kipling tanzt in ihrem „Hungertanz" 
den Affen den Tanz vor, dessen Nachahmung sie schließlich in ihren Rachen 
springen läßt. — In jeder Zusammenstellung von Beispielen für „imitative 
Magie" finden sich hieher gehörige Fälle. — "Wir haben uns in der Psycho- 
analyse daran gewöhnt, den von Liebermann 6 eingeführten Terminus 
„magische Geste" zu gebrauchen, und verstehen darunter, daß z. B. ein 
neurotisches Symptom jemandem anderen vormachen will, was er nach- 
ahmen möge. Hiebei bedient sich der magische Erzwinger der Nach- 
ahmung des Mittels des Zeigens. — Wenn der unheimliche Hypnotiseur den- 
jenigen, den er anblickt, dazu zwingen kann, alles zu tun, was ihm, dem 
Hypnotiseur, beliebt, so ist das sicher nur eine weitere Verarbeitung der ur- 
sprünglichen Vorstellung, er könne ihn zur Nachahmung vorgemachter Be- 
wegungen zwingen. 

Wir springen auf ein ganz anderes Gebiet über und stellen fest, daß es uns 
ebenfalls ganz selbstverständlich ist, zu sagen, ein Kind, das bei einer „Ur- 
szene" sexuelle Handlungen der Eltern mitansieht, identifiziere sich mit dem, 
was es sieht; wir konstatieren, welche für das ganze Leben wichtige Folgen 
sich aus solcher Identifizierung ergeben; nur selten aber denken wir darüber 
nach, wie sich dabei Anblick und Identifizierung zueinander verhalten 
mögen. 

Wieder etwas anderes: Röheim hat ein Buch über „Spiegelzauber" 7 ge- 
schrieben, in dem auf vielen Seiten magische, auf Spiegel bezügliche Gebräuche 
und Glauben aufgezählt werden. Was macht den Spiegel zum magischen 
Requisit so geeignet? Er läßt erstens jedem sein eigenes Ich leibhaftig in der 
Außenwelt entgegentreten, verwischt also die Grenzen zwischen Ich und 
Nicht-Ich. Und er gibt zweitens gerade dem Schautrieb besondere Möglich- 
keiten. Auch im „Spiegelzauber" haben wir also ein Gebiet vor uns, bei dem 
Schauen und Änderungen in der Beziehung zwischen Ich und Nicht-Ich mit- 
einander verknüpft erscheinen. 

Fassen wir das bisher Gesagte zusammen: Der Anblick eines Objektes kann 
im Unbewußten verschiedene Bedeutungen haben, unter denen uns besonders 
auffielen: das gesehene Objekt fressen, ihm ähnlich werden (es nachahmen 
müssen), oder umgekehrt es zwingen, einem selbst ähnlich! zu werden. Wie 
hängt das miteinander zusammen? 

II 

Um das festzustellen, wird es vielleicht gut sein, sich in Kürze unser Wissen 
um den Schautrieb überhaupt ins Gedächtnis zurückzurufen. Der Schautrieb 

6) Lieb er mann: Über monosymptomatische Neurosen. Autoreferat, Int. Ztschr. f . Psa., 
X, 1924, S. 213. 

7) Röheim: Spiegelzauber, Int. Psa. Verl., Wien, 1919. 



ist, wie uns in den „Drei Abhandlungen" 8 dargelegt wird, ein Partialtrieb der 
Sexualität. Er dient dem Erwachsenen zur Erzeugung sexueller Vorlust 
und zwar typischerweise, weil jede Endlust Kontakt mit dem Partner ver- 
langt, während das nur gesehene Objekt sich in Distanz befindet. Als Erwecker 
der Vorlust muß man ihm, da der Mensch im wesentlichen nach dem Gesichts- 
sinn orientiert ist, die größte Bedeutung zuerkennen; diese Wichtigkeit wird 
nur dadurch eingeschränkt, daß gerade auf dem Gebiete der Sinnlichkeit 
die sogenannten niederen Sinne stärker als sonst hervortreten. — Ob beim 
Schautrieb das Auge im gleichen Sinne als erogene Zone in Betracht kommt 
wie etwa beim onanieäquivalenten Augenreiben, mag hier ununtersucht blei- 
ben, weil es uns unnötig in die Physiologie ablenken würde. — Jedenfalls 
kann der Schautrieb wie andere Partialtriebe Verdrängungen erleiden und 
zu Fixierungen Anlaß geben. Den symptomneurotischen Folgeerscheinun- 
gen der spezifischen Verdrängungen des Schautriebs hat Freud eine eigene 
Arbeit gewidmet. 9 Heute sind uns auch ebenso spezifische charakterneurotische 
Folgeerscheinungen bekannt: besonders unter Zwangsneurotikern findet man 
die typisch schaugehemmten Menschen, die, statt die Dinge zu sehen, nur 
über Begriffe und Worte oder auf dem Wege der anderen Sinne Kontakt mit 
der Umwelt haben; gewöhnlich verrät sich dabei der ursprüngliche Schau- 
trieb in irgend einer „Wiederkehr der Verdrängten aus der Verdrängung". 10 
Eine charakteristische phobische Erscheinung dieses Gebietes sei hier erwähnt, 
weil sie trotz ihrer weiten Verbreitung relativ wenig Beachtung gefunden hat: 
die Agnoszierhemmung, die Unfähigkeit, Menschengesichter wiederzu- 
erkennen, bzw. die Angst vor solcher Unfähigkeit. Diese Patienten haben 
immer einen besonderen Trieb, die Menschen anzusehen, verdrängt. Es mag 
sein, daß jedesmal die Deutung von Berta Bornstein zutrifft, daß es sich 
dabei um eine Verlegung von unten nach oben handelt und die Patienten 
eigentlich den Geschlechtsunterschied nicht sehen wollen. 11 

Was ist das Ziel des Schautriebs? Da scheint ja kein Zweifel möglich: das 
Ansehen des Sexualobjektes. Freud fügt hinzu: das Ansehen der Geni- 
talien oder das Zusehen bei Exkretionsfunktionen. 12 Man braucht wohl nur 
eine beliebige Erscheinung aus dem Gebiete des Schautriebes zu analysieren oder 
libidinös schauende Kinder zu beobachten, um zu wissen, was Begleiterscheinung 
oder Vorbedingung des genußreichen Schauens ist: man will ein Objekt an- 
sehen, um mit ihm mitzufühlen. Das kann man besonders deutlich in 
der Psychoanalyse von perversen Voyeuren feststellen. Wer ein Paar sehen 

8) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V, S. 29 f. u. 66 ff. 

9) Freud: Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung, Ges. Sehr., 
Bd. V. 

10) Vgl. Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen, S. 170. 

11) Berta Bornstein: Zur Psychogenese der Pseudodebilität, Int. Ztschr. f. Psa., XVT, 
1930. 

12) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V, S. 17. 



Schautrieb und Identifizierung 



565 



will, will immer einfühlend miterleben, meist homosexuell durch Einfühlung 
in den gegengeschlechtlichen Partner. Auch der Exhibitionist (unbewußt 
immer auch ein Voyeur) erlebt während seines perversen Tuns einfühlend 
mit, was in seinem Objekte, bzw. was seiner magischen Phantasie nach in dem 
Objekte vorgeht. Freud hat dies schon vor langer Zeit festgestellt, 13 
Landmark die allgemeine Bedeutung dieses Umstandes für die Objektliebe 
überhaupt hervorgehoben. 14 — Sehr häufig sind mit dem Triebziel des An- 
sehens auch sadistische Impulse verbunden; man will etwas ansehen, um es 
zu zerstören, oder weil das Ansehen selbst schon die Bedeutung eines ab- 
geschwächten Zerstörens hat. So erweist sich z. B. der bei Frauen so häufige 
Zwang, Männern auf die Genitalgegend sehen zu müssen, als abgeschwächter 
Ausdruck für aktive Kastrationstendenzen. — Es scheint also bei der Ziel- 
setzung des Schautriebes immer oder häufig eine Tendenz, das Gesehene zu 
beschädigen, und eine, sich in das Gesehene einzufühlen, mitzuspielen. „Ein- 
fühlung" ist dabei ein komplizierter psychologischer Vorgang, der sich nicht 
ohne weiteres auf eine kurze Formel bringen läßt. Aber jedenfalls hat er 
etwas mit dem Mechanismus der Identifizierung zu tun. 15 

III 

Überlegen wir jetzt: Jede prägenitale Sexualkomponente ist teils auto- 
erotisch, teils auf Objekte gerichtet. Soweit prägenitale Triebe objektge- 
richtet sind, sind ihre Objektbeziehungen primitiv. Und die primitive Objekt- 
beziehung, der Vorläufer von Liebe und Haß, ist die Einverleibung. 16 — 
Einverleibungen gibt es deshalb an allen erogenen Zonen. — Es ist daher 
auch von vornherein wahrscheinlich, daß das auch für den Schautrieb gilt. 
Das entspräche also einer Tendenz: ich will, daß das Gesehene in mich hinein- 
geht. Das müßte allerdings nicht unbedingt heißen, daß als Weg der Intro- 
jektion das Auge selbst gedacht ist. Für diese „okulare Introjektion", die 
sich der oralen, analen, epidermalen, respiratorischen zugesellt, gelten daher 
zwei Probleme: 1. Sind die Ziele „ich will mir Gesehenes einverleiben" und 
„ich will mit Gesehenem mitfühlen", identisch?, und 2. Gibt es auch eine 
Einverleibung durch das Auge? 

Die Bejahung der ersten Frage ist sehr wahrscheinlich nach allem, was wir 
auch sonst über das Verhältnis von Einfühlung, Identifizierung und Intro- 
jektion wissen. Eine Identifizierung ist immer die Voraussetzung der Ein- 
fühlung — und es scheint ja heute bereits gesichert, daß es keine Identifizie- 
rung gibt, die nicht durch einen Introjektionsakt exekutiert wäre. 17 

13) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V, S. 30. 

14) Landmark: Über den Triebbegriff, Imago, XX, 1934. 

iy) Fenichel: Die Identifizierung, Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 

16) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido, Int. Psa. Verl., Wien, 1924. 

17) Siehe Freud: Trauer und Melancholie, Ges. Sehr., Bd. V, und die zahlreiche seither 
darüber erschienene Literatur. 



566 Otto Fenichel 



Auch auf die zweite Frage gibt die analytische Erfahrung eine positive Ant- 
wort. Ein besonders deutliches Demonstrationsmaterial bilden da Phantasien 
von Kopfschwangerschaften, in denen die Augen eine Rolle spielen. So war 
etwa ein Patient als kleiner Junge deshalb davon überzeugt, daß Kinder im 
Kopfe einer Mutter wachsen könnten, weil er jedesmal, wenn er seiner Mutter 
genau in die Augen sah, darin das Bild eines Kindes sehen konnte. — Wenn 
man zu sagen pflegt, daß das Auge der „Sitz der Seele" sei, so dürfte man das 
allein zwar nicht als Beweis für Phantasien von „Augenschwangerschaften", 
bzw. okularen Introjektionen ansehen, da hiefür in erster Linie natürlich 
physiologische Fakten maßgebend sind (Beteiligung der Augen am Mienen- 
spiel); aber jene mögen immerhin dabei auch mitspielen. 

Die Existenz einer Einverleibung durch das Auge kann also wohl nicht 
bezweifelt werden. (Solche Einverleibungen gibt es eben an allen erogenen 
Zonen.) Fraglich bleibt nur, wie häufig solche Phantasien sind, und welche 
Bedeutung ihnen im Gesamtzusammenhange der libidinösen Entwicklung 
zukommt. .{ • . 

Beim Kind, das eine Urszene miterlebt und sich dabei mit den Eltern 
identifiziert, könnte man meinen, daß zwei sich hintereinander abspielende 
Akte vorliegen: erst nimmt das Kind wahr (und man muß selbstverständlich 
die Wahrnehmung von der Introjektion, d. h. von der Phantasie der Objekt- 
übernahme und der Angleichung an das Objekt unterscheiden; — wir kom- 
men darauf noch zurück), dann identifiziert es sich mit dem Wahrgenom- 
menen. Aber hier erheben sich zweierlei Probleme. Erstens ist es fraglich, 
ob das in Wirklichkeit zwei voneinander so getrennte Akte sind wie in der 
abstrakten Überlegung. Gibt es nicht vielleicht eine Art Wahrnehmung, die 
schon ein Identifizieren ist? Sind spätere Erscheinungen einer „okularen Intro- 
jektion" nicht vielleicht Reste oder Wiederaufnahmen einer primitiveren Art 
der visuellen Wahrnehmung, da diese noch nicht Wahrnehmung der objek- 
tiven Umwelt, sondern identifizierungverwandte Übernahme und sub- 
jektive Verarbeitung dieser objektiven Umwelt war? — Und zweitens muß 
man fragen: Mit was für unbewußten Phantasien, mit welchen körperlichen 
Vorbildern seelischen Geschehens ist diese Identifizierung mit Gesehenem 
verbunden? 

IV 

Fangen wir mit dem ersten Problem an. Wenn das Schauen libidinisiert 
wurde, so daß der Sehende nicht Wahrnehmung, sondern sexuelle Befriedi- 
gung sucht, so ist solches Schauen von sonstigem Schauen verschieden. Es 
ist häufig ein krampfhaftes Starren, sowie auch das libidinisierte Laufen 
krampfhaft ist. (Durch Libidinisierung wird eine Ich-Funktion geschädigt.) 18 
Nun soll aber auch der magische Blick, von dem wir früher sprachen, 

18) Siehe Freud: Hemmung, Symptom und Angst, Ges. Sehr., Bd. XI, S. 26. 



Schautrieb und Identifizierung 



567 



immer ein „Starren" sein. (Auge des Basilisken oder des Hypnotiseurs.) — 
Ferner ist beim libidinösen Schauen überhaupt die Motorik stärker beteiligt; 
es ist aktiver; nicht die "Welt kommt an das Auge heran, sondern man geht 
mit dem Auge auf die "Welt los, wie um sie damit zu „fressen". — Hier erhebt 
sich ein Einwand: Ist es denn beim gewöhnlichen physiologischen Sehakt 
anders? Freud 19 und die Wahrnehmungspsychologie stimmen darin über- 
ein, daß auch er nicht passiv ist, sondern aktiv, daß erst zentrifugale Be- 
setzungsstöße aus dem Innern des Organismus ein Sinnesorgan funktions- 
tüchtig machen, so daß es die Außenwelt gleichsam abtastet. Wir können hier 
also keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen libidinösem und gewöhnlichem 
Sehen suchen. Es ist offenbar so, daß diese Eigenschaft jedes Sehaktes 
beim libidinösen Sehakt nur besonders deutlich wird. — Die stärkere motori- 
sche Beteiligung wird aber nicht nur bei libidinösem Sehen, sondern in gleicher 
Weise auch bei jeder Art von „archaischem" Sehen besonders deutlich, so daß 
der Voyeur ganz oder teilweise auf eine primitivere Sehart regrediert zu sein 
scheint. Bally hat uns auf die Bedeutung der eidetischen Forschung für die 
psychoanalytische Theorie aufmerksam und dabei etwa folgendes klargemacht: 20 
Es gibt eine primitive Art des Schauens bzw. der visuellen Vorstellung. Dieses 
ursprüngliche Sehen ist von der Motorik untrennbar; Wahrnehmen und Vor- 
stellen ist noch nicht scharf getrennt; man sieht sich agierend in das Gesehene 
hinein. — Wenn wir sagen, das Sehen sei von der Motorik untrennbar, so 
heißt das natürlich (denn die Voraussetzung für die Handhabung der Motorik 
ist die Tiefensensibilität, die die Motorik dirigiert) 21 : Visuelle Perzeption ist 
von der kinästhetischen Perzeption nicht zu trennen; im Sehen verändert 
sich der eigene Körper, das gesehene Objekt ist zunächst — wie ursprünglich 
alle wahrgenommene Objektwelt überhaupt — vom eigenen Körper nicht 
scharf differenziert, Wahrnehmen und darauf motorisch Reagieren ist noch 
eines. 22 Alles primitive Wahrnehmen ist ein Mitspielen. Später erst differen- 
ziert sich die endgültige Wahrnehmung von dem reaktiven Handeln, bzw. 
vom Denken (dem „Probehandeln"), das Wahrnehmungsdaten benutzt. 23 
Hirn verletzte Patienten von Goldstein, die scheinbar gut lesen konnten, 
wurden alektisch, wenn man ihnen den Kopf festhielt. Sie hatten sich daran 
gewöhnt, mit dem Kopfe die Formen gesehener Buchstaben nachzufahren und 

19) Freud: Notiz über den Wunderblock, Ges. Sehr., Bd. VI. 

20) Bally: Die Wahrnehmungslehre Jaenschs und ihre Beziehung zu den psycho- 
analytischen Problemen, Imago, XVI, 1931. 

21) Fenichel: Über organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr, Int. Ztschr. 
f. Psa., XIV, 1928. 

22) Vgl. dazu und zum folgenden: Sabine Spiel rein: Kinderzeichnungen bei offenen 
und geschlossenen Augen, Imago, XVII, 193 1. 

23) Aber auch jeder einzelne Gedanke der späteren Zeit erweist bei genauer Unter- 
suchung seine Herkunft aus jener Schicht, wo nicht nur Denken vom Handeln, sondern auch 
beides vom Wahrnehmen noch nicht voll differenziert war. Vgl. Schilder: Ober Ge- 
dankenentwicklung, Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 59, 1921. 

Int Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 38 



568 Otto Fenichel 



mit Hilfe dieser eigenen Bewegungen kinästhetisch zu lesen, um so den Aus- 
fall einer zentralen Funktion zu kompensieren. 24 Diese Patienten waren bei 
der organischen Störung einer Hirnfunktion zu deren Vorstufe regrediert. Bei 
libidinösem Sehen werden also Eigenschaften des primitiven Sehens wieder 
deutlich, nämlich die höhere motorische und kinästhetische Beteiligung. Und 
da in der psychischen Entwicklung hinter der höheren Stufe die niedrigere 
immer ebenfalls noch in einem gewissen Ausmaße erhalten bleibt, so gibt es 
etwas von diesen Eigenschaften auch noch in jedem Sehakt. 

Überall ist die erste Beziehung eines Menschen zur Objektwelt die primäre 
Identifizierung, 25 also das Nachahmen der wahrgenommenen Umwelt. Hier 
aber handelt es sich um noch etwas anderes: Erst mittels des motorischen 
Mitmachens gelingt die volle Wahrnehmung; das Schauen erfolgt durch 
eine Identifizierung. 

So kommen wir jetzt zu dem früher angedeuteten Problem der Beziehung 
von Wahrnehmung zu Introjektion überhaupt. Es wäre gewiß falsch, ■ diese 
beiden Begriffe gleichzusetzen oder etwa die Wahrnehmung als eine Abart 
der Introjektion zu bezeichnen. Nicht jedem Ding, das man gesehen hat, 
wird man ähnlich. Dennoch müssen enge Beziehungen zwischen Wahrneh- 
mung und Introjektion bestehen, und wir ahnen, welcher Art diese Beziehun- 
gen sind. Wahrnehmung und sekundäre Identifizierung sind zwei verschiedene 
Differenzierungsprodukte eines ursprünglich einheitlichen Vorgangs. Daß das 
primitive Wahrnehmen introjektionsverwandt ist, wurde von Freud schon 
lange erkannt. 26 Nach Simmel ist die orale erogene Zone, das erste Einver- 
leibungsorgan, auch das erste Wahrnehmungsorgan, so daß alle späteren Wahr- 
nehmungsorgane einen Teil ihrer Qualitäten von diesem ihrem ersten Vor- 
gänger beziehen. Auge und Ohr nennt er „Introjektionsorgane für die Ver- 
arbeitung und adäquate Verdauung der optischen und akustischen Wahrneh- 
mungen". 27 Auch Auge und Ohr werden als objektaufnehmende Sexualorgane 
phantasiert. (Es bleibt dabei, daß sie trotzdem dazu immerhin etwas weniger 
geeignet erscheinen als das Sinnesorgan der Nase, wo die Introjektion von 
Partikelchen der Gegenstände auch real ist.) 

Insofern das libidinöse Sehen eine teilweise Regression zu diesen archaischen 
Sehformen ist, wird es begreiflich, daß uns im Ziel des Schautriebes gewisse 
Züge des Sadismus und der Einverleibung als regelmäßig vorhanden auffielen. 

24) Vgl. Steinfeld: Ein Beitrag zur Analyse der Sexualfunktion, Ztschr. f. d. ges. Neur. 
u. Psych., 107, 1927. 

2j) Siehe Fenichel: Die Identifizierung, Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 

26) Vgl. dazu z. B. die Ausführungen über das „purifizierte Lust-Ich" in der Arbeit: 
Triebe und Triebschicksale, Ges. Sehr., Bd. V. 

27) Simmel: Prägenitalprimat und intestinale Stufe der Libidoorganisation, Vortrag 
auf d. XII. internat. psa. Kongreß in Wiesbaden 1932. Autoreferat in Int. Ztschr. f. Psa., 
XIX, 1933, S. 2 4 j. 



Schautrieb und Identifizierung 



569 



Wenden wir uns der zweiten Frage zu: Mit welchen Phantasien von „kör- 
perlichen Vorbildern seelischen Geschehens" geht die Einverleibung durch 
das Auge vor sich? 

Einige klinische Beobachtungen zu diesem Punkt waren der eigentliche An- 
laß zur vorliegenden Arbeit. Sie betreffen zwei Fälle, von denen einer ein- 
gehender behandelt werden soll. 

Der erste Fall hatte etwa folgende Gesamtstruktur: 28 

„Ein Mädchen hatte als Säugling eine Magendarmerkrankung durchgemacht, derent- 
wegen sie hatte hungern müssen. Dies schuf eine besonders starke orale Begehrlich- 
keit. Sie hatte in der darauffolgenden Zeit die Gewohnheit, die ausgetrunkene Milch- 
flasche auf den Boden zu schleudern und zu zerbrechen, was ich als Ausdruck etwa 
des Gedankens auffasse: Was soll mir eine leere Flasche, ich will eine volle! — Als 
kleines Kind war sie sehr gefräßig. — Entsprechend dieser oralen Fixierung ent- 
wickelte die Patientin eine starke Angst vor Liebesverlust und klammerte sich innig 
an die Mutter an. Es war ihr also eine große Enttäuschung, als die Mutter in ihrem 
dritten Lebensjahre schwanger wurde. Sie wollte mit dem dicken Bauch nicht anders 
umgehen als vorher mit den leeren Flaschen, ihn vernichten, seinen Inhalt fressen, 
wohl auch sich selbst an dessen Stelle legen. Als das Kind geboren war, riß sie ihm 
die Milchflasche aus dem Mund, trank sie aus und stieß sie leer der Kleinen so in 
den Hals, daß diese beinahe erstickt wäre. Kein Wunder, daß sie, als sie um diese 
Zeit die Existenz des Penis entdeckte, ihn nach dem Vorbild „Kind im Bauch" per- 
zipierte, ihn auch ausreißen (eindrücken), aufessen und sich an seine Stelle setzen 
wollte. 

Die endgültige Grundlage für eine solche Verschiebung von an der Mutter er- 
worbenen Einstellungen auf den Vater wurde der Umstand, daß die Mutter, als die 
Patientin fünf Jahre alt war, starb, was die orale Fixierung noch weiter erhöhte. 
Nur eine kurze Zeit genoß das Kind das Glück der Erwartung, sie werde jetzt die 
Mutter ersetzen. Dieses Glück wurde ihr nicht nur durch ein schweres Schuldgefühl 
(hatte sie doch die Mutter schon lange vor dem ödipusalter ihrer Schwangerschaft 
wegen töten wollen) und durch reale Enttäuschungen (es kam eine Erzieherin ins 
Haus und die Patientin wurde wieder kleines Kind) zerstört, sondern auch durch 
die (orale) Unfähigkeit, den Verlust der Mutter und ihrer Zärtlichkeit zu ertragen. 
Die sich nun rasch etablierende, für das spätere Leben ausschlaggebende Liebes- 
bindung an den Vater, der eigentliche Ödipuskomplex, nahm seine unbewußte 
Spezialform völlig von einer Übertragung prägenitaler Mutterbeziehungen auf die 
genitale Vaterbeziehung: Sie war charakterisiert einmal durch die Phantasie, den 
Penis (das Kind) zu rauben und zu fressen, dann aber durch die Phantasie, am oder 
im Bauch des Vaters zu sein, selbst gefressen zu werden, im Vater-Mutter-Leib 
keinen weiteren Verlust mehr befürchten zu müssen, — und, als Ganzes zum Penis 
des Vaters geworden, an seiner Männlichkeit Anteil zu haben. Alle ihre späteren 
Männerbindungen waren nach diesem Vorbild gebildet und sowohl von Identifizie- 
rungsneigungen als auch von der Idee, kleines Angeschmiegtes zu sein, durchzogen. 
Die schwer schuldbeladene Onaniephantasie der Pubertätsjahre, ein Mohr vergewal- 
tige äie in einem Korsettgeschäft, die den Ödipuskomplex deckte, enthielt auch 
dessen prägenitale Vorgeschichte. Denn „Korsett" erwies sich als Deckausdruck für 

28) Diese Strukturübersicht wurde bereits gegeben in: Perversionen, Psychosen, Charakter- 
störungen, S. $0. Eine Diskussion der theoretischen Probleme dieses Falles findet sich in: 
Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen (Fall 2), Int. Ztschr. f. Psa., XIX, 1933. 

38* 



57° Otto Fenichel 



H 



die Vorstellung „dicken Bauch beseitigen" und der „Mohr" ist der Vater als Kindli- 
fresser, der die kleinen Kinder an seinen Gürtel steckt und dort herunterbaumeln 
läßt. 

Bei dieser Darstellung ist die Rolle des mächtig entwickelten Schautriebes viel zu 
kurz gekommen. Dieser hatte vor allem zwei Ziele, physikalische Phänomene und 
Lektüre. 

Das erste war leicht zu deuten. Der Vater hatte der Tochter verschiedentlich 
physikalische Experimente vorgemacht und erklärt. Ihr Hang zur Physik war daher 
zunächst ein Hang zum Vater. Wenn immer wieder besonders solche Phänomene 
sie entzückten, bei denen aufsteigende Flüssigkeiten zu sehen waren, so hatte dies 
genitale Bedeutung und entsprach zunächst dem unbewußten Wunsch, den Vater 
beim Urinieren zu beobachten. — Ein zweites Hauptobjekt des physikalischen Inter- 
esses waren alle S p i e g e 1 phänomene. Sie hatte einmal in einem „Tanagratheater" 
reelle Bilder gesehen; auch diese kleinen zierlichen Menschlein hatten für sie un- 
bewußt Penisbedeutung. — Sie hatte einen Onkel, der Augenarzt war und einen 
Augenspiegel besaß. Sie faßte diesen als einen Zauberspiegel auf, mit dem man den 
Menschen durch das Auge in das Körperinriere sehen könne; sie wollte die Wirkungs- 
weise dieses Spiegels immer wieder erklärt : haben und einmal hindurchsehen. (Es 
wurde ihr nie gestattet.) — In ihrer Vorstellung -war mit dem Augenspiegel ein 
zweites Instrument dieses Onkels unlösbar verbunden, das ebenfalls ihr Interesse aufs 
höchste fesselte: sein großer Magnet, mit dem er, wie er erklärte, den Leuten etwas 
aus den Augen ziehen konnte. — Ein außerordentliches Interesse für alle medizini- 
schen ' Angelegenheiten hatte sich zum Teil auf dem Wege über das Interesse für 
diese Instrumente des Augenarztes entwickelt. — Wir können also vorläufig sagen: 
das Hauptobjekt ihres Schautriebes war der Penis. Dabei hatte sie die Vorstellung, 
daß das Auge ein gangbarer Weg zum Körperinnern sei. 

Eine andere Reihe ihrer Neugierden ging darauf, Unfälle mitansehen zu können. 
Dieses Interesse kombinierte sich mit dem für Augenangelegenheiten in der Auf- 
regung, , die sie überfiel, als der Vater einmal mit einem verbundenen Auge nach 
Hause kam. Sie wollte überhaupt immer „Krankheiten" sehen; es war unschwer 
zu erkennen, daß es sich dabei um aktive Kastrationstendenzen handelte, daß also 
dieses „Sehen" auch die Bedeutung von „Beschädigen" hatte. 

Das scheint fern von Problemen der Identifizierung. Wenn wir sehen, daß einem 
Schautrieb eigentlich die Bedeutung zukommt: „Ich will sehen, wie jemand kastriert 
wird", bzw. „ich will sehen, wie ich jemanden kastriere", so scheint es doch unglaub- 
haft, daß das auch heißen könnte: „Ich selbst will kastriert werden." 

Aber so unwahrscheinlich das zunächst schien, ein Moment sprach doch 
dafür: die Rolle, die die Identifizierung in diesem Leben überhaupt spielte. 29 
Ihr ganzes Zärtlichkeitsstreben ging dahin, sich als etwas Kleines an den 
großen Körper eines Mannes eng anzuschmiegen; in ihrem unbewußten, zum 
Teil auch in ihrem bewußten Liebesleben spielte das maskuline Mitfühlen mit 
dem Partner die entscheidende Rolle; als ein Freund von ihr einmal versagte, 
war ihre Reaktion derartig, daß sie sich in die Worte fassen ließ: „Wir sind 
impotent"; als sie erfuhr, daß ein Freund auch mit einer anderen Frau Ver- 
kehr gehabt hatte, empfand sie unwillkürlich etwa „Wie geht das? Ohne mich 
kann er das doch gar nicht."; wenn sie eine Zeit ohne ihren Freund verbringen 

29) Siehe dazu die ausführlichere Darstellung, a. a. O. 



Schautrieb und Identifizierung 



57,i 



mußte, hatte sie ein „wundes Gefühl" im Rücken, als ob sie dort mit ihm 
zusammengewachsen gewesen und losgerissen worden wäre. 

Es ist also kein Zweifel: dem mächtigen Triebe mit dem Ziele, den Penis zu 
sehen, stand die ebenso mächtige Phantasie gegenüber, selbst ein Penis zu 



sein. 



Diese beiden Tendenzen, repräsentiert in der „Vaterleibsphantasie", als 
kleines Kind am Gürtel eines Mannes zu hängen, erwiesen sich schließlich als 
Überbau über einer tieferen Schicht, deren Hauptobjekt die Mutter war; 
gegenüber einer Schwangerschaft der Mutter hatte sie die Einstellungen er- 
worben, die sie später nur auf den Mann und seinen. Penis verschoben hatte. 
Den schwangeren Leib der Mutter hatte sie genau sehen, in ihm. hatte sie an 
Stelle des fremden Kindes selbst liegen wollen. Das Sehen hatte dabei 
sadistische Bedeutung und entsprach der von Melanie Klein betonten Phan- 
tasie, in den Mutterleib oral-zerstörerisch eindringen zu wollen; wofür dann 
in Vergeltungsangst dasselbe für die eigene Person gefürchtet wird. 

Für unseren Zusammenhang ist es nur nebensächlich, ob diese Gleichzeitig- 
keit von oralem Sadismus und Identifizierung mehr den Penis zum Objekt hat 
oder ob dieser nur als Vertreter des Inhaltes des Mutterleibes erscheint. Uns 
ist wichtig, daß Orälsadismus und Identifizierungsneigung beiden Objekten 
gegenüber durch Schautriebansprüche repräsentiert waren, daß und wie sie 
nur durch Analyse von Schauträumen und anderen Phänomenen des libidi- 
nöseh Sehens gefunden werden konnten. 

So ergab sich etwa die Angst vor ihren eigenen zerstörerischen Impulsen 
gegenüber dem Mutterleib und vor der Vergeltung des „Gefressenwerdens" aus 
einer Anzahl von Sehauträumen, in denen sie weibliche Symbole in schreck- 
haft verzerrter Form durch ein Fenster oder in einem Theater oder dergleichen 
sah. Es war unschwer, den Konflikt zu erkennen: „Ich will ins Körperinnere 
sehen (vgl. den Augenspiegel), das ich mir blutig-fressend vorstelle, habe aber 
Angst davor eben wegen dieses blutig-fressenden Charakters." — Das Gegen- 
stück zu der Angst solcher Träume war die Seligkeit, wenn ein „Schauen des 
Körperinneren" einmal ausnahmsweise ohne diese sadistischen Elemente mög- 
lich war; als sie als Kind einmal das Modell eines Bergwerks vorgeführt be- 
kam, als ihr Vater an einem Spaziergange einmal eine Kartoffel aus dem 
Boden zog, um ihr deren Wachstum zu demonstrieren, kannte ihre Seligkeit 
keine Grenzen. 30 

Das Sehen repräsentierte also das Zerstören und die orale Introjektion ge- 
genüber schwangerem Leib und Penis. Immer noch wissen wir aber nichts 
darüber, wie der Schautrieb zu dieser Rolle kam, ob wir hier wirklich von 

30) Eine wesentliche Komponente der Freude am Sehen von Modellen war der Gedanke, 
daß das Modell, obwohl kleiner als der Originalgegenstand, diesem doch qualitativ voll- 
kommen gleich sei. Dies beruhte außer auf der Gleichsetzung von Kind und Erwachsenem 
u. a. auch auf der Sehnsucht, sich zu beweisen, daß eine Klitoris zwar kleiner sei als ein 
Penis, aber sonst genau dasselbe. 






572 Otto Fenichel 



einer „okularen Introjektion" sprechen dürfen, und mit welchen speziellen 
Phantasien diese einherging. — Auch die Analyse der Angstanfälle, derent- 
wegen die Patientin die Behandlung aufgesucht hatte, führte durchwegs über 
visuelle Erlebnisse. Die Angst war zum erstenmal in einer Versammlung 
aufgetreten, in einem Augenblick, dessen visuelles Bild sich der Patientin in- 
tensiv eingeprägt hatte: Der Redner hatte, erregt sprechend, seinen Arm wie 
drohend emporgestreckt. Daß einer solchen Geste phallische Bedeutung zu- 
kommt, leuchtet sofort ein. Die Analyse der Drohgeste führte aber zu der 
Angst vor der früh verstorbenen Mutter, die kommen könnte, um sie für ihr 
Bettnässen zu bestrafen (wobei die Vorstellungen der Strafe und der sexuellen 
Befriedigung in seltsamer Weise verdichtet waren). Nun war auch die Vor- 
stellung dieser sexuell-strafenden Mutter, deren Eigenschaften dann auf den 
Penis und auf die Männer überhaupt übergegangen waren, ausschließlich in 
visuellen Bildern repräsentiert. So tauchte in recht dramatischer Weise u. a. 
die Erinnerung an einen Fenstervorhang auf, dessen Wehen im Winde von 
dem sexuell erregten Mädchen beobachtet wurde, wobei die Angst vor der 
Wiederkehr der verstorbenen Mutter durch die merkwürdige Angstvorstellung 
repräsentiert war, der flächenhafte Vorhang werde körperlich, etwas Zwei- 
dimensionales dreidimensional werden. Die Analyse aller dieser Dinge ging 
über die Analyse bestimmter kindlicher Schauphobien. 

Als Kind von fünf Jahren hatte die Patientin während einer Theatervor- 
stellung einen akuten Angstanfall bekommen. (Das war das Vorbild des Angst- 
anfalles in der Versammlung.) Sie entwickelte später die Phantasie, daß die 
Personen, die sie auf der Bühne gesehen hatte, in einem ihrer Wohnung ge- 
genüberliegenden Hause als Geister ihr Unwesen treiben. Wenn sie am 
Fenster erscheinen, sind sie gewöhnliche Menschen aus Fleisch und Blut. Je 
mehr sie sich von dort ins Innere des Hauses zurückziehen, um so mehr 
schrumpfen sie zusammen. Sie werden wie bloß aufgemalte Bilder und ver- 
schwinden schließlich ganz. Wenn sie sich dann wieder dem Fenster nähern, 
werden sie allmählich wieder körperlich. Oft lassen sie sich in rhythmischer 
Folge allmählich erscheinen, wieder verschwinden und wieder erscheinen. — 
Phantasien dieser Art waren bis zu einem gewissen Grade von Wollust be- 
gleitet, die aber bei weiterer Fortsetzung der Phantasie in offene Angst um- 
schlug. Sie waren bis zur Analyse vergessen gewesen. 

Wir erkennen auch hier wieder das Motiv des Dreidimensionalwerdens von 
Bildern, werden es zunächst mit der Vorstellung von der Wiederkehr der 
verstorbenen Mutter in Zusammenhang bringen (Geister sind Verstorbene) 
und im Rhythmus des Wiedererscheinens und Wiederverschwindens einen 
Ausdruck der sexuellen Erregung des Kindes sehen, mit der diesem offenbar 
die Vorstellung der Mutter verbunden war. 

Dann aber tauchte eine neues Detail auf: Die Geister hatten keine Füße, 
sondern an deren Stelle runde Holzplättchen. Das schien einerseits auf Ka- 



strationsgedanken, anderseits auf Spielzeug hinzudeuten. Wir erfuhren aber 
dann, daß die Patientin ein Bilderbuch besessen hatte, in dem die gezeichneten 
Figuren sonderbarerweise mit solchen Holzplättchen ausgestattet waren. Die 
Patientin erinnerte zunächst, daß sie dieses Bilderbuch nie habe ansehen wollen. 
Erst später stellte sich heraus, daß sie vor diesem Ansehen richtige Angst 
gehabt hatte, und daß dem Theaterbesuch und der Phantasie von den 
Geistern eine ausgesprochene Bilderbuchphobie vorangegangen war. Nun 
konnte der Patientin gesagt werden, was sie eigentlich beim Betrachten der 
Bilder gefürchtet haben muß: diese könnten aus der Bildebene hervorspringen 
und lebendig werden. 

Ein seltsames Erlebnis bestätigte dies. Als die Patientin während der Ana- 
lyse dieser Dinge einmal einen Ausflug machte, erschien ihr plötzlich das 
Landschaftsbild seltsam unkörperlich, als ob es plötzlich nur zweidimensional 
wäre. Diese Sensation war von Angstgefühl begleitet. — Die Assoziationen 
zeigten, daß das Landschaftsbild sie an ein Bilderbuchbild erinnert hatte. 

Wie kommt ein Kind, das Bilder betrachtet, auf die Idee, diese könnten 
lebendig werden? Die biologische Grundlage dieser Vorstellung war zweifellos 
der Umstand, daß das Kind dank seiner eidetischen Eigenschaften die betrach- 
teten Bilder tatsächlich als körperlich erlebte. Die Frage ist nur, was ihr dieses 
Erleben psychisch bedeutete. 

Die oberflächlichste Schicht dieser Bedeutungen war leicht zu finden. Über 
dem Bett der Patientin hing von ihrem fünften Lebensjahre an ein Bild der 
toten Mutter. Es war dieses Bild, dessen Lebendigwerden sie ersehnte und be- 
fürchtete. Die oral-sadistische Vereinigung mit der Mutter, die der Sexualität 
der Patientin überhaupt zugrunde lag, mußte auch für diese Angst verant- 
wortlich gemacht werden. 

Daß die Bilderbuchphobie, wie die Analyse festeilte, schon zu einer Zeit 
bestanden hatte, da die Mutter noch am Leben war, widerspricht dem nicht. 
Wir haben darüber gesprochen, wie das angstbesetzte Triebziel überall hieß, 
einen Penis bzw. ein Kind im Mutterleibe (oral) beschädigend anzusehen und 
sich damit zu identifizieren. Daß nun die reellen Bilder eines Tanagratheaters 
ebenso wie steife (auf Holz gehende) Bilderbuchfigürchen Penissymbole sind, 
ist klar; und unschwer erkennen wir jetzt auch in den Menschen, die sich im 
Inneren eines Hauses (das die Patientin auch einer Höhle öder dem Erdinnern 
gleichsetzte) aus dem Nichts bilden, die Schwangerschaft- und Geburtssymbolik. 
— Aber warum erinnerte gerade das eidetische Erleben des Körperlichwerdens 
von Bildern so sehr an die Vorstellung des Zerstörens und Fressens, bzw. des 
Zerstört- und Gefressenwerdens? 

Gleichzeitig mit der Angst vor dem Bilderbuch hatte eine zweite Angst 
bestanden, die tiefer verdrängt war und erst später entdeckt wurde: Die Pa- 
tientin hatte ein sogenanntes „Lebensrad" besessen, den Vorläufer des Kine- 
matographen, einen mit Spalten versehenen drehbaren Zylinder, in den ein 



574 Otto Fenichel 



Bilderstreifen eingelegt wird; betrachtet man . diesen während des Drehens 
durch die Spalten, so fügen sich die einzelnen Bewegungsphasen der Bilder 
zu einer fortlaufenden Bewegung zusammen und erscheinen dadurch auch 
körperlich. Dieses Phänomen, bei dem also die Patientin das Körperlichwerden 
von Bildern wirklich erlebte (Vorbild ihres späteren Interesses für physikalische 
Wunder), hatte sie sehr entsetzt. Sie erinnerte jetzt, wie sie voll Schrecken 
wegsehen mußte, weil sie das (physikalisch begründete) Gefühl hatte, die 
Bilder sprängen ihr in den Kopf hinein. Sie erinnerte jetzt auch, vor welchem 
Bildstreifen sie die größte Angst gehabt hatte; er stellte einen Clown dar, der 
durch einen mit Papier bespannten Reifen springt und ihn zerreißt. Auch 
hiebei war also die Penis- und Geburtssymbolik deutlich. 

Das Bild, das, körperlich werdend, aus der Ebene hervortritt, symbolisiert 
also, den vorstehenden Penis bzw. den schwangeren Bauch. Und die zugrunde 
liegenden oralen Introjektionen waren vertreten durch die Vorstellung: die 
vorspringenden Dinge springen in das sie betrachtende Auge hinein. 
Die Erwartung, angestarrte Bilder würden in die Augen hineinspringen, ist 
dabei eine Vergeltungsangst: „Was ich mit den Augen durchbohre, wird mich 
durchbohren." Wichtig aber ist die spezielle Note dieser Vergeltung: „Wie 
ich es mit den Augen durchbohrte, so durchbohrt auch es zunächst meine 
Augen.^ ~ Es ist ferner beI der Bede utung, die der Identifizierung mit Penis 
bzw. Kind im Mutterleib in diesem Leben zukam, kein Zweifel, daß dieses 
Eindringen durch das Auge ebenso als volle Introjektion gedacht war, wie 
sonst das Eindringen durch den Mund. 

Ähnliche Phantasien wie die hier analysierten scheinen auch bei Kindern, die 
von der „okularen Introjektion" nicht so völlig beherrscht sind, häufig eine 
Rolle zu spielen. So äußerte ein Patient, bei dem der Schautrieb sonst nicht 
so ausgesprochen war, als er auf die Angst seiner Kinderzeit vor der Laterna 
magica zu sprechen kam: „Ich fürchtete immer, die Bilder springen heraus und 
beißen mich." 31 

In diesem Zusammenhange ist auch der seltsam wollüstigen Erregung zu 
gedenken, mit der die meisten Kinder durch den Operngucker, oft auch durch 
den umgekehrten Operngucker blicken. Die Erlebnisse, die sie dabei haben, 
sind wohl identisch mit dem, was unsere Patientin das Zwei- bzw. Dreidimen- 
sionalwerden nannte. Das archaisch-visuelle Erleben des unheimlichen 
Näherkommens und Wachsens, bzw. Fernerrückens und Schrumpfens 
der Gegenstände bedeutet wohl für das Unbewußte, daß sie in das eigene 
Auge eindringen, bzw. aus diesem wieder ejiziert werden. Für viele Kinder, die 
sich im Spiel einem Spiegel nähern und sich wieder von ihm entfernen oder 
durch Druck auf den Augapfel Doppelbilder näher- und fernerrücken lassen, 

31) Vgl. dazu etwa den Traum: „Ick sehe ein plattgedrücktes Kind- eines ebenfalls die 
Laterna magica fürchtenden Patienten in meiner Arbeit: „Über respiratorische Introjektion", 
Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 193 1. 



Schautrieb und Identifizierung 



575 



gilt wohl dasselbe. Im rhythmischen (hier visuellen) Crescendo und De- 
crescendo drückt sich außerdem — wie auch in analogen Sensationen auf 
anderen Sinnesgebieten, besonders auch auf dem des Gleichgewichts- und 
Raumsinnes, oder auf allen Sinnesgebieten zugleich — die Selbstwahrnehmung 
der kindlichen Erregung überhaupt aus. 32 

Die Leseleidenschaft unserer Patientin erwies sich als mit der früheren 
Bilderbuchphobie eng zusammenhängend. Sie sah in den Buchstaben, bzw. in 
den Wortbildern Ersatzbildungen für die Gegenstände und für Figuren, die 
sie vorher im Bilderbuch gesehen hatte. (Dabei hatte sie ja auch objektiv 
recht.) Hatte sie früher ihren Trieb, gesehene Bilder körperlich werden zu 
lassen, um sie mit den Augen zu fressen, so sehr gefürchtet, so durfte sie ihn 
jetzt nach der Verschiebung am neuen Objekte befriedigen. Buchstaben sind 
Gegenstandsersatz; beim Kind, das lesen lernt, in weit höherem Maße als beim 
Erwachsenen. Die Lesestörungen hängen nicht nur davon ab, welche Gegen- 
stände durch die Buchstaben symbolisiert werden, sondern auch davon, was 
man mit ihnen tun will; d. h. sie hängen mit der geheimen sadomasochisti- 
schen Einverleibungsbedeutung des Lesens zusammen. 

Wir haben in anderem Zusammenhange ausgeführt, daß die führende Se- 
xualangst dieser Patientin lautete, vom Mann (in tieferer Schicht: von der 
Mutter) „aufgestochen" zu werden, so daß sie einnäßt (weil sie eingenäßt hat), 
wobei Tat und Strafe verdichtet sind. "Wir können das nun mit Einbezie- 
hung des Schautriebes (und mit Vernachlässigung der tieferen Schicht) etwa 
folgendermaßen formulieren: Der Penis könnte herausspringen, sich loslösen, 
das Auge aufstechen und durch dasselbe in sie eindringen, so daß das Auge 
dadurch selbst phallisch wird. — Fragten wir vorhin, wie die beiden Leitvor- 
stellungen dieser Frau, „Ich möchte einen Penis sehen" und „Ich möchte ein 
Penis sein", miteinander zusammenhängen, so können wir jetzt antworten: 
durch die Phantasie, der angesehene Penis dringe durch das Auge in ihren 
Körper ein. 

VI. 

In geringerer Deutlichkeit und Intensität findet man ähnliches Material un- 
gemein häufig. 

Phantasien von einer „okularen Introjektion" treten gleichberechtigt neben 
die Einverleibungsideen, die anderen erogenen Zonen zugeordnet sind. Wir 
wollen nun noch einige damit in Zusammenhang stehende Probleme 
diskutieren. 

Daß dem Auge in der Symbolik phallische Bedeutung zukommt, daß dem- 
entsprechend die Blendung die Kastration bedeutet (besonders als Strafe für 
Vergehen auf dem Gebiete des Schautriebes), wurde von Freud schon vor 

32) Diese Deutung widerspricht nicht der von Freud („Traumdeutung"), daß das Ge- 
fühl im Traume, man sehe alles „wie durch einen verkehrten Operngucker", bedeute, die 
gesehenen Vorgänge hätten sich vor sehr langer Zeit abgespielt. 



576 Otto Fenichel 



langer Zeit erkannt und ist uns selbstverständlich. Sollte es vielleicht so sein, 
daß das Auge diese Bedeutung erst durch Identifizierung mit einem gesehenen 
und dadurch introjizierten Penis erhält? Wohl kaum; die tertia comparationis 
„das edelste Organ" und „das verletzliche Organ" genügen wohl zur Er- 
klärung der phallischen Natur des Auges. Sicher aber können Einverle'ibungs- 
ideen eine solche Symbolik verstärken. — Ist das Auge der Penis, so ist das 
starre Auge der erigierte Penis. 

Nun trat in den Assoziationen unserer Patientin immer wieder das Märchen 
von dem steinernen Prinzen aus iooi Nacht auf. Immer wieder erschienen in 
Träumen und Phantasien nach dem Vorbilde dieses Märchens Bilder von Män- 
nern, deren Oberleib gewöhnlich und vertraut, etwa der ihres Vaters war, wäh- 
rend der Unterleib unheimlich, starr, tierhaft war. Der Mann mit dem steinernen 
Unterleib bedeutete ihr den Mann mit dem tierischen Unterleib, den Zen- 
tauren; ein Gegenstück zur „kleinen Seejungfrau" von Andersen, die statt 
Beinen einen Fischschwanz hat, und die ihre Phantasie auch lebhaft beschäftigte; 
also lauter Phantasien, die Beobachtungen des Kindes an den Genitalien von 
Erwachsenen zu verdrängen bzw. zu bewältigen suchen. — Aber die Starre 
des steinernen Prinzen, seine Lähmung, seine Unbeweglichkeit wurde so sehr 
hervorgehoben. Das bedeutete mehr als die Erektion. Wir erinnern uns jetzt, 
daß die Verwandlung in Stein neben der Blendung eine sehr häufige' 
Strafe für den Voyeur ist: Wer etwas Schreckliches ansieht, wird in Stein 
verwandelt (man denke etwa an das Medusenhaupt). 33 Das bedeutet: er kann 
sich nicht rühren, wie der, der vom lähmenden Blick der Schlange getroffen 
wurde. Das Medusenhaupt und andere Gegenstände, deren Anblick diese 
verhängnisvolle Eigenschaft hat, sind überzeugend als Symbole für das weib- 
liche Genitale nachgewiesen worden, die Verwandlung in Stein demgemäß als 
der von diesem Anblick ausgehende Kastrationsschock, bzw. als Symbol der 
Kastration selbst. Der Verlust der Bewegungsfähigkeit würde (ebenso wie den 
des Lebens, so auch) den des Penis bedeuten, die steinerne Bewegungsunfähig- 
keit (das Totsein und) das Kastriertsein. Wenn wir nun weiter überlegen, daß 
als solcher Gegenstand, dessen Anblick in Stein verwandelt, sehr oft ein 
starres Auge (Basilisk, Schlange, Hypnotiseur) erscheint, so liegt die 
Deutung nahe, daß auch das starre Auge das schreckliche, fressende 
weibliche Genitale bedeutet. Nun erinnern wir uns, daß auch das oral- 
sadistische Auge, das alles fressen will, uns als starr erschien, was 
zu dieser Deutung gut paßt; erinnern uns weiter, daß wir eingangs 
das Problem aufstellten, wieso das Auge oft gerade in Fällen, da an 
seiner phallischen Natur nicht gezweifelt werden kann, auch orale Be- 
deutung hat, und ahnen jetzt, welche Vorstellung hier unbewußt zwischen 
Penis und Mund vermittelt: die der gesehenen, aber nicht verstandenen Va- 

33) Ferenczi: Zur Symbolik des Medusenhauptes, Int. Ztschr. f. Psa., IX, 1923. 



Schautrieb und Identifizierung 



577 



gina, von der das Kind nicht weiß, ob sie einen Penis verborgen hält oder 
ein fressender Mund ist. Im Unbewußten bestehen Widersprüche neben- 
einander. Die Verwandlung in starren Stein symbolisiert sowohl die Erektion 
als auch die Kastration, so wie das Auge sowohl den Penis als auch die Vagina 
(und den Mund) 34 symbolisiert. 

Bei der Verwandlung in Stein erinnern wir uns nun weiter an die seltsame 
Starre der Wölfe im Traume des Wolfmannes. 35 Freud deutet sie als „Dar- 
stellung durch das Gegenteil" für die lebhafte Bewegung, die das Kind während 
der Urszene mitansehen mußte. Aber einer war, wie auch Freud betont, 
während dieser Szene auch wirklich starr: der Zuschauer. Durch einen An- 
blick in Stein verwandelt werden, bedeutet also: durch ihn fasziniert werden. 
Die Grundlage dieser Phantasie muß doch vor allem Erinnerung an das Kör- 
pergefühl sein, das einen bei einem plötzlichen erschreckenden Anblick wirk- 
lich bewegungslos werden und erstarren ließ. Diese Faszination, darstellend 
die Ohnmacht des Kindes gegenüber den ungeheuren Erregungsmassen der 
Urszene, hat etwas zu tun mit den beobachteten erwachsenen Genitalien, mit 
Erektion und Penislosigkeit, und stellt die Identifizierung mit beiden, ins- 
besondere die zu erwartende Kastration dar. Jedenfalls ist beim Anblick des 
steinernen Prinzen die Starrheit von dem Anblickenden auf den Angeblickten 
verschoben. Und diese Verschiebung gehört wieder der Welt der beim libidi- 
nösen Sehen vor sich gehenden Verwechslung von Subjekt und Objekt, von 
Ich und Außenwelt an. 

Aber den Introjektions- bzw. Identifizierungsmechanismen kommt dabei 
eine noch größere Bedeutung zu. 

Warum war der Anblick des untergehenden Sodom verboten? Weil er der 
Anblick Gottes selbst ist! Den Anblick Gottes aber verträgt niemand. Warum 
nicht? Was ist die Sünde des Ansehens? Doch gewiß die mit dem Ansehen 
verbundene Identifizierung. Wer Gott von Angesicht zu Angesicht sieht, 
auf den geht selbst etwas vom Glänze Gottes über. Dieser Frevel, die Nach- 
ahmung Gottes, ist es, was vermieden werden soll durch das Verbot des An- 
blicks Gottes. „Du sollst dir kein Bild machen", ist eine Variante des all- 
gemeineren Verbotes, Gott anzusehen. 

In Stein verwandelt zu werden heißt also auch, dafür bestraft werden, daß 
man das werden wollte, was man sah; und es enthält, genau so, wie wir es bei 
der hysterischen Identifizierung gewöhnt sind, 36 die frevelhafte Identifizierung, 
nur im Sinne des Über-Ichs modifiziert. Und diese Identifizierung geht auf 
dem Wege des Anblicks vor sich: Wer das Kastrierte (das Medusenhaupt) an- 

34) Auf die bisexuelle Natur des Auges hat schon Abraham im Jahre 1909 hingewiesen 
(„Traum und Mythos"); seither auch verschiedene andere Autoren. 

35) Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, Ges. Sehr. Bd. VIII. 

36) Vgl. Fenichel: Hysterien und Zwangsneurosen, S. 29 f. 



Otto Fenichel 



sieht, wird selbst kastriert. Wer den Toten ansieht, wird selbst tot. Deshalb 
ist das Gegenstück zu der Angst, in Stein verwandelt zu werden, die, einen 
steinernen (toten) Mann in unheimlicher Weise sehen zu müssen. (Der „stei- 
nerne Gast" im „Don Juan".) 37 Auch wenn den Toten die Augen geschlossen 
werden müssen, weil sie sonst durch ihren Blick die noch Lebenden gleichfalls 
töten würden, 38 so ist es dasselbe Motiv, nur daß der Sadismus der Augen 
wieder von dem Schauenden auf den Angeschauten verschoben ist. 

Wenn wir in der Idee von der Verwandlung in Stein — schematisch ge- 
sprochen — eine Urszenenreaktion sehen, so begreifen wir jetzt, wie vielerlei 
in sie miteingegangen ist: die Vorstellungen von Erektion und Kastration, die 
Vorstellung vom Tod der Eltern, vor allem aber die wunscherfüllende und 
die strafende Identifizierung mit dem Gesehenen. Das in unserem Zusammen- 
hange wichtigste Moment ist, daß dabei die eigene Faszination, die Starre des 
eigenen fressenden Blickes, die man in Selbstwahrnehmung spürt, die Körper- 
gefühl-Grundlage der Phantasie von der Verwandlung in Stein, somit auch 
der phantasierte Weg der Identifizierung ist. Übrigens macht das Erlebnis 
der Faszination durch einen Anblick ja keineswegs nur den Blick starr, son- 
dern auch die gesamte Skelettmuskulatur (Lähmungsgefühl), insbesondere die 
Atmungsmuskulatur. 39 

Ein solcher „Toter", bzw. in der Urszene „lebhaft Bewegter", den man 
fasziniert ansehen muß und doch nicht ansehen darf, weil man sonst ebenso 
tot und starr würde wie er, ist auch, wie analytische Erfahrungen vielfach 
lehren, der Mond. Das fahle Licht des Mondes macht ja vor allem den Ein- 
druck des Starren, Bewegungslosen. Er ist, wenn von ihm gesagt wird, daß 
es den „Mondsüchtigen" banne, offenbar vollkommen dem starren Auge des 
Hypnotiseurs gleich, der sein Opfer bannt. Die Motilität des Mondsüchtigen 
wird ebenso wie die des Hypnotisierten als eigentümlich steif und gebunden 
beschrieben. 40 Er muß der Richtung des Mondlichtes folgen, so wie der 
Hypnotisierte die Bewegungen des Hypnotiseurs nachahmen muß. Der Mond 
enthält dabei in projizierter Form die Eigenschaften der eigenen Fasziniert- 
heit; er ist so starr und still wie das beobachtende Kind, er ist so tot wie das 
Kind fürchtet, sterben zu müssen (zum Ideenkreis der Mondsucht gehört die 
Vorstellung der höchsten Lebensgefahr des Süchtigen, er könnte z. B. vom 
Dache fallen, was dazu paßt, daß die Fallangst sich analytischer Beobachtung 
als Abkömmling der Angst vor dem Zersprengtwerden durch den Ablauf der 
übermäßigen eigenen sexuellen Erregung erweist); der Mond, der angesehen 
werden muß, wird als ein Gesicht, als ein Auge, das alles sieht (wie das Auge 

37) Rank: Die Don-Juan-Gestalt, Imago, VIII, 1922. 

38) Vgl. R 6 heim: Spiegelzauber. 

39) Vgl. Fenichel: Über respiratorische Introjektion, Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1932. 

40) Die physiologische Realität, die dem zugrunde liegt, ist ein relatives Deutlicherwerden 
subkortikaler Bewegungstypen. Uns interessiert hier aber weniger der wirklich Mondsüchtige 
und Hypnotisierte, sondern mehr die Rolle, die er in Sage und Folklore spielt. 



Gottes), perzipiert. Auch der Mond symbolisiert also jene schreckhaften Ob- 
jekte des Schautriebes, mit denen man sich mittels des Anblickens identifiziert 
und dabei Eigenschaften des eigenen Körpergefühls auf sie projiziert: es sind 
die Eltern in der Urszene, und vor allem deren Genitalien. Dabei überwiegen, 
wie beim Medusenhaupt, die weiblichen (mütterlichen) Elemente. Jedenfalls 
ist der Mond auch ein Auge, und man identifiziert sich mit ihm, indem man 
ihn ansieht. 41 

Die kindliche Phantasie, eine Grimasse könnte „steckenbleiben", oder das 
Unheimliche, das davon ausgeht, wenn Tote wie Lebende aussehen, als ob 
sie bei ihrer letzten Beschäftigung „steckengeblieben" wären — Dornröschen- 
schlaf — , sind jedenfalls mit der Verwandlung in Stein verwandt; und auch 
bei diesen Vorstellungen läßt sich oft die Idee einer Identifizierung durch 
den Anblick nachweisen. 

So kommen wir zum Ergebnis, daß die Starre des In-Stein-Verwandelten 
die Starre des Blickes und der ganzen Muskulatur des Faszinierten darstellt 
und Erektion, bzw. (Tod und) Kastration bedeutet. Die Hauptrolle bei dieser 
Vorstellung spielt der Umstand, daß der Blick ein "Weg der Identifizierung 
ist. — Ihre weitere Verfolgung führt schließlich zu den Problemen der Schock- 
wirkung, des Traumas überhaupt, d. h. zu den Problemen der plötzlichen 
Unfähigkeit zur Bewältigung der Außenwelt als Abwehr einer übergroßen Er- 
regungsmenge. 

VII 

Das Uber-Ich ist nach Freud durch Introjektion entstanden. Alle Fälle, 
wo man Forderungen von Menschen übernimmt, die man dazu ansehen 
muß, sind deshalb einerseits Bestätigungen für die Existenz einer okularen 
Introjektion, anderseits für die Introjektionsgenese des Über-Ichs. Und solche 
Fälle gibt es in hunderterlei Varianten. Man denke nur daran, daß, wer 
strauchelt, das Gottesbild anblickt, um wieder fest zu stehen; daß man sich 
überhaupt moralische Kraft ausborgt durch den Anblick des Bildes eines 
Mannes, der einem Vorbild ist; schon das "Wort „Vorbild" sagt es. — Aller- 
dings ist richtig, daß man, was man nachahmen soll oder will, erst einmal 
wahrgenommen haben muß, und daß deshalb solche Wahrnehmung allein 
noch keine „okulare Introjektion" enthält. Aber hier handelt es sich nicht 
nur darum, daß man seinen moralischen Mut dadurch stärkt, daß man durch 
visuelle Erlebnisse erfährt, daß und wie andere moralisch sind, sondern um 
einen Blickzauber: durch den Anblick selbst gehen Eigenschaften des 
Angeblickten auf den Anblickenden über. 

41) Vgl. zu diesen Ausführungen über den Mond das reichliche Material in den Ar- 
beiten von Sadger: Ober Nachtwandeln und Mondsucht (klinisch) und von Röheim: 
Mondmythologie und Mondreligion, Imago, XIII, 1927 (ethnologisch und folkloristisch). 



5 8 ° Otto Fenichel 



VIII 
Für die unbewußten Prozesse, die der Entstehung der bildenden (und 
anderer) Künste zugrunde liegen, und die sich noch heute im Unbewußten 
der bildenden Künstler reproduzieren, hat (im Anschluß an Melanie Klein«) 
Miß Sharp e Ansichten entwickelt, die mit unseren Gedankengängen viel- 
fach Berührungen aufweisen. Sie sieht in den künstlerischen Darstellungen 
von Objekten vor allem unbewußte Versuche zur „Wiedergutmachung" von 
vorher in der Phantasie begangenen Freveltaten, vor allem zur Wieder- 
belebung von Personen, die man mit seiner „Allmacht der Gedanken" getötet 
hatte. Diese vorangegangene Tötung oder Vernichtung sei durch Introjektion 
erfolgt; die Wiederbelebung erfolge dadurch, daß das introjizierte Objekt 
(der phantasierte Entwurf) in Form des Werks der Außenwelt wiedergegeben, 
projiziert werde. 43 

Sollte sich bestätigen, daß diesem Funde allgemeine Bedeutung zukommt, 
so wäre er in unserem Zusammenhange bedeutungsvoll. Denn der Künstler 
sieht das Naturobjekt an, bearbeitet in seinem Innern das Bild, das er 
dabei gewann, und schafft dann daraus mit seiner künstlerischen Schöpfer- 
kraft das Werk. Handelt es sich dabei in seiner unbewußten Phantasie wirk- 
lich um Tötung und Wiederbelebung, so kann das Töten und Auffressen 
der Objekte, das im „Ausspucken" des Werks wieder gutgemacht werden soll, 
in nichts anderem bestehen als im ursprünglichen Ansehen der Objekte. Es ist 
bekannt, daß bildende Künstler einen besonders intensiven und sublimierbaren 
Schautrieb besitzen. Es wird nun behauptet, daß auch diesem Schautrieb die 
Bedeutung der oralzerstörerischen Introjektion der Außenwelt zukommt. 

Es scheint uns nicht unwahrscheinlich, daß dem so ist. Die eingehende 
Analyse der Arbeitshemmungen einer bildenden Künstlerin bestätigte es 
wenigstens für diesen Fall. Ihre Arbeitsfähigkeit versagte nämlich passager 
in bestimmten Perioden der Analyse. Es wurde schließlich deutlich, daß das 
immer dann geschah, wenn durch das analytische Material oder durch äußere 
Ereignisse ihr stark gehemmter Sadismus, besonders ihre aktiven Kastrations- 
tendenzen, mobilisiert waren. Die Arbeitshemmung trat dann koordiniert 
neben anderen Schutzmaßnahmen gegenüber der eigenen Aggressivität auf, 
so daß kein Zweifel war, daß der Arbeit eine geheime sadistische Bedeutung 
zukam. — Sodann ergab die nähere Analyse dieser Hemmung, daß nicht der 
motorische, sondern der sensorische Teil der Arbeit gestört war: sie konnte 
ihre Modelle nicht mehr richtig sehen oder hatte eine unbezwingbare Ab- 
neigung dagegen, ordentlich hinzusehen. Sie erzählte weiter, mit welch inten- 
sivem Körpergefühl sie sich sonst in ihr Modell einzufühlen pflegt, so daß sie 
sich etwa vorstellt, sie selbst hätte so einen Kopf, so eine Hand usw. wie das 

42.) Klein: Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer Darstellungen, Int. Ztschr. 
r. Psa., XVII, 1931. 

43) Ella Sharpe: Über Sublimierung und Wahnbildung, Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931. 



Schautrieb und Identifizierung 



581 



Modell, und dann gar nicht mehr hinsehen müsse, sondern nach dem arbeite, 
was sie im eigenen Körper fühle. Diese Einfühlungsfähigkeit war in den 
„sadistischen" Zeiten gestört. Das unbewußte sadistische Moment des Malens 
muß also darin gelegen haben, daß sie selbst dem Objekte, das sie malte, 
gleich wurde; und diese Identifizierung vollzog sich wieder auf okularem Wege. 

Über die einzelnen sadistischen Vorstellungen dabei sei nur ein Detail ausge- 
führt: die Patientin entwickelte passager eine neurotische Angst vor einem 
berühmten bejahrten Maler. Diese Angst erwies sich als die Neuauflage einer 
infantilen: genau so hatte sie sich als Kind vor ihrem Großvater gefürchtet, der 
wirklich sehr brutal zu ihr gewesen war, und der darum (um die in tieferer 
Schicht gefürchtete Mutter zu entlasten) von ihr als Kastrator aufgefaßt wurde. 
Eine in der Pubertät erfolgte mystische Hinwendung zur Mutter Gottes ent- 
sprach einer Abwendung vom lieben Gotte selbst, den sie als überaus streng 
gefürchtet hatte; er war nach dem Vorbilde des Großvaters gedacht. — Diesen 
Großvater hatte sie, obwohl sie schon als Kind alles zeichnete und malte, nie 
gezeichnet. Sie hatte das Gefühl, es wäre ganz unmöglich, diesen Großvater 
zu zeichnen; er würde sonst unsagbar böse werden. So wiederholte sich am 
Großvater das für Gott geltende Gebot: „Du sollst dir kein Bild machen." — 
In vielen Einzelheiten wurde allmählich klar, daß, den Großvater zeichnen, 
bedeutet hätte, den Großvater ansehen, den Großvater ansehen aber, sich für 
die erlittene Kastration rächen und ihm selbst seinen Penis wegfressen. Diesen 
"Wunsch mußte sie aus entsprechender Vergeltungsangst vor dem brutalen 
Großvater unterdrücken. — Da die anstößigen Wünsche die Form des Malens 
angenommen hatten, so mußte die Vergeltungsangst zur Angst vor dem 
Gemaltwerden werden. Das war der Grund, warum sie sich später als Über- 
tragungsersatz für den Großvater einen berühmten Maler aussuchte. 

Weniger deutlich als die Introjektionsbedeutung des Ansehens wurde die 
Projektionsbedeutung des eigentlichen Schaffens. Immerhin war es glaub- 
haft, daß auch eine solche Bedeutung vorhanden war und das hohe narzißtische 
Glück nach gelungenem Werk mitspeiste. Andere Male erschien aber auch das 
Malen selbst noch als sadistisch („analsadistisch"), etwa der Idee entsprechend: 
„Nun habe ich ihn aufgefressen und in mir, nun kann ich mit ihm machen, 
was ich will, auch ihn weiter quälen." 

Die Vergeltungsangst der Patientin vor dem Gemaltwerden bringt auf 
die Idee, daß auch noch andere wohlbekannte ethnologische und folkloristische 
Tatsachen in diesen Zusammenhang gehören. Die Furcht der Primitiven 
bzw. des Aberglaubens, sich abbilden zu lassen, wird erklärt als Angst vor 
der Magie. Denn wer ein Bild einer Person besitzt, hat diese selbst in seiner 
Macht, da alles, was er dem Bild zufügt, die Person trifft. Aus demselben 
Motiv wird aber auch verhindert, daß ein Fremder in den Besitz von eigenen 
Körperteilen (z. B. Fingernägeln) oder Körperprodukten gelangt. Das Bild 
wird also offenbar auch als ein Ich-Teil aufgefaßt, den das Auge (oder das 



5 ß a Otto Fenichel 



Instrumentarium) ebenso wegnimmt, wie die Hände ein Körperprodukt weg- 
nehmen können. Das erkennt man am besten in den Fällen, wo mit Beginn 
der magischen Wirksamkeit eines Bildes auch die Person, deren Bild genom- 
men wurde, damit einen Teil seiner Persönlichkeit einbüßt, z. B. sein Spiegel- 
bild oder seinen Schatten. 44 — Wer den Primitiven oder Abergläubischen an- 
sieht (abmalt), nimmt ihm etwas weg. Auch hier ist also das Auge als rauben- 
des oder beißendes Organ gedacht. 

Und schließlich ist zu sagen, daß die Technik ein solches „fressendes Auge", 
dessen Blick sich die Außenwelt einverleibt, um sie später wieder zu pro- 
jizieren, wirklich geschaffen hat: den photographischen Apparat. Wenn man 
die so häufigen Ängste von Kindern (und manchmal auch von Erwachsenen) 
vor dem photographischen Apparat analysiert, findet man ausnahmslos die 
Auffassung, daß hier ein Auge vorhanden sei, das einem etwas abbeißen will. 
Selbstverständlich hat dabei das Auge auch genitale Bedeutung, so wie wir es 
für das „fressende Auge" überhaupt festgestellt haben. — Bei der Analyse 
eines schweren Angstanfalles, den ein Patient als Kind bekommen hatte, als 
er mit Röntgenstrahiert durchleuchtet werden sollte, mußte man zugeben, daß 
diese Durchleuchtung wirklich dem Auge ermöglicht, in das Körperinnere 
einzudringen, so wie es sich der Patient unbewußt immer gewünscht, und was 
er deshalb immer in Vergeltungsangst für sich selbst gefürchtet hatte; nur 
der Sadismus, mit dem diese Phantasien ausgestattet waren, lag nicht im ob- 
jektiven Röntgenapparat. 

Wir haben die Blendung und die Verwandlung in Stein als die spezifischen 
Strafen des Voyeurs besprochen. Wir können nun noch hinzufügen, daß es 
auch eine entsprechende spezifische Strafe des Exhibitionisten gibt: das Auge, 
das ihn ansieht, wird ihm etwas abbeißen oder ihn ganz fressen. Solche Vor- 
stellungen findet man bei der Analyse eines übertriebenen Schamgefühls 
häufig. Es ist wahrscheinlich, daß derartige Ideen der okularen Introjektion 
einen regelmäßigen Bestandteil des Schamgefühls überhaupt darstellen. 

IX 

Zum Schluß sei noch auf ein medizinisches Problem hingewiesen, dessen 
Lösung gewiß noch viele und ganz andere Arbeiten erfordern wird als diese. 

Es ist in der psychoanalytischen Literatur schon mehrfach von der Pro- 
blematik der Psychogenese der Myopie die Rede gewesen. 45 Die Autoren 
gingen dabei vom Effekt der Myopie aus und unterschoben diesem einfach 
psychische Absicht. Sie fragten etwa: Was mag dieser Mann für Interesse 
daran haben, das Ferne nicht zu sehen, oder sein Gesicht hinter einer Brille 
zu verstecken? — Eine solche Fragestellung erscheint uns ungerechtfertigt und 
zu einfach. Man kann nicht die somatische Natur des Leidens außer acht 

44) Vgl. Rank: Der Doppelgänger, Imago, III, 1914. 

45) Z. B. Jelliffe: Psychoanalyse und organische Störung. Myopie als Paradigma, Int. 
Ztschr. f. Psa., XII, 1926, und Groddeck: Das Buch vom Es. 



Schautrieb und Identifizierung 



583 



lassen. Gibt es einen psychischen Anteil an seiner Genese, so ist er wo anders 
zu suchen. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß ein Organ, das dauernd in den Dienst 
erogener Lustgewinnung gestellt wird, sich auch somatisch verändert. 46 Gerade 
in bezug auf das Auge des Menschen mit besonders erhöhtem Schautrieb hat 
Freud gesagt: „Wenn ein Organ seine erogene Rolle steigert, so ist ganz 
allgemein zu erwarten, daß dies nicht ohne Veränderung der Erregbarkeit 
und der Innervation abgehen wird", 47 also überhaupt der physiologischen 
Faktoren. Es scheint uns nun von vornherein heuristisch wertvoller, bei der 
Myopie- an derartige somatische Veränderungen des Auges infolge seiner 
libidinösen Benutzung zu denken, als etwa in der Unfähigkeit, in die Ferne 
zu sehen, ein Kastrationssymbol zu erblicken. Und diese Erwartung somatisch- 
neurotischer Zusammenhänge erhöht sich noch, wenn wir bei Freud weiter 
lesen: „Die neurotischen Störungen des Sehens verhalten sich zu den psycho- 
genen wie ganz allgemein die Aktualneurosen zu den Psychoneurosen; psycho- 
gene Sehstörungen werden wohl kaum jemals ohne neurotische vorkommen 
können, wohl aber letztere ohne jene." 43 

Was sagt die Augenheilkunde über die Myopie? Sie kommt zustande durch 
eine Verlängerung der Achse des Augapfels. Für diese Verlängerung wiederum 
werden teils die äußeren Augenmuskeln verantwortlich gemacht, teils allge- 
meine vegetative Veränderungen, die den Turgor des Augapfels selbst ver- 
ändern.' — "Wir meinen nun, daß die Unfähigkeit, in die Ferne zu sehen, 
psychisch keinen Sinn hat, sondern ungewollte mechanische Folge der Vor- 
gänge an den äußeren Augenmuskeln oder im Innern des Augapfels ist. Was 
aber verursacht diese Vorgänge? Jedenfalls ist an ihnen das vegetative Nerven- 
system in ausschlaggebender Weise beteiligt; und dessen Funktion ist, außer 
von mannigfaltigen somatischen Faktoren, auch von der Psyche abhängig. Die 
Frage ist: Kann nicht die chronische Verwendung des Auges im Dienste des 
libidinösen Schautriebs, wobei, wie wir erkannt haben, das Auge aktiv den 
Gegenständen sich entgegenstreckt, um sie sich psychisch einzuverleiben, 
schließlich eine Streckung des Augapfels veranlassen? 

Wir wissen, wie grob eine solche Fragestellung ist. Man müßte natürlich 
die Wege solcher Streckung genau erkennen, um zu erklären, warum manche 
Menschen mit erhöhtem Schautrieb keineswegs myop sind. — Der umgekehrte 
Fall, daß manche (und gerade hochgradig) Myope keineswegs einen besonderen 
Schautrieb aufweisen, macht keine Schwierigkeiten. Nicht alle Myopien müs- 
sen eine Psychogenese haben, und die Streckung des Augapfels, manchmal 
durch den objekteinverleibenden Schautrieb bedingt, hat andere Male sicher 
rein somatische Ursachen. 

46) Vgl. das reiche Material zu dieser Frage in Perenczi: Hysterie und Pathoneurosen. 

47) Freud: Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung, Ges. Sehr., 
Bd. V, S. 308. 

48) Ebendort. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 30 



Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 1 

Von 

Kiyoyasu Marui 

Sendai <Japan> 

Die grundlegenden Werke Freuds (i), Abrahams (2), Rados (3) 
und anderer über Melancholie gewähren uns einen tiefen Einblick sowohl in 
die psychische Struktur als auch in den Mechanismus dieses Leidens. 
Fenichel(4) beschrieb in seinem Buch den Inhalt dieser Arbeiten in histori- 
scher Folge und hob einige wichtige Punkte, welche noch nicht genügend er- 
klärt waren, zur Diskussion hervor. 

Nachdem Freud und Abraham gefunden hatten, daß Ambivalenz, gegen 
das Ich gerichteter Sadismus und Oralität die auffallenden Merkmale der 
Personen sind, welche an Melancholie leiden, hat Freud in seinem Werke 
„Trauer und Melancholie" eine Theorie über das Wesen dieser Krankheit 
gegeben. Gemäß dieser Theorie tritt Melancholie dann auf, wenn dem soge- 
nannten Objektverlust (Freud) der Vorgang der Introjektion des Liebes- 
objektes folgt. Freud entdeckte die Tatsache, daß die Selbstbeschuldigungen 
des Patienten dem Objekt selbst angemessen sind, und daß die Ausdrücke 
des Patienten, welche ganz sinnlos zu sein scheinen, ihren Sinn erhalten, wenn 
wir in seine Klagen an Stelle von „Ich" den Namen des verlorenen Objektes 
setzen. 

So kamen wir zu der Einsicht, daß das hauptsächlichste Symptom der 
Melancholie, die Selbstbeschuldigung, nichts anderes darstellt als die verkleideten 
Beschuldigungen des Patienten in bezug auf sein verlorenes und nun intro- 
jiziertes Objekt. Der Prozeß der sogenannten narzißtischen Regression trat 
hier in Erscheinung, in der Weise, daß ein Teil des Ichs des Patienten zum 
Objekt wurde, und daß das Über-Ich des Patienten sein eigenes Ich nun 
genau so behandelt, wie der Patient unbewußt das verlorene Objekt behandeln 
wollte. Der Sadismus, welcher ursprünglich auf das Objekt gerichtet war, 
fiel plötzlich dem Über-Ich zu und wütet nun gegen das durch die Intro- 
jektion verwandelte Ich. Es besteht kein Zweifel, daß diese Freud sehe 
Formel in vielen Fällen von Melancholie zu Recht besteht. Helene 
Deutsch (j) beschrieb einen besonders lehrreichen Fall dieser Art in ihrem 
Buch „Psychoanalyse der Neurosen". 

Nach Abrahams Meinung scheinen manche Klagen der Patienten ganz 
im Gegenteil vom introjizierten Objekt herzurühren und zum Beispiel An- 
schuldigungen zu wiederholen, welche das wirkliche Objekt einmal gegen den 
Patienten erhoben hatte. Dadurch werden die Dinge sehr unklar, da wir 

1) Vortrag, gehalten vor dem Kasuistischen Seminar d. Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung am 25. Oktober 1933. 



Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 



585 



doch angenommen haben, daß das Objekt in das Ich übergegangen ist und 
vom Über-Ich in sadistischer Weise behandelt wird. 

Fenichel warf nun zwei Fragen auf: Kann das Objekt nur in das Über-Ich 
aufgenommen werden oder müssen wir diese unerwünschte Komplikation von 
doppelter Ihtrojektion des Objektes anerkennen? Er versuchte dieses Problem 
der sogenannten doppelten Introjektion zu lösen, indem er auf das Werk 
Rados Bezug nahm, welcher, wie er sagt, das Problem des manisch-depres- 
siven Zustandes auf völlig einheitliche Art zusammenfaßte. Fenichel be- 
hauptet: „Der ,geliebte Gegenstand' wird dem Über-Ich in derselben Weise 
einverleibt, wie es vorher der Fall war bei der Gestaltung des ersten Über- 
Ichs. Aber das Über-Ich besitzt dasselbe Recht, böse zu sein, wie zu jener 
Zeit (und zieht unglücklicherweise zufolge der Regression aus diesem Recht 
auf unerwünschte Art und bis zu einem sehr hohen Grad Vorteile). Das, was 
für die Melancholie pathognomonisch als ,Regression von der Objektbeziehung 
zur Identifizierung' hinzukommt, ist nichts anderes als die Übernahme des 
,bösen', das heißt gehaßten Gegenstandes, in das Ich, wie dies von Freud 
beschrieben wurde. Dadurch erhält Abrahams Entdeckung, daß bei Melan- 
cholie ein introjiziertes Objekt gegen das andere wüten kann, allgemeine Be- 
deutung." So läßt Fenichel seine erste Frage offen. 

Nun hatte ich vor kurzem Gelegenheit, einen Fall von Melancholie zu 
analysieren, welcher die Tatsache der Introjektion des Über-Ichs des Objektes 
in das Über-Ich des Patienten sehr deutlich veranschaulichte, weshalb ich ihn 
zur Publikation geeignet erachte. 

Ein Student der Medizin, G. O., 25 Jahre alt, einziger Sohn eines Richters, zeigte 
das typische Symptomenbild von Melancholie nach dem Tode seiner Großmutter. Er 
lag Tag und Nacht ganz still im Bett. Seine Bewegungen waren äußerst langsam und 
das Denken fiel ihm sichtlich schwer. Sein Appetit war wesentlich vermindert und 
er schlief auch sehr schlecht. Er beklagte sich wiederholt, daß er niemanden lieben 
könne und selbst nicht wert sei, geliebt zu werden. Er meinte, er wäre eine wertlose, 
zu nichts nutze Person, moralisch minderwertig, und hielt sich für den gewöhnlich- 
sten, niedrigst stehenden Menschen der Welt. Er äußerte wiederholt den Wunsch, 
zu sterben, da alle Freude und alles Glück seinem zukünftigen Leben genommen sei, 
unternahm auch Selbstmordversuche und quälte dadurch seine Familie, hauptsäch- 
lich seine Eltern, sehr. 

Als er 21 Jahre alt war, Schüler der Hochschule, litt er an sogenannter Neur- 
asthenie; die Hauptsymptome waren Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Mangel an 
Konzentration beim Studium. Zu dieser Zeit konnte er nicht entscheiden, ob er 
Jurist werden solle, wie sein Vater, oder Arzt, und es besteht kein Zweifel, daß 
diese Unentschlossenheit über seine Zukunft einer der Hauptgründe seiner Krank- 
heit war. Endlich beschloß er, Medizin zu studieren; es lockte ihn aber nicht, 
praktischer Arzt zu werden, sondern er wünschte sich für sein zukünftiges Leben, 
ein Biologe zu bleiben. 

Seine Großmutter war eine sehr gewissenhafte und strenge Person, äußerst aktiv 
und gesprächig. Die Mutter des Patienten, die einzige Tochter dieser Großmutter, 
war, wie der Patient beschreibt, von demselben Typus wie ihre Mutter. Der Ana- 

39* 



lytiker hatte von der Mutter, welcher er mehrere Male begegnete, den Eindruck 
einer eher maskulinen, sehr aktiven und energischen Frau. Beide (Großmutter und 
Mutter) waren äußerst streng und überaufmerksam in der Erziehung des Patienten. 
Sie griffen stets in sein Leben ein, besonders in seine Freundschaftsbeziehungen! 
Besondere Aufmerksamkeit wurde auf seine Nahrung verwendet. Der Patient erhielt 
nur einmal im Tag ein mäßiges Quantum Kuohen oder Süßigkeiten. Er erhielt von 
ihnen überhaupt kein Geld und konnte sich daher außer Haus nichts zu essen 
kaufen. Er erzählt, daß er als Kind immer auf die Kinder der Nachbarschaft, die 
von ihren Eltern Geld erhielten, neidisch war. Wir können mit gutem Grund an- 
nehmen, daß in dieser Situation die Fixierung der Libido in ihrer oral-sadistischen 
Phase, welche wir noch näher beschreiben werden, übermäßig verstärkt wurde. So 
streng und kritisch sie auch in bezug auf das Benehmen des Patienten war, war die 
Großmutter anderseits zu ihm sehr freundlich und liebte und verhätschelte ihn 
außerordentlich. Bei diesem Stand der Dinge zweifeln wir nicht, daß die Einstellung 
des Patienten der Großmutter gegenüber ganz besonders ambivalent war. 

Der Patient hatte dieselbe ambivalente Einstellung seiner Mutter gegenüber. Diese 
Einstellung ist nicht nur auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Mutter dem- 
selben Typus wie die Großmutter angehörte und ihn in derselben Weise erzog und 
behandelte,^ wie diese. Als einziges Kind seiner Eltern pflegte er nooh als 5Jähriges 
Kind an seiner Mutter Brust zu saugen, bis er diese Gewohnheit wegen Erkrankung 
der Mutter (Pneumonie) aufgeben mußte. Man sagte mir von ihm, daß er während 
dieser Säuglingsperiode seine Mutter oftmals in die Brust biß, weswegen sie ihn 
schalt und tadelte. Diese Tatsache weist auf eine Fixierung der Libidoentwicklung 
in der oral-sadistischen Phase hin. Der Patient hing sehr an seiner Mutter, ärgerte 
sich aber anderseits w-egen ihrer übertrieben eifrigen und kritischen Einmengungen 
in seine Angelegenheiten. 

Der Vater des Patienten, der Schwiegersohn der Großmutter und Gatte der Erbin, 
der Mutter, war ein typisches Beispiel für jene Menschen, die wir in unserem Lande 
unter jenen Ehegatten zu sehen gewohnt sind, die die Erbin einer reichen Familie 
geheiratet haben. Er war scheinbar ein Gentleman ohne Tadel, aber anderseits ein 
geistloser, schwacher Mensch, dessen Autorität in der Familie niemals anerkannt 
wurde. Lediglich seine Pflichten und Verantwortlichkeiten als Richter erfüllend, 
kümmerte er sich kaum um seine Familie und die Erziehung seines Sohnes, unseres 
Patienten. In der Ehe hatte sozusagen „sie die Hosen an". Der Vater stand immer 
unter dem autoritativen Einfluß der Mutter und der Großmutter. Der Eindruck, 
den dieser Vater, anläßlich einer Unterredung, auf den Analytiker machte, war der 
eines Menschen mit feminin-masochistischer Veranlagung. 

Der Patient haßte und verachtete seinen Vater wegen seiner Geistlosigkeit und 
Schwäche, fühlte aber anderseits Mitleid und Sympathie für diesen armen Vater, so- 
oft er bemerkte, daß derselbe von der Mutter oder Großmutter respektlos behandelt 
wurde. So sehen wir an dem Patienten einen deutlichen doppelten Ödipuskomplex, 
auch eine sehr wichtige Ursache für sein ambivalentes Gehaben, und es wundert uns 
nicht, oft beim Patienten Anzeichen zu finden, daß er sich mit seinem Vater identi- 
fizierte. 

Der Patient war eher ein nach innen gekehrter Mensch, keine geistig lebhafte 
Persönlichkeit. Schon als Kind zeigte er nicht viel Neigung, ins Freie zu gehen und 
zu spielen; er hatte weder einen großen Drang, Freunde zu erwerben, noch inter- 
essierte er sich in der Schule für Sport. Hingegen zog er es schon als ganz kleines 
Kind vor, zu Hause zu bleiben und dort zu spielen oder zu lesen. Reifer werdend, 
interessierte er sich für Musik, Photographie und Literatur. Seine Großmutter und 



Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 587 

Mutter hielten ihn immer für einen sehr braven, folgsamen Jungen, da er den An- 
ordnungen und Ratschlägen seiner Eltern und besonders seiner Großmutter schein- 
bar ganz automatisch folgte. Ohne Zweifel kann man die Folgsamkeit des Patienten 
sowohl als Ausdruck unterdrückten Hasses (Sadismus) als auch als sublimierten 
Masochismus betrachten. "Während der Analyse erklärte er einmal spontan, daß er 
in seinem "Wesen viel "Weibliches anstatt Männlichem empfinde. Tatsächlich fanden 
wir beim Kranken auch weiblich masochistische Züge. Diese waren fraglos auf die 
Identifizierung des Patienten einerseits mit seinem Vater und anderseits mit seiner 
Mutter und Großmutter zurückzuführen. 

"Während der Pubertät lernte er (ohne äußere Verführung) zu masturbieren. "Wie 
er jedoch sagte, gab er diese Gewohnheit nach wenigen Jahren aus gesundheitlichen 
Gründen auf. Er betonte, daß er seit seiner Knabenzeit keine Mädchenfreundschaft 
gehabt und bis in sein Jünglingsalter keine Liebesbeziehung erlebt hätte. Ungefähr 
seit seiner Pubertät (der Patient erinnert sich nicht des genauen Zeitpunktes) lebte 
in seiner Familie ein Mädchen, die Nichte seines Vaters. Sie war zwei Jahre jünger 
als er. Dieses unglückliche Mädchen war nach dem Tode seiner Eltern in die Familie 
aufgenommen, dort erhalten und erzogen worden. Es ist leicht zu verstehen, daß 
die Mitglieder der Familie, mit Ausnahme des Vaters, also die Großmutter, Mutter 
und eine Dienerin, dem Mädchen, welches sie als lästigen Eindringling betrachteten 
und behandelten, nicht sehr wohlwollend und freundlich gegenüberstanden. Unser 
Patient hingegen war stets sehr freundlich zu dem Mädchen und empfand dessen 
schlechte Behandlung und Mißachtung als peinlich. Er sagte, daß er aus diesem 
Grund sogar gegen die genannten Familienmitglieder Abneigung empfunden habe, 
jedoch nicht wagte, sich offen auf die Seite des Mädchens zu stellen, da er fürchtete, 
der Liebe zu ihr verdächtigt zu werden. Er leugnete die Liebe zu ihr und erklärte, 
daß sie nicht schön und anziehend genug gewesen sei, um von ihm geliebt zu 
werden. "Wir haben daher Grund anzunehmen, daß seine Einstellung dem Mädchen 
gegenüber eine ambivalente war und daß er noch als junger Mann an die narzißtische 
Periode stark fixiert war. In der Tat war er ein hübscher Junge, man kann fast 
sagen ein Stutzer, und gehörte dem modernen Typus des jungen Japaners an. "Wir 
werden später sehen, daß bei ihm die Liebe zum Objekt dazu neigt, eher in narzißti- 
scher Form in Erscheinung zu treten. 

Im Alter von 22 Jahren, als er, Schüler der Hochschule, fern vom Hause in der 
Stadt (A) weilte, erhielt der Patient von seiner Großmutter etwas Geld, um eine 
Geige zu kaufen. Er verwendete das Geld aber nicht für diesen Zweck, sondern 
besuchte ein Freudenhaus, gab den ganzen Betrag dort aus und verlor bei dieser Ge- 
legenheit die Unberührtheit seiner Jugend. Er empfand damals weder ein Gefühl der 
Schuld, noch Reue über sein Verhalten. Nach Absolvierung der Hochschule trat der 
Patient in eine in einer anderen Stadt (B) gelegene medizinische Akademie ein. Er 
schloß dort Freundschaft mit einem Studenten eines höheren Jahrganges^ der viel 
älter war als er und ein sehr lockeres Leben führte. Er wurde bald mit diesem 
Freund sehr vertraut und besuchte mit ihm wahllos Restaurants, Bierhallen, Kaffee- 
häuser, Billardräume und Kinos. "Wir sehen hier, wie leicht sich unser Patient 
anderen Personen anpaßt. Ebenso kann man nicht die Tatsache übersehen, daß er, 
der, während er noch unter dem Schutze seiner Familie stand, ein braver Junge war, 
sich dann später weichlich und haltlos benahm, wie ein ganz gewissenloser Mensch. 

Als er 24 Jahre alt war, traf der Patient in einem Restaurant in B eine junge 
Kellnerin. Die beiden verliebten sich ineinander. Das Mädchen besuchte ihn häufig 
in seiner "Wohnung und schließlich kam es auch zu einer geschlechtlichen Beziehung 
zwischen ihnen, die sich aber nach einiger Zeit löste. Als Grund für diese Trennung 



!'',! 



: 



gab der Patient an, daß er ganz überzeugt war, daß seine Eltern, besonders aber 
seine Großmutter, nie einer Heirat zustimmen würden. Aber wir nehmen an, daß 
die wirkliche Ursache dieser Trennung im Patienten selbst begründet war. Das Mäd- 
chen scheint den hübschen Jungen wirklich geliebt zu haben. Sie nahm kein Geld 
und bekam keine Geschenke; auch war sie der reifere Teil und hatte zuerst eher ihn 
verführt. Ihm war die ganze Liebesgeschichte nicht sehr ernst gewesen, er spielte 
mit dem Mädchen und seinem Schicksal. Er gefiel sich darin, eine so besonders 
schöne Geliebte zu haben, wie er überhaupt um diese Zeit die Rolle des schönen, 
aber eitlen Don Juan auch bei mehreren Frauen gleichzeitig spielte. Schon nach wenigen 
Monaten wurde er seiner Geliebten untreu, ohne jedes Schuldgefühl oder Mitleid. 
Für den narzißtischen und egozentrischen jungen Menschen war es selbstverständlich, 
daß jede Frau sich in ihn verlieben, ihm gehören und für ihn leiden sollte. 

Kurz nachher lernte er in einem Billardraum in B ein junges Mädchen kennen. 
Es gefiel ihm und er liebte es sehr, fürchtete nur, daß es irgend jemandem anderen 
zum Opfer fallen könnte. Zugleich hegte er Zweifel an ihrer Jungfräulichkeit, da 
Mädchen, die in solchen Betrieben angestellt sind, leicht Gefahr laufen, von Männern 
verführt zu werden. Der Patient nahm sich vor, bei Gelegenheit Erkundigungen 
anzustellen, ob das Mädchen wirklich noch Jungfrau wäre, und wollte sie, wenn dies 
der Fall wäre, bitten, ihre Jungfräulichkeit zu hüten, bis zu dem Zeitpunkte, da ihm 
seine Familie, besonders seine Großmutter, erlauben würde, sie zu heiraten. Er wußte 
sehr gut, daß seine Großmutter zu den Menschen gehörte, die nie einer Heirat ihres 
Enkels mit einem Mädchen der unteren Klasse zustimmen würden. 

Nun traf es sich, daß die Großmutter seit Herbst 1930 an einem Magenleiden litt, 
und gerade bevor die Liebesbeziehung zwischen dem Patienten und dem Mädchen 
anfing, erfuhr er, daß die Ärzte das Leiden seiner Großmutter als einen unoperier- 
baren Magenkrebs bezeichnet hatten und daß ihr Leben nur mehr eine Frage von 
kürzester Zeit sei. Zuerst kümmerte er sich nicht sehr um die Krankheit seiner 
Großmutter, aber als er in den Sommerferien 193 1 nach Hause kam und sie in so 
ernstem Gesundheitszustand antraf, war er sehr überrascht und bedauerte, ihr seit 
ihrer Krankheit so wenig Beachtung geschenkt zu haben. Er dachte sich, daß er, 
um nicht noch nach ihrem Tode schwere Selbstvorwürfe und Reue zu verspüren, 
zu ihren Lebzeiten besonders lieb zu ihr sein müsse. So beschloß er, sie zu pflegen 
und sein Möglichstes zu tun, um seiner armen Großmutter Freude zu machen. Und 
er tat es auch. Er leugnete mit Bestimmtheit, zu dieser Zeit, oder je vorher, in 
seinem Herzen den Wunsch gehegt zu haben, daß sie sterben solle. Und dann kam 
der traurige Tag. Trotz der äußersten Anstrengungen seitens der Ärzte und der 
Familie, besonders unseres Patienten, das Leben der Großmutter zu verlängern, starb 
sie Mitte August 193 1. 

Nach dem Begräbnis war der Patient natürlich traurig. Aber seine Traurigkeit 
war nicht sehr groß. Er fühlte sich nicht verantwortlich für ihren Tod, da er ganz 
überzeugt war, daß es über menschliche Kraft geht, einen Menschen, der an einer 
Krankheit wie Magenkrebs leidet, zu heilen. Er wurde jedoch allmählich mehr und 
mehr niedergeschlagen. Sein Gesicht wurde immer blässer und war nun voll Schmerz 
und Kummer. Er verspürte immer Völle im Magen und sein Appetit nahm ab. Er 
litt an der Idee, daß er auch eines Tages Magenkrebs bekommen und sehr bald 
sterben müsse. Er fühlte sich sehr alt und glaubte, daß alles Glück und alle Fröhlich- 
keit seiner Jugend aus seinem Leben schwanden. 

Es ist ganz klar, daß diese Ideen und Symptome des Patienten infolge seiner 
unbewußten Identifizierung mit der verlorenen Großmutter auftraten und als 



Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 



589 



Zeichen der sogenannten Introjektion des gehaßt-geliebten Gegenstandes, wie 
es Abraham (2) beschreibt, angesehen werden können. Der Patient war sich 
dessen absolut nicht bewußt. 

Er begann, nun daran zu denken, daß das Mädchen, mit dem er in B sexuelle 
Beziehungen unterhielt, eine Jungfrau gewesen sein mußte, und er machte sich 
schwere Selbstvorwürfe, ihre Jungfräulichkeit mißbraucht zu haben. Hier muß er- 
wähnt werden, daß der Patient vorher keine Schuld fühlte, da er damals nicht wirk- 
lich geglaubt hatte, daß sie eine Jungfrau sei. Und wir können mit gutem Grund 
annehmen, daß sie gar kein unschuldiges Mädchen gewesen war, da sie in diesem 
Liebesverhältnis eher eine aktive Rolle gespielt zu haben scheint. Er bedauerte auch 
mit großer Bitternis, daß er damals mit dem Geld, welches er von seiner Groß- 
mutter erhalten hatte, ein Freudenhaus in A besucht hatte und so seinen Stolz auf 
seine reine Jugend verlor. Auch diese Selbstvorwürfe hatte er sich nie vor dem Tode 
seiner Großmutter gemacht. Er hatte nun den heißen Wunsch, zu wissen, ob die 
Prostituierte in A, bei der er seine Unberührtheit verloren hatte, hübsch und hoch- 
stehend genug war, um dieser Gabe wert zu sein. Er machte sich auch ernste Vor- 
würfe wegen seines ausschweifenden Lebenswandels in B. Er war unglücklich, weil 
er dachte, daß er die Liebe des Mädchens, welches er im Billardraum kennengelernt 
hatte, nicht mehr verdiente, und hatte große Furcht, daß er nie mehr das Glück 
und die Freude genießen werde, von einem reinen Mädchen geliebt zu werden. All 
das erschöpft nicht die Klagen des Patienten. 

Wie ich schon früher schilderte, klagte er wiederholt, daß er niemanden 
lieben könne und nicht wert sei, von jemandem geliebt zu werden, daß er 
wertlos, fehlerhaft, der niedrigste Mensch der Welt sei. Alles Zeichen einer 
außerordentlichen Verringerung des Ich-Gefühls oder einer weitgehenden 
Ich- Verarmung. Außerordentlich wichtig ist es, festzustellen, daß der Patient 
vollkommen ahnungslos bezüglich des Zusammenhanges seines Leidens mit 
dem Tod seiner Großmutter war, bis ihm die Analyse endlich die wirkliche 
Situation und den Zusammenhang der Dinge verständlich machte. 

Und es ist diese Tatsache, zusammen mit den oben erwähnten Zeichen 
von Ich- Verarmung sowohl als der Verringerung des Selbstgefühls, welche 
uns den sicheren Beweis liefert, daß wir es hier mit einem Fall von Melan- 
cholie und nicht mit übertriebener Traurigkeit zu tun haben. Zwischen 
„pathologischer Trauer" und Melancholie besteht der Unterschied, daß bei 
der Trauer der Zusammenhang der Verstimmung mit dem Todesfalle völlig 
bewußt ist, während der Melancholiker den Zusammenhang seiner Traurig- 
keit mit dem verlorenen Objekte verdrängt hat. In unserem Falle bestand 
scheinbar eine übertriebene „pathologische" Trauer, da ja die Verstimmung 
in den dem Todesfall folgenden drei Wochen sich entwickelte. Tatsächlich 
aber war es eine Melancholie, denn der Kranke wußte gar nichts von den 
Zusammenhängen seiner Erkrankung mit dem Sterben der Großmutter, son- 
dern stellte mit zweifelloser Sicherheit einen Zusammenhang seines „Unglücks" 
mit seinem früheren sittlichen Verschulden und seinem schlechten Charakter 
her. Auch wissen wir durch Freud, daß der Melancholiker eine außerordent- 



59° Kiyoyasu Marui 



liehe Verringerung des Selbstgefühles und weitgehende Ich- Verarmung auf- 
weist, welche bei Trauer nicht in solchem Ausmaße bestehen. 

Ich nehme nun an, daß niemand die Eigentümlichkeit, die dieser Fall von 
Melancholie bezüglich des Vorganges der Introjektion besitzt, übersehen wird. 
Es ist hier bemerkenswert, daß die Klagen des Patienten oder die Kritik, die 
von seinem Uber-Ich ausging, mehr gegen sein früheres Ich gerichtet und 
konzentriert waren, und nicht gegen das verlorene und jetzt introjizierte 
Objekt. Man kann mit anderen Worten sagen, daß sich alle die Selbst- 
beschuldigungen des Patienten auf sein Benehmen und seinen lockeren Lebens- 
wandel vor dem Tod der Großmutter bezogen (nur die einzige Klage, sein 
Alter betreffend, schien gegen sein Ich gerichtet zu sein, welches durch den 
Vorgang der Introjektion des Objektes geändert war). 

Das ist der einzige Punkt, in dem unser Fall von der gewöhnlichen Melan- 
cholie abweicht, bei welcher, nach der Auffassung Freuds, das Objekt in 
das Ich aufgenommen und von dem Über-Ich des Kranken sadistisch behan- 
delt wird. Ferner ist es beachtenswert, daß das Uber-Ich des Patienten, 
welches vorher sehr nachsichtig und weichlich gegen sein eigenes Ich war, 
nun seit Eintritt der Introjektion äußerst streng und scharf wurde. Man 
kann auch sagen, daß die Strenge des Über-Ichs des Patienten jetzt erst, nach 
dem Tode der Großmutter, erwacht war und daß das Über-Ich das Ich des 
Kranken nun an Stelle der Großmutter tadelte. So meine ich, ruhig an- 
nehmen zu können, daß, wenn der Vorgang der melancholischen Introjektion 
eintritt, das Über-Ich des Objektes in das des Patienten Eingang finden kann 
und glaube daher, daß die erste von Fenichel aufgeworfene Frage in posi- 
tivem Sinne beantwortet werden kann, zumindest mit Bestimmtheit in diesem 
Falle von Melancholie. 

Es mag die Annahme naheliegen, daß der von Fenichel zitierte Fall 
Abrahams, in welchem die Klage des Patienten von einer Anschuldigung, 
die einst sein richtiges Objekt gegen ihn vorbrachte, zu kommen schien, viel 
leichter und ohne Zwang von diesem Gesichtspunkte aus verständlich wäre. 
Ich bin jedoch weit davon entfernt, dies zu behaupten, da ich keine voll- 
ständige Analyse jenes Falles besitze. Indem ich die Umstände in diesem 
Falle von Melancholie beschrieb und analysierte, kam ich zu der Einsicht, 
daß Über-Ich und Ich des Patienten je vom Uber-Ich und Ich des Objektes 
überdeckt wurden. Und wie ich es beschrieb, spielte sich der Konflikt 
zwischen dem Ich des Patienten und dem Uber-Ich des Objektes ab. Ich 
denke, Grund zur Annahme zu haben, daß dasselbe auch in anderen Fällen 
von Melancholie oder neurotischer Depression erfolgen kann. Dann würde 
das Symptombild dieser Krankheiten ein anderes sein, sowohl je nach den 
Verschiedenheiten der Einstellungen von Über-Ich und Ich, als auch je nach der 
Verschiedenheit der wechselseitigen Beziehung zwischen ihnen. Ich will aber 



Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 



591 



in den Ausführungen über diesen Punkt nicht fortfahren, da mir das Material 
zur Stützung meiner Behauptung fehlt. 

Ich will hier bloß feststellen, daß in diesem Falle von Melancholie die 
Analyse sehr deutlich die Tatsache der Introjektion des Uber-Ichs des Ob- 
jektes in das des Patienten ergab. Der Wunsch des Patienten, die Prostituierte, 
bei der er die Unberührtheit seiner Jugend verlor, hätte hübsch und edel sein 
sollen, und seine Annahme, daß das Mädchen, mit welchem er in B geschlecht- 
liche Beziehungen hatte, eine Jungfrau war, können sowohl ein Beweis einer 
sehr starken narzißtischen Überschätzung des Ichs, als auch ein Ausdruck 
davon sein, daß das Ich das strenge Über-Ich um Vergebung bittet. 

Nun möchte ich diese Arbeit nicht beenden, ohne sehr interessante und 
wichtige Einzelheiten zu erwähnen, welche dieser Fall in bezug auf die Ent- 
wicklung des Über-Ichs darbietet. Wie vorhin beschrieben wurde, benahm 
sich der Junge, sowie er sein Vaterhaus verließ, wie ein Mensch, der nicht 
fähig ist, sich im Zaum zu halten, und ergab sich allen triebhaften sinnlichen 
Befriedigungen. 

Sein Benehmen erinnert anscheinend an eine unmoralische Persönlichkeit, 
doch kann er nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes als eine solche be- 
zeichnet werden. Er fühlte sich nur, sobald er sein Elternhaus verlassen hatte, 
frei, zu tun, was ihm gefiel. Sein schlechtes Betragen entsprang lediglich dem 
Umstände, daß sein Über-Ich noch in den lebenden Personen selbst existierte 
und noch nicht völlig ausgebildet war. Mit einem "Wort, er hatte noch nicht 
die Personen ins eigene Selbst aufgenommen, welche sein Leben moralisch 
beherrschten. Ein Grund für diese Störung oder diesen Entwicklungsmangel 
des Über-Ichs mag vielleicht in dem Umstand liegen, daß der Patient an 
seiner Großmutter so hing und von ihr so sorgsam behütet war, daß er gar 
keine Nötigung erfuhr, ein Über-Ich auszubilden. Eine andere Ursache für 
diese Störung in der Entwicklung des Uber-Ichs lag wieder daran, daß diese 
Behütung ihn völlig unfrei machte, so daß für ihn sozusagen keine Gelegen- 
heit gegeben war, ein Über-Ich entstehen zu lassen. Und es kann kein 
Zweifel bestehen, daß seine masochistische Richtung mit dieser Situation 
zusammenhing. 

So kommen wir zur Schlußfolgerung, daß übermäßige Objektliebe und 
übergroßer Zwang in diesem Falle zusammenarbeiteten, um die Entwicklung 
des Über-Ichs zu stören. Wie geschah aber nun doch die Introjektion des 
Über-Ichs der Großmutter in das des Patienten? Wie ich schon beschrieb, 
war die Ambivalenz gegen das Liebesobjekt (Großmutter) in diesem Falle sehr 
deutlich ausgeprägt. Der Patient haßte seine Großmutter ebenso wie er sie 
liebte, aber sein Haß konnte nicht mehr bestehen bleiben, als seine Groß- 
mutter erkrankte, und noch weniger nach ihrem Tod. Mit anderen Worten, 
die Krankheit und der Tod seiner Großmutter waren zwei Momente, die 
seinen Haßideen große Befriedigung gewährten. Nach dem Tode war, wie 



592 



Kiyoyasu Marui: Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 



so oft, kein Haßobjekt mehr da. Infolgedessen wurde der Haß nun gegen die 
eigene Person gerichtet, was bewirkte, daß der Patient sich mit Selbstvor- 
würfen und moralischen Quälereien peinigte. Es ist demnach interessant fest- 
zustellen, daß sich das Ich des Patienten gegen das introjizierte Über-Ich 
ebenso verhielt wie in seiner Kindheit der Patient seiner Großmutter gegen- 
über. 

Literatur 
i. Freud: Trauer und Melancholie. Ges. Sehr., Bd. V. 

2. Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Int. Psa. Verl., Wien, 1924. 

3. Rado: Das Problem der Melancholie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927. 

4. Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Int. Psa. Verl., Wien, 1931. 

5. Deutsch, H.: Psychoanalyse der Neurosen. Int. Psa. Verl., Wien, 1930. 



REFERATE 



Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

CREUTZ, W.: Die Neurologie des i. bis 7. Jahrhunderts n. Chr. Eine hiscorisch-neurologische 
Studie. (Sammlung psychiatr. u. neurol. Einzeldarstellungen. Herausg. v. Bostroem u. Lange, 
Bd. 6.) Leipzig: G. Thieme 1934, RM 7,80. 

Außerordentlich sorgfältige medicohistorische Studie. Es ist erstaunlich, was Cesus, Soran, 
Galen, Aretaios, Kassios, Iatrosophista, Oreibasios, Aetios, Alexander 
v. Tralles und Paulos von Aigina in der Neurologie schon gewußt haben. Ver- 
gleichen wir etwa die damaligen Kenntnisse über die motorischen und psychischen Abläufe 
bei der Epilepsie mit den modernen Beschreibungen dieser Krankheit, dann müssen wir 
gestehen, daß seither nicht sehr viel hinzugekommen ist. Die Beschreibungen, die vielfach 
wörtlich zitiert werden, sind zum Teile ganz meisterhaft und verraten einen hohen Stand 
ärztlicher Beobachtungsgabe. Auch viele von den therapeutischen Maßnahmen der da- 
maligen Zeit haben bis heute nicht an Wert verloren. — Jedem, der sich für die Ent- 
wicklung der ärztlichen Kunst interessiert, sei die Lektüre dieses Buches empfohlen. 

E. Stengel (Wien) 

GUTHEIL, EMIL: Psychotherapie des praktischen Arztes. Herausgegeben vom Institut 

für aktive Psychoanalyse in Wien. Selbstverlag des Instituts für aktive Psychoanalyse. 

Leipzig- Wien-Bern 1934. 

Zunächst stellt St ekel seinem Kollegen Gutheil das beste Zeugnis aus. „Durfte ich doch 
als Meister mit dem Stolz eines geistigen Vaters die Fortschritte eines Schülers beobachten, 
der sich selbst zum Meister entwickelt hat." Der Meisterschüler ehrt anderseits seinen Meister 
durch folgende Sätze: „Stekels aktive Analyse berücksichtigt viel mehr die Bedürfnisse des 
praktischen Arztes. Sie ist viel elastischer und stellt den Arzt wieder als Hauptperson in 
die Therapie, aus der ihn die Freudsche Analyse verbannt hat. Die Analyse Stekels ist 
die vom Arzte aktiv geleistete Heilarbeit, bei der nicht nur unkontrollierte ,Lösungen* und 
,Abreaktionen' im Kranken spontan zu erfolgen haben, sondern bei der der Arzt den 
Kranken durch wohldurchdachte Weisungen und Ratschläge in jene Verfassung geleitet, die 
er nach gründlicher Erforschung des Falles als die beste erkannt hat. 

Stekel hat durch dieses Verfahren in das starre System der Freud sehen Analyse eine 
Bresche geschlagen. In den drei Lustren, die ich ihm Gefolgschaft leiste, ist mir keine seiner 
Lehren wichtiger erschienen, keine Erkenntnis heiliger gewesen, als die, daß der Krankender 
zu mir kommt, von mir nichts anderes begehrt, als daß ich ihm helfe. Es ist dies ein 
Bekenntnis zur Therapie, das ich hiemit ablege. Es ist wichtig, dies zu betonen, seitdem 
psychologische und philosophische Lehrmeinungen in den Wirkungskreis der Psychotherapie 
gezogen werden, seitdem es immer mehr Kranke gibt, welche von ihren Ärzten in die unter- 
schiedlichen seelenkundlichen Lehrsysteme eingeführt, zu Sachverständigen ausgebildet 
werden, ohne vorerst gesund zu sein." Die Psychoanalyse, sofern Gutheil auch sie mit seinen 
Vorwürfen treffen wollte, fühlt sich von ihnen frei, da es ihr ständig betontes Bestreben 
ist, rein intellektuelle Verarbeitung der Deutungen als Widerstand zu bekämpfen und durch 
affektive Verarbeitung zu ersetzen. 

Das Buch gliedert sich in einen allgemeinen und einen speziellen Teil. Im allgemeinen 
Teil wird zu diagnostischen Zwecken eine aktiv-analytische Anamnese empfohlen, die in 
ihrer plumpen Genauigkeit geeignet ist, ahnungslose Fälle gründlichst zu verderben. Die im 
allgemeinen Teil vorgebrachte analytische Theorie trägt ganz den Charakter der Ober- 
flächlichkeit, wie sie aktiv-analytische Arbeiten auszeichnet. Der spezielle klinische Teil, 
gruppiert nach Organ- und Funktionssystemen, ist reichlich mit Krankengeschichten durch- 



setzt, an denen die Simplifizierung der Traumdeutung auffällt, die geschickt nur der aktuellen 
Situation angepaßt wird. Das Kapitel „Therapie", das das Buch abschließt, enthält die 
Grundzuge der analytischen Therapie unter dem Aspekt der „aktiven" Analyse mit nach 
folgender Synthese. 

. Es ist nicht Aufgabe dieses Referates, die „aktive" Analyse zu kritisieren. Der Versuch 
jedenfalls, die analytische Therapie, besonders aber in ihrer aktiven Entstellung, dem prakti- 
schen Arzt in die Hand zu geben, erscheint mehr als gewagt. R. Sterba (Wien) 

HERMANN, A.: Über einige psychische Symptome des Alkoholdeliriums. Dissert.- Arbeit 
Basel, 1934, Philograph. Verlag. 

Kurze Beschreibung einzelner Zustandsbilder und Erörterung der Beziehungen zwischen 
Angst, Halluzination und Motorik. Keine neuen Gesichtspunkte. E. Stengel (Wien) 

Psychotherapeutische Praxis, Vierteljahrsschrift für praktische ärztliche Psychotherapie 
Herausgeber Dr. Wilhelm St ekel. - Schriftleitung Dr. Ernst Bien, Wien. Band 2' 
Heft 1. 

Unter Originalarbeiten des ersten Heftes von Band 2 erscheint als erste ein Artikel von 
Artur Kronfeld (Berlin), betitelt „Zur Psychologie des Süchtigseins". Als wesentlichste der 
Wunscherfüllungen, die die Rauschgifte vermitteln, erscheint Kronfeld die rauschbedingte 
Scheinwirklichkeit, „in welcher das Ich, von seinen Einschränkungen und Grenzen entlastet, 
sich stolz oder liebend erhöht und ausweitet". Es werde durch den Rausch ein Ventil für 
alle verdrängten Bedürfnisse oder Triebe und für das Selbstgefühl geschaffen und eine Re- 
gression auf die Entwicklungsstufe des Säuglings bewirkt, der nach dem Stillen lustvoll-selig 
einschläft. Die Ursachen des süchtigen Strebens nach dieser Wunscherfüllung zu ermitteln, bringt 
K r o n f e 1 d sechs kurze Krankengeschichten von schweren Gewohnheitstrinkern, weitere drei von 
Dipsomanien, und drei von Morphinisten und Kokainisten, und ermittelt aus ihnen, daß 
die Süchtigen einen dauernden inneren Konflikt mit sich herumtragen, den sie nicht zu 'lösen 
vermögen; der Rausch bringe eine fiktive Behebung des inneren Konflikts mit sich. Der Autor 
findet alle Süchtigen auch mit sonstigen neurotischen Symptomen behaftet, die aber als 
Abwehr- und Fluchtmaßnahmen nicht genügen. Das Süchtigsein bedeute eine intensivere 
Schutz- und Abwehrfunktion als die Zwangsneurose und Perversion. Von der Neurose unter- 
scheidet sich die Sucht durch die tiefere Regression in die enthemmte Trieblustsphäre und 
narzißtische Erhöhung und Ausweitung des Ichs innerhalb einer wunschbedingten Scheinwelt. 
Kronfeld betrachtet die Süchtigen als verhinderte, gehemmte Abenteurer, innere Spieler, 
die Tendenz der Süchtigen zum Schlaf als eine verkappte Todestendenz. Auf solche Cha- 
rakterstrukturen scheint Kronfeld überhaupt besonderen Wert zu legen (siehe den Artikel 
ösophagusneurosen, Band I der Zeitschrift, Heft 1.) Als Grundlage des psychischen Kon- 
flikts der Süchtigen findet Kronfeld eine besonders innige Mutterbindung mit besonders 
schwer und nachhaltig empfundener Enttäuschung oder Versagung. Daraufhin erfolge eine 
Zuwendung zum Vater, der als allerdings unerreichbares Vorbild genommen wird. In dieser 
inneren Situation mit sich selber, narzißtisch zurückgewendet und verschlossen, mit über- 
steigertem Männlichkeitsideal, Angstwollust und innerem Spielertum, wachsen diese Men- 
schen heran. Die Bildung von Perversionen enthemmt sie nicht, die Bildung von Zwangs- 
symptomen steigert zwar ihre Selbstgerechtigkeit, aber befreit sie nicht. In ihnen lebt 
dunkel nur die Sehnsucht nach der Wiederkehr des entfernten goldenen Zeitalters, in dem 
das alles noch nicht so war. Kennzeichnend sind bei ihnen nicht selten Zustände plötz- 
licher grundloser Verstimmung, Unruhe und „Unglücklichkeit". Dann treffen sie auf das 
Suchtmittel — und sind ihm verfallen. Für viele wird die Spritze zur Geliebten — oder, 



Referate 595 

besser, zum Geliebten — man denke an den Kultus der „Kanülen"! — oder, noch besser, „in 
ihr ist der liebende Vater und .hinter' ihm die Mutter, die nichts mehr versagt". 

Der Artikel Kronfelds ist vor allem -wertvoll durch seinen tiefenpsychologischen 
Beitrag zum Verständnis der Persönlichkeitsstruktur der Süchtigen. Die letzten entscheiden- 
den Determinanten des Süchtigseins scheinen dem Referenten allerdings auch durch Kron- 
felds Ausführungen nicht eindeutig ermittelt zu sein. 

Immanuel Velikovsky (Tel-Awiw) schreibt über „Psychische Anaphylaxie und ihre Reak- 
tionsgebundenheit an das erste Agens". Er meint, daß die Tatsache, daß späte Einwirkungen 
die Reaktionen auf frühe Traumata aktivieren, in Analogie mit der biologischen Erscheinung 
der Anaphylaxie als „psychische Anaphylaxie" bezeichnet werden könne. Das erste Trauma 
habe dann eine Sensibilisierung zur Folge gehabt, der zufolge spätere Einwirkungen solche 
Reaktionen hervorrufen, die dem sensibilisierenden Reiz entsprechen. Er versucht, dies an 
einem Fall von Wasserphobie mit Asthma zu demonstrieren und knüpft daran Ausführungen 
über „die somatische Bedingtheit der Affekte", in denen er die einzelnen somatischen Be- 
gleiterscheinungen des Angstaffekts als für frühere phylogenetische Entwicklungsstufen zweck- 
mäßig sich vorstellt. Daß sein Patient nun keine Angst zeigt und spürt, sondern nur asth- 
matische Anfälle an deren Stelle produziert, führt er darauf zurück, daß der Patient als sechs- 
bis siebenjähriges Kind einmal beinahe ertrunken wäre, gegen welche Lebensgefahr die spasti- 
schen Atemversuche eine zweckmäßige Reaktion waren, der Asphyxie zu entgehen. Das Angst- 
gefühl komme überhaupt erst sekundär als psychosensorische Unlustempfindung aus den 
somatischen Erscheinungen der Angst zustande. Sei die Abwehrreaktion eine andere als die 
typische der Angst entsprechende, dann entwickle das Individuum eine andere Unlust mit 
anderen somatischen Begleiterscheinungen, wie Kniezittern, Erblassen, Asthmaanfall usw. 
Es wird also durch den Verfasser das biologische Fundament der Angst geleugnet; der Ver- 
fasser kennt nicht die „Aufsplitterung" des Angstaffekts und die Vertretung des Affekts 
durch ein Angstäquivalent, er weiß nicht, daß es in der Analyse zur Ersetzung des Äqui- 
valents durch den voll durchempfundenen Angstaffekt kommen muß und gründet schließ- 
lich seine Theorie auf einen Fall, von dem er noch dazu annimmt, daß er seine biologische 
Gefahrsabwehrreaktion, also das, was der Angst entspricht, erst im sechsten bis siebenten 
Lebensjahr erworben habe. Daß die von ihm sogenannte „anaphylaktische Reaktion" der 
Effekt der Gleichheit der Triebansprüche ist, die sowohl bei der „Sensibilisierung" wie bei der 
„Aktivierung" wirksam sind, ist dem Verfasser entgangen. 

Hans R e h d e r (Altona) propagiert „eine einfühlend geordnete Behandlung hysterischer 
Leiden". Er unterscheidet 14 Phasen der therapeutischen Besprechung, die er nach den 
„Wandlungsgesetzen der hysterischen Reaktion" ordnet und von denen acht gleich in der 
ersten Stunde erledigt werden. Die Behandlung fordere „ständige Einfühlung in die Gefühls- 
welt des Leidenden, Beseitigung der Furcht, die aus der 'Wahrnehmung befremdender Gefühle 
entstand, sowie Bereinigung des reizbindenden Lebensraums, sei es durch die erzieherische 
Tätigkeit an der Leidenden, sei es durch Umstimmung von deren Umgebung." 

Die einfühlend geordnete Behandlung benötigt psychoanalytische Forschungen aus der 
Vergangenheit der Leidenden nicht. Erweist sich das Eingehen auf die Erlebniswelt als nötig, 
so genügt die Erkundung der gegenwärtigen Lebensreize, sowie dessen, was die Leidende von 
der Zukunft erwartet und befürchtet. R. Sterba (Wien) 

SCHULTE, HEINRICH: Psychopath. Anlage und neurot. Reaktion im Licht der Zwillings- 
forschung. Berliner Ges. f. Psych, u. Neurologie, 10. Dezember 1934. 

Es sei Hartmanns an größerem Material gewonnener Feststellung beizupflichten, daß 
bei eineiigen Zwillingen Diskordanz gerade in bezug auf Neurosen festgestellt wird. An der 
Hand der Literatur und eigener Fälle werden folgende psychopath. Syndrome als diskordante 
(also milieubedingte) Merkmale bei EZ»Paaren besprochen: Tic, psychogene Anfälle — 



596 



Referate 



beide als gut analysierbare Reaktionen auf das Eingehen einer erotischen Bindung des an- 
deren Partners — , Stottern, Zwangserscheinungen, Morphinismus — n Jahre hindurch 
exogen fixiert — , Homosexualität. Ferner wird auf die exogene Beeinflußbarkeit der Anlage- 
koppelung Empfindsamkeit und motorische Unruhe sowie der paranoischen Reaktionen 
hingewiesen. Eine in der Anlage begründete Labilität scheint sich dahin auszuwirken, daß 
bei dem Partner, dem die Objektbeziehung innerhalb der Sexualsphäre schwerer fällt, eine 
Bereitschaft zu neurotischen Reaktionen geschaffen wird. E. Hitschmann (Wien) 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

BERGLER, EDMUND: An Enquiry into the „Material Phenomenon". Int. Journ. of PsA., 
XVI, 2. 

Silberer hat beschrieben, daß bei manchen hypnagogen Halluzinationen — bei dem 
sogenannten „materialen Phänomen" — Gedanken in die archaische „Bildersprache" über- 
setzt werden. Die bloße Feststellung dieses Sachverhalts berücksichtigt, wie schon öfter fest- 
gestellt wurde, nicht das Unbewußte und die Kräfte, die für das Auftauchen dieser Hallu- 
zinationen verantwortlich sind. 

B. schließt sich dieser Kritik an. Er teilt die Analyse einer Anzahl von Fällen jdes 
„materialen Phänomens" mit, die dieses Phänomen ganz traumanalog erscheinen läßt. Die 
Halluzinationen erweisen sich teilweise als Äußerungen unbewußter Wünsche, denen Gegen- 
kräfte, meist Uber-Ich-Ansprüche, entgegenstehen, und die sich dennoch durchsetzen, teil- 
weise als Äußerungen eben dieser abwehrenden Kräfte. Die Gedanken, die in die Bilder- 
sprache „übersetzt" erscheinen, spielen nur die Rolle, die im Traum den Tagesresten zu- 
kommt. Das Phänomen beseitige aus den Trieben kommende „Einschlafstörungen", so wie 
der Traum „Schlafstörungen", und scheine in manchen Fällen der Person einen schweren 
Angsttraum zu ersparen. 

Das alles ist überzeugend. Aber es scheint uns, daß die Silbe rersche Beobachtung, daß 
Gedanken in Bilder übersetzt werden, deshalb doch um nichts weniger zu Recht besteht. 
Auch im Traum werden ja Gedanken in Bilder übersetzt — und wir haben genug Beweise 
dafür, daß bei Regressionen zu primitiven Denkstufen immer wieder an die Stelle eines be- 
grifflichen Wortdenkens das entsprechende undifferenzierte Bilddenken tritt. (Man vergleiche 
das Buch von Varendonck über das „vorbewußte phantasierende Denken".) Der Denk- 
stufenrückfall während der allmählichen Einziehung des Ichs beim Einschlafen gibt offenbar 
die Gelegenheit ab zur halluzinatorischen Äußerung der Triebkonflikte. 

Eine kritische Bemerkung gelte B.s Meinung: „Es ist typisch für autosymbolische Phäno- 
mene, daß sie als peripher, farblos, entfernt, nicht als Teile des bewußten Ichs erlebt werden." 
Letzteres ist sicher richtig; es gehört zum Wesen der Halluzinationen, daß sie wie eine 
Wahrnehmung, also gegenständlich und nicht zum Ich gehörend, erlebt werden; aber farb- 
los, peripher, entfernt sind keineswegs alle solchen Phänomene; sie sind oft besonders leb- 
haft, lebendig und nahe. O. Fenichel (Prag) 

BUNKER, HENRY ALDEN: Three Brief Notations Relative to the Castration Complex. 

Psa. Quarterly, IV, 2. 

1. Eine Patientin hörte ihren Vater wiederholt die Shakespeareverse rezitieren: 

"Now is the winter of our discontent 
Made glorious sommer by the sun of York". 
Sie mißverstand "sun" zu "son", und verstand die Verse unbewußt dahin, daß ihr Vater 
ihr den Bruder vorziehe. 

2. Eine Geschichte aus der griechischen Mythologie, die bisher wenig Beachtung fand, ist 
eine gute Illustrierung des weiblichen Kastrationskomplexes: Das Mädchen Kaines wünschte, 
nachdem sie einmal von Poseidon geraubt worden war, damit ihr so etwas nie wieder 



Referate 597 

widerfahren könne, ein Mann und gleichzeitig unverwundbar zu werden. Der Wunsch 
wurde erfüllt und aus Kainis wurde Kaineus; dieser aber war berüchtigt wegen seiner 
Gottlosigkeit, denn er weigerte sich, anderes anzubeten, als seinen eigenen Speer. 

3. Ein Patient träumte einen Kreuzigungstraum, der viele Details der Kreuzigung Christi 
wiederholte, ohne daß der Patient dessen gewahr wurde. Er hatte einen starken „Laios- 
komplex" gegenüber seinem neunjährigen Sohn. O. Fenichel (Prag) 

DALY, C. D.: The Menstruation Complex in Literature. Psa. Quarterly, IV, 2. 

Die bekannte Theorie des Autors vom „Menstruationskomplex" wurde in einer neuen 
Arbeit, die in Heft 2 dieses Jahrganges der Int. Ztschr. f. Psa. unter dem Titel „Der Kern des 
Ödipuskomplexes" erschienen ist, in interessanter und sehr problematischer Weise weiter- 
geführt. Die hier vorliegende Untersuchung will nur eine Ergänzung dieser deutschen Arbeit 
sein, indem sie die dort aufgestellten Thesen an Hand von Beispielen aus der Literatur, be- 
sonders aus Baudelaire und E. A. Poe, zu exemplifizieren sucht. — Es kann hier nicht 
,die Stelle sein, die Theorie selbst zu kritisieren; und dennoch wäre das nötig, da das Literatur- 
material so geartet ist, daß aus ihm allein die Theorie nie abgeleitet werden könnte, sondern 
daß es nur die Theorie, wenn sie einmal von ganz anderswo aufgestellt wurde, zu bekräftigen 
scheint. Wenn etwa Baudelaire seine Geliebte bat, sich ihm nackt, aber mit Juwelen 
behangen, zu zeigen, und D. dazu bemerkt „Schmuck symbolisiert die Männlichkeit, die 
Verleugnung der (menstruell) blutenden Vagina", so ist der Zusammenhang mit der Men- 
struation sehr lose; die herangezogenen Stellen reichen jedenfalls nicht aus, davon zu über- 
zeugen, daß die „Inzestschranke um das Trauma der Menstruation zentriert" und „daß der 
Menstruationskomplex der Kern des männlichen oder eigentlichen Ödipuskomplexes" ist. 

O. Fenichel (Prag) 

LEWIN, Bertram D.: Claustrophobia. Psa. Quarterly, IV, 2. 

Die Klaustrophobie wurde von verschiedenen Autoren als im Zusammenhang mit Mutter- 
leibsphantasien stehend erkannt. L. legt am Beispiel einer Analyse sehr einleuchtend dar, 
daß es nicht die Phantasie, ein Embryo im Mutterleib zu sein, als solche ist, die die Angst 
auslöst (diese Phantasie trägt eher Angstabwehrcharakter), sondern vielmehr mit ihr ver- 
bundene Sexualphantasien des Inhalts, der in den Mutterleib eindringende Vaterpenis störe 
die dort herrschende Ruhe auf oder: man werde geboren. Diese Phantasie sei mit jener eng 
verbunden: die Geburt ist als irgendwie durch das Eindringen des Penis ausgelöst gedacht. — 
Die Voraussetzung zu solchen Phantasien und damit zur Klaustrophobie sei eine Identifi- 
zierung mit einem Embryo. Eine solche sei eine häufige Reaktion kleiner Kinder auf 
Schwangerschaften der Mutter, zusammenhängend mit oralsadistischen Phantasien und 
Ängsten, den Mutterleib zerstören und fressen zu wollen, bzw. das Entsprechende passiv 
zu erleben. Die bekannte unbewußte Gleichsetzung des eigenen Körpers mit einem Penis, 
stammend aus einer Partialeinverleibung, deren Resultat eine Identifizierung ist, sei oft 
verdichtet mit einer solchen Gleichsetzung des Körpers mit einem Embryo. — Die Meinung, 
die Klaustrophobie sei eine Angst vor der Onanieversuchung, widerspreche diesen Funden 
nicht; die Patientin L.s z. B. onanierte als Kind mit der vom „Wolfsmann" her bekannten 
Phantasie einer intrauterinen Koitusbeobachtung. Daß bei solchen Patienten häufig haut- 
und respirationserotische Triebkonflikte eine große Rolle spielen, hänge mit Phantasien des 
Kindes über das intrauterine Dasein zusammen. 

Ref. möchte aus eigener Erfahrung den klinischen Funden L.s ausdrücklich zustimmen; 
möchte aber noch hinzufügen, daß ihm zwei physiologische Momente das Zustandekommen 
der Klaustrophobie auf Grund derartiger Phantasien sehr zu erleichtern scheinen: 1. Das 
Eingeschlossensein wird von den Kranken vor allem erlebt als Bewegungsbehinderung. 
Eine solche scheint aber an sich und ganz allgemein die Entwicklung von Angstzuständen 
zu begünstigen, offenbar indem die äußere Behinderung von Abfuhrbewegungen die Trieb- 



598 



Referate 



Stauung erhöht; natürlich wirkt dann die Vorstellung einer Bewegungsbehinderung wie diese 
selbst. 2. Das Gefühl der Angst geht physiologisch mit der Empfindung des „Beengtseins" ein- 
her; dadurch kann umgekehrt eine äußere Beengung (oder die Vorstellung einer solchen) die 
„Ekphorie" des ganzen Angstsyndroms erleichtern. O. Fenichel (Prag) 



RADO, SANDOR: Die Kastrationsangst des Weibes. Wien, Int. Psa. Verlag, 1934. 89 Seiten. 

Das vorliegende Buch beansprucht unsere Aufmerksamkeit aus dreifachem Grunde. Es 
bringt uns erstens einen Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Weibes, zweitens eine 
neue Angsttheorie und drittens Ansätze zur Begründung einer neuen allgemeinen 
Neurosenlehre. Es erscheint schwierig, zu einer Arbeit, die so weite Problemkreise 
berührt, Stellung zu nehmen. Wir dürfen uns aber eine Erleichterung davon er- 
warten, daß Rado erstens die beiden letztgenannten Theorien an seiner Auffassung 
über die Entwicklung des kleinen Mädchens darstellt, und daß zweitens ein einziges 
Triebgeschehen, nämlich der Masochismus, zum Grundpfeiler aller drei Theorien ge- 
macht wird. Die Psychoanalyse war seit jeher^weit davon entfernt, die Bedeutung 
des Masochismus für das menschliche Seelenleben ztK^unterschätzen. Freud hat an 
verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, daß der MasochismuVeine besondere Beziehung zur 
Feminität hat, und demnach sowohl in der Entwicklung der Frau/>ls^auch in jenen Phäno- 
menen im Seelenleben des Mannes, die auf passiven femininen Tendenzea__beruhen, eine 
bedeutende Rolle spielen muß. Weiter verdient der Masochismus unsere Aufmerksam^ 
keit schon deshalb, weil er als selbständige Perversion auftreten kann und schließlich 
ist er als treibende Kraft im Lebensverhalten vieler Menschen, insbesondere von 
Neurotikern, von größter Bedeutung (Freuds moralischer Masochismus). Die analytische 
Therapie führt uns immer wieder die Intensität und die geringe Beeinflußbarkeit 
dieses mächtigen Triebgeschehens vor Augen. Es ist sicherlich ein Verdienst Rados, 
auf diese Tatsachen neuerdings aufmerksam gemacht zu haben. Manche seiner 
Schilderungen der weiblichen Neurosen (Phobien und Angsthysterien), der Charakter- 
eigentümlichkeiten der Frau, der Äußerungen des Männlichkeitskomplexes sind glänzend 
gelungen, eindrucksvoll und reich an Anregung. Die Einfachheit seiner Angsttheorie 
hat etwas Bestechendes. Wenn man sich aber daran erinnert, wie kompliziert das 
seelische Geschehen ist, und wie viele und verschiedenartige Faktoren zu inneren, 
schwer lösbaren Konflikten führen und das Individuum an der Bewältigung der äußeren 
Konflikte scheitern lassen, dann ist man überrascht über einen Versuch, der nur ein einziges 
Phänomen, den Kampf des Ichs gegen den Masochismus, für das alles verantwortlich machen 
möchte. Wir wollen aber Rado im einzelnen folgen und unsere Aufmerksamkeit zunächst 
seiner Theorie über die Entwicklung des kleinen Mädchens zur Weiblichkeit zuwenden. Vor- 
her noch einen kleinen Einwand gegen den Titel des Buches. Rado bestätigt Freuds Aus- 
sage, die Frau könne keine Kastrationsangst im wirklichen Sinne des Wortes haben, weil sie 
bereits „kastriert" ist und es für sie also keine Kastrationsgefahr gibt. Demnach erschiene 
uns eine andere Benennung jener weiblichen Ängste, die manchmal die Ausdrucksform der 
uns gut bekannten männlichen Kastrationsangst annehmen, zu bevorzugen. Dies nur 
nebenbei. 

In der Einleitung seines Buches bestätigt Rado die Freudsche Auffassung, nach der 
der Penisneid im Zentrum des weiblichen Kastrationskomplexes steht. Er sucht dann weiter 
nach einer Erklärung jener obengenannten Beschädigungsängste, die nach der klinischen 
Erfahrung gewiß mit dem Kastrationskomplexe zusammenhängen, aber durch die Existenz 
eines Penisneides nicht erklärt werden können. Im ersten Kapitel versucht der Autor dieses 
Problem folgendermaßen zu lösen. Er meint, wenn das kleine Mädchen den Penis entdeckt, 
und dann, wie altbekannt, dem Penisneid verfällt, „halluziniere" es am eigenen Körper an 
der richtigen Stelle ein männliches Glied. Dieses halluzinierte Organ nennt Rado den 



Referate jgg 

„Wunschpenis". Er nimmt an, daß diese Halluzination bald wieder korrigiert werde, der 
Wunschpenis werde aber an einer anderen Körperstelle wieder aufgerichtet. Die „Kastrations- 
angst" des Weibes wäre demnach zunächst Angst um diesen Wunschpenis oder seinen „sym- 
bolischen Ersatz". An diesem Punkt erhebt sich ein erstes Bedenken. Die Psychoanalyse hat 
gute Gründe anzunehmen, daß der Säugling, der Bedürfnisspannungen empfindet, sich die 
Befriedigung derselben halluzinatorisch vorstellen kann. Daß aber ein kleines Kind im 
Alter von etwa 3 bis 6 Jahren ein Körperorgan halluziniere, ist von vornherein 
äußerst unwahrscheinlich (auch wenn, wie Rado meint, diese Halluzination zuerst im 
Traum aufgetreten ist), wird aber überdies durch Beobachtungen an Kindern (Rado 
betont ausdrücklich, daß ihm solche fehlen) widerlegt. Das kleine Mädchen kann 
gewiß einen mächtigen Peniswunsch entwickeln, wenn es seinen Organmangel ent- 
deckt hat. Es kann sich auch in der Phantasie, sogar im Spiel, mit einem Glied 
ausstatten. Die Analyse weiß auch bereits seit Jahrzehnten, daß solche (später verdrängte) 
Phantasien und Wünsche in den Träumen Erwachsener und in den Konversionssymptomen 
Hysterischer wieder aufzutauchen pflegen. Darin ist aber keinerlei Anhaltspunkt für Rado s 
Konstruktion des „halluzinierten Wunschpenis" zu finden. Die alte Freud sehe Auffassung, 
daß das kleine Mädchen einen mehr oder weniger starken Peniswunsch entwickelt und 
an diesem Wunsch unter Umständen im Ubw unbestimmt lange Zeit festhalten kann, er- 
scheint zur Erklärung der beobachteten Tatsachen vorläufig ausreichend. 

Im zweiten Kapitel bemüht sich Rado um eine Lösung des ökonomischen Problems 
dieser Vorgänge. Er meint, seine Theorie vom Wunschpenis gebe zwar eine Beschreibung 
derselben, aber keine Aufklärung über das sie verursachende Kräftespiel. Hier soll nun 
seine Traumatheorie Abhilfe schaffen: „Für diese Mädchen (gemeint sind diejenigen, welche 
einmal später von .Kastrationsphantasien gepeinigt werden') war das anatomische Erlebnis 
ein Trauma. Die Beobachtung des Penis hat ihr Selbstgefühl verletzt, ihr Gemüt stark, er- 
schüttert und das Auftreten der blutigen Kastrationsphantasien ist eine Folge des narzißti- 
schen Schocks" (S. 21— 22). Und weiter: „Das kleine Mädchen erblickt plötzlich den Penis; 
sie ist aufgestört und fasziniert." „Aus dem Chaos ihrer Gefühle schnellt die Begierde 
empor: ,Ich will es haben', die sich in die Idee fortsetzt: ,Ich habe es.' Dem folgt die 
demütigende Besinnung: .Nein, ich habe es nicht.' Diese Erkenntnis löst einen 
heftigen seelischen Schmerz aus, der in einer Art Gefühlslähmung endet." 

Und noch weiter: „Der narzißtische Schock hemmt augenblicklich den aktiv gerichteten 
Befriedigungsdrang des Mädchens, der sich bisher in Masturbation entlud. Aber der heftige 
seelische Schmerz, den sie erlitt, hatte sie libidinös erregt und ihr eine Ersatzbefriedigung 
gewährt. Dies Gefühlserlebnis weist ihrem, im Trauma gescheiterten Luststreben ein neues 
Ziel: die passive Schmerzlust!" 

Wir sollen als Folge eines traumatischen Erlebnisses eine Schockwirkung, die sich in einem 
plötzlichen Aufgeben der aktiv gerichteten Masturbation äußert, und ein automatisches Er- 
setzen dieser libidinösen Befriedigung durch eine masochistische annehmen. 

In der Diskussion des Rado sehen Buches in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung 
machte einer der Diskussionsredner darauf aufmerksam, es sei ein Vorteil einer Traumatheorie, 
daß sie überprüfbar sei. Obwohl Rado im Vorwort verspricht, es würden seine Behauptungen 
alle auf Erfahrung beruhen, betont er bei der Schilderung obiger Vorgänge, es fehle ihm 
das Kindermaterial dazu und sie sei durch Kombination von „Belauschungen kindlicher 
Reaktionen bei harmloseren Überraschungs- und Enttäuschungserlebnissen" und den daraus 
„durch Einfühlung" gewonnenen Eindrücken mit aus Erwachsenen- Analysen gezogenen 
Schlußfolgerungen entstanden. Eine direkte Überprüfung seiner Traumatheorie konnte 
Rado also nicht vornehmen. Die oben erwähnte Wiener Diskussion ergab als Urteil der 
Wiener kinderanalytischen Schule, es sei in ihrem Kreis noch nie ein solcher Entwicklungs- 
gang, wie ihn Rado beschreibt, beobachtet worden. Auch die genügend tief durchgeführten 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/4 , 



6oo 



Referate 



Analysen von Frauen bringen uns zu einem ganz anderen Ergebnis. Ohne Zweifel sind die 
Reaktionen kleiner Mädchen auf die Wahrnehmung des anatomischen Geschlechtsunter- 
schieds verschiedenartige. Es kommt aber, zumindest sehr häufig, vor, daß das Mädchen 
nach der Penisentdeckung zunächst keineswegs auf ihre ursprüngliche Masturbationsform 
verzichtet, sondern diese mit intensiver Auflehnung, mit Wut, Trotz und Verbissen- 
heit fortsetzt; sie denkt vorläufig nicht daran, ihre aktiv gerichteten Wünsche, ihre 
libidinöse Befriedigung, die Vorstellung, ihr werde das Glied vielleicht doch noch nach- 
wachsen, aufzugeben. Erst ganz allmählich kommt es dazu, manchmal unter äußerstem Druck, 
manchmal aus immer zunehmender Enttäuschung an der Mutter, aus innerer Unzufriedenheit 
mit ihrem „minderwertigen" Genitale, vielleicht auch aus Angst vor dem Anwachsen des 
eigenen Hasses, der inneren Wut und wir müssen es gestehen, manchmal auch aus für uns noch 
undurchsichtigen Gründen: Es ist gewiß, daß das kleine Mädchen erst nach langem, zähem, 
hartnäckigem Kampf ihre aktive Position verläßt, um schließlich und endlich langsam in ihre 
passive Rolle hinüberzugleiten. Sicherlich kommt es auch vor, daß der Weg zur Weib- 
werdung viel müheloser und ohne große Kämpfe gefunden wird. Das geschieht bei den 
kleinen Mädchen, die sich zu normalen, gesunden Frauen entwickeln. Aber gerade in den 
von Rado berichteten Fällen, bei denen sich später schwere Hysterien, Angsterscheinungen 
und Charaktereigenschaften im Sinne des Männlichkeitskomplexes gebildet haben, wurde 
gar nicht leicht und erst nach hartem und langdauerndem Kampf auf die Aktivität ver- 
zichtet. Ein automatisches In-Wirkung-Treten des „erogenen Masochismus" als Ersatz für 
die frühere libidinöse onanistische Befriedigung ist als Regel gewiß nicht zu beobachten. 

Selbstverständlich ist es richtig, daß einmal im Leben dieser kleinen Mädchen, sei es in 
Phantasien, sei es in der Neurose, der Masochismus eine bedeutende Rolle spielen kann. Wir 
betonten das anfangs bereits und würdigen es als Verdienst Rados, das ausführlich in den 
verschiedenen Neurosenformen beschrieben zu haben. Die Genese dieser masochistischen 
Phantasien oder des masochistischen Verhaltens ist von Freud bereits vor langer Zeit mit- 
geteilt, von Helene Deutsch an einigen Stellen klar und eingehend beschrieben und ergänzt 
worden. Gerade das kleine Mädchen, das einmal sehr aktiv war, das einst einen mächtigen 
Peniswunsch entwickelte, produziert große Intensitäten an Aggressionen (Wut und Haß), die 
ihren Höhepunkt erreichen müssen, wenn ihre „Organminderwertigkeit", ihre Penislosig- 
keit sie endlich aus ihrer Aktivität hinauszudrängen beginnen. Ist sie schließlich zum passiven, 
gefügigen kleinen Weib geworden, was bleibt ihr anderes übrig, als ihre Aggressionen, die 
sie draußen nicht unterbringen kann, gegen sich selbst zu wenden? Wir wissen, dieser Prozeß 
des „Nach-innen- Wendens der Aggression" fällt zeitlich ungefähr mit einem anderen, dem 
der Gliederung der Persönlichkeit in Ich und Über-Ich zusammen, was zur Folge hat, daß 
nun das Über-Ich sich dieses Sadismus bemächtigt und ihn gegen das Ich verwenden kann, 
das Ich sich seinerseits dem Über-Ich gegenüber masochistisch zu verhalten pflegt. Diese, für 
die Erklärung der Neurosen so wichtigen Vorgänge werden von Rado mit keinem einzigen 
Wort auch nur angedeutet. Es ist ohne Zweifel richtig, daß dieser „sekundäre" Masochismus 
auf dem ursprünglichen erogenen fußt, auf ihn aufgebaut wird. Vielleicht ermöglicht letz- 
terer es auch erst dem Ich, sich masochistisch einzustellen. Damit ist aber, zumindest in der 
übergroßen Mehrzahl der Fälle, seine Rolle erschöpft. Wenn man in Betracht zieht, 
daß der Kern von Rados Gedanken — beim Aufhören einer Triebbefriedigung setze sofort 
masochistischer Lustgewinn als Ersatz dafür ein — auch seiner Angsttheorie (und seiner 
Neurosentheorie) zugrunde liegt, wäre man versucht, anzunehmen, letztere sei früher ent- 
standen und dann auf die Entwicklung der weiblichen Neurosen übertragen worden. Der 
Aufbau des Radoschen Buches verspricht aber anderes, nämlich Entwicklung der Theorie 
aus den Beobachtungen, ein Versprechen, das es meiner Meinung nach nicht gehalten hat. 
Wenn wir Rados Theorie der masochistischen Deformierung des Genitaltriebs als schockartig 
auftretende Folge der Penisentdeckung ablehnen müssen, können wir auch seine Konzeption 



Referate 601 

des „Wunschpenis" als Reaktionsbildung dagegen, als „phallische Komplettierung" im Dienste 
der Abwehr jenes Masochismus nicht akzeptieren. Es ist eine psychoanalytische Errungen- 
schaft des letzten Jahrzehnts, daß es gelungen ist, die Entwicklung des kleinen Mädchens in 
ihren ersten Lebensjahren näher kennenzulernen. Das Studium dieser präödipalen Phase hat 
uns gezeigt, daß das kleine Mädchen, lange bevor es in die ödipussituation eintritt, eine in- 
tensive und reichhaltige Beziehung zur Mutter entwickelt, in die es, im Zusammenhang mit 
der bisexuellen Veranlagung des Menschen, sowohl passiv als auch aktiv gerichtete Ziel- 
setzungen hineinträgt und die die Merkmale der jeweils durchlaufenen Entwicklungsstufe 
(orale, anale, phallische) trägt. In der phallischen Periode dieser präödipalen Phase muß nun 
die Entdeckung ihrer Penislosigkeit notwendigerweise ihren Penisneid und natürlich auch 
ihren Peniswunsch hervorrufen. Je stärker ihre Bisexualität (also ihre Männlichkeit) ist, desto 
intensiver sind der Penisneid und der Peniswunsch, und desto hartnäckiger wird sich das 
kleine Mädchen gegen das Aufgeben ihrer Aktivität wehren. Dieser Peniswunsch ist also ein 
„primärer", getragen durch die aktiv gerichtete Triebtendenz. Er besteht bereits, lange bevor 
das kleine Mädchen sich zur passiven Zuwendung zum Vater entschließt, noch längere Zeit, 
bevor der Masochismus sich einen Weg in ihr Phantasieleben oder in ihre Neurose hinein- 
bahnt. Ohne Zweifel wird in späteren Zeiten (in der Latenz und in der Pubertät) der ur- 
sprüngliche Peniswunsch häufig wieder neu belebt, und zwar dann, wenn Enttäuschungen 
am Vater dem kleinen Mädchen ihre weibliche Rolle verleiden und sie wieder in ihre frühere 
aktive Position zurückwerfen. Die Intensität dieser sekundären, reaktiven Vorgänge darf 
gewiß nicht unterschätzt werden; sie sind aber auf den früheren, präödipalen Erlebnissen 
aufgebaut und beziehen ihre Kraft von diesen. 

Es ist merkwürdig, daß Rado sich mit diesen neueren Funden der Psychoanalyse nur 
sehr wenig beschäftigt, obwohl Freuds Arbeit „Ober die weibliche Sexualität", die bereits 
alles Wesentliche enthält, im Jahre 1931, also drei Jahre vor dem Radoschen Buch, er- 
schienen ist. Dort, wo Rado sich mit der neueren Literatur auseinandersetzt, berücksichtigt 
er nur Einzelheiten und die vielfach in mißverstehender Weise. So sagt Rado auf Seite 66: 
„Ich teile allerdings nicht die Ansicht der Autoren, daß sich das kleine Mädchen von Anfang 
an als Knabe fühlt, daß sie ihre ,phallischen' Genitalimpulse auf die Mutter richtet und 
daß sie einen genital zu verstehenden ,negativen Ödipuskomplex* durchläuft, ehe ihre weib- 
liche Genitalentwicklung einsetzt." Gewiß, mit demselben Recht könnte man sagen, es sei un- 
wahrscheinlich, daß der Knabe sich von Anfang an als Mädchen fühle. Kinder beiderlei Ge- 
schlechts entwickeln der Mutter gegenüber Wünsche mit aktiven und solche mit passiven Ziel- 
setzungen in prinzipiell ähnlicher Weise, sei es auch vielleicht in verschiedener Intensität (die 
aber sicherlich auch individuellen Unterschieden unterliegt). Da der Geschlechtsunterschied an- 
fänglich weder Knaben noch Mädchen bekannt ist, knüpft sich an diese Begierden sicherlich 
kein Wunsch nach Andersgeschlechtlichkeit. Kinder beiderlei Geschlechts wollen von der 
Mutter geliebt werden und sie lieben, respektive besitzen. Wenn nun Rado weiter an einem 
Traumbeispiel beweisen will, daß die im Traum auftretende Vorstellung eines Geschlechts- 
verkehrs der Träumerin mit ihrer Mutter aus späterer Zeit stamme, muß man ihm selbstver- 
ständlich Recht geben. Diese Form kann der Wunsch, von der Mutter Besitz zu ergreifen, 
erst annehmen, nachdem der Person die Einzelheiten des geschlechtlichen Verkehrs bekannt 
sind. Der Wunsch selbst stammt aber aus frühen Zeiten, in denen er eben eine dem kind- 
lichen Seelenleben adäquate Form angenommen hat, aber das gilt ebenso für den Knaben 
wie für das Mädchen. Der kleine Knabe weiß ebensowenig Bescheid um die Existenz der Va- 
gina wie das kleine Mädchen und phantasiert sich das Zusammensein mit der Mutter eben 
nach den Vorstellungen, die er sich vom gemeinsamen Beisammensein der Erwachsenen ge- 
macht hat, ebenso wie das Mädchen. Diese Vorstellungen können verschiedenartige sein, sich 
etwa auf eine gemeinsame Onanie oder ein gemeinsames Urinieren beziehen, man findet 
häufig die Phantasie des in den Mund oder in den After Hineinurinierens, auch andere Kör- 

4 o« 



perberührungen, grausame Szenen usw. werden vorgestellt. Es ist hier nicht der Ort, weiter 
darauf einzugehen, jedenfalls sind der Peniswunsch des kleinen Mädchens und die Forderung 
an die Mutter, sie solle ihr einen schenken, eng mit diesen Wünschen und Vorstellungen 
verbunden, Aggressionen, Haß und Wut bei der schließlich einsetzenden Enttäuschung dem- 
entsprechend groß, alle diese Reaktionen bereits in der präödipalen Zeit vorhanden. Da Rädo 
in der Analyse seines Traumbeispiels keine historischen Daten aus der Kindheit der Patientin 
bringt, kann man sich schwer ein Urteil über seine Konstruktionen bilden. Eins mutet aber 
merkwürdig an : R a d o bringt dieses Analysefragment, um jene neueren Auffassungen über 
die Weiblichkeit zu widerlegen und seine Theorien über die masochistische Deformierung 
des Genitaltriebs und den Wunschpenis zu unterstützen. Die Interpretierung des Materials 
baut er aber von vornherein auf seinen Theorien auf, ein Vorgehen, das die Gültigkeit seiner 
Beweisführung sehr herabmindern muß. 

Ein dem oben erwähnten ähnliches Mißverstehen eines Freudschen Terminus zeigt 
Rado, wenn er sich gegen den Ausdruck „phallische Phase" wehrt (Seite 24). Dieser Ter- 
minus wurde von Freud nicht deshalb gewählt, weil er meint, daß das kleine Mädchen in 
dieser Periode bereits zwischen Mann und Weib differenziere, sondern im Gegenteil gerade 
deshalb, weil Kinder beiderlei Geschlechts zu der Zeit das spezifisch weibliche Organ, die 
Vagina, noch nicht entdeckt haben und ihre Sexualbetätigung sich ausschließlich (oder fast 
ausschließlich) am phallischen Organ abspielt, also beim Knaben am Penis, beim Mädchen an 
Klitoris, Labien oder Vulva. Dies ist nur ein Detailpröblem, es scheint aber überflüssig, den 
Terminus „phallische Phase" durch den der „amorphen Gehitalphase des Ichs", wie Rado 
vorschlägt, zu ersetzen. 

. Es gibt noch einen Punkt in Rados Auffassung der Weiblichkeit, der unsere besondere 
Aufmerksamkeit beansprucht. Rado meint, es gäbe ein Moment im Leben des kleinen Mäd- 
chens, das darüber entscheidet, ob sie sich zum normalen Weib oder zur krankhaften, dem 
Masochismus preisgegebenen Weiblichkeit entwickeln werde. Dieses Moment ist der Zeit- 
punkt, in: den die Penisen tdeckung fällt. Erfolgt dieses Erlebnis zu einer Zeit, in der das 
Mädchen masturbiert, so tritt die schockartige Wirkung und damit die Herrschaft des Maso- 
chismus über das Ich ein. Tritt es in einer Periode genitaler Latenz auf, dann ist der Weg 
zur normalen Weiblichkeit frei. Die Einfachheit dieser Theorie wirkt verlockend, aber die 
reiche Ausgestaltung der präödipalen Mutterbeziehung hat uns gerade in der letzten Zeit 
vor Augen geführt, wieviele Fixierungspunkte der Triebe, also wie vielfältige Ansatzpunkte 
für neurotische Reaktionen in dieser Phase entstehen können. Vor allem darf man aber nicht 
vergessen, daß ein Erlebnis aus ganz früher Zeit, welches zunächst ohne besondere, Wirkung 
auf das; kindliche Seelenleben bleibt, eventuell erst nachträglich zu einer traumatischen Re- 
aktion Anlaß geben kann. Freud hat das schon vor vielen Jahren in bezug auf die Beob- 
achtung des elterlichen Koitus feststellen können. Ohne Zweifel kann auch die Wahrnehmung 
eines Penis zuerst für das weibliche Kind ohne größere Bedeutung bleiben, um erst zur Zeit 
seiner eigenen Genitalbeschäf tigüng zur Entwicklung heftiger seelischer Reaktionen zu 
führen, ohne daß ein neuerliches gleichartiges Erlebnis hinzugekommen sein müßte. Dem- 
nach dürfte der Zeitpunkt, in den die Penisbeobachtung fällt, von untergeordneter B e ~ 
deutung sein. 

Bevor wir uns noch eingehender mit der Radoschen Theorie über die Ätiologie der 
Angstneurosen und Hysterien der Frauen, die er in jener sogenannten „masochistischen De- 
formierung des Genitaltriebs" gefunden zu haben glaubt und an die er dann den Ansatz zu 
einer allgemeinen Neurosentheorie anknüpft, beschäftigen, möchten wir unsere Aufmerk- 
samkeit erst der im vierten Kapitel < — bei der Besprechung der Phobie — dargelegten Angst- 
theorie zuwenden. -.,,'■ 

Augenscheinlich hat Rado das Bedürfnis verspürt, eine Lücke in der bestehenden Freud- 
schen Angsttheorie auszufüllen. Die ältere 'Auf fassung besagt, Angst entstehe bei der Unter- 



Referate 



603 



drückung eines Libidoanspruchs, und es sei gerade die Energie dieser verdrängten Trieb- 
regung, die in Angst abgeführt werde. Die neuere Angsttheorie lehrt, diese Verwendung der 
verdrängten Triebenergie zur Produktion des Angstaffekts könne vielleicht wirklich bei der 
Produktion von Angst in einer traumatischen Situation (also Durchbruch des Reizschutzes) 
stattfinden. Bei der zweiten Form der Angstentwicklung, die dann auftritt, wenn das Ich eine 
Gefahrsituation erkannt hat und Angst als Signal produziert, komme obiger Erklärungsver- 
such nicht mehr in Betracht. Es habe aber, meint Freud, die Frage, aus welchem Stoff die 
Angst gemacht ist, an Interesse verloren. Rado gibt jedoch dieses Interesse nicht auf und 
ist der Meinung, er könne diese Lücke der Freudschen Theorie ausfüllen: Angst rühre 
immer und unter allen Umständen von der masochistischen Triebkraft her. Er gründet seine 
Theorie auf folgende Überlegungen: 

Das Ich sei nicht selbst der Urheber seiner Angst. Die Sprache z. B. weise der Angst die 
aktive, dem Ich die passive Rolle zu; wir sagen: wir werden von Angst befallen, überrascht, 
heimgesucht, gequält, es schüttelt uns vor Angst usw. (Seite $7). Dabei vergißt Rado, daß 
wir vielleicht ebenso oft sagen: ich habe Angst. Rado meint weiter, die Angst wirke durch 
eine flüchtige Beklemmung der Atmung, der sich eine reparierende Herzbeschleunigung an- 
schließt. Hierzu ist zu bemerken, daß manche Physiologen angeben, Angst rufe häufig 
Atembeklemmung, öfters aber auch Atembeschleunägung hervor. Von einer „reparierenden" 
Herzbeschleunigung ist also nach deren Meinung nicht die Rede. Es sei an dieser Stelle be- 
merkt, daß die oft bei Angst auftretende Tachykardie auf eine Wirkung des vagö-sympathi- 
schen Systems zurückzuführen ist. Rados Satz: „Der Kern des Angsterlebnisses ist die 
Lähmung und diese kann nur das Werk des Masochismus sein", hat also 'die Auf- 
fassung dieser Physiologen gegen sich. Aber auch die psychologische Beobachtung 
lehrt uns anderes. Die Angst hat zunächst keine Lähmung, sondern eine erhöhte Erregung 
(siehe Freud: Hemmung, Symptom und Angst, Seite 75 — j6) zur Folge, welche zu ver- 
mehrter Aktivität, z. B. zum Zwecke eines Fluchtversuchs, führt. Hier ist von einer Wirkung 
des Masochismus keine Rede. Gewiß, wir alle kennen Fälle von „Angstlähmung"; es ist dann 
eben zu der ursprünglichen Gefähr noch eine andere hinzugekommen, und es ist sehr wohl 
denkbar, daß jetzt Rados Gedankengang einen besonderen Sinn bekommt. Diese andere Gefahr 
könnte eine masochistische sein, die dann die Reaktion des Individuums im Sinne der Läh- 
mung beeinflußt. Ich möchte hier eine Fußnote aus „Hemmung, Symptom und Angst" zi- 
tieren", auf die Rado sich beruft, ohne sie aber mitzuteilen. Auf Seite 129 schreibt Freud: 
„Es mag oft genug vorkommen, daß in einer Gefahrsituation, die als solche richtig geschätzt 
wird, zur Realangst ein Stück Triebangst hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen Be- 
friedigung das Ich zurückschreckt, wäre dann der masochistische, der gegen die eigene 
Person gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht erklärt diese Zutat den Fall, 
daß die Angstreaktion übermäßig und unzweckmäßig, lähmend ausfällt. Die Höhenphobien 
(Fenster, Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft haben, ihre geheime feminine Bedeutung 
steht dem Masochismus nahe." In diesen wenigen Sätzen ist alles Wesentliche enthalten. Die 
Zutat des Masochismus hat zur Folge; daß die Angst lähmend wirken kann. Die Annahme, 
jede Angst, auch die Signalangst, müsse Masochismus sein, entbehrt jeder Grundlage. Eine 
andere Beweisführung Rados, die Angst bei der Aktualneurose sei Masochismus, da ja die 
Unterdrückung der Genitalerregung, „die Hemmung der lustbringenden Aktivität immer 
aktiv den Masochismus entfeßle", geht ganz parallel seiner Theorie von der Schockwirkung 
der Penisentdeckung beim kleinen Mädchen, und scheint mir hier wie dort abzulehnen. 
Dasselbe Motiv wird nun auch in einer bioanalytischen Spekulation über die Phylogenese der 
Signaleinrichtung Angst verwendet. Die Verwundung eines primitiven Lebewesens „hemme 
seine Bewegungsfreiheit und verringere dadurch seine lustbringenden Aktionen, nötige so die 
Lustfunktion, sich auf die Leidenslust umzustellen. Anders gesagt: die Verwundung wird 
vom Ich masochis tisch verarbeitet" (Seite 61) usw. Ich will an dieser Stelle nur eine Be- 



merkung aus der Wiener Diskussion über dieses Buch mitteilen. Der betreffende Diskussions- 
redner meinte, wenn jedes Angstsignal von vornherein Masochismus gewesen sei, wenn jede 
Einschränkung der Bewegungsfreiheit eines Lebewesens masochistische Reaktionen ausgelöst 
hätte, dann wäre die belebte Welt bereits vor Millionen Jahren in eine unbelebte verwan- 
delt worden! 

Wir wollen uns jetzt noch mit der Neurosentheorie Rados befassen. Der letzte Satz der 
oben zitierten Stelle aus „Hemmung, Symptom und Angst" zeigt uns, daß Freud speziell 
bei den Höhenphobien dem Masochismus eine Rolle in der Neurosenbildung zuschreibt. 
Unter diesem Masochismus versteht Freud aber ausdrücklich den gegen die eigene Person 
gewendeten Destruktionstrieb, also den sekundären Masochismus, der zur früher bestehenden 
Gefahr dazukommt. Wir haben oben bereits auseinandergesetzt, daß der Masochismus gewiß 
in den Neurosen überhaupt und vor allem in den weiblichen Neurosen eine große Rolle 
spielen, auch sekundär zur Gefahr werden kann, der gegenüber Abwehraktionen, z. B. Flucht, 
Verdrängung, reaktive Verstärkung der Äußerungen des Männlichkeitskomplexes usw., ange- 
strebt werden müssen. Die ursprüngliche Gefahrsituation jedoch, die zur Angstentwicklung, 
zur Verdrängung und zur Neurosendisposition führt, ist ja letzten Endes, wie Freud unter 
anderem in seinen „Neuen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" ausführt, eine 
reale Gefahrsituation, und zwar beim kleinen Mädchen die Gefahr des Liebes- (Objekt-) Ver- 
lustes. In jeder tief durchgeführten weiblichen Analyse gelingt es, hinter den sogenannten 
„Kastrationsängsten" die Angst vor Liebesverlust nachzuweisen. Die Form, die diese Angst 
im späteren Leben annimmt, ist natürlich abhängig von den unbewußten Phantasien und 
Wünschen der Patientinnen, unter denen sich auch der Peniswunsch und die Phantasie des 
nachgewachsenen Penis befinden. Solche ubw Phantasien pflegen auch, wie oben bereits er- 
wähnt, in den Konversionssymptomen der Hysterischen wieder aufzutreten. Ich will es mir 
versagen, auf Rados Beschreibungen der weiblichen Neurosen und der Charakterforma- 
tionen im Sinne des Männlichkeitskomplexes, die unter dem Gesichtspunkt der drei Me- 
chanismen: Flucht, Kampf und Wahl des kleineren Übels eingeteilt werden, im einzelnen 
einzugehen. Es werden gerade hier interessante Gedankengänge mitgeteilt. Rado führt aber 
jedes Symptom, jede Charakterbildung immer wieder auf das eine, die masochistische De- 
formierung des Genitaltriebs mit dem reaktiven Wunschpenis, zurück und vollzieht dadurch 
bei jeder Beschreibung dieselbe Vergewaltigung oder Simplifizierung des beobachteten Ma- 
terials. 

Noch auf einen Punkt möchte ich aufmerksam machen. Vor allem im Kapitel 
„Wahl des kleineren Übels" beschäftigt sich Rado näher mit Selbstbeschädigungen, körper- 
lichen und seelischen. Er führt diese auch auf die Wirkung des Masochismus zurück, vergißt 
aber, daß hier die Selbstdestruktion am Werke ist. Der Masochismus ist doch, wie ein 
Wiener Diskussionsredner anführte, die durch Libido gebundene (also weniger gefährlich ge- 
machte) Destruktion. Bei den wirklichen Selbstschädigungen müßte man also von Destruktion 
statt von Masochismus sprechen, oder zumindest erwähnen, daß in diesen Fällen der Prozeß 
einer Triebentmischung vorausgegangen sein müßte. Es ist gewiß richtig, daß der Masochismus 
auch im männlichen Seelenleben eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen kann, er wird 
in die passiv-femininen Tendenzen des Mannes mitverwoben und kann einen bedeutenden 
Beitrag zu seinen Neurosen liefern. Daß aber „die genitalmasochistische Triebgefahr über die 
Pathogeneität der Ödipuskonflikte und damit über Gesundheit und Neurose enscheide" 
(Seite 83) und daß „das Grundphänomen der Neurose die Deformation des icheigenen Geni- 
taltriebs zum ichwidrigen Genitalmasochismus sei" (Seite 88), wie es Rado in seinen Schluß- 
folgerungen behauptet, müssen wir auf Grund der Erfahrung leugnen. 

Die Neurosen beruhen nicht nur auf dem Kampf einer vereinfachten Persönlichkeit mit 
einer einzigen Triebregung. Ich erinnere an den Schlußsatz von Freuds Arbeit „Über 
libidinöse Typen", der folgendermaßen lautet: „Die ätiologischen Bedingungen der Neurosen 



Referate 605 

sind bekanntlich noch nicht sicher erkannt. Die Veranlassungen der Neurose sind Ver- 
sagungen und innere Konflikte, Konflikte zwischen den drei großen psy- 
chischen Instanzen, Konflikte innerhalb des Libidohaushalts infolge der 
bisexuellen Anlage, zwischen den erotischen und aggressiven Triebkom- 
ponenten. Was diese dem normalen psychischen Ablauf zugehörigen Vorgänge pathogen 
macht, bemüht sich die Neurosenpsychologie zu ergründen." 

Die Rado sehe Theorie, in ihrem Bedürfnis nach Simplifizierung, vernachlässigt alle diese 
inneren Konflikte; sie vernachlässigt ebenso die Bedeutung der Versagungen, die die Objekte 
der Außenwelt dem hilfsbedürftigen und abhängigen Kinde zuteil werden lassen. 

In „Hemmung, Symptom und Angst" sagt Freud auf Seite 106: 

„Es ist sehr zu besorgen, daß das Bedürfnis nach einer greifbaren und einheitlichen .letzten 
Ursache' der Nervosität immer unbefriedigt bleiben wird. Der ideale Fall, nach dem sich der 
Mediziner wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre der des Bazillus, der sich isolieren und 
reinzüchten läßt, und dessen Impfung bei jedem Individuum die nämliche Affektion hervor- 
ruft. Oder etwas weniger phantastisch: die Darstellung von chemischen Stoffen, deren Ver- 
abreichung bestimmte Neurosen produziert und aufhebt. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht 
nicht für solche Lösungen des Problems. 

Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen, minder befriedigenden Auskünften." 

Auch der Radosche Gedanke scheint uns eine Lösung jener Art nicht bringen zu können. 

J. Lampl-de Groot (Wien) 

SPRING, WILLIAM J.: Words and Masses: A Pictorial Contribution to the Psychology of 

Stammering. Psa. Quarterly, IV, 2. 

Psychoanalytische Autoren haben übereinstimmend festgestellt, daß im Unbewußten der 
Stotterer die Wörter den Fäzes gleichgesetzt sind, so daß Triebkonflikte, die ursprünglich 
um diese tobten, nunmehr auf das Sprachgebiet verschoben sind; ferner, daß diese konkret 
gedachten und dem Kote äquivalenten Wörter auch Repräsentanten von introjizierten 
Objekten darstellen. — Ein lojähriger stotternder und anal-asozialer Junge, über den S. 
berichtet, bot außerordentlich illustratives Material zu diesen Thesen. Dieses Material besteht 
einerseits aus Zeichnungen, die er in einer auf künstlerische Ausbildung der Kinder besonders 
eingestellten Schule lieferte, anderseits aus seinen phantastischen Erläuterungen dazu. Wörter 
sind ihm konkrete körperliche Massen mit bestimmter Gestalt; einige Wörter sind wie 
Würste, andere flüssig; um Wörter, die ihm Schwierigkeiten machen, auszusprechen, braucht 
er manuelle Hilfe von Seiten der Lehrerin, die ihm auch bei Überwindung seiner Obstipation 
geholfen hat; die Gestalten der Wörter malt er braun oder schwarz; Namen von unge- 
liebten Personen machen mehr Schwierigkeiten als Namen geliebter; die Gestalt des unge- 
liebten Namens ist mit Dornen ausgestattet gedacht; die des geliebten ist flüssig und fließt 
beim Sprechen glatt heraus. — Eine verständnisvolle Behandlung durch die Lehrerin, die das 
scheue Kind zugänglich und schließlich vertrauensvoll (und schenklustig) machte, besserte 
sowohl das Stottern als auch das asoziale Benehmen des Kindes ganz erheblich. Gleichzeitig 
verbesserte sich seine Maltechnik. Er zeichnete nicht mehr einzelne „Wörter", sondern zu- 
sammenhängende „Geschichten", bestehend aus miteinander verbundenen, nunmehr als Strei- 
fen dargestellten Wortgestalten, keineswegs nur mehr in Braun und Schwarz, sondern bunt. 
Die Streifen kamen immer aus einem baumstumpfartigen Objekt, das offenbar ihn selbst 
als Redner (er begann eine phantastische Erzählung mit den Worten: „Ich bin ein Bleistift"; 
ein Bleistift ist ein länglicher Gegenstand, aus dem Worte herauskommen), aber auch seinen 
Penis darstellte, so daß den herausfließenden Worten Urinbedeutung zukomme. Die 
Besserung hänge damit zusammen, daß die Sublimierung der Schmierlust im Malen andere 
anale Durchbrüche überflüssig machte. O. Fenichel (Prag) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Mitteilungen der Internationalen 
Unterridfitskommission 

Mitteilungen des Präsidiums. 

i. Die für die ersten Augusttage dieses Jahres geplante Tagung der I. U. K. mußte 
mangels an Teilnahme abgesagt werden. 

2. Dr. S. Rado, New York, hat seine Stelle als Sekretär der I. U. K. niedergelegt. 
Dr. Eitingon hat bis zur Regelung der Wahl durch den Kongreß Herrn 
Dr. E. Bi bring, Wien, ersucht, die Führung der Geschäfte eines Schriftführers vor- 
läufig zu übernehmen. 

IL Berichte der Zweigvereinigungen 

The Washington-Baltimore Psychoanalytic Society 

IL Quartal 1935 

13. April. Dr. Ernest E. Hadley: Hostility; its Exploitation in the Beginning of 
Analysis. 

11. Mai. Dr. Gregory Zilboorg (als Gast der Vereinigung): Clinical Inference 
in the Psychology of the Only Child. 

Bernard S. Robbins, 

Sekretär — Kassenwart 

British Psycho* Analytical Society 
I. und II. Quartal 1935 

Geschäftliche Sitzungen: 

16. Jänner. Dr. Woolf Sachs aus Südafrika wird zum Mitglied der Vereinigung 
gewählt. 

10. Juli. Jahresversammlung. Vorsitz: Dr. Jones. Die Berichte des wissenschaft- 
lichen Sekretärs, des geschäftlichen Sekretärs, des Kassenwarts und des Bibliothekars 
werden vorgelegt und von der Versammlung genehmigt. 

Wahl des Vorstandes: Dr. Jones, Präsident; Dr. Glover, wissenschaftlicher 
Sekretär; Dr. Payne, geschäftlicher Sekretär; Dr. Bryan, Kassenwart. 



Korrespondenzblatt 607 



Durch Abstimmung werden folgende drei Vorstandsmitglieder gewählt: Dr. Brier- 
ley, Dr. Eder, Dr. Adrian Stephen. 

Wahl des Unterrichtsausschusses: Dr. Jones, Dr. Glover, Mrs. Klein, 
Dr. Payne, Dr. Rickmann, Miß Sharpe. 

"Wahl des Bibliothekars und des Bibliotheksunterausschusses. Bibliothekarin: Miß 
Low; Ausschuß: Dr. Brierley, Dr. Middlemore, Mr. Strachey. 

Dr. Scott und Mr. Walter Schmideberg werden zu Mitgliedern gewählt; 
Dr. Winn aus Sydney wird zum außerordentlichen Mitglied gewählt. Dr. Staub 
von der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft wird als Mitglied in die British 
Psycho-Analyticäl Society übernommen. 

Es wird beschlossen, die Satzungen der Gesellschaft nach Begutachtung durch den 
Vorstand in Form eines Flugblattes drucken zu lassen. 

S. M. Payne, 

Geschäftlicher Sekretär 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

II. Quartal 1935 

17. April. Referate von Müller-Braunschweig, Kemper, Frau Büder- 
Schenk über den 8. allgemeinen ärztlichen Kongreß für Psychotherapie in Bad Nau- 
heim vom 27. bis 30. März 193 j. 

8. Mai. Dr. Hans Christoffel, Basel (a. G.): „Harntriebäußerungen, insbesondere 
Enuresis; Urophilie und Uropolemie." 

ij. Mai. Dr. Kamm: „Charakteranalyse bei einem Schizoiden." 

12. Juni. Dr. Herold: „Charakter- und Ubertragungswiderstände." 

26. Juni: Dr. Kluge: „Trauer und Bestattungsgebräuche der Semiten." 

Dr. Carl Müller-Braunschweig, 

Schriftführer 

Anhang: Bericht der Stuttgarter Arbeitsgemeinschaft. 

Seit Frühjahr 1933 hat die Arbeitsgemeinschaft wie früher (s. Int. Ztschr. f. Psa. 
1934, S. 282) regelmäßige monatliche Sitzungen abgehalten. Am 30. Juni 193 j fand 
auf die Anregung des Obmannes eine Tagung in Basel statt, zu der die Schweizer 
Gruppe einlud und an der auch Dr. Boehm teilnahm. In den monatlichen Sitzungen 
hielten die Mitglieder abwechselnd Referate über Fälle aus der eigenen Praxis, ins- 
besondere Gundert, Schottländer und Grab er. Von den außerhalb Stuttgarts 
Wohnenden sprachen Steinfeld (Mannheim) zweimal und Muthmann (Freiburg) 
einmal. Auf der Basler Tagung trugen vor: Schottländer über: „Ober-Ich und 
Minderwertigkeitsgefühl", und Zulliger über: „Fünf Reaktionstypen des kindlichen 

Schuldgefühls." 

Dr. Graber, 

■ . als Obmann der Stuttgarter A.-G. 



Inhaltsverzeichnis 

des XXI. Bandes <1935> 

Seite 

Franz Alexander: Über den Einfluß psychischer Faktoren auf gastro- 

intestinale Störungen „.... 189 

— Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage 47! 

Michael Bdlint: Das Endziel der psychoanalytischen Behandlung 36 

— Zur Kritik der Lehre von den prägenitalen Libidoorganisationen . . 52 j 
Edmund Bergler und Ludwig Eideiberg: Der Mechanismus der De- 
personalisation #-<- 2 ?8 

Grefe Bibring-Lehner: Zum Thema des Übertragungswiderstandes .. jj 

Marie Bonaparte: Passivität, Masochismus und Weiblichkeit 23 

Hans Christoffel: Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Uro- 

philie und Uropolemie ,-, 

C. D. Daly: Der Kern des Ödipuskomplexes i6j, 389 

Felix Deutsch: Über Euthanasie 220 

Otto Fenichel: Zur Theorie der psychoanalytischen Technik 78 

— Schautrieb und Identifizierung ,g x 

Edward Glover: Das Problem der Zwangsneurose 235 

Eduard Hitschmann: Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 430 

Ernst Paul Hoffmann: Projektion und Ich-Entwicklung 342 

Ernest Jones: Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung . 331 

Vilma Kovdcs: Lehranalyse und Kontrollanalyse c I7 

R. Loewenstein: Die phallische Passivität beim Manne 30 

Kiyoyasu Marui: Über den Introjektionsvorgang bei Melancholie 584 

Käthe Mise h: Die biologischen Grundlagen der Freudschen Angsttheorie 62 
Nicola Perrotti: Die Rhigophobie gg 

Melitta Schmideberg: Zur Wirkungsweise der psychoanalytischen 
Therapie , 

A. Star che: Die Rolle der analen und oralen Quantitäten im Ver- 
folgungswahn und in analogen Systemgedanken j 

Maxim. Steiner: Die Traumsymbolik der analytischen Situation 419 

Erwin Stengel: Zur Kenntnis der Triebstörungen und der Abwehr- 
reaktionen des Ichs bei Hirnkranken ,.. 

James Strachey: Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der 
Psychoanalyse .gg 

P. M. van Wulfften-Palthe: Koro. Eine merkwürdige Angsthysterie 249 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

VORLÄUFIGE MITTEILUNGEN 

Edmund Bergler : Zur Psychologie der Heuchelei 96 

E. Daniels: Neurosen in Verbindung mit dem Magen-Darmtrakt 97 

Ludwig Eideiberg : Das Problem der Quantität in der Neurosenlehre 286 

Lewis B. Hill : Ein Fall von essentieller Hypertension 98 

Sandor Lorand : Märchen und Neurosen 98 

Karl A. Menninger: Lokalisierte Selbstvernichtung: Selbstverstümmelung 99 

Gregory Zilboorg: Zum Selbstmordproblem 100 

NACHRUF 

Nachtrag zum Nachruf auf Georg Groddeck (Meng) in 



REFERATE 

Aus der Literatur der Grenzgebiete: 

Baumgarten: Die Charaktereigenschaften (Meng) 445 

Bovet : Einführung in die philosophischen Grundprobleme der Medizin . . . (Kielholz) 103 
Cochrane: Elie Metschnikoff and his Theory of an „Instinct de la Mort" (Fenichel) 104 
K. Rado : Angst, Zwangserscheinungen und Angstzustände bei Nervösen (Hitschmann) 104 
Stehr : Arzt, Priesterarzt und Staatsmann (S.) 291 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur: 

Benjamin: Die Krankheit der Zivilisation (Meng) 446 

Creutz : Die Neurologie des 1. bis 7. Jahrhunderts n. Chr (Stengel) 593 

Cronin : An analysis of the neuroses of identical twins (Grotjahn) 447 

Dantschakof f : Les Bases de la Sexualit£ (Federn) 104 

Gutheil : Psychotherapie des praktischen Arztes (R. Sterbet) 593 

Hartmann: Psychiatrische Zwillingsprobleme (Grotjahn) 447 

A. Hermann: Über einige psychische Symptome des Alkoholdeliriums .... (Stengel) 594 

K o g e r e r : Psychotherapie (Hitschmann) 449 

Mayer: Der Wandertrieb (Grotjahn) 450 

Oberholzer: Zur Differentialdiagnose psychischer Folgezustände nach Schädel- 
traumen mittels des Rorschachschen Formdeutversuchs (Weil) 292 

Psychotherapeutische Praxis (R. Sterba) 105 

Psychotherapeutische Praxis (R. Sterba) 295 

Psychotherapeutische Praxis (R . Sterba) 594 

Rosanoff, Handy und Plesset: The etiology of manic-depressive Syndrom with 

special reference to their oecurrence in twins (Grotjahn) 447 

Schüller und Wilder: Der Kopfschmerz (Grotjahn) 451 

Schulte: Psychopathologische Anlage und neurotische Reaktion im Licht der 

Zwillingsforschung (Hitschmann) 595 

Speer: Die Liebesfähigkeit (Grotjahn) 45 1 



Seite 

Aus der psychoanalytischen Literatur: 

Benedek: Some Factors Determining Fixation at the Deutero-Phallic-Phase (Fenichel) 296 
Bergler : Psychoanalysis of the Uncanny (Autoreferat) 106 

— An Enquiry into the „Material Phenomenon" (Fenichel) 596 

Bunker: The Voice as (Female) Phallus (Fenichel) 452 

— Three Brief Notations Relative to the Castration Complex (Fenichel) 596 

D a 1 y : The Menstruation Complex in Literature (Fenichel) 597 

E d d is o n : The Love Object in Mania (Fenichel) 298 

Feigenbaum : Clinical Fragments (Fenichel) 453 

Hermann : Die Psychoanalyse als Methode (Schilder) 453 

Horney: Psychogenic factors in functional female disorders (Winnik) 107 

— The Overvaluation of Love (Fenichel) 269 

Kaufmann: Protection, Heterosexual and Homosexual. (Fenichel) 300 

K u b i e : Body Symbolization and the Development of Language (Fenichel) 455 

Lewin : Claustrophobia (Fenichel) 597 

Malcove : Bodily Mutilation and Learning to Eat (Fenichel) 107 

Menifinger: Polysurgery and Polysurgic Addiction (Fenichel) 108 

Oberndorf: Depersonalization in Relation to Erotization of Thought ... (Fenichel) 109 

Orgel: Reactivation of the Oedipus-Situation (Fenichel) 300 

P a r r y : Tattooing Among Prostitutes and Perverts (Fenichel) 455 

R a d o : Die Kastrationsangst des Weibes (Lampl-de Groot) 598 

Resnikof f : A Note on Washington (Fenichel 110 

Röheim : The Evolution of Culture (Fenichel) 300 

Sheehan-Dare: On Making Contact With the Child Patient (Fenichel) 304 

Spring : Words and Masses ........ ? ,....,. (Fenichel) 6o 5 

Zilboorg : The Problem of Constitution in Psychopathology (Fenichel) 456 

KORRESPONDENZBLATT DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteilungen des Zentralvorstandes 

Bericht über den XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß m, 306 

Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 

Berliner Psychoanalytisches Institut 310 

Chicago Institute for Psychoanalysis , I4 

Dansk-Norsk Psykoanalytisk Forening , I4 

Indian Psycho-Analytical Institute , I4 

Institute of Psycho-Analysis, London , . , x c 

Nederlandsch Instituut voor Psychoanalyse, Haag 3I7 

New York Psychoanalytic Institute , I7 

Palestine Institute for Psycho-Analysis, Jerusalem 318 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 310 

Lehrinstitut der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, Budapest 319 

The Washington-Baltimore Psychoanalytic Society 1 321 

Mitteilungen des Präsidiums ; 6o6 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 
Berichte der Zweigvereinigungen 

The American Psychoanalytic Association i49> 4 6 ° 

The Boston Psychoanalytic Society 149» 4 6 3 

Chicago Psychoanalytic Society 1 5°> 4^4 

The New York Psychoanalytic Society i5°> 4 6 J 

Washington-Baltimore Psychoanalytic Society i ji, 466, 606 

British Psycho- Analytical Society 1 5 J > 3 22 > 6o6 

Dansk-Norsk Psykoanalytisk Forening * 5"> 3 22 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft ■ I5 2 > 3 2 3> 6o 7 

Finnisch-Schwedische Psychoanalytische Vereinigung 1J9, 324, 466 

Indian Psycho-Analytical Society 1 53> 4^7 

Chewra Psychoanalytith b'Erez Israel • 1 57» 4^8 

Magyarorszagi Pszichoanalitikai Egyesület 1 J7> 3 2 J 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 158, 325 

Vereeniging van Psychoanalytici in Nederland 158, 326 

Societe Psychanalytique de Paris 1 $9> 3 2 ^> 468 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 160, 469 

1 Tokyo Psycho-Analytical Society • •-' 160 
Wiener Psychoanalytische Vereinigung 162, 327 
Psychoanalytickä skupina v C. S. R 3 2 " 

Statuten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 146 

Vierländertagung (Österreich, Ungarn, Italien, Tschechoslowakei) 457 

Redaktionelle Mitteilungen "•■-'■:■' 329. 47° 

Das Mitgliederverzeichnis der Internationalen. Psychoanalytischen Vereinigung erschien als 
Beilage zu Heft 1 dieses Jahrganges 



,: '■ 







ZEITSCHRIFT FÜR 






PSYCHOANALYTISCHE 






PÄDAGOGIK 






Herausgegeben von 






AUGUST AICHHORN, PAUL FEDERN, ANNA FREUD, 






HEINRICH MENG, ERNST SCHNEIDER, HANS ZULLIGER 






Redigiert von WILHELM HOFFER 






Jährlich 6 Hefte im Umfang von je ca. 72 Seiten 






Gesamtumfang etwa 450 Seiten 

Einzelheft RM 2.— Jahresabonnement RM 10.— 

Einbanddecken zu jedem Jahrgang in Halbleder RM 3.30 






EINIGE SONDERHEFTE: 






Über Hochstapler und Verwahrloste 

Jenny Wälder: Analyse eines 
Falles von Pavor nocturaus 


Marie Bonaparte: Die infantile 
Sexualität und die Neurosen der 
Erwachsenen 






Das Kleinkind 


Strafen 






Die Angst des Kindes 


Menstruation 






Heilpädagogik 

Montessori-Pädagogik 

Editha Sterba: Ein abnormes 
Kind 


Richard Sterba: Einführung in 
die psychoanalytische Libidolehre 

Intellektuelle Hemmungen 

Selbstmord 


J 




Erziehungsberatung 


Aus der Kindheit eines Proletarier- 
mädchens 

Nacktheit 






Herta Fuchs: Psychoanalytische 
Heilpädagogik im Kindergarten 






Spielen und Spiele 


Stottern 






Alice Bälint: Die Psychoanalyse 
des Kinderzimmers 


Onanie 

Sexuelle Aufklärung 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 







SOEBEN 


ERSCHIEN DER 


ALMANACH DER 


PSYCHOANALYSE 


1 


956 


Mit 4 Bildbeilagen. In Leinen gbd. RM 4. — , in Halbld. RM 8. — 


INHALT: 




. . . Nachschrift 1955. Nachtrag zur Selbst- 




darstellung 




. . . Die Feinheit einer Fehlhandlung 




. . . Thomas Mann zum 60. Geburtstag 




. . . Aus einer Einführung in die Psycho- 




analyse 


Theodor Reik (Haag) 


. . . Über wechselseitige Erhellung und 




wiederholte Spiegelung 




. . . Die ängstliche Mutter 


Harold D. Lasswell (Chicago) . . 


. . . Das Prinzip des dreifachen Appells 




. . . Die Stärke und Tragfähigkeit des Ichs 




. . . Psychoanalyse und Weltanschauung 


Gregory Zilboorg (New York) . . 


. . . Zum Selbstmordproblem 


Karl A. Menninger (Topeka, Kansas) Provozierte Unfälle als Ausdruck von 




Selbstvernichtungstendenzen 




. . . Psychoanalytische Elemente in der grie- 




chischen Tragödie 


Richard Sterba (Wien) 


. . . Über zwei Verse von Schiller 


Karin Michaelis (Kopenhagen) . . 


. . . Edgar Poe — im Lichte der Psychoanalyse 


Franz Alexander (Chicago) 


. . . Diesseits und jenseitsderGefängnismauern 




. . . Die Wiederholung bei Kierkegaard 




. . . Das Rätsel der Bewußtheit des Ödipus- 




komplexes 




Zwang und Strafe als Problem der seeli- 




schen Hygiene 




. . . Aus der Analyse eines Falles von nächt- 




lichem Aufschrecken 




Milieuwechsel als heilerzieherisches Mit- 




tel 
. . . Ältere Theorien des Unbewußten 


INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, WIEN I